{"id":21800,"date":"2002-08-15T22:44:07","date_gmt":"2002-08-15T20:44:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21800"},"modified":"2025-04-21T10:47:41","modified_gmt":"2025-04-21T08:47:41","slug":"2-samuel-12-1-10-13-15a-7","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-samuel-12-1-10-13-15a-7\/","title":{"rendered":"2. Samuel 12, 1-10.13-15a"},"content":{"rendered":"<h3><span style=\"color: #000099;\">11. Sonntag nach Trinitatis | 11. August 2002 | 2. Samuel 12, 1-10.13-15a | Karsten Matthis |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,eine Skandalgeschichte steht in 2. Samuel 12, die sich vor gut 1.000 Jahren im K\u00f6nigshaus zu Jerusalem ereignet hat. Wenn sich diese Story in unserer Zeit ereignete, begeistert h\u00e4tte die Boulevardpresse diese Aff\u00e4re aufgegriffen. Wochenlang w\u00fcrden die Bl\u00e4tter der Regenbogenpresse die Leser \u00fcber alle Details des Skandals informieren. Niemand k\u00f6nnte sich dieser marktschreierischen Berichterstattung entziehen. Unsere Blicke fielen immer wieder auf die roten Balken\u00fcberschriften der Boulevardpresse, wie &#8222;K\u00f6nig schickt Nebenbuhler in den Tod&#8220;.<\/p>\n<p>In der Familie, im B\u00fcro und im Sportverein w\u00e4re der Ehebruch Davids ein gro\u00dfes Thema. Da w\u00fcrden der erzwungene R\u00fccktritt des Telekom-Chefs Ron Sommer, die Miles &amp; More-Aff\u00e4re einiger Bundestagsabgeordneten oder die Trennung des &#8222;Fu\u00dfballkaisers&#8220; Franz Beckenbauer von seiner Frau als harmlose Geschichtchen verblassen. Ehebruch und Mord am Hauptmann Uria, das w\u00e4re doch ein Stoff von der Qualit\u00e4t der Barschel-Aff\u00e4re oder k\u00f6nnte sich mit den tragischen Ereignissen um Lady Diana im K\u00f6nigshaus der Windsors messen.<\/p>\n<p>Es ist schon peinlich, wie sehr ein gro\u00dfer Teil des Journalismus von diesen tats\u00e4chlichen oder vermeintlichen Skandalgeschichten lebt. Aber zu dieser Berichterstattung geh\u00f6ren immer zwei: Hand auf&#8217;s Herz! Wir nehmen diese Storys auf und reden \u00fcber sie. W\u00e4re es nicht an der Zeit, wenn wir sagten: Stopp! Schluss damit. Wir m\u00f6chten diese Skandalgeschichten nicht mehr mit allen Details \u00fcber Fu\u00dfballstars, Tennisspieler und Schlagerstars h\u00f6ren. Wir sind es m\u00fcde, die st\u00e4ndig neuen Enth\u00fcllungen in den europ\u00e4ischen K\u00f6nigsh\u00e4usern zu erfahren. Wir sind es auch Leid, immer nur wieder Tratsch und Klatsch in gewissen Teilen der Presse zu lesen. Es gibt einfach Wichtigeres, Dinge die uns tats\u00e4chlich angehen. Probleme in Staat und Gesellschaft, die dringend angepackt werden m\u00fcssen. Unrecht muss benannt und tats\u00e4chliche Straftaten aufgedeckt werden. Dies w\u00e4re Aufgabe f\u00fcr einen kritischen und informativen Journalismus, der verantwortlich schreibt und publiziert.<\/p>\n<p>\u00dcberaus kritisch und offen ging es am Hofe Davids zu. Ganz offensichtlich lie\u00dfen sich die Vergehen Davids nicht verschweigen. Obwohl sich K\u00f6nig David intensiv bem\u00fcht hatte, seinen Ehebruch zu vertuschen, war die Geschichte ans Tageslicht gekommen. Der treue Hauptmann Uria, loyal bis in den Tod, wurde von David an der Front geopfert, um einen l\u00e4stigen Zeugen beiseite zu schaffen. Ruchbar wurde der Skandal, als Batseba ein Kind erwartete und Uria nicht der leibliche Vater gewesen sein konnte.