{"id":21726,"date":"1999-08-15T15:45:36","date_gmt":"1999-08-15T13:45:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21726"},"modified":"2025-03-15T15:48:56","modified_gmt":"2025-03-15T14:48:56","slug":"markus-331-35","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/markus-331-35\/","title":{"rendered":"Markus 3,31-35"},"content":{"rendered":"<h3>13. Sonntag nach Trinitatis | 29. August 1999 | Markus 3,31-35, III. Reihe | Heinz Fischer |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p><strong>[ I. Der Text ]<\/strong><\/p>\n<p>die Lebensform Jesu ist eine ungeheure Provokation f\u00fcr jede nur denkbare Familienbindung!<\/p>\n<p>Ich stelle mir das einfach mal vor: Einer unserer S\u00f6hne zieht in seinen zwanziger Lebensjahren mit 12 anderen jungen M\u00e4nnern mittellos durch`s Land und sagt: Einer von ihnen sei der Sohn Gottes ! Der Gedanke ist zumindest gew\u00f6hnungsbed\u00fcrftig, aber keineswegs hergeholt. Denken wir an die jungen Leute bei uns, die irgendeiner Weltanschauung und ihrem F\u00fchrer verfallen sind! Ich will das nicht direkt vergleichen, aber ich denke an die Familie Jesu. Die wu\u00dfte ja damals am Anfang noch nicht, wie das weitergeht. Die Familie dachte ganz menschlich.<\/p>\n<p>Das dritte Kapitel geh\u00f6rt bei Markus in die Phase, in der sich Jesu Berufung zeigt. Eine Katastrophe f\u00fcr jede Familie! Einige Verse vorher steht (21.22) in demselben Kapitel:<\/p>\n<p>Er ging in ein Haus. Und da kam abermals das Volk zusammen, so da\u00df sie nicht einmal essen konnten. Und als es die Seinen h\u00f6rten, machten sie sich auf und wollten ihn festhalten; denn sie sprachen: Er ist von Sinnen!<\/p>\n<p>Dann wird hier im heutigen Predigttext deutlich, da\u00df die Sache noch keineswegs ausgestanden ist (31):<\/p>\n<p>Es kamen seine Mutter und seine Br\u00fcder und standen drau\u00dfen und schickten<\/p>\n<p>zu ihm und lie\u00dfen ihn rufen!<\/p>\n<p>Damit ist der Konflikt deutlich: Der von Gott Berufene, der Messias, Heiland, Sohn und Erl\u00f6ser wird von seiner Familie gerufen !<\/p>\n<p>Seine Familie erlebt nun, da\u00df sie an dieses Familienmitglied einfach nicht mehr herankommt.<\/p>\n<p>(32) Das Volk sa\u00df um ihn. Und sie sprachen zu ihm: Siehe, dein Mutter und deine<\/p>\n<p>Br\u00fcder und deine Schwestern drau\u00dfen fragen nach dir.<\/p>\n<p>So erfahren wir ganz verhalten etwas \u00fcber die Familie Jesu, der Vater wird hier nicht genannt!<\/p>\n<p>(33) Und er antwortete ihnen und sprach: Wer ist meine Mutter und [ wer<\/p>\n<p>sind ] meine Br\u00fcder?<\/p>\n<p>(34) Und er sah ringsum auf die, die um ihn im Kreise sa\u00dfen, und sprach:<\/p>\n<p>Siehe das ist meine Mutter und das sind meine Br\u00fcder!<\/p>\n<p>(35) Denn WER DEN WILLEN GOTTES TUT, DER IST MEIN BRUDER<\/p>\n<p>UND MEINE SCHWESTER UND MEINE MUTTER.<\/p>\n<p><strong>[ II. Kanzelmeditation ]<\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr j\u00fcdisches Denken gab es schlechthin keine st\u00e4rkeren Bindungen auf Erden als den Familienverband. Der konservative, bisherige Ministerpr\u00e4sident in Israel, Netanjahu, praktizierte das zum Entsetzen der Gastgeber und des Protokolls auch in unserer Zeit und reiste zu Konferenzen und Verhandlungen in die USA und nach Europa mit seiner ganzen umfangreichen Familie.