{"id":21796,"date":"2002-08-15T22:41:47","date_gmt":"2002-08-15T20:41:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21796"},"modified":"2025-04-21T10:50:56","modified_gmt":"2025-04-21T08:50:56","slug":"2-samuel-12-1-10-13-15a-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-samuel-12-1-10-13-15a-5\/","title":{"rendered":"2. Samuel 12, 1-10.13-15a"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">11. Sonntag nach Trinitatis | 11. August 2002 | 2. Samuel 12, 1-10.13-15a | Hans Joachim Schliep |<\/span><\/h3>\n<p>Und der HERR sandte Nathan zu David.<br \/>\nAls der zu ihm kam, sprach er zu ihm: \u201aEs waren zwei M\u00e4nner in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; aber der Arme hatte nichts als ein einziges kleines Sch\u00e4flein, das er gekauft hatte. Und er n\u00e4hrte es, da\u00df es gro\u00df wurde bei ihm zugleich mit seinen Kindern. Es a\u00df von seinem Bissen und trank aus seinem Becher und schlief in seinem Scho\u00df, und er hielt&#8217;s wie eine Tochter. Als aber zu dem reichen Mann ein Gast kam, brachte er&#8217;s nicht \u00fcber sich, von seinen Schafen und Rindern zu nehmen, um dem Gast etwas zuzurichten, der zu ihm gekommen war, sondern er nahm das Schaf des armen Mannes und richtete es dem Mann zu, der zu ihm gekommen war.&#8216;<br \/>\nDa geriet David in gro\u00dfen Zorn \u00fcber den Mann und sprach zu Nathan: \u201aSo wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.&#8216;<br \/>\nDa sprach Nathan zu David: \u201aDu bist der Mann! So spricht der HERR, der Gott Israels: &gt;Ich habe dich zum K\u00f6nig gesalbt \u00fcber Israel und habe dich errettet aus der Hand Sauls und habe dir deines Herrn Haus gegeben, dazu seine Frauen, und habe dir das Haus Israel und Juda gegeben; und ist das zu wenig, will ich noch dies und das dazu tun. Warum hast du denn das Wort des HERRN verachtet, da\u00df du getan hast, was ihm mi\u00dffiel? Uria, den Hethiter, hast du erschlagen mit dem Schwert, seine Frau hast du dir zur Frau genommen, ihn aber hast du umgebracht durchs Schwert der Ammoniter. Nun, so soll von deinem Hause das Schwert nimmermehr lassen, weil du mich verachtet und die Frau Urias, des Hethiters, genommen hast, da\u00df sie deine Frau sei.&lt; (&#8230;)<br \/>\nDa sprach David zu Nathan: \u201aIch habe ges\u00fcndigt gegen den HERRN.&#8216; Nathan sprach zu David: \u201aSo hat auch der HERR deine S\u00fcnde weggenommen; du wirst nicht sterben. Aber weil du die Feinde des HERRN durch diese Sache zum L\u00e4stern gebracht hast, wird der Sohn, der dir geboren ist, des Todes sterben.&#8216;<br \/>\nUnd Nathan ging heim.<\/p>\n<p align=\"center\">I.<\/p>\n<p align=\"left\">In wenigen Wochen w\u00e4hlen wir einen neuen Bundestag. Die Regierenden sind <b>Ge<\/b>w\u00e4hlte, keine <b>Er<\/b>w\u00e4hlten. Die Macht, die sie stellvertretend f\u00fcr uns innehaben, ist auf Zeit verlie-hen und ans Recht gebunden. Also m\u00fcssen wir, die W\u00e4hlenden, uns Gedanken machen: Wem vertrauen wir Macht an? Welches moralische Fundament brauchen Menschen, denen wir Macht \u00fcbertragen? Macht betrifft und ver\u00e4ndert die menschliche Existenz. Wer unter die R\u00e4der falsch gebrauchter Macht ger\u00e4t, kann davon ein Lied singen. Es wird ebenso deutlich, wenn Menschen in der Politik scheitern: zu Grunde gerichtet durch poli-tische Gegner oder in Abgr\u00fcnde geraten durch eigene Schuld.