<\/p>\n<p>Stets war David listig und politisch umsichtig gewesen, hatte sich Stufe um Stufe nach oben gek\u00e4mpft. Wie ein packender Roman liest sich die Aufstiegsgeschichte des Hirtenjungen David. Einst versto\u00dfen vom Hofe Sauls, k\u00e4mpfte er mit einer Handvoll M\u00e4nner mal auf der einen und mal auf der anderen Seite der orientalischen M\u00e4chte. So konnte er sich geschickt dem Untergang Sauls entziehen und mit einigen S\u00f6ldner, eine Macht in Israel werden. Durch gro\u00dfes diplomatisches Geschick brachte David es fertig, die bis dahin verfeindeten St\u00e4mme aus Nord und S\u00fcd zu einen. Vielmehr noch &#8211; die St\u00e4mme Israels waren bereit, ihn zum K\u00f6nig zu w\u00e4hlen und zu salben.<\/p>\n<p>Dem jungen K\u00f6nig gelang ein kluger Schachzug nach dem anderen. Mit der Eroberung Jerusalems und der Errichtung der Hauptstadt legte David die Grundlage f\u00fcr ein Gro\u00dfreich. Israel war nun nicht mehr Spielball politischer M\u00e4chte, sondern wurde selbst zum Machtfaktor im Orient. Mit diesem sagenhaften Aufstieg und Entfaltung seiner Herrschaft hatte David sich einen festen Platz in der sich gerade entwickelnden Geschichtsschreibung gesichert.<\/p>\n<p>Aber auf dem H\u00f6hepunkt seiner Macht begeht David einen schwerwiegenden Fehltritt. Zerst\u00f6rt die Ehe eines Dritten und schreckt nicht zur\u00fcck, den loyalen Staatsdiener Uria zu opfern. Nicht nur am Hofe wurde Davids Ehebruch und Mord bekannt. Da tritt ein wortgewaltiger Mann mit gro\u00dfer Zivilcourage, der Prophet Nathan, auf. Er war nicht nur mutig, sondern ausgesprochen klug. Er wusste darum, dass der m\u00e4chtige K\u00f6nig die Weisheit liebte und erz\u00e4hlte ihm eine Parabel vom armen Mann, dem sein Lamm geraubt wurde.<\/p>\n<p>Nathan riss David, dem scheinheiligen G\u00f6nner von Musik und Kultur, von Wissenschaft und Religion, die Maske vom Gesicht: &#8222;Du bist der Mann. Du hast den armen Mann beraubt. Du selbst, David, bist der R\u00e4uber und M\u00f6rder&#8220;. Mit dieser Blo\u00dfstellung Davids, der sich zuvor selbst der Tat bezichtigte, hatte Nathan nach g\u00e4ngigen orientalischen Ma\u00dfst\u00e4ben sein eigenes Todesurteil gesprochen. An anderen orientalischen K\u00f6nigsh\u00f6fen w\u00e4re dieser Oppositionelle liquidiert worden. Widerspruch oder gar Widerstand wurden nicht geduldet.<\/p>\n<p>Doch nach den Worten Nathans, die Davids Schuld schonungslos aufdeckten, zeigte sich David \u00fcberraschend schuldbewusst und bewies menschliche Gr\u00f6\u00dfe. Er unternahm keinen Versuch der Verteidigung. David ging offen mit seiner Schuld um. Nicht nur aus Angst kehrte er um und bekannte sich zu seiner Schuld. Auf die Blo\u00dfstellung des Propheten reagierte er nicht mit den \u00fcblichen Methoden. Nein, er kehrte um und versuchte zu retten, was zu retten ist. Er nahm Batseba zu sich und bekannte sich zu ihr.