{"id":21809,"date":"1998-11-17T08:15:25","date_gmt":"1998-11-17T07:15:25","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21809"},"modified":"2025-03-17T08:17:59","modified_gmt":"2025-03-17T07:17:59","slug":"roemer-818-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-818-23\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 8,18-23"},"content":{"rendered":"<h3>Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, Volkstrauertag | 15.11.1998 | R\u00f6mer 8,18-23 | Johannes Neukirch |<\/h3>\n<p>&#8222;Denn ich bin \u00fcberzeugt, da\u00df dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegen\u00fcber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das \u00e4ngstliche Harren der Kreatur wartet darauf, da\u00df die Kinder Gottes offenbar werden. Die Sch\u00f6pfung ist ja unterworfen der Verg\u00e4nglichkeit &#8211; ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat -, doch auf Hoffnung; denn auch die Sch\u00f6pfung wird frei werden von der Knechtschaft der Verg\u00e4nglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes. Denn wir wissen, da\u00df die ganze Sch\u00f6pfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich \u00e4ngstet. Nicht allein aber sie, sondern auch wir selbst, die wir den Geist als Erstlingsgabe haben, seufzen in uns selbst und sehnen uns nach der Kindschaft, der Erl\u00f6sung unseres Leibes.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>&#8222;Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn!&#8220; hat Gabriel Marcel gesagt. Dieser Satz hat es in sich. Stellen wir uns das doch mal vor: Die Toten der Kriege und Verbrechen w\u00fcrden nicht schweigen, sondern reden, schreien, klagen, jammern. Das ist eine furchtbare Vorstellung! Wenn die Toten nicht schweigen w\u00fcrden, dann w\u00fcrden sie uns sicherlich ununterbrochen ins Gewissen reden, sie w\u00fcrden uns warnen, uns anflehen: H\u00f6rt auf mit dem Unfrieden, mit dem Ha\u00df, mit der Habgier, mit dem Morden. Sie w\u00fcrden uns fragen: Wie konnte das geschehen? Wir verstehen nicht, weshalb so viele weggeschaut haben, einfach nicht wahrnehmen wollten, was damals geschehen ist.<\/p>\n<p>Aber es ist nun mal so: Die Toten schweigen. Nur deshalb k\u00f6nnen wir heute am Volkstrauertag der Toten gedenken, die durch Kriege und Gewaltherrschaft ihr Leben verloren haben. Denn eigentlich mu\u00df man doch verr\u00fcckt werden wenn man bedenkt, da\u00df Millionen und Abermillionen Menschen auf den Schlachtfeldern, in den Bombenn\u00e4chten, auf der Flucht, in der Gefangenschaft und in Konzentrationslagern ihr meist junges Leben gelassen haben. Nur weil die Toten schweigen, k\u00f6nnen wir heute damit leben.<\/p>\n<p>Genau das ist aber auch der Grund daf\u00fcr, da\u00df wir den Volkstrauertag begehen. An diesem Tag geben wir den Toten eine Stimme &#8211; wir ermahnen uns zum Frieden, zu Gerechtigkeit, zu Vers\u00f6hnung. Verglichen damit, was los w\u00e4re, wenn die Millionen selbst reden w\u00fcrden, ist das eine ganz leise, zaghafte Stimme. Aber wir haben heute wenigstens zu dieser leisen Stimme Gelegenheit, und es ist gut, da\u00df wir diese Gelegenheit nutzen.<\/p>\n<p>&#8222;Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn!&#8220; &#8211; leider hat sich das ja immer wieder best\u00e4tigt. Nicht einmal die leise Stimme des Volkstrauertages, die gegen dieses Schweigen sich erheben will, konnte daran etwas \u00e4ndern. Vier Jahre nach dem Ende des ersten Weltkrieges gab es das erste mal einen Volkstrauertag. In einer Gedenkfeier im Reichstag gedachten die Deutschen ihrer Gefallenen. Auch damals war dieser Tag ein Tag der Mahnung zum Frieden. Sicherlich ahnte an diesem Tag niemand, da\u00df nicht einmal zwanzig Jahre sp\u00e4ter ein noch viel entsetzlicherer Krieg Schrecken und Verw\u00fcstung \u00fcber viele L\u00e4nder brachte.<\/p>\n<p>&#8222;Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn!&#8220; Das ist ein sehr pessimistischer Satz. Er klingt so, als g\u00e4be es keinen Ausweg aus dem Verh\u00e4ngnis, als k\u00f6nnten wir nichts daraus lernen, da\u00df in der Geschichte der Menschheit schon viele Millionen Menschen sinnlos gestorben sind.<\/p>\n<p>Wenn wir den Predigttext h\u00f6ren, best\u00e4tigt sich dieser Pessimismus. &#8222;Denn wir wissen, da\u00df die