{"id":21807,"date":"1998-11-17T08:12:21","date_gmt":"1998-11-17T07:12:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21807"},"modified":"2025-03-17T08:15:22","modified_gmt":"2025-03-17T07:15:22","slug":"roemer-147-9-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-147-9-4\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 14,7-9"},"content":{"rendered":"<h3>Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr | 8.11.1998 | R\u00f6mer 14,7-9 |\u00a0Eckhard Gorka |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p><em>&#8222;Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, da\u00df er \u00fcber Tote und Lebende Herr sei.&#8220;<\/em><\/p>\n<p>Die Zeilen aus dem Brief des Apostels Paulus an die Gemeinde in Rom klingen wie ein Macht- oder Schlu\u00dfwort. Es sind jedoch S\u00e4tze von jemandem, der sich bevollm\u00e4chtigt f\u00fchlt, sich selbst und seine Gemeinde an den Schauplatz unseres Lebens und Sterbens zu erinnern. Er sagt: Unser Leben und unser Sterben, unser Erleben und unser Erleiden ereignen sich vor dem Angesicht Christi. Vor dem Angesicht des Herrn, der gestorben und wieder lebendig geworden und alle Tage, ja selbst \u00fcber unseren letzten Tag hinaus unser Herr ist.<\/p>\n<p>In der Gemeinde in Rom gab es Streit um Speise- und Feiertagsregeln. Mit der Folge, da\u00df sich einige f\u00fcr stark und andere f\u00fcr schwach hielten. Nach sachlichen Hinweisen geht Paulus unvermittelt auf weite Distanz zu dem Konflikt und schreibt die Worte, die wir eben geh\u00f6rt haben.<\/p>\n<p>Die liturgische Tradition unserer Kirche hat sie unter die Texte eingereiht, die am offenen Grab gelesen werden. Sie sollen tr\u00f6sten, sie sollen das Erlebnis des Verlustes in den Horizont der Verhei\u00dfung Christi stellen: Siehe, ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.<\/p>\n<p>Nach der Taufe und den Segenshandlungen im Leben versichert sich die christliche Gemeinde auch am Grab der bleibenden Gegenwart Christi f\u00fcr Lebende und Tote. H\u00e4ufig reagieren Familienangeh\u00f6rige, Verwandte und Freunde auf diese trotzigen S\u00e4tze mit Tr\u00e4nen der Trauer.<\/p>\n<p>Wir erleben in Trauergespr\u00e4chen und auf dem Friedhof aber auch andere Szenen: Da\u00df niemand weint. Da\u00df das Ende aller Beziehungen unter Lebenden nicht als Verlust empfunden wird. Da\u00df der Tod eines Menschen niemanden traurig zur\u00fcckl\u00e4\u00dft und nur das Pflegepersonal des Altenheims weint und damit die Angeh\u00f6rigen eher peinlich ber\u00fchrt.<\/p>\n<p>Gegen alle kirchlich zitierten oder beschworenen Bindungen gibt es das eben doch: Da\u00df Menschen sich selbst leben und allein sterben. Da\u00df Menschen trotz Betriebsamkeit und Das-wird-schon-wieder-Zuwendung einsam leben und sterben. Da\u00df wir einander Leben verweigern. Teilnahme und Teilhabe streitig machen. Als Starke die Schwachen bel\u00e4cheln oder als Schwache die Starken angreifen.<\/p>\n<p>Gegen jedes kirchliche Wunschdenken gibt es eben auch den Freiheitswunsch, nichts und niemandem untertan zu sein. Unbefangen erst einmal &#8222;ich&#8220; zu sagen, weil das &#8222;wir&#8220;, weil die Gemeinschaft, die Bindungen und Beziehungen anstrengend sind. Man kann das als gesunde Emanzipation begr\u00fc\u00dfen oder als kranke Bindungsunwilligkeit brandmarken, wir m\u00fcssen diese Haltung in jedem Fall zur Kenntnis nehmen. In der H\u00e4ufigkeitsverteilung sind die &#8222;Ich&#8220;-Sager ohnehin auf dem Vormarsch. Und niemand soll so vermessen sein, damit immer nur andere Menschen zu meinen. Wir selbst stecken tief mit in dieser Orientierungskrise.<\/p>\n<p>Wir sind es nicht gewohnt, die Sinnfrage zu stellen. Und wir sind es schon gar nicht gewohnt, sie uns von anderen beantworten, also vorschreiben zu lassen. Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat 1997 ihre Mitglieder befragt. Eine Frage lautete: &#8222;Wie denken Sie \u00fcber den Sinn des Lebens?&#8220; Die meiste Zustimmung erhielt sowohl bei Kirchenmitgliedern wie auch bei konfessionslosen Menschen in West- und Ostdeutschland die Antwort: &#8222;Das Leben hat nur dann einen Sinn, wenn man ihm selbst einen gibt.&#8220;<\/p>\n<p>Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn? Das war und ist schon innerhalb der christlichen Gemeinde fremd und strittig. Diese Eigentumserkl\u00e4rung reibt sich an unserem Freiheitsdrang und Freiheitsverst\u00e4ndnis, wir erleben sie zun\u00e4chst als einengend und belastend.<\/p>\n<p>Der Frankfurter Pfarrer Lothar Zenetti hat Ende der 70er Jahre ein Gedicht mit dem Titel &#8222;Die Freiheit&#8220; ver\u00f6ffentlicht. Es beginnt so:<\/p>\n<p><em>Sie waren es leid,abh\u00e4ngig zu sein,die in ihren Schiffen,zum Beispiel vom Wind,der weht wo er will.<\/em><\/p>\n<p><em>So haben sie die Segel eingeholt,die Masten gekappt,die T\u00fccher zerrissen.Frei wollten sie sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Auch die Ruder haben sie\u00fcber Bord geworfen, denSteuermann mit seinen Ratschl\u00e4gen,den Kompa\u00df und s\u00e4mtliche Ger\u00e4te,die sie bedienen mu\u00dften.Frei wollten sie sein.<\/em><\/p>\n<p><em>Niemandem untertan, keinem Kurs,keiner Himmelsrichtung verpflichtet,keinem Land zugeh\u00f6rig,kein Hafen als Ziel. Frei.<\/em><\/p>\n<p>Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn.<\/p>\n<p>Was Paulus der Gemeinde in Rom und allen Christen sagt, das liegt quer zu unseren Erfahrungen und W\u00fcnschen. Frei wollen wir sein, niemandem untertan. Und Paulus beharrt: Seit Christus sich an die Existenz des Menschen und \u00fcber die Existenz des Menschen hinaus an uns gebunden hat, sind wir sein Eigentum. Eigentum dessen, der von seinen J\u00fcngern an seinen N\u00e4gelmalen wiedererkannt wird. Zu dem sie wieder &#8222;Herr&#8220; sagen. Der sie als Boten und Zeugen der Auferstehung in die Welt sendet mit dieser Besitzzusage. Was auch immer wir zu verlieren haben, wem auch immer wir etwas schuldig bleiben: Diese Besitzanzeige ist unverlierbar. Paulus wei\u00df: Hier geht es nicht um den Bruder Jesus, den guten Menschen aus Nazareth, den j\u00fcdischen Wanderprediger, hier geht es um die Herrschaft Christi. Wir geh\u00f6ren zu ihm im Leben und im Sterben und \u00fcber den Tod hinaus. Unser Leben ereignet sich im Angesicht des Gekreuzigten und Auferstandenen. Da gibt es keine &#8222;Freihandelszone&#8220;.<\/p>\n<p>Wenig sp\u00e4ter spitzt Paulus diese Nachricht noch einmal zu: &#8222;Wir werden alle vor den Richterstuhl Gottes gestellt werden.&#8220; Dort wird der t\u00e4gliche Kleinkrieg zur Erlangung immer gr\u00f6\u00dferer Freiheiten kaum noch eine Rolle spielen. Dort wir es ernst. Dort werden wir nicht nach Speise- oder Feiertagsgeboten gefragt.<\/p>\n<p>Irgendwann werden wir nicht danach gefragt, was wir getan oder unterlassen haben, sondern wem wir vertraut, wem wir geglaubt haben.<\/p>\n<p>Wir sind des Herrn Eigentum, Schatz, Kostbarkeit &#8211; bedenkt das.<\/p>\n<p>Das Gedicht von Lothar Zenetti geht so weiter:<\/p>\n<p><em>Auch die Erinnerungenwarfen sie \u00fcber Bordund den Glauben.Nun trieben sie endlich dahin,unabh\u00e4ngig und orientierungslos.<\/em><\/p>\n<p>Das Datum des heutigen Sonntages weist auf ein Ereignis hin, das unmittelbar mit Erinnerungs- und Geschichtslosigkeit und deren menschenverachtenden Folgen zu tun hat. Morgen wird im ganzen Land und in vielen Gottesdiensten an die 60. Wiederkehr der Reichspogromnacht im Jahr 1938 gedacht. Wir erinnern uns an die Schattenseite der Selbstbestimmungsbem\u00fchungen eines ganzen Volkes. Eines? Unseres Volkes. Staatsterror brachte j\u00fcdischen Mitb\u00fcrgern in dieser Nacht den Tod, eine Verhaftungs- und Deportationswelle beraubte sie ihrer Rechte, Synagogen gingen in Flammen auf, Gesch\u00e4fte zu Bruch, der R\u00fcckfall in die Barbarei schritt fort. Das ist und bleibt eine Anfrage an den Glauben.