<\/p>\n<p>Jesus stellt diese Familienbindungen nicht etwa in Frage, sondern in einen gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang. Wer seine Einbindung in diese Welt nicht nur biologisch erlebt, sondern auch geistig, der bekommt in der christlichen Gemeinde auch eine neue Verwandtschaft. Alle, die zu Gott &#8222;Vater&#8220; sagen, sind als Gemeinde eine gro\u00dfe Familie und untereinander Geschwister.<\/p>\n<p>Wir k\u00f6nnen das gar nicht deutlich genug sagen: Durch die Taufe werden wir neu geboren aus Wasser und Geist und Kinder des einen Vaters, der alles in allem ist. So werden wir untereinander Geschwister und d\u00fcrfen auch Schwester Gerdes (Vors. des KV) und Bruder Hoymann (K\u00fcster, den alle kenne) sagen.<\/p>\n<p>Wenn wir von Kirchenmitgliedern langsam zu \u00fcberzeugten Christen mutieren, dann bleibt diese Spannung auch heute sp\u00fcrbar. Unsere Familie findet das ja vielleicht gar nicht so toll, wenn wir uns ganz bewu\u00dft und engagiert zur christlichen Gemeinde halten und in unserer Zeit Gott verehren, gemeinsam mit anderen &#8222;Schwestern und Br\u00fcdern&#8220; in der gro\u00dfen Zahl der Kinder Gottes!<\/p>\n<p>Um diese Spannung geht es hier. Jesus kannte das also aus eigenem Erleben. So konnte er an anderer Stelle sagen (Mt. 10,36): &#8222;Des Menschen Feinde werden seine eigenen Hausgenossen sein. Wer Vater oder Mutter, Sohn oder Tochter mehr liebt als mich, der ist mein nicht wert!&#8220; &#8211; Harte, klare Worte! Glauben gibt es nicht zum Null &#8211; Tarif und die Nachfolge Jesu schon gar nicht !<\/p>\n<p>Wenn ich so \u00fcberlege, wer hier in unserer Gemeinde (Name der Gemeinde) den Willen Gottes tut, dann frage ich mich nat\u00fcrlich, wer hier wessen Verwandter im Sinne Jesu ist. Zugleich frage ich mich etwas beklommen: Bin ich selbst \u00fcberhaupt in der Lage solch ein Verwandter Jesu zu sein? Tue ich denn den Willen Gottes und trage ich zu diesen neuen verwandtschaftlichen Beziehungen in der Gemeinde bei?<\/p>\n<p>Wer ist eigentlich f\u00e4hig, diese neuen Familienbindungen Jesu in einer heutigen Kirchengemeinde zu leben? Sieht unser Gemeindeleben so aus, wie Jesus das gemeint hat? Da k\u00f6nnte sich bei uns noch viel Geschwisterliches entfalten!<\/p>\n<p>Ich beobachte hier bei uns, da\u00df mein Verein, mein Club, meine Verbindungen, meine Partei, mein angestammter Freundeskreis und vieles mehr den gr\u00f6\u00dferen Zusammenhang stiften, in dem ich \u00fcber meine Familie hinaus &#8222;zu Hause&#8220; bin!<\/p>\n<p>Was vermag die Gemeinschaft in Wasser und Wort, in Brot und Wein f\u00fcr mich an Gemeinschaft zu stiften?<\/p>\n<p><strong>[ III. Ohne Entscheidung geht es nicht! ]<\/strong><\/p>\n<p>Von diesem Predigttext her verstehe ich neu, da\u00df Jesus nicht gekommen ist, Frieden zu bringen, sondern das Schwert! Das steht tats\u00e4chlich in der Bibel (Mt. 10, 34). Die eingangs genannte Spannung bleibt auch f\u00fcr uns bestehen. Als Jesus seine J\u00fcnger berufen hat, da war das ein Ruf heraus aus der damaligen Gesellschaft. In jedem, der Jesus nachfolgen will, bleibt der Stachel stecken, da\u00df wir aus unserer b\u00fcrgerlichen, satten Gesellschaft herausgerufen werden. In diesen Zusammenhang geh\u00f6ren die Worte Jesu:<\/p>\n<p>&#8222;Wer sein Leben findet, der wird`s verlieren und wer sein Leben verliert um<\/p>\n<p>meinetwillen, der wird`s finden&#8220; (Mt. 10,39).<\/p>\n<p>Oder: &#8222;Wer mich bekennt vor den Menschen, den will auch ich bekennen vor<\/p>\n<p>meinem himmlischen Vater. Wer mich aber leugnet vor den Menschen, den will<\/p>\n<p>ich auch verleugnen vor meinem himmlischen Vater.