{"id":21757,"date":"2002-06-15T22:20:11","date_gmt":"2002-06-15T20:20:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21757"},"modified":"2025-04-21T10:42:14","modified_gmt":"2025-04-21T08:42:14","slug":"roemer-12-17-21-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-12-17-21-4\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 12, 17-21"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">4<\/span><span style=\"color: #000099;\">. Sonntag nach Trinitatis | 23. Juni 2002 | R\u00f6mer 12, 17-21 | Jobst von Stuckrad-Barre |<\/span><\/h3>\n<p>Vergeltet niemand B\u00f6ses mit B\u00f6sem.<br \/>\nSeid auf Gutes bedacht gegen\u00fcber jedermann.<br \/>\nIst&#8217;s m\u00f6glich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.<br \/>\nR\u00e4cht euch nicht selbst, meine Lieben,<br \/>\nsondern gebt Raum dem Zorn Gottes;<br \/>\ndenn es steht geschrieben (5. M. 32,52):<br \/>\n&#8222;Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.&#8220;<br \/>\nVielmehr, &#8222;wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen;<br \/>\nD\u00fcrstet ihn, so gib ihm zu trinken.<br \/>\nWenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.&#8220; (Spr. 25,21f)<br \/>\nLa\u00df dich nicht vom B\u00f6sen \u00fcberwinden,<br \/>\nsondern \u00fcberwinde das B\u00f6se mit Gutem.Als h\u00e4tten wir die Wahl&#8230;<br \/>\nZu w\u00e4hlen zwischen B\u00f6sem und Gutem, zwischen Krieg und Frieden, zwischen unserer und der Vergeltung Gottes. Diese Rolle kommt uns nicht zu &#8211; darin sind sich Gegner und Bef\u00fcrworter einig:<\/p>\n<ul>\n<li>Der Krieg in Afghanistan und anderswo gegen die \u201aKoalition des B\u00f6sen&#8216;, wie sie genannt wird; die Benennung bringt schon die Aufteilung in Schwarz und Wei\u00df, B\u00f6se und Gute zum Ausdruck, die uns zuletzt nicht m\u00f6glich ist. Sp\u00e4testens, wenn unter den Sympathisanten in den orientalischen V\u00f6lkern die USA als Reich des Satans bezeichnet werden, kommt zum Vorschein, da\u00df diese Schwarz-Wei\u00df-Muster auch politisch nicht weiterbringen.<\/li>\n<li>Die Verteilungsk\u00e4mpfe in Betrieben, in Schulen und Gruppen, oder noch sch\u00e4rfer, die K\u00e4mpfe um die Ressourcen dieser Erde zeigen \u00e4hnlich an, da\u00df wir so einfach die Wahl gar nicht haben; wer Zerst\u00f6rung nicht will, und das erkl\u00e4ren sie alle, mu\u00df mit dem andern zusammen nach m\u00f6glichen Konfliktl\u00f6sungen suchen. Und dennoch stecken wir schon und immer wieder mitten in den Auseinandersetzungen um die menschlichen und materiellen Voraussetzungen unseres Lebens.<\/li>\n<li>Die Ehekriege; wenn alle Br\u00fccken, alle gemeinsame Geschichte nicht mehr tragen, gibt es nichts mehr zu w\u00e4hlen, dann wird bewu\u00dft, da\u00df die Weichenstellungen schon fr\u00fcher stattgefunden haben und jetzt nur noch bittere Konsequenzen zu ziehen sind.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Wenn wir uns nicht \u00fcberall in Feindschaften hienziehen lassen wollen, m\u00fcssen die &#8222;Fronten&#8220; so lange gek\u00e4rt werden, bis wir aus der \u00fcblichen Verteilung heraus- und ins Leben hineinfinden.