{"id":21794,"date":"2002-08-15T22:40:52","date_gmt":"2002-08-15T20:40:52","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21794"},"modified":"2025-04-21T10:53:09","modified_gmt":"2025-04-21T08:53:09","slug":"2-koenige-25-8-12-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-koenige-25-8-12-4\/","title":{"rendered":"2. K\u00f6nige 25, 8-12"},"content":{"rendered":"<table border=\"0\" width=\"550\" cellspacing=\"0\" cellpadding=\"5\" align=\"center\">\n<tbody>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><a name=\"top\"><\/a><b><a href=\"http:\/\/www.predigten.uni-goettingen.de\/\">G\u00f6ttinger Predigten im Internet<br \/>\nhg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch <\/a><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<div align=\"center\"><b><span style=\"color: #000099;\">10<\/span><span style=\"color: #000099;\">. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag), 4. August 2002<br \/>\nPredigt \u00fcber 2. K\u00f6nige 25, 8-12, verfa\u00dft von Jochen Cornelius-Bundschuh<\/span><span style=\"color: #000099;\"><br \/>\n<a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/aktuell-index.html\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">(-&gt; zu den aktuellen Predigten \/ www.online-predigten.de)<\/a><\/span><\/b><\/div>\n<hr \/>\n<\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>Am siebenten Tage des f\u00fcnften Monats, das ist das neunzehnte Jahr Nebukadnezars, des K\u00f6nigs von Babel, kam Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, als Feldhauptmann des K\u00f6nigs von Babel nach Jerusalem und verbrannte das Haus des HERRN und das Haus des K\u00f6nigs und alle H\u00e4user in Jerusalem; alle gro\u00dfen H\u00e4user verbrannte er mit Feuer.<br \/>\nUnd die ganze Heeresmacht der Chald\u00e4er, die dem Obersten der Leibwache unterstand, riss die Mauern Jerusalems nieder.<br \/>\nDas Volk aber, das \u00fcbrig war in der Stadt, und die zum K\u00f6nig von Babel abgefallen waren und was \u00fcbrig war von den Werkleuten, f\u00fchrte Nebusaradan, der Oberste der Leibwache, weg; aber von den Geringen im Lande lie\u00df er Weing\u00e4rtner und Ackerleute zur\u00fcck.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>I<\/b><\/p>\n<p>&#8222;Wir weinen, wir weinen, wir weinen, &#8230;.&#8220; Ein gro\u00dfes Plakat am Caf\u00e8 Moment in Jerusalem wenige Tage nach einem Selbstmordanschlag.<\/p>\n<p>Die Bilder der Zerst\u00f6rung aus Israel und Pal\u00e4stina begleiten uns zur Zeit t\u00e4glich. Millionenfach reproduziert erschrecken sie, machen hilflos, w\u00fctend, bet\u00e4uben. K\u00f6rper werden blutend aus einem explodierten Bus getragen. D\u00f6rfer werden bombardiert, H\u00e4user planiert, Menschen vertrieben, Angeh\u00f6rige von politischen Gegnern ausgewiesen.<\/p>\n<p>Was sollen wir tun? &#8222;Wir weinen, wir weinen, wir weinen, &#8230;.&#8220;<\/p>\n<p align=\"center\"><b>II<\/b><\/p>\n<p>&#8222;Jesus sieht die Stadt und weint.&#8220; (Lukas 19)<\/p>\n<p>Ein Bild der Zerst\u00f6rung malt auch der Predigttext.<br \/>\nDas Haus des Herrn &#8211; niedergebrannt.<br \/>\nDas Haus des K\u00f6nigs &#8211; niedergebrannt.<br \/>\nAlle gro\u00dfen H\u00e4user &#8211; niedergebrannt.<br \/>\nDie Mauern Jerusalems &#8211; niedergerissen.<\/p>\n<p>Juda ist am Ende. Der Krieg gegen Babylon ist verloren. Die Hauptstadt liegt in Schutt und Asche. Jerusalem hat keine wirtschaftliche und politische Zukunft mehr.