<br \/>\nGleichfalls ist zu \u00fcberlegen: Nach welchem Standard sollen in Europa die Rechts-, Wirt-schafts- und Sozialsysteme einander angeglichen werden? Und wie steht es in der globa-len Menschengemeinschaft mit den Menschenrechten, z. B. den Rechten der Frauen?<\/p>\n<p align=\"center\">II.<\/p>\n<p>Fr\u00fche Lernerfahrungen mit der Macht und dem Recht erz\u00e4hlen die beiden Samuelb\u00fccher. Sie berichten davon, wie nach K\u00f6nig Sauls Scheitern erst unter David zwischen Mittelmeer und Totem Meer, zwischen Libanon und Sinaiw\u00fcste aus einem Verbund eigenwilliger Volksst\u00e4mme so etwas wie ein Staat entsteht. David verbindet die Landesteile &gt;Israel&lt; und &gt;Juda&lt;, erhebt die alte Kanaaniterstadt Jerusalem zum politisch-religi\u00f6sen Zentrum, schw\u00f6rt deren vor-israelitische Einwohner auf den neuen Herrscher ein und macht umliegende V\u00f6lker und St\u00e4dte tributpflichtig.<br \/>\nEin beachtliches Werk nach au\u00dfen. Innen jedoch brechen mit K\u00f6nigtum und Staatlichkeit schwere kulturelle, ethische, rechtliche Konflikte auf. Soll das alte Jahwe-Recht gelten, das zum Beispiel gegen jede Art Gottes-K\u00f6nigtum steht? Soll das kanaan\u00e4ische Recht gelten, nach dem der K\u00f6nig auch Priester ist und eine nahezu unumschr\u00e4nkte Macht hat, das Recht also quasi selbst setzt? Der alte Prophet Samuel hatte vor den Macht- und Rechtsanspr\u00fcchen eines K\u00f6nigs gewarnt (1. Samuel 8,10-18), das K\u00f6nigtum aber doch mit auf den Weg gebracht.<br \/>\n&#8222;Was ist der Wille, was ist das Wesen unseres Gottes?&#8220; Auch diese Fragen brechen neu auf. Denn jetzt war Jahwe Staats- und damit noch etwas anderes als begleitender Stammes- und Familiengott. Neue Deutungen mu\u00dften erst noch gefunden werden. Deshalb bleibt vieles ungesagt und widerspr\u00fcchlich. Aber es k\u00fcndigen sich doch drei grundlegende Unterscheidungen an: die von Macht und Moral, von Politischem und Privatem und von der Person und ihrem Werk.<br \/>\nIn dem Gespr\u00e4ch zwischen Nathan und David wird der Blick ganz und gar auf die existentielle Innenansicht gerichtet: auf einen handelnden Menschen, der Macht aus\u00fcbt. Doch sollen die anderen Betroffenen hier wenigstens erw\u00e4hnt werden: Batseba, Uria, das namenlose Kind.<\/p>\n<p align=\"center\">III.<\/p>\n<p>David steht im vollen Glanz seines K\u00f6nigtums. Wen er sich unterwerfen konnte, hat er sich gef\u00fcgig gemacht. Nur der Sieg \u00fcber die Ammoniter steht noch aus, aber doch kurz bevor. Just auf dem H\u00f6hepunkt seiner Macht st\u00fcrzt er ab auf den Tiefpunkt seiner Moral. Sein K\u00f6nigtum, nach au\u00dfen gesichert, ist gef\u00e4hrdet nach innen &#8211; durch ihn selbst. Ein Mann, der nahezu alle Feinde besiegt hat, hat sich nun selbst die bitterste Niederlage beigebracht. Aus dem Gesalbten Gottes wurde ein Kapitalverbrecher.