<\/p>\n<p>Wir haben die Wahl nicht. Aus pragmatischen, den Situationen innewohnenden Gr\u00fcnden schon nicht. Erst recht nicht, wenn wir den Wortlaut R\u00f6mer 12, 17-21 ernstnehmen; wenn wir uns als Christen verstehen und so lesend und lebend auslegen, was Jesus gesagt und aus der Hebr\u00e4ischen Bibel aufgenommen und bis zum Ziel in Kreuz und Auferstehung weitergelebt hat. Da\u00df Paulus dies seinerseits aufnimmt und auslegt, ist so bekannt und vorausgesetzt, da\u00df ein solcher Hinweis fast zum Wegh\u00f6ren f\u00fchrt. Doch nur fast. Denn wie sich hier in diesen f\u00fcnf Versen Spuren finden aus den drei Synoptikern und zugleich aus dem Alten Testament, das kann ein Anlass sein, dies einmal vor Augen zu f\u00fchren: Paulus bei der Arbeit zuzuschauen sozusagen, bei der Auslegung der ihm \u00fcberkommenen Jesus-Worte und der alttestamentlichen Tradition.<\/p>\n<table border=\"0\" width=\"100%\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\">\n<tbody>\n<tr>\n<td colspan=\"2\" valign=\"top\">\n<div align=\"center\"><i>Darum f\u00fcr eine m\u00f6gliche Vervielf\u00e4ltigung hier eine \u00dcbersicht:<br \/>\nR\u00f6m 12, 17-21 u. synoptische Tradition <\/i><\/div>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"49%\">(17) Vergeltet niemand B\u00f6ses mit B\u00f6sem. Seid auf Gutes bedacht gegen\u00fcber jedermann.<br \/>\n(18) Ist&#8217;s m\u00f6glich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden.<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"51%\">Zitiert m\u00f6glicherweise das Gebot der Feindesliebe, Lk. 6, 27ff: &#8222;Segnet, die euch verfolgen, segnet und flucht nicht.&#8220;<br \/>\nIn Mk 9,50 hei\u00dft es zum Ende der Abw\u00e4gungen Gut-B\u00f6se: Habt Frieden untereinander!<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"49%\">(19) R\u00e4cht euch nicht selbst, meine Lieben, sondern gebt Raum dem Zorn Gottes; denn es steht geschrieben (5. M. 32,52): &#8222;Die Rache ist mein; ich will vergelten, spricht der Herr.&#8220;<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"51%\">In den Versen 19-21 wird \u00fcber das w\u00f6rtlich Zitierte hinaus Bezug genommen auf das Heiligkeitsgesetz, 3. M. 19, 18: &#8222;Du sollst dich nicht r\u00e4chen noch Zorn bewahren gegen die Kinder deines Volks. Du sollst deinen N\u00e4chsten lieben wir dich selbst; ich bin der Herr.&#8220;<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td valign=\"top\" width=\"49%\">(20) Vielmehr, &#8222;wenn deinen Feind hungert, gib ihm zu essen; D\u00fcrstet ihn, so gib ihm zu trinken. Wenn du das tust, so wirst du feurige Kohlen auf sein Haupt sammeln.&#8220; (Spr. 25,21f)<br \/>\n(21)La\u00df dich nicht vom B\u00f6sen \u00fcberwinden, sondern \u00fcberwinde das B\u00f6se mit Gutem.<\/td>\n<td valign=\"top\" width=\"51%\">\u00dcber das w\u00f6rtliche Zitat aus den Spr\u00fcchen des AT hinaus noch der Verweis auf Matth. 5, 39 (&#8222;Ich aber sage euch, da\u00df ihr nicht widerstreben sollt dem \u00dcbel, sondern, wenn dich jemand auf deine rechte Backe schl\u00e4gt, dem biete auch die andere dar.