{"id":21753,"date":"2002-06-15T22:17:03","date_gmt":"2002-06-15T20:17:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21753"},"modified":"2025-04-15T16:20:01","modified_gmt":"2025-04-15T14:20:01","slug":"hesekiel-181-4-21-24-30-32-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hesekiel-181-4-21-24-30-32-9\/","title":{"rendered":"Hesekiel 18,1-4.21-24.30-32"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\">\n<p><b><span style=\"color: #000099;\">3. Sonntag nach Trinitatis, 16. Juni 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber Hesekiel 18,1-4.21-24.30-32, verfa\u00dft von Franz-Heinrich Beyer <\/span><\/b><\/p>\n<p><b><span style=\"color: #000099;\"><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/aktuell-index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(-&gt; zu den aktuellen Predigten \/ www.online-predigten.de)<\/a><\/span><\/b><\/p>\n<\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>die geh\u00f6rten Verse k\u00f6nnen wir so wahrnehmen, als wenn wir einem Gespr\u00e4ch zuh\u00f6ren, einem Gespr\u00e4ch zwischen zwei Gespr\u00e4chspartnern, einem Gespr\u00e4ch zwischen zwei unterschiedlichen Positionen.<\/p>\n<p>Auf der einen Seite ist eine bestimmte Sicht der gegebenen Situation herauszuh\u00f6ren. Deutlich ist das Bem\u00fchen, das Gegebene zu erkl\u00e4ren, sei es auch noch so bedr\u00fcckend. Dazu werden Zusammenh\u00e4nge aufgezeigt und deutlich gemacht. Alles, was ist hat eine Vorgeschichte, ergibt sich aus dem Geschehenen &#8211; so wird es hier gesehen.<\/p>\n<p>Die Argumentation l\u00e4sst sich als der Versuch verstehen, von stummer Verzweiflung oder von aussichtslosem Rebellieren zu einer Annahme des Gegebenen zu f\u00fchren. Es ist wie ein Appell an menschliche Einsicht. Der Eindruck, etwas in seinem Zustandekommen sich erkl\u00e4ren zu k\u00f6nnen, dieser Eindruck kann nicht nur emotionale Sicherheit erm\u00f6glichen, sondern auch ein gewisses Machtbewusstsein. Ich bin nicht nur Blatt im Wind, sondern Herr der Situation in dem Sinn, dass ich zu wissen meine, was geschieht &#8211; und warum es geschieht. Darin liegt die M\u00f6glichkeit f\u00fcr ein kontrolliertes Verhalten.<\/p>\n<p>W\u00e4re damit nicht schon ein m\u00f6gliches Ziel f\u00fcr eine Predigt beschrieben?<br \/>\nIch meine schon, dass es so sein k\u00f6nnte. Und ich denke, es gibt in unserer Zeit nicht wenige Menschen, die das anstreben, ja sich danach sehnen &#8211; Zusammenh\u00e4nge erkennen zu k\u00f6nnen, sich f\u00fcr das eigene Erleben und Erfahren weniger verletzlich zu machen.<\/p>\n<p>Die Worte unseres Predigttextes sind ca. zweieinhalbtausend Jahre alt. Sie waren gerichtet an die Israeliten, die als Gefangene aus Jerusalem und Umgebung ins Exil getrieben worden waren. Eine bedr\u00fcckende Situation. Die Dauer des Exils ist nicht abzusehen, eine Perspektive ist nicht im Blick. So bleibt nur die Suche nach Erkl\u00e4rungen. &#8222;Stumpf sind unsere Z\u00e4hne&#8220;; &#8222;Die V\u00e4ter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Z\u00e4hne davon stumpf geworden&#8220;. \u00dcberlieferte Volksweisheit ist es, die die Deutung der bedr\u00e4ngenden Situation erm\u00f6glicht. Die Gegenwart kann nur akzeptiert werden durch eine Erkl\u00e4rung von der Vergangenheit her. Abkehr von der Gerechtigkeit, \u00dcbertretungen, Unrechttun, das Recht Gottes nicht anerkennen &#8211; alles das und andere Verfehlungen im Volk Israel werden in der Vergangenheit lokalisiert. Es ist das Versagen der vorangegangenen Generationen. Und das alles wird jetzt als Ursache gesehen daf\u00fcr, dass sich die nachfolgende Generation nun hier im Exil vorfindet. Es musste ja so kommen; jeder, jede einzelne wei\u00df sich eingebunden in die Gesamtheit der Gro\u00dffamilie, ja des gesamten Volkes. Nach aller menschlichen Einsicht gab es demnach gar keine andere M\u00f6glichkeit f\u00fcr den Lauf der Geschichte.<\/p>\n<p>Aber damit ist noch nicht alles gesagt. Es gibt da noch die andere Position, die in dem Prophetentext zu erkennen ist. Und dass hier ein Prophet zu Wort kommt ist schon Botschaft f\u00fcr sich, vermag den Ring empfundener Verlassenheit und Vergessenheit aufzusprengen. Und zu h\u00f6ren ist eine Botschaft, die all die m\u00fchsam erworbene Abgekl\u00e4rtheit und kontrollierte Haltung nicht mehr allein gelten l\u00e4sst, sondern sie ganz und gar in Frage stellt. Das Sich-Ketten an die Vergangenheit l\u00e4sst in der Selbstabgeschlossenheit verharren, ist gleichsam ein Tot-sein, also ein Nicht-Verh\u00e4ltnis zu Gott. Demgegen\u00fcber steht die Frage: &#8222;Warum wollt ihr sterben, ihr vom Haus Israel?