<br \/>\nAuf diese erschreckende Wahrheit bringt Nathan seinen K\u00f6nig David. Noch aus Zeiten der alten religi\u00f6s-politischen Ordnung Jerusalems stammend, bezeugt er nun, da\u00df hinfort der Jahwe-Glaube Davids mit seinen Weisungen und Anspr\u00fcchen gilt: Bei aller Machtf\u00fclle steht der K\u00f6nig, weil unter Gott, niemals wirklich \u00fcber dem Recht. Vor allem hat irdische Macht kein Recht auf Willk\u00fcr. Das mosaische Recht ist darauf angelegt, Macht heilsam zu begrenzen.<br \/>\nDavid, einst ein S\u00f6ldnerf\u00fchrer, eine Art antiker Guerillero, mu\u00df das lernen. Er nahm sich die Frau, noch dazu eine verheiratete, wie er fremde St\u00e4dte eroberte. Macht darf aber nicht Moral diktieren. Zwischen beiden steht das Recht, das soziale Beziehungen vor pers\u00f6nlichen Machtinteressen sch\u00fctzen soll. David lie\u00df sich erkennbar von ausschlie\u00dflich pers\u00f6nlichen Motiven leiten, als er in sexueller Begierde und reiner Willk\u00fcr Bathseba zur Geliebten nahm. W\u00e4hrenddessen k\u00e4mpfte ihr Ehemann Uria f\u00fcr David gegen die Ammoniter.<br \/>\nBathseba ist schwanger. Der Ehebruch wird herauskommen. Uria aber l\u00e4\u00dft sich nicht austricksen. Er h\u00e4lt sich strikt an die Regel, die im Krieg Enthaltsamkeit gebietet. Als David ihn zum Urlaub nach Hause beordert, schl\u00e4ft er bei seinen Soldaten statt bei seiner Frau. So macht er Davids Plan zunichte, Bathsebas Schwangerschaft Uria anzuh\u00e4ngen, statt selbst zu seiner Verantwortung zu stehen. David aber l\u00e4\u00dft Uria \u00fcber die Klinge springen. Er sorgt durch seinen skrupellosen Heerf\u00fchrer Joab daf\u00fcr, da\u00df Uria beim n\u00e4chsten Kampfeinsatz zu Tode kommt.<br \/>\nEine Ungeheuerlichkeit gebiert die andere: die pers\u00f6nliche Begierde den Ehebruch, dieser erst den hinterh\u00e4ltigen Vertuschungsversuch, schlie\u00dflich den Mord. Von Davids unz\u00e4hligen Liebesaff\u00e4ren ist diese die spektakul\u00e4rste. Niemals vorher hat der K\u00f6nig seine Macht derart schamlos f\u00fcr seine eigenen Interessen und zu Lasten anderer ausgenutzt.<\/p>\n<p align=\"center\">IV.<\/p>\n<p>Mit einem fremden Gast kommt Nathan zu David: mit der Wahrheit. Soll sie die Fesseln l\u00f6sen, mu\u00df sie von au\u00dfen kommen &#8211; besonders wenn jemand die F\u00e4den so gezogen hat, da\u00df sie ihm wie eine Schlinge um den Hals liegen. Nathan kleidet die Wahrheit in ein Gleichnis. Er vermeidet es, im Gestus super-moralischer &gt;political correctness&lt; den K\u00f6nig \u00f6ffentlich blo\u00dfzustellen, sein Intimleben anzuprangern und einer sensationsl\u00fcsternen Menge preiszugeben. Wie Nathan David an die Wahrheit erinnert, macht er aus dem Playboy wieder einen K\u00f6nig. Er spricht ihn auf eines K\u00f6nigs vornehmste Aufgabe an: die Schwachen zu sch\u00fctzen und ein gerechtes Urteil im Streitfall zu sprechen. Ginge man doch heute so mit Versagen und Schuld \u00f6ffentlich um! Nathans Weise der Politikberatung ist beispielhaft, gerade f\u00fcr die Kirche: durch Sch\u00e4rfung der Gewissen keine Politik zu machen, aber Politik m\u00f6glich zu machen.