{"id":21720,"date":"2002-05-15T15:42:56","date_gmt":"2002-05-15T13:42:56","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21720"},"modified":"2025-04-15T16:28:12","modified_gmt":"2025-04-15T14:28:12","slug":"2-korinther-13-11-13-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-korinther-13-11-13-4\/","title":{"rendered":"2. Korinther 13, 11-13"},"content":{"rendered":"<table style=\"font-weight: 400;\" width=\"550\">\n<tbody>\n<tr>\n<td><strong><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><strong>Trinitatis, 26. Mai 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber 2. Korinther 13, 11-13, verfa\u00dft von Dietz Lange<\/strong><strong>(-&gt; zu den aktuellen Predigten \/ www.online-predigten.de)<\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren besuchte ich einen alten, mir gut bekannten Pfarrer. Er erz\u00e4hlte mir tief bek\u00fcmmert, dass sein Enkelsohn, an dem er sehr h\u00e4ngt, zum Islam konvertiert sei. Der sehr intelligente junge Mann hatte im Studium moslemische Freunde gewonnen. Die haben ihn davon \u00fcberzeugt, dass das Christentum nicht die wahre Religion sein k\u00f6nne. Denn die Christen glaubten ja nicht an den einen wahren Gott, sondern an drei G\u00f6tter, so sagten sie: an Gott den Vater, Gott den Sohn und Gott den Heiligen Geist. Wenn Sie Muslime kennen, haben Sie so etwas vielleicht auch schon zu h\u00f6ren bekommen. Es ist gar nicht so leicht, darauf eine plausible Antwort zu geben. Wenn n\u00e4mlich die klassische christliche Lehre von drei g\u00f6ttlichen Personen spricht, die eine Einheit bilden sollen, dann hat man erst einmal den Eindruck, dass die Muslime mit ihrer Kritik Recht haben. Und wenn manche heutige Theologen mit Hilfe der Dreieinigkeitslehre die Vielzahl der christlichen Konfessionen oder gar der Religionen erkl\u00e4ren wollen, dann verst\u00e4rkt sich dieser Eindruck noch.<\/p>\n<p>Haben Sie jetzt keine Sorge, dass ich Ihnen statt einer Predigt eine Vorlesung \u00fcber die Dreieinigkeits- oder Trinit\u00e4tslehre halten will. Das w\u00e4re eine hochkomplizierte Angelegenheit. Die k\u00f6nnte zwar durchaus interessant sein, w\u00fcrde aber so viel Zeit brauchen, dass Sie heute kein Mittagessen mehr bek\u00e4men. Es gen\u00fcgt zu sagen, dass die Begriffe, deren sich die Kirchenv\u00e4ter bei der Ausbildung dieser Lehre bedient haben, urspr\u00fcnglich eine andere Bedeutung hatten; f\u00fcr uns heute sind sie missverst\u00e4ndlich. \u00dcberhaupt ist uns die ganze Denkweise der alten griechischen Philosophie, in der sie zu Hause waren, fremd geworden. Es gibt aber einen \u00fcberraschend einfachen Weg, trotzdem zu einer Antwort auf die Frage zu kommen, was Dreieinigkeit Gottes bedeutet. Man braucht n\u00e4mlich nur auf die Wurzel dieser Lehre zur\u00fcckzugehen. Die finden wir in der Bibel &#8211; unter anderem in den S\u00e4tzen des Paulus, die ich eben vorgelesen habe. Da geht es \u00fcberhaupt nicht um ein Dogma, noch dazu ein kaum verst\u00e4ndliches, sondern um ganz einfache Aussagen unseres Glaubens.<\/p>\n<p>Damit sind wir eben nicht im H\u00f6rsaal, sondern wieder im Gottesdienst der Kirche angekommen. Paulus schreibt seiner Gemeinde in Korinth am Schluss seines Briefes einen Satz, den ich heute, einem alten Brauch folgend, schon vor Beginn der Predigt gesprochen habe: \u201eDie Gnade unseres Herrn Jesu Christi und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen\u201c. Vielleicht klingt dieser Satz f\u00fcr manche von Ihnen wie pure lebensfremde Kirchensprache, zumindest aber durch den h\u00e4ufigen gottesdienstlichen Gebrauch abgenutzt und zur blo\u00dfen Formel erstarrt. In Wirklichkeit aber enth\u00e4lt er in geballter Form praktisch alles, was f\u00fcr unser Leben vor Gott wichtig ist. Was ist da gemeint?