&#8220;. So werden die Israeliten angesprochen. Etwas wird zu Geh\u00f6r gebracht, das sich Menschen -damals sowenig wie wir heute- nicht selber sagen k\u00f6nnen: Nicht die Vergangenheit hat das letzte Wort, auch nicht die Zukunft, &#8211; sondern vor Gott geht es um die Gegenwart des Menschen.<\/p>\n<p>Den H\u00f6rern dieser Botschaft wird zugemutet, auf sich selbst zu schauen: Ihr seid nicht anders als die Generation vor euch; Gott stand der Generation der Eltern nicht ferner als Euch -aber: Ihr k\u00f6nnt jetzt die Chance wahrnehmen: &#8222;Werft von euch alle eure \u00dcbertretungen, die ihr begangen habt, und macht euch ein neues Herz und einen neuen Geist&#8220;.<\/p>\n<p>Es ist eine faszinierende Botschaft, die hier h\u00f6rbar ist. Eine Botschaft an die Angeh\u00f6rigen des Volkes Israel im Exil. Und wir heute, wir sind Mit-H\u00f6rende. Mit-H\u00f6rende, die aber von der ver\u00e4ndernden Kraft dieser Botschaft beeindruckt und fasziniert sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Gerade in diesen Tagen und Wochen wird die \u00f6ffentliche Diskussion in unserm Land durch Bezugnahmen auf vergangenes Geschehen bestimmt. Da sind die Probleme im Verh\u00e4ltnis zwischen Deutschland und Tschechien etwa. Die Fragen danach, ob und wie Menschen auf der je anderen Seite schuldhaft handelten. Ist hier eine andere Sicht m\u00f6glich als die des altisraelischen Sprichwortes &#8222;Die V\u00e4ter haben saure Trauben gegessen, aber den Kindern sind die Z\u00e4hne davon stumpf geworden&#8220;? Da ist die Wahrnehmung der Vergangenheit in Deutschland, bestimmt durch den Namen &#8222;Auschwitz&#8220; und dessen Aufnahme in die politische und die literarische Argumentationen. Wir, auch wir Nachgeborenen, k\u00f6nnen uns der Wirkung dieser Vergangenheit auf unser Leben nicht entziehen. Aber einen alttestamentlichen Text, wie den heute geh\u00f6rten Abschnitt aus dem Buch des Propheten Hesekiel h\u00f6re ich als Ermutigung, mich der Vergangenheit stellen zu k\u00f6nnen, ohne ihr v\u00f6llig verhaftet bleiben zu m\u00fcssen.<\/p>\n<p>Eine Anzahl von aktuellen Geschehnissen wird vor dem Hintergrund dieses Bibeltextes in einem anderen Licht sichtbar. Wie etwa ergeht es der Familie, deren einer Sohn zahlreiche unschuldige Menschen und dann sich selbst get\u00f6tet hat und deren Name in allen Medien verbreitet wurde? Die brennende Kerze auch f\u00fcr den toten T\u00e4ter bei der Trauerfeier in Erfurt vor einigen Wochen war ein wichtiges Zeichen, das wohl nur auf der Basis dieser biblischen Sicht m\u00f6glich war.<\/p>\n<p>Auch darin wird etwas von dem neuen Herzen und dem neuen Geist beschreibbar, die Menschen sich machen sollen und machen k\u00f6nnen. Dazu aber bedarf es, dass wir solche Worte h\u00f6ren k\u00f6nnen, mith\u00f6ren k\u00f6nnen, wie die heute geh\u00f6rten und davon unser Leben bestimmen lassen.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><b>Prof. Dr. Franz-Heinrich Beyer<br \/>\n<a href=\"mailto:Franz-Heinrich.Beyer@ruhr-uni-bochum.de\">Franz-Heinrich.Beyer@ruhr-uni-bochum.de<\/a><\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-4\/020616-4.html#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=020616-4.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch 3. Sonntag nach Trinitatis, 16. Juni 2002 Predigt \u00fcber Hesekiel 18,1-4.21-24.30-32, verfa\u00dft von Franz-Heinrich Beyer (-&gt; zu den aktuellen Predigten \/ www.online-predigten.de) &nbsp; &nbsp; Liebe Gemeinde, die geh\u00f6rten Verse k\u00f6nnen wir so wahrnehmen, als wenn wir einem Gespr\u00e4ch zuh\u00f6ren, einem Gespr\u00e4ch zwischen zwei Gespr\u00e4chspartnern, [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[25,417,2,727,157,853,114,1241,905,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21753","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-ezechiel","category-3-so-n-trinitatis","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-franz-heinrich-beyer","category-kapitel-18-chapter-18-ezechiel","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21753","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21753"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21753\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21754,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21753\/revisions\/21754"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21753"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21753"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21753"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21753"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21753"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21753"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21753"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}