<br \/>\nNathan setzt auf Selbsterkenntnis, aus der neue Einsichten und ein anderes Verhalten erwachsen k\u00f6nnen. In der Kunst der Verfremdung, ohne etwas zu verschweigen, redet er so, wie David es verstehen kann. Zugleich spricht er uns alle an. Den Gegensatz von Arm und Reich verstehen alle. Er ist besonders wirksam. Deshalb ist er vorrangig und weltweit zu \u00fcberwinden.<br \/>\nNathan erz\u00e4hlt von einem Reichen, der einem Armen sein einziges Schaf, seinen ganzen, wohlbeh\u00fcteten Besitz raubt. Einspruch, Euer Ehren! Ist Frauenraub mit Tierraub vergleichbar? Damals war die Frau Eigentum des Mannes, Ehebruch also ein schweres Eigentumsdelikt. Immerhin bereitet Nathan mit einem Wortspiel schon vor, da\u00df David trotz seiner Verblendung aufmerken mu\u00df: Der Arme pflegt das Lamm wie eine Tochter, hebr\u00e4isch &#8222;bat&#8220;&#8230;&#8230; &#8222;Bath-seba&#8220;. Und er n\u00e4hrt dieses Lamm an seinem Tisch, h\u00fctet es in seinem Scho\u00df. David und Bathseba waren eben alles andere als von Tisch und Bett getrennt.<\/p>\n<p align=\"center\">V.<\/p>\n<p><i>\u201aSo wahr der HERR lebt: Der Mann ist ein Kind des Todes, der das getan hat! Dazu soll er das Schaf vierfach bezahlen, weil er das getan und sein eigenes geschont hat.&#8216; <\/i>David ist emp\u00f6rt. Zu Recht. Aber sein Urteil ist \u00fcberzogen. Der Schafr\u00e4uber hat nach dem geltenden Recht in der Tat vierfachen Ersatz zu leisten. Das Todesurteil aber w\u00e4re Unrecht. Da\u00df David dem Reichen gleich den Tod an den Hals w\u00fcnscht, zeigt, welche Leidenschaften in ihm stecken, bis hin zu Unbeherrschtheit und Unbedachtsamkeit: der empfindsame Harfenspieler und Psalmsinger kann wenig sp\u00e4ter brutal explodieren, heitere Herzlichkeit schl\u00e4gt um in gnadenlose H\u00e4rte. David &#8211; der Mensch in seinen Widerspr\u00fcchen, beseelt von lauterem Gerechtigkeitssinn und besetzt von bodenloser Gemeinheit, zu jeder Zeit zu allem f\u00e4hig.<br \/>\nInsgeheim hat David l\u00e4ngst verstanden: Die Geschichte vom Reichen, der den Armen um sein Liebstes und Bestes beraubt, ist meine Geschichte. Das Todesurteil trifft den, der es f\u00e4llt. Denn David ist der M\u00f6rder. Nur ihm konnte das Todesurteil gelten. Er hat sich selbst entlarvt.<br \/>\nWir blicken in Abgr\u00fcnde der menschlichen Seele: Aggression nach au\u00dfen kann mit Aggression nach innen zusammenh\u00e4ngen, im Ha\u00df auf andere kann Selbstha\u00df hervorbrechen, ein ungerechtfertigtes Strafurteil gegen andere kann eine Selbstbestrafung sein. Dennoch kann in diesem Gewirr aus Emotionen und Obsessionen die Wahrheit ihr befreiendes Wirken vorbereiten.<br \/>\nDurch ein weiteres Wort von au\u00dfen wird David zur Wahrheit ganz befreit: <i>\u201aDu bist der Mann!&#8216; <\/i>Unmi\u00dfverst\u00e4ndlich und eindringlich bahnt sich die Wahrheit durch den Mund eines anderen, durch Nathan, den Weg. Darin erkenne ich ein ganz bestimmtes Bild Gottes von seinen Menschen: In diesem Bild ist Platz f\u00fcr Widerspr\u00fcche, f\u00fcr Irrt\u00fcmer und Fehler, f\u00fcr das, was nicht aufgeht, f\u00fcr das Unm\u00f6gliche, f\u00fcr Versagen und Schuld. Keine\/r mu\u00df erst vollkommen sein, um Segen und Gnade, Aufgabe und Auftrag zu empfangen.