<\/p>\n<p>Glaube ist ein Beziehungsereignis. Ist die Beziehung gest\u00f6rt oder gar zerst\u00f6rt, kann Erinnerungsarbeit ein Wall sein, Entw\u00fcrdigung zu verhindern. 1938, in den Jahren vorher und nachher, hat dieser Wall nicht gehalten, waren gemeinsame Lebensgrundlagen au\u00dfer Kraft gesetzt und \u00fcber Bord geworfen. Wir erschrecken angesichts der Folgen menschlichen Gr\u00f6\u00dfenwahns f\u00fcr die Opfer und ihre Angeh\u00f6rigen. Und wir sch\u00e4men uns. Wir sch\u00e4men uns auch des Unglaubens, der von uns Besitz ergreift.<\/p>\n<p><em>Auch die Erinnerungenwarfen sie \u00fcber Bordund den Glauben.<\/em><\/p>\n<p>Er mag uns sperrig erscheinen, anst\u00f6\u00dfig, schwer zu verstehen und anderen schwer weiterzusagen, aber wir brauchen diesen Einspruch des Paulus und noch mehr die Besitzanzeige durch Christus. Unser Leben ereignet sich in Angesicht des Auferstandenen. Wir geh\u00f6ren ihm. Sein Besitzanspruch auf uns bewahrt uns vor einem freundlich distanzierten Nebeneinander und macht uns frei, miteinander zu leben: Bei allen Unterschieden gemeinsam Zeugen des Auferstandenen zu sein.<\/p>\n<p>Denn dazu ist Christus gestorben und wieder lebendig geworden, da\u00df er \u00fcber Tote und Lebende Herr sei.<\/p>\n<p>Die Bootsmannschaft in Lothar Zenettis Gedicht erf\u00e4hrt es so:<\/p>\n<p><em>Auch die Erinnerungenwarfen sie \u00fcber Bordund den Glauben.Nun trieben sie endlich dahin,unabh\u00e4ngig und orientierungslos.<\/em><\/p>\n<p><em>Aber immer noch trug siedas Wasser.Da\u00df sie das nicht bedachten!?<\/em><\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Eckhard Gorka<\/p>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge aus: Gottesdienst &#8211; Arbeitshilfe zur Erneuerten Agende, 5. Lieferung, 11. Jg., hrsg. von der Liturgischen Konferenz Niedersachsens e.V., Tel.: 0511-1241-486:<\/p>\n<p>EG 283, 1-3.5-7 (Herr, der du vormals hast dein Land<\/p>\n<p>EG 154, 1+4 (Herr, mach uns stark)<\/p>\n<p>EG 195, 1-2 (Allein auf Gottes Wort)<\/p>\n<p>EG 516, 1-3+7 (Christus, der ist mein Leben)<\/p>\n<p>EG 526, 1+2+7 (Jesus, meine Zuversicht)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr | 8.11.1998 | R\u00f6mer 14,7-9 |\u00a0Eckhard Gorka | Liebe Gemeinde, &#8222;Unser keiner lebt sich selber, und keiner stirbt sich selber. Leben wir, so leben wir dem Herrn; sterben wir, so sterben wir dem Herrn. Darum: wir leben oder sterben, so sind wir des Herrn. Denn dazu ist Christus gestorben und wieder [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":18995,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[41,727,157,853,114,587,1641,916,349,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21807","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-roemer","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-drittl-s-d-kj","category-eckhard-gorka","category-kapitel-14-chapter-14-roemer","category-kasus","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21807","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21807"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21807\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21808,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21807\/revisions\/21808"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/18995"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21807"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21807"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21807"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21807"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}