<\/p>\n<p>David hatte erkannt, dass es sein gr\u00f6\u00dftes Unrecht war, sich so verhalten zu haben, als gebe es Gott \u00fcberhaupt nicht. Er hatte geglaubt, die Gebote Gottes seien f\u00fcr ihn nicht in Kraft. So sind die Worte des 51. Psalm Worte, die David h\u00e4tte sprechen k\u00f6nnen: &#8222;An dir allein habe ich ges\u00fcndigt und \u00fcbel vor dir getan&#8220; (Psalm 51, 6). Er bat Gott um Verzeihung, weil er wusste, dass Gott seinen Lebensweg begleitet hatte und ihn auf den Thron gebracht hatte.<\/p>\n<p>Die Aff\u00e4re wurde zu einem Wendepunkt in seinem Leben. Das mit Batseba gezeugte Kind starb kurz nach der Geburt. Ein dunkler Schatten lag nun auf seiner Herrschaft.. An seinen H\u00e4nden klebte Blut, und erst sein Salomo durfte den Tempel in Jerusalem bauen. Wirren um seine Nachfolge brachen aus. Nord- und S\u00fcdreich strebten auseinander.<\/p>\n<p>Dennoch: David wird von seinen Nachfolgern und von Generationen nach ihm, von Juden und Christen, hoch geehrt. F\u00fcr Juden ist er einer der gro\u00dfen Stammv\u00e4ter Israels, f\u00fcr Christen ein Vorfahre Jesu Christi. Alle sp\u00e4teren K\u00f6nige Israels m\u00fcssen sich an David messen. Nur noch der fromme K\u00f6nig Josia kann es mit ihm aufnehmen. Mittelalterliche Herrscher des Abendlandes berufen sich auf David und stellten sich in seine Tradition.<\/p>\n<p>David hatte durch sein Schuldeingest\u00e4ndnis seine Herrschaft gerettet und einen Rest Glaubw\u00fcrdigkeit behalten. Durch den Spruch Nathans hatte Gott ihm die Chance zur Bu\u00dfe und Umkehr gegeben. Der Gott Israels hatte in die Lebensgeschichte des Davids eingegriffen und lie\u00df Unrecht nicht Unrecht sein. Durch das Wort des Propheten sch\u00e4rfte er das Gewissen des Volkes und rief den Menschen David zur Umkehr von seinen Irrwegen und Abwegen auf.<\/p>\n<p>Gott hob das Todesurteil, welches David selbst \u00fcber sich gesprochen hat, auf. Der Gott Israels l\u00f6schte eine b\u00f6se Geschichte aus, die sich in Davids Leben ereignet hatte und bot ihm die Chance zum Neuanfang. Das ist das Wunder des g\u00f6ttlichen Verzeihens. Sein Verzeihen tilgt auch die gr\u00f6\u00dfte menschliche Schuld. Seine Vergebung und Barmherzigkeit gilt auch uns, durch die wir leben. Und so d\u00fcrfen wir beten mit einem Micha Wort: &#8222;Er wird sich unser wieder erbarmen, unsere Schuld unter die F\u00fc\u00dfe treten und alle unsere S\u00fcnden in die Tiefe des Meeres werfen&#8220; (7, 19).<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>Literatur:<\/p>\n<p>Gottfried Vogt: Die lebendigen Steine, Homiletische Auslegung der Predigttexte der Reihe VI, 11. Sonntag nach Trinitatis, 2. Aufl. Berlin 1989, S. 331-337.<\/p>\n<p>Stefan Heym: Der K\u00f6nig David Bericht, Neuauflage 1998, btb\/Goldmann Verlag<\/p>\n<hr \/>\n<p><b>Karsten Matthis, Dipl. Theol.<br \/>\nHochheimer Weg 11a<br \/>\n53343 Wachtberg<br \/>\n<a href=\"mailto:karsten.matthis@t-online.de\">karsten.matthis@t-online.de<\/a><\/b><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>11. Sonntag nach Trinitatis | 11. August 2002 | 2. Samuel 12, 1-10.13-15a | Karsten Matthis | Liebe Gemeinde,eine Skandalgeschichte steht in 2. Samuel 12, die sich vor gut 1.000 Jahren im K\u00f6nigshaus zu Jerusalem ereignet hat. 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