<br \/>\nDiese Hinwendung zum konkreten Menschen spricht aus der Weise, in der Nathan die Wahrheit an den Mann bringt. Deshalb kann David so schnell und knapp seine Schuld eingestehen: Da sprach David zu Nathan: <i>\u201aIch habe ges\u00fcndigt gegen den HERRN&#8216;.<\/i> Solche Erkenntnis, solches Bekenntnis will ausgesprochen sein vor den Ohren eines anderen, der die Wahrheit sagen und ertragen, der als Zeuge auf- und eintreten kann. Es ist f\u00fcr das private wie das politische Leben wichtig, eine solche Person in der N\u00e4he zu wissen.<br \/>\nDavid braucht nicht einmal um Vergebung zu bitten. Die Bitte ist schon gesprochen, die Vergebung schon gew\u00e4hrt, weil die Br\u00fccke l\u00e4ngst gespannt ist \u00fcber den Sund, der David von Gott trennt.<\/p>\n<p align=\"center\">VI.<\/p>\n<p>Im Angesicht Gottes wei\u00df die S\u00fcnde, da\u00df sie S\u00fcnde ist. Sie kann sich aussprechen &#8211; und wird sich los. Bleibt die Wahrheit bei der Liebe und die Liebe bei der Wahrheit, baut das Eingest\u00e4ndnis der Schuld die Pers\u00f6nlichkeit auf statt sie zu verletzen und zu sch\u00e4digen. Neue Sichtweisen und Handlungsm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffnen sich. Die aber wachsen nicht in den Himmel, sondern bleiben im Rahmen dessen, was einmal begonnen wurde. Einmal Geschehenes wirkt nach. Ist die Schuld vor Gott getilgt, k\u00f6nnen unter Menschen noch viele Schulden abzutragen sein. Vergebung ist mehr als &#8222;Schwamm dr\u00fcber!&#8220;. Wird Vergebung wirklich angenommen, setzt sie die Kraft frei, mit den unaufhebbaren Folgen des eigenen Tuns umzugehen. In dieser Kraft stehen die biblischen Erz\u00e4hler zu David als einem Gro\u00dfen, ohne seine dunklen Schatten zu verschweigen. Ja, mit Schuld leben und Verantwortung \u00fcben &#8211; das sind im wirklichen Leben zwei Seiten einer Medaille.<br \/>\nGewi\u00df, es befremdet mich, da\u00df der erste Sohn namenlos bleibt und sterben mu\u00df. Hier jedoch wird in einer nun wieder ganz archaischen Sicht klar gemacht: Die Frucht eines Verbrechens, Unrecht hat auf Dauer keinen Bestand. Denn &#8222;Gott &#8230; l\u00e4\u00dft sich nicht zum Tanze f\u00fchren; er bleibt allzeit eine widerspenstige Wirklichkeit.&#8220; (Heinz Zahrnt: Das Leben Gottes, M\u00fcnchen 1997, S. 81)<br \/>\nFolgen zu bedenken, so weit irgend m\u00f6glich, geh\u00f6rt zur menschlichen Verantwortung, namentlich in der Politik. David scheint bereit, hinfort Verantwortung zu \u00fcbernehmen. Darum bittet er: <i>Schaffe in mir, Gott, ein reines Herz, \/ und gib mir einen neuen, best\u00e4ndigen Geist. <\/i>(Psalm 51,12) Um einen neuen Geist empfangen zu k\u00f6nnen, wird er freigesprochen von dem Urteil, das er sich selbst gef\u00e4llt hat. Er bleibt am Leben, damit seine Einsicht sein k\u00f6nigliches Handeln beeinflu\u00dft. Das kann nur geschehen, wenn Spuren in seinem Leben hinterl\u00e4\u00dft, was er verursacht hat &#8211; wie den Tod Urias und fortan auch des ersten Sohnes mit Bathseba. Zu diesen Spuren geh\u00f6rt ebenso, da\u00df &#8211; wie Nathan weiter ank\u00fcndigt (Verse 11+12) &#8211; k\u00fcnftig das eigene Haus, die eigenen S\u00f6hne gegen sein K\u00f6nigtum sich erheben werden. David mu\u00df unter erschwerten Bedingungen regieren. Die innere Bedrohung ist der Spiegel seiner eigenen inneren Gef\u00e4hrdung. Bei den &#8222;Royal&#8217;s&#8220; gibt es Probleme wie in vielen anderen H\u00e4usern.