&#8220; (Mt. 10, 32.33)<\/p>\n<p>Wer sich mit Jesus wirklich einl\u00e4\u00dft, der wird neu, der kann einfach nicht so bleiben wie er bisher war. Das wird ein Mensch sein, der in neuen Zusammenh\u00e4ngen lebt, der neue Verwandtschaft entdeckt, der konzentriert und offen zugleich leben lernt.<\/p>\n<p>Der &#8222;neue Mensch&#8220; in mir ist zugleich immer eine Provokation f\u00fcr den &#8222;alten Menschen&#8220; in mir! Mit dem Glauben w\u00e4chst diese Spannung.<\/p>\n<p>Beim christlichen Glauben geht es nicht ohne Entscheidungen. Entscheidungen sind oft eine \u00e4rgerliche Sache, weil wir gern im Kompromi\u00dffeld von &#8222;Jain&#8220; und &#8222;Ja, aber&#8220; leben.<\/p>\n<p>Dieser ganze Predigttext geht uns wider die Natur und dann sagt Jesus auch noch:<\/p>\n<p>Selig ist, wer sich nicht an mir \u00e4rgert!&#8220; (Mt. 11,6)<\/p>\n<p>Das hei\u00dft in freier \u00dcbertragung und klaren Worten: Selig ist, wer die Grundentscheidungen seines Lebens ebenso f\u00e4llt, wie Jesus es getan hat, und sich an Gott allein bindet und an nichts mehr als an Gott, den Vater, der alles in allem ist.<\/p>\n<p>Ich kannte eine Frau hier in unserer Stadt, die sprach in ihrem Familien- und Freundeskreis frei \u00fcber ihren eigenen Tod. Sie sprach \u00fcber Abschied und Leben in Gottes Hand. &#8222;Geborgen in ihm&#8220; war f\u00fcr sie keine fromme oder leere Phrase!<\/p>\n<p>Sie strahlte sehr viel Vertrauen aus, gerade auch als sie so krank war.<\/p>\n<p>Sie war eine &#8222;wahre Verwandte&#8220; in dem Sinn, den Jesus gemeint hatte. Sie war eine entschiedene Frau, die sich nicht an ihm \u00e4rgerte und zu ihrer Lebensentscheidung stand. Bei ihrer Beerdigung konnte ich voller \u00dcberzeugung ein Gedicht von Kurt Marti lesen, der auch solche Menschen gekannt und diese Verse geschrieben hat:<\/p>\n<p>wenn ich gestorben bin hat sie gew\u00fcnscht<\/p>\n<p>feiert nicht mich und auch nicht den tod<\/p>\n<p>feiert DEN der ein gott von lebendigen ist,<\/p>\n<p>wenn ich gestorben bin hat sie gew\u00fcnscht<\/p>\n<p>zieht euch nicht dunkel an das w\u00e4re nicht christlich<\/p>\n<p>kleidet euch hell singt heitere lobges\u00e4nge<\/p>\n<p>wenn ich gestorben bin hat sie gew\u00fcnscht<\/p>\n<p>preiset das leben das hart ist und sch\u00f6n<\/p>\n<p>preiset DEN der ein gott von lebendigen ist<\/p>\n<p>Wer nur zu Weihnachten und bei Familienfesten in die Kirche geht, bekommt von diesem Jesus kaum etwas mit.<\/p>\n<p>So bleibt dieses Wort Jesu von der Wahlverwandtschaft den meisten Zeitgenossen verborgen.<\/p>\n<p>WER DEN WILLEN GOTTES TUT, DER IST MEIN BRUDER<\/p>\n<p>UND MEINE SCHWESTER UND MEINE MUTTER.<\/p>\n<p>Halten wir Ausschau nach unseren wahren Verwandten. Die &#8222;Familie Gottes&#8220; ist ein uraltes Bild f\u00fcr die lebendige Gemeinde. Keiner hindert uns in unseren gro\u00dfen Kirchengemeinden, kleine Gruppen und Kreise zu bilden, die das Leben in der Gemeinde zu ihrer Sache machen. Auf solch einem Weg werden wir viele nette Menschen entdecken und Freude haben. Wer Glauben lebt, wird fr\u00f6hlich sein !<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><em>Propst Heinz Fischer, Gro\u00dfer Kirchhof 6, 38350 Helmstedt<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>13. Sonntag nach Trinitatis | 29. August 1999 | Markus 3,31-35, III. Reihe | Heinz Fischer | Liebe Gemeinde, [ I. Der Text ] die Lebensform Jesu ist eine ungeheure Provokation f\u00fcr jede nur denkbare Familienbindung! 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