&#8220;) und 44: &#8222;Liebt eure Feinde und bittet f\u00fcr die, die euch verfolgen.&#8220;<\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>Ganz in der Auslegung des AT und der Jesus-Tradition, die er kennt, ist Paulus anzutreffen, wenn er diese Ratschl\u00e4ge nach Rom schickt. Wenn wir ihm dabei zuschauen und zuh\u00f6ren, ist nicht zu \u00fcberh\u00f6ren, da\u00df ihn diese beiden Traditionsstr\u00e4nge weiterdr\u00e4ngen, sozusagen \u00fcber den Rand der eigenen bisherigen Anschauungen hinaus:<\/p>\n<p>Da\u00df wir uns nicht r\u00e4chen sollen, liegt zun\u00e4chst ganz in der Line von 5. M. 32 und dem Heiligkeitsgesetz und den Gesetzeskorpora, die innerhalb und au\u00dferhalb der Bibel darauf fu\u00dfen. Die Abl\u00f6sung der Privatrache hat Folgen gezeitigt, soda\u00df sie uns heute ganz selbstverst\u00e4ndlich erscheint &#8211; es sei denn, ein Ereignis risse unsere ganze Fassade privater oder \u00f6ffentlicher Gerechtigkeit ein, siehe die oben erw\u00e4hnten Ehekriege oder die Lage nach dem 11.Sept. oder die Entwicklung in Pal\u00e4stina\/Israel, die aber eben an andere Rechtstraditionen r\u00fchrt.<\/p>\n<p>F\u00fcr uns ist der Weg Jesu die Vollendung dieser Linie vom Alten Testament her. Darum ist nun allerdings zu fragen, ob im Sinne dieser Vollendung nicht zu sagen ist, da\u00df das Nein Gottes, sein \u201aZorn&#8216;, f\u00fcr uns anders Gestalt annimt, als unsere menschlichen Zornesreaktionen es nahelegen m\u00f6gen. Gott ist Raum zu geben, seinem Nein, das unser Nein \u00fcberwindet und so aus der Absage an das B\u00f6se das Ja hervorbringt.<\/p>\n<p>Wir haben gar keine Wahl &#8211; Gott hat sich f\u00fcr die Seinen entschieden; was k\u00f6nnen wir anderes tun als das Gute? Aber wir tun doch st\u00e4ndig und immer wieder das Falsche, leben weiter, als w\u00e4re nichts geschehen. Bringt das nicht alles Reden vom Ja Gottes zum Einsturz? Bleiben also nur Mahnungen, nichts als Imperative, von denen dieser Abschnitt nur so strotzt. W\u00e4re es so, unser Leben w\u00e4re nicht der &#8222;vern\u00fcnftige Gottesdienst&#8220;, als der es im Anfang dess 12. Kapitels grundlegend beschrieben wird<\/p>\n<p>Der Ansatz dazu ist f\u00fcr Paulus auch schon im AT sichtbar geworden &#8211; nachlesbar in diesem merkw\u00fcrdigen Verhalten dem Feind gegen\u00fcber, wie es Spr\u00fcche 25,21f nahelegen. Mag hinter den \u201afeurigen Kohlen auf sein(em) Haupt&#8216; ein \u00e4gyptischer Ritus stecken (vgl. Komm. zSt.), dieser Satz ist so sprichw\u00f6rtlich geworden, da\u00df er wohl noch verstanden wird, im Sinne des englischen &#8222;shame on you&#8220;. Wichtiger ist, da\u00df wir tats\u00e4chlich vor inneren und \u00e4u\u00dferen Schranken nicht halt machen, also wirklich dem Feind geben, was er braucht. Das wird schwerer, mir zumindest, als die rasche Rede ahnen l\u00e4\u00dft und deckt zuletzt noch einmal auf, warum wir von Paulus so eindringlich gemahnt werden, Gutes zu tun &#8211; und nicht B\u00f6ses. Gehen wir also noch einmal auf die Konkretionen zu, die uns anfangs gleich besch\u00e4ftigt haben.