<br \/>\nWahrheit und Vergebung f\u00fchren David zu neuer Einsicht und M\u00fcndigkeit. Auch das geh\u00f6rt zur Menschenw\u00fcrde: Was Menschen wirken und verwirken, gr\u00e4bt Spuren, zeitigt Folgen, f\u00fcr die wir aber geradestehen und Verantwortung \u00fcbernehmen k\u00f6nnen. Da Gott uns auch im Scheitern und Versagen nicht abschreibt, k\u00f6nnen wir auf Knien liegen und doch aufrecht gehen. Was uns zugemutet wird, wird uns zugetraut. Deshalb k\u00f6nnen Menschen Politik machen und Demokratie wagen &#8211; keine makellose, aber eine zutiefst humane, ohne den Versuch, erst einen neuen Menschen hervorzubringen, ohne den Versuch, die Vergangenheit billig zu entsorgen, sondern in Anerkenntnis von geschehener Schuld. Geschehenes l\u00e4\u00dft sich nicht ungeschehen machen. Es bleibt auf Vergebung angewiesen. Vergebung aber ist nur m\u00f6glich, wo Glaube und Politik unterschieden bleiben wie Letztes und Vorletztes. Der Glaube k\u00fcmmert sich um das Heil, die Politik um das Wohl der Menschen.<\/p>\n<p align=\"center\">VII.<\/p>\n<p><i>Und Nathan ging heim<\/i>. So lapidar k\u00f6nnen Lebensabschnitte enden. Und so trocken kann die Bibel sein. Sie sagt, wer der Mensch ist. Sie erz\u00e4hlt keine frommen M\u00e4rchen und fordert keinen moralischen Idealismus. Sie verk\u00fcndigt nur, da\u00df Gott diesen Menschen, gerade diesen zugleich gottvollen und gottlosen, an Leidenschaft und Tod verkauften Menschen erw\u00e4hlt hat und erl\u00f6sen wird. Gott billigt keine Untat und rechtfertigt das B\u00f6se nicht. Aber Gott r\u00fcckt es zurecht &#8211; mitten im Menschlichen, auch durch die mit Dreck am Stecken. Begreifen werde ich es niemals. Aber wenn ich mich dagegen wehre, verschlie\u00dfe ich mich dem Auftrag Gottes, Leben mitzugestalten und mitzuverantworten.<br \/>\nWeiteres bleibt Nathan nicht zu sagen. Der Prophet hat dem K\u00f6nig &#8211; und damit uns allen &#8211; den Spiegel vor Augen gehalten. David hat sein Unrecht erkannt und seine Schuld bekannt. Doch Nathan hat ihm im Namen Gottes neues Leben zugesprochen. Der schuldig gewordene David bleibt verschont. Seine Tat wird verurteilt, David selbst freigesprochen. Kein Mensch ist f\u00fcr sein Sein verantwortlich, aber f\u00fcr seine Taten.<br \/>\nAn David erkenne ich, wie Machtgebrauch Gott ber\u00fchrt. An David erkenne ich, wie ich vor Gott dastehe: als einer, der am liebsten seinem Vater im Himmel einen Tempel auf Erden bauen m\u00f6chte, zugleich als einer, der in der Stunde der Versuchung Gottes Weisungen in den Wind schl\u00e4gt; als einer, der mit Leidenschaft auf bessere Verh\u00e4ltnisse aus ist, aber in gewissen Augenblicken von den M\u00e4chten der Leidenschaft besessen alles aufs Spiel setzt. Politiker\/innen sind solche Menschen &#8211; wie alle anderen auch. Regierende wie Regierte m\u00fcssen wissen, da\u00df Menschen ohne Ausnahme in Schuld geraten &#8211; und wer diese Schuld vergeben kann. Aus der Vergebung wirklich zu leben, ist mehr wert als alle Grundwerte-Programme.