<\/p>\n<p>Um dem Volk den letzten Rest an Hoffnung zu nehmen, werden die Gebildeten und Verantwortlichen, die M\u00e4chtigen und Klugen, die selbstbewussten Handwerker und die Studierten vertrieben. Weggef\u00fchrt aus Jerusalem ins Exil nach Babylon &#8211; damit sich ja kein Widerstand mehr regen kann. Es klingt wie ein fr\u00fcher Morgenthau &#8211; Plan, der Deutschland nach dem II. Weltkrieg in einen Agrarstaat verwandeln wollte: Nur die Weinbauern und Ackerleute d\u00fcrfen bleiben. Aus der bl\u00fchenden Stadt Jerusalem wird ein Ackerb\u00fcrgerdorf.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>III<\/b><\/p>\n<p>&#8222;Wir weinen, wir weinen, wir weinen, &#8230;.&#8220; Was sollen wir tun angesichts solcher Bilder? Was k\u00f6nnen wir anderes tun als weinen?<\/p>\n<p>Der Bibeltext \u00fcber die Zerst\u00f6rung Jerusalems ist nach der neuen Ordnung der evangelischen Kirche nicht mehr Predigttext am sogenannten Israelsonntag, am 10. Sonntag nach Trinitatis. Zulange haben Christinnen und Christen diesen Text geh\u00f6rt &#8211; und nicht geweint \u00fcber das Leid, das Menschen damals in Pal\u00e4stina widerfahren ist. Sie haben sich best\u00e4tigt gesehen in ihrem Bild vom Judentum. &#8222;Muss es so nicht denen gehen, die von Gott abfallen?&#8220; &#8222;Muss es so nicht denen gehen, die Gottes Sohn nicht annehmen?&#8220; Zu lange ist \u00fcber diesen Text so gepredigt worden, dass christliche Gemeinden nicht geweint haben, sondern sich best\u00e4tigt gef\u00fchlt haben in ihrem \u00dcberlegenheitsgef\u00fchl: &#8222;Wie gut, dass wir nicht so sind, wie diese da!&#8220; &#8222;Wir sind das neue Volk Gottes, wir haben das Judentum beerbt!&#8220; Zu lange ist dieser Text gelesen worden von Stimmen, die j\u00fcdische Menschen absch\u00e4tzig betrachtet und behandelt haben. Zu oft ist er gepredigt worden von Pfarrern, die der Verfolgung der J\u00fcdinnen und Juden nicht widerstanden haben, sondern sie geistig und geistlich bef\u00f6rdert haben.<\/p>\n<p>Nach der neuen Ordnung der Predigttexte predigen wir in der evangelischen Kirche nicht mehr \u00fcber diesen Text. Das ist ein Signal! Es bedeutet, dass wir Abschied nehmen wollen vom Wahn, wir sind religi\u00f6s \u00fcberlegen. Es bedeutet, dass wir nach der langen, blutigen und schrecklichen Geschichte des christlichen Antisemitismus gerade in Deutschland umkehren wollen. Nach Judenverfolgung und Holocaust haben wir heute zuerst und vor allem von der Treue Gottes zu seinem Volk zu sprechen, von seinem Bund mit diesem Volk, in den wir hineingenommen sind, von Gottes bleibenden Verhei\u00dfungen f\u00fcr Israel. Davon sprechen die neu ausgew\u00e4hlten Perikopentexte.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>IV<\/b><\/p>\n<p>Gibt es noch einen anderen Weg, mit diesem Text umzugehen, statt ihn auszusortieren? L\u00e4sst er sich &#8211; mit einer neuen Brille &#8211; doch als Wort Gottes an uns lesen? Weist er vielleicht sogar einen Weg in der Flut der Bilder von Leid und Zerst\u00f6rung, die zur Zeit aus Israel und Pal\u00e4stina kommen?<\/p>\n<p>&#8222;Jesus sieht die Stadt und weint.&#8220; Was \u00e4ndert sich, wenn ich die Worte aus dem zweiten K\u00f6nigsbuch mit den Augen von Jesus lese?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst einmal: Jesus sieht die Stadt! Er schaut nicht weg. Er sieht, dass die H\u00e4user niedergebrannt und die Menschen verschleppt werden. Er ist nicht so von seiner Idee fasziniert, so auf seinen Weg fixiert, dass er nichts mehr um sich herum wahrnimmt. Er nimmt er sich Zeit, inne zu halten und zu schauen: Wie leben die Menschen hier? Wo leben sie in Frieden miteinander, wo feiern sie miteinander und &#8211; wo verlaufen die Trennungslinien? Was zerrei\u00dft die Menschen? Was bringt sie dazu, ihre Hoffnung auf ihre eigene Macht zu setzen: Ihre Geschichte? Ihre Wut? Wo liegen die religi\u00f6sen Verf\u00fchrungen und die D\u00e4monisierungen des anderen, des Feindes?