{"id":21740,"date":"1999-08-15T15:51:26","date_gmt":"1999-08-15T13:51:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21740"},"modified":"2025-03-15T15:53:41","modified_gmt":"2025-03-15T14:53:41","slug":"jesaja-2917-24-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-2917-24-5\/","title":{"rendered":"Jesaja 29,17-24"},"content":{"rendered":"<h3>12. Sonntag nach Trinitatis | 22. August 1999 | Jesaja 29,17-24 | Harald Welge |<\/h3>\n<p>Die Ewigkeit fasziniert uns, weil sie vor uns liegt.<\/p>\n<p>Der Augenblick des Geschehens ist tragisch, weil mit seiner Erf\u00fcllung die Vergangenheit, die Verg\u00e4nglichkeit uns erfa\u00dft hat.<\/p>\n<p>Also: Gott sei Dank f\u00fcr jene Worte, die er vor \u00fcber 2000 Jahren Jesaja in den Mund gelegt hat von einer neuen Welt, in der die Tyrannen ausgerottet, die Sp\u00f6tter verschwunden, die Fallensteller entfallen, die Irrenden zur Einsicht gekommen sind &#8211; und gar karge Berg- und W\u00fcstenlandschaften zum paradiesischen Fruchtgarten verwandelt haben. Soll niemand behaupten, es g\u00e4be keine Visionen mehr &#8211; die biblischen Schriften sind reich davon &#8211; und die Zeit sieht danach aus, da\u00df sie noch lange als Visionen Bestand haben werden;<\/p>\n<p>gut gelagert im Traum der Ewigkeit.<\/p>\n<p>Was also soll die Ank\u00fcndigung des Propheten &#8222;eine kurze Zeit&#8220; nur noch &#8211; und die gro\u00dfe Wandlung br\u00e4che hervor und realisiere die Prophezeiung? Will der Seher der Zukunft uns der Vision, der Zukunft berauben und &#8211; um des kurzen Augenblicks der Erf\u00fcllung &#8211; uns der Verg\u00e4nglichkeit \u00fcberlassen, die eine Welt darstellt, die doch nicht von Dauer sein kann.<\/p>\n<p>Ein Gl\u00fcck, da\u00df wir TheologenInnen haben, die mich zurechtr\u00fccken in meinem Zeit- und Textverst\u00e4ndnis dieser ver\u00e4nderten Jesajawelt und es einzuordnen wissen in den geschichtlichen Kontext jener Jahre, in denen Israel, durch die Macht Assur unterdr\u00fcckt, nach Befreiung sich sehnte und aus dem Exil, der Okkupation, herausgef\u00fchrt werden sollte.<\/p>\n<p>Doch f\u00fchren die historischen Erkl\u00e4rungen solch biblischer Zukunftsworte nicht zum Bankrott unseres Gottesdienstes, wenn er doch mehr sein will als Geschichtskunde.<\/p>\n<p>Und ich frage Jesaja, was soll das hei\u00dfen &#8222;nicht mehr soll Jakob sich nun sch\u00e4men und sein Gesicht nicht mehr erbleichen&#8220; angesichts der gekommenen Zeiten von Auschwitz, mittelalterlichen Judenverfolgungen, Antisemitismus gestern wie heute, Massenvernichtungen und Unfriede im Heiligen Lande. Ach, Jesaja, dein enges Korsett der Zeit, deine klaren Bilder der Zukunft wirken l\u00e4cherlich gegen\u00fcber den Erfahrungen der Menschen, deren futuristische Erwartungen gipfeln in ausgefeilten technokratischen Diktaturen &#8211; alles \u00fcberschauend; was f\u00fcr Visionen!<\/p>\n<p>Nichts gegen Zukunftsvisionen: Fernsehen und Kino wissen, da\u00df sie magnetisch die Menschen an sich ziehen. Zukunftsbilder, ob optimistisch oder pessimistisch, werden akzeptiert aber eben nur in ihrer Zuk\u00fcnftigkeit; unglaubw\u00fcrdig erscheinen sie erst in ihrem Anspruch auf Gegenw\u00e4rtigkeit. Darin Jesaja, machst du dich unglaubw\u00fcrdig mit deinen S\u00e4tzen der &#8222;kurzen Zeit&#8220;, die nun schon \u00fcber zwei Jahrtausende anh\u00e4lt &#8211; und uns in Atem h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Denn deine Worte, Jesaja, atmen den Hauch der Ewigkeit, die \u00fcber unsere Zeiten hinwegzieht, sich immer wieder neu vor uns setzt &#8211; uns vorwegzieht wie einst die Feuers\u201eule beim Auszug Israels aus \u00c4gypten. Deine Worte zeigen uns an, da\u00df wir noch lange nicht am Ziel sind, weder am Ziel unserer Tr\u00e4ume noch unseres Lebens. Wir brauchen eine Zukunft, die nicht durch uns erf\u00fcllbar ist, eine Vollkommenheit, die menschlicher Zerbrochenheit gegen\u00fcbersteht. Das mu\u00df nicht Illusion hei\u00dfen, so es einen Standpunkt, einen Standort auf der Welt unseres Lebens hat. Ist Jakob Israel nicht solch ein Standpunkt dieser Hoffnungszukunftswelt: zwar nicht im politisch territorialen Sinne heutiger Auseinandersetzung mit Pal\u00e4stina, sondern allein in der Existenz eines Glaubens von Menschen &#8211; \u00fcberlebt die Vernichtungen der Zeiten.