<br \/>\nNathan geht heim, weil allein Gott die Geschichte durch einen Menschen wie David weiterf\u00fchren kann, dem so offensichtlich &#8222;der menschliche Makel&#8220; (Philip Roth) anhaftet, der, noch einmal davongekommen, jetzt mit den Schatten in seiner Seele und mit dem Glanz der Gnade umzugehen hat.<br \/>\nIn den n\u00e4chsten Jahren, beim gnadenlosen und gemeinen Kampf um Davids Nachfolge, wird Nathan oft den Atem angehalten haben. Wie doch selbst bei diesen gottesf\u00fcrchtigen Leuten Gott ganz ausgeschaltet schien! Und wie Gott dennoch durch diese &#8222;Mischung aus Irrtum und Gewalt&#8220; hindurch, die nach Goethe die Geschichte ist, die Geschicke seiner Menschheit lenkt. Ein verborgener Gott, doch ganz gegenw\u00e4rtig. Eine Geschichte, die nur \u00e4u\u00dferst schwer mit Gott und noch schwerer ohne Gott zu denken ist.<br \/>\nOb Nathan, auf dem Weg nach Hause, noch ein Gebet durch den Kopf ging? <i>&#8218;&gt;HERR, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.&lt; Vergib ihnen auch dann, wenn sie wissen, was sie tun, und es dennoch tun.&#8216;!<\/i><br \/>\nWir jedenfalls, seit wir Davids Geschichte kennen, sind keine Unwissenden mehr.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Hans Joachim Schliep<br \/>\nPastor am Ev. Kirchenzentrum Kronsberg<br \/>\nSticksfeld 6, 30539 Hannover<br \/>\nFon\/Fax: 0511-52 75 99<br \/>\n<a href=\"mailto:Hans-Joachim.Schliep@evlka.de\">E-Mail: Hans-Joachim.Schliep@evlka.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 11. August 2002 | 2. Samuel 12, 1-10.13-15a | Hans Joachim Schliep | Und der HERR sandte Nathan zu David. Als der zu ihm kam, sprach er zu ihm: \u201aEs waren zwei M\u00e4nner in einer Stadt, der eine reich, der andere arm. Der Reiche hatte sehr viele Schafe und Rinder; [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":21105,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[13,480,2,727,157,853,114,1271,1013,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21796","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-samuel","category-11-so-n-trinitatis","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-hans-joachim-schliep","category-kapitel-12-chapter-12-2-samuel","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21796","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21796"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21796\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":23016,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21796\/revisions\/23016"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/21105"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21796"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21796"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21796"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21796"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21796"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21796"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21796"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}