<\/p>\n<p>Jesus sieht die Stadt. Er ist Realist! Er sieht, dass Menschen manchmal nicht erkennen, &#8222;was zum Frieden dient&#8220; (Lk. 19, 42). Dass sie sich nicht auf den Weg machen k\u00f6nnen, auf dem Segen liegt. Warum geht das nicht? Weil gro\u00dfe Bilder den Blick verstellen: die anderen sind die Feinde. Da bleibt keine Wahrnehmung der Zwischent\u00f6ne; da werden die vielen kleinen Bem\u00fchungen um Frieden und Vers\u00f6hnung \u00fcbersehen. Da verschwinden die einzelnen. Jesus sieht die Stadt anders &#8211; nicht als Spielball globaler Interessen, nicht als St\u00e4tte eine apokalyptischen Kampfes zwischen Gut und B\u00f6se, nicht als Eigentum der einen oder der anderen, sondern als von Gott geschenkten Ort, in dem christliche Pal\u00e4stinenser, j\u00fcdische und muslimische Araberinnen und Araber, j\u00fcdische Israelis und alle anderen gemeinsam leben, wie es in einer Erkl\u00e4rung der wichtigen religi\u00f6sen F\u00fchrer des Heiligen Landes hei\u00dft. Jesus sieht die vielen einzelnen und ihre Wege miteinander, ihre Freundschaft und ihre Feindschaft. Er sieht die Menschen, Ebenbilder Gottes.<\/p>\n<p align=\"center\"><b>V<\/b><\/p>\n<p>&#8222;Jesus sieht die Stadt und weint.&#8220;<\/p>\n<p>Wenn ich die Fernsehbilder von Terror und Gewalt sehe, will ich lieber anderes tun: mich verkriechen, schreien, dem B\u00f6sen Einhalt gebieten, die Augen zumachen, die B\u00f6sen verurteilen.<\/p>\n<p>Jesus tut dies nicht. Er schaut und weint.<\/p>\n<p>Er weint mit den Traurigen. Wer ist in Pal\u00e4stina und Israel gegenw\u00e4rtig nicht traurig, wer nicht betroffen von der offensichtlich unaufhaltsamen Spirale von Gewalt und Gegengewalt?<br \/>\nEr weint \u00fcber seine Ohnmacht. Doch er gibt seine Verantwortung nicht ab, zieht sich nicht in Hass oder Depression zur\u00fcck. Wenige Verse sp\u00e4ter, im Tempel, wirft er die hinaus, die um ihres Interesses willen das Bethaus zur R\u00e4uberh\u00f6hle machen.<br \/>\nEr weint \u00fcber die Leiden. Doch er verliert die Hoffnung nicht. Jerusalem, das Urbild unserer St\u00e4dte, der Ort, wo Menschen verschiedener Religionen und Kulturen, verschiedener Herkunft und Hautfarbe, verschiedenen Standes und Geschlechts miteinander leben, wird nicht untergehen. Gott ist treu. Er wird seine Stadt bewahren.<\/p>\n<p>Auch das zweite Buch der K\u00f6nige endet mit dieser Hoffnung gegen den Augenschein, denn Jojachin, der K\u00f6nig von Juda, wird in Babylon begnadigt und der K\u00f6nig von Babel &#8222;redete freundlich mit ihm&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Jesus sieht die Stadt und weint.&#8220;<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><b>Direktor Priv.-Doz. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh<br \/>\nEvangelisches Predigerseminar<br \/>\nder Ev. Kirche von Kurhessen-Waldeck<br \/>\nGesundbrunnen 10<br \/>\n34369 Hofgeismar<br \/>\n05671-881271<br \/>\ne-mail: <a href=\"mailto:cornelius-bundschuh@ekkw.de\">cornelius-bundschuh@ekkw.de<\/a><br \/>\n<\/b><\/td>\n<\/tr>\n<tr>\n<td>\n<hr \/>\n<p><a href=\"file:\/\/\/Users\/amiralang\/Desktop\/Archiv%20GPI%20-%20U%CC%88bertrag\/archiv-4\/020804-2.html#top\">(zur\u00fcck zum Seitenanfang)<\/a><\/td>\n<\/tr>\n<\/tbody>\n<\/table>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/breu.de\/cgi-bin\/count.pl?j=2&amp;bn=neukirch&amp;f=020804-2.html&amp;r=r1&amp;w=\" width=\"1\" height=\"1\" \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>G\u00f6ttinger Predigten im Internet hg. von Ulrich Nembach und Johannes Neukirch 10. Sonntag nach Trinitatis (Israelsonntag), 4. August 2002 Predigt \u00fcber 2. 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