<\/p>\n<p>Und ist nicht ein Standpunkt, ein Standort auf der Welt unseres Lebens der Messias, den wir Christus Jesus nennen, als die Zukunft der Geschichte, die mit ihm f\u00fcr alle Welt damals in Galil\u00e4a, in Jerusalem begonnen hat: eine Zukunft, die vision\u00e4r den Einbruch einer anderen Geschichte auf diese verkrustete Erde bekundet.<\/p>\n<p>Die beiden anderen Lesungen des heutigen Gottesdienstes, die Heilung des Taubstummen (MK 7) &#8211; Taube werden h\u00f6ren und Stumme werden reden -, der Wandel des Saulus zum Paulus: das Ende der Verfolger -, sehend werden und zur wahren Erkenntnis kommend &#8211; sind das nicht Aufnahmen der Vision Jesajas in unsere Wirklichkeit des Lebens &#8211; ohne dabei schon vollendet zu sein?<\/p>\n<p>Die Endg\u00fcltigkeit bleibt der kommenden Zeit vorbehalten; um so wichtiger, von der Zeit abzusehen und hinzusehen auf die Worte, auf den Inhalt, auf die Bilder, auf das Geschehen, das Jesaja und das der von Nazareth uns offeriert: ein anderes Bild der Welt; eine andere Anschauung, eine andere Perspektive: Gegens\u00e4tze!<\/p>\n<p>Sehend werden: zur Erkenntnis kommen, da\u00df die vorfindliche, soziologisch beschriebene und tiefenpsychologisch analysierte und \u00f6konomisch strukturierte<\/p>\n<p>Welt nur je ein Blickwinkel ist &#8211; ohne mein Leben insgesamt damit begriffen und verstanden und erfahren zu haben.<\/p>\n<p>Jesajas Worte sind Sprech\u00fcbungen f\u00fcr eine Lebenswelt, die nicht aufgeht in der Verrechenbarkeit unserer &#8222;humankapitalisierten&#8220; Sprachpotenz. Jesajas Worte wollen die Gefangenschaft der Gegenwart und ihrer Verg\u00e4nglichkeit aufheben und eine Zukunft \u00f6ffnen, die anspricht die Elenden und \u00c4rmsten, anspricht mich in meinem elenden und \u00e4rmsten Dasein: die Trauer im Menschen, die Leere, die Stumpfheit in der Sehnsuchtslosigkeit, da alles scheinbar befriedigt werden kann. Ansprechen, d. h. anspruchsvoll sein gegen das Einerlei, das nun auch den Sonntag zum Verkauf anbieten m\u00f6chte, auf da\u00df der Ruhetag zum Tag wie jede andere werde. Ansprechen hei\u00dft dann widersprechen.<\/p>\n<p>Doch es wird keine Anordnung der Zukunft geben. Mit der Vision Jesajas betritt die Freiheit der Menschen die B\u00fchne des Lebens.<\/p>\n<p>Jubeln d\u00fcrfen, nicht sollen; heiligen k\u00f6nnen, nicht m\u00fcssen &#8211; &#8222;trotz alledem&#8220;: so lauten die Sprech\u00fcbungen, die gegenw\u00e4rtig in die Ewigkeit sich strecken.<\/p>\n<p>Die Worte des Propheten sind nicht aufgebraucht; sie heilen eine Menschenwelt, die im Unheil sich verfangen hat; denn sie brechen Erstarrtes und Liebloses auf und ermutigen, den Standort zu verlassen, der im Wahn der eigenen Machbarkeit sich aufgegeben hat. Nicht der Moment, der sogleich verfliegt; nicht die schnelle Erf\u00fcllung des begehrten Wunsches heilt den Menschen und befriedigt ihn in seiner unvollkommenen Existenz.<\/p>\n<p>Gegen die Atemnot der Welt sprechen die Bilder des langen Atem jenes Gottes, der da ist, der da war und der da kommt. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Harald Welge<\/p>\n<p>Kirchstra\u00dfe 12<\/p>\n<p>38120 Braunschweig<\/p>\n<p>Tel.: 0531-842208<\/p>\n<p>Fax: 0531-842205<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>12. Sonntag nach Trinitatis | 22. August 1999 | Jesaja 29,17-24 | Harald Welge | Die Ewigkeit fasziniert uns, weil sie vor uns liegt. Der Augenblick des Geschehens ist tragisch, weil mit seiner Erf\u00fcllung die Vergangenheit, die Verg\u00e4nglichkeit uns erfa\u00dft hat. 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