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst: Von Gott ist nur einmal die Rede. Auf die Idee, die Christen glaubten an drei G\u00f6tter, kann man da gar nicht kommen. Noch auff\u00e4lliger ist, dass jener feierliche Satz gar nicht mit Gott beginnt, sondern mit Jesus. Also nicht \u201eVater, Sohn und Heiliger Geist\u201c, wie wir das gewohnt sind, sondern Jesus Christus, Gott und Heiliger Geist. Nicht, dass Paulus mit den Begriffen herumspielen w\u00fcrde oder dass ihm die Reihenfolge egal w\u00e4re. Dazu ist das, wovon er spricht, viel zu ernst. Er f\u00e4ngt mit Jesus an, weil er Gottes Bote war. Durch ihn redet Gott mit uns. Durch ihn l\u00e4sst er uns wissen, was er von unser Lebensf\u00fchrung erwartet. Durch ihn teilt er uns aber zugleich seine bedingungslose Gnade, d. h. seine Vergebung mit. Mehr noch: Gott gibt uns das alles nicht nur zur Kenntnis, sondern er r\u00fchrt uns durch Jesus im Innersten an. Er macht uns seiner Vergebung gewiss. Das ist das Erste, was uns der Segenswunsch am Schluss des 2. Korintherbriefs zuspricht: \u201eDie Gnade unseres Herrn Jesu Christi sei mit euch allen\u201c.<\/p>\n<p>Paulus gibt sich also nicht mit allen m\u00f6glichen Gedankenspielen ab, wie der ferne, unsichtbare Gott wohl aussehen k\u00f6nnte oder was f\u00fcr einen Charakter er wohl haben k\u00f6nnte. Er spricht von Gott so, wie er uns durch Jesus begegnet. Dadurch, dass Jesus uns Vergebung unserer Schuld zuspricht, erschlie\u00dft sich uns Gottes Herz: Gott ist nichts anderes als Liebe. Damit \u00f6ffnet sich ein weiter Horizont. Jetzt ahnen wir, dass Gott uns \u00fcberhaupt und immer liebt. Zwar nehmen wir auch ohne Jesus wahr, dass er uns mit Nahrung und allem, was wir zum Leben brauchen, versorgt, dass er uns Menschen schenkt, die uns verstehen, dass er uns vor Krankheit und Unf\u00e4llen bewahrt. Aber auch die Entbehrung kommt von Gott, auch die Einsamkeit, die Krankheit und schlie\u00dflich der Tod. Unser Leben in der Welt ist von tiefer Zweideutigkeit durchzogen. Solange wir gesund und der Zuneigung von uns nahe stehenden Menschen gewiss sind, finden wir viel Anlass, Gott zu danken. Aber wohl jeder von uns kennt auch Momente in seinem Leben, in denen Gott uns in tiefem Dunkel l\u00e4sst. Dann finden wir nur noch Grund, ihn anzuklagen. Erst durch Jesus ahnen wir, dass auch hinter den Rissen und Br\u00fcchen unseres Lebens Gottes Liebe steht, die uns gegen allen Anschein nicht verl\u00e4sst. Darum lautet der zweite Teil des Segenswunsches: \u201eDie Liebe Gottes sei mit euch allen\u201c.<\/p>\n<p>Gottes Liebe bleibt nun nicht blo\u00df in unerreichbarer H\u00f6he \u00fcber uns schweben, sondern sie wird in uns wirksam. Das meint der Ausdruck Heiliger Geist: Gottes Wirksamkeit in uns. Liebe aber ist immer etwas, das verbindet &#8211; zuerst mit Gott und dann mit anderen Menschen. Darum spricht Paulus von der Gemeinschaft, die durch den Heiligen Geist, den Geist Gottes, gestiftet wird. Gemeinschaft hei\u00dft Frieden zwischen uns, den Christen, die an ihn glauben, und dar\u00fcber hinaus mit allen Menschen. Darum hei\u00dft es drittens: \u201eDie Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch allen\u201c.