<\/p>\n<p><i>Afghanistan<\/i>. Soldaten zur Einhaltung des Waffenstillstand ja, &#8211; und schon dieses Ja schlie\u00dft den m\u00f6glichen Tod von eigenen wie von feindlichen Menschen ein (!) &#8211; , aber auch zur Festsetzung bzw. Vernichtung der \u00dcbelt\u00e4ter. Doch da f\u00e4ngt die Diskussion an, erneut: Lokale Kriege als Ersatz f\u00fcr Auseinandersetzung zwischen Systemen, das ist zwar ein vertrautes Schema, in Zeiten, die immermehr zum \u201aWeltb\u00fcrgerkrieg&#8216; tendieren, aber nicht unbedingt eine weiterf\u00fchrende L\u00f6sung.<\/p>\n<p><i>Ehekriege<\/i>: Wenn nur noch Wunden geschlagen werden, ist es besser, die Kombattanten l\u00f6sen sich, gewinnen neue Regeln des Zusammen- oder Auseinanderlebens.<\/p>\n<p>Weiter m\u00f6chte ich hier das Durchbuchstabieren nicht treiben &#8211; um uns als H\u00f6rer nicht \u00fcber Geb\u00fchr zu strapazieren. Es geht bei alldem zun\u00e4chst um Spielregeln des Lebens zwischen Christen, und ihr gemeinsamer Ma\u00dfstab ist das Evangelium von dem, der barmherzig ist. Da\u00df hier auch Auseinandersetzungen zwischen Christen und Nichtchristen gleicherma\u00dfen angesehen werden, jedenfalls kein anderer Ma\u00dfstab da ist, sei wenigstens angemerkt.<\/p>\n<p>&#8222;La\u00df dich nicht vom B\u00f6sen \u00fcberwinden, sondern \u00fcberwinde das B\u00f6se mit Gutem.&#8220; Nat\u00fcrlich, ein Rahmen entsteht &#8211; von v. 17 zu v. 21. Und doch, dies ist eine Zusammenfassung, die weiterreicht: Alles in allem ist der Glaube Grundlage f\u00fcr ein Leben, das nicht der Absicht des B\u00f6sen unterliegt, das vielmehr dies B\u00f6se aus den Angeln hebt, ins Leere laufen l\u00e4\u00dft, \u00fcberwindet also. Die oft so deprimierende Herrschaft des B\u00f6sen kommt zu einem Ende. Bildhaft wird das in den Zeilen von Bertolt Brecht aus der &#8222;Legende von der Entstehung der Buches Taoteking auf dem Weg des Laotse in die Emigration&#8220;:<\/p>\n<p>&#8222;Da\u00df das weiche Wasser in Bewegung<br \/>\nMit der Zeit den m\u00e4chtigen Stein besiegt,<br \/>\nDu verstehst, das Harte unterliegt.&#8220;<br \/>\n(Zit. nach der Auswahl v. S. Unseld, B.B., Ausgew\u00e4hlte Gedichte, 1960, S. 43)<\/p>\n<p>Hoffnung erh\u00e4lt Nahrung, Leben wird seiner Grundlage ansichtig. Darum: Wir m\u00fcssen nicht w\u00e4hlen zwischen Gut und B\u00f6se; das, was wir im Einzelnen zu tun haben, wird sichtbar als Teil dessen, worauf wir hoffen und wovon wir leben.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Jobst v. Stuckrad-Barre, Pastor<br \/>\n<a href=\"mailto:Jobst.vonStuckrad-Barre@evlka.de\">E-Mail: Jobst.vonStuckrad-Barre@evlka.de<\/a><\/b><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=020623-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Sonntag nach Trinitatis | 23. Juni 2002 | R\u00f6mer 12, 17-21 | Jobst von Stuckrad-Barre | Vergeltet niemand B\u00f6ses mit B\u00f6sem. Seid auf Gutes bedacht gegen\u00fcber jedermann. Ist&#8217;s m\u00f6glich, soviel an euch liegt, so habt mit allen Menschen Frieden. 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