<\/p>\n<p>Wir bekommen also mit Gott auf dreierlei Weise zu tun. Zuerst mit seiner Vergebung durch Jesus Christus. Daraufhin erkennen wir seine Liebe in den guten und schweren Zeiten unseres Lebens. Schlie\u00dflich nehmen wir Gottes Liebe als eine in uns und durch uns wirksame Kraft wahr. Das ist die Dreieinigkeit Gottes. Damit ist klar: Es handelt sich bei der so r\u00e4tselhaft scheinenden Trinit\u00e4tslehre urspr\u00fcnglich nicht um eine hoch abstrakte theologische Theorie, sondern um eine lebendige Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Dann wird auch begreiflich, wieso Paulus seinen feierlichen Briefschluss mit ganz handfesten Aufforderungen verbinden kann, die das konkrete Leben der Korinther &#8211; und auch unser Leben &#8211; betreffen. Zuerst hei\u00dft es: Freut euch. Das leuchtet unmittelbar ein: Wie sollte man sich \u00fcber Gottes G\u00fcte, die uns h\u00e4lt und tr\u00e4gt, nicht freuen? Dann folgt: Bringt eure Angelegenheiten in der Gemeinde in Ordnung. Dort herrschte n\u00e4mlich heftiger Streit, bittere Rivalit\u00e4t zwischen verschiedenen Gruppen von Frommen. So etwas ist bekanntlich in der Kirche noch viel schlimmer als anderswo, weil dabei immer so schnell Fanatismus und Hass im Spiel ist. Das ist beileibe nicht blo\u00df ein korinthisches Problem des 1. Jahrhunderts. Wir kennen das nur allzu gut aus unserer eigenen Gegenwart. Misstrauen und Spannungen zwischen Erweckungsfr\u00f6mmigkeit und n\u00fcchterneren Gestalten des Glaubens, zwischen evangelischen und katholischen Formen des Christseins, zwischen streng orthodoxen und ganz liberalen Theologen sind uns im 21. Jahrhundert v\u00f6llig vertraut. Und wie die Rivalit\u00e4ten, so ist auch der Tratsch in einer christlichen Gemeinde viel giftiger als \u00fcberall sonst, weil die Wurzeln davon mit dem Bewusstsein verknotet sind, vor Gott im Recht zu sein. Das sind die Angelegenheiten, die dringend in Ordnung gebracht werden m\u00fcssen. Dazu hilft die Vergebung, die von Gott kommt. Sie kann dieses Gewirr auseinander rei\u00dfen. Sie setzt uns instand, anderen zu vergeben.<\/p>\n<p>Weiter sollen wir einander ermutigen. Denn wir wissen, dass uns die Liebe Gottes gilt. Sie steht immer im Hintergrund, auch dann, wenn uns aller Mut zu entschwinden droht. Schlie\u00dflich sollen wir eines Sinnes sein und Frieden untereinander halten: Die Gemeinschaft des Heiligen Geistes soll unser gemeinsames Leben bestimmen, in der Kirche und dar\u00fcber hinaus. Auf diese Weise wirkt sich der dreifache Segenswunsch ganz unmittelbar auf unser praktisches Leben aus.<\/p>\n<p>Wir waren vom Unterschied des Islam zum Christentum ausgegangen. Er besteht nicht darin, dass dort von einem Gott, im Christentum dagegen auf wie versteckte Weise auch immer von drei G\u00f6ttern die Rede w\u00e4re; so viel ist jetzt klar geworden. Wohl aber besteht das Besondere unseres Glaubens in der bedingungslosen g\u00f6ttlichen Gnade, die uns durch Jesus Christus zuteil geworden ist, in der Liebe Gottes, die f\u00fcr uns leidet und uns darum auch in der Finsternis gegenw\u00e4rtig ist, und in der Gemeinschaft des Heiligen Geistes, die den Hass gegen Andersgl\u00e4ubige ausschlie\u00dft und Frieden schafft. Freilich haben wir Christen dies alles im Lauf unserer Geschichte und auch unseres pers\u00f6nlichen Lebens immer wieder verraten. Darum lasst uns beten: \u201eDie Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei und bleibe mit uns allen\u201c. Amen.<\/p>\n<p><strong>Prof. Dr. Dietz Lange<br \/>\nPlatz der G\u00f6ttinger Sieben 2<br \/>\n37073 G\u00f6ttingen<br \/>\nTel. 0551 \/ 75455 <\/strong><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td><a href=\"#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p style=\"font-weight: 400;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch Trinitatis, 26. Mai 2002 Predigt \u00fcber 2. Korinther 13, 11-13, verfa\u00dft von Dietz Lange(-&gt; zu den aktuellen Predigten \/ www.online-predigten.de) Liebe Gemeinde! Vor einigen Jahren besuchte ich einen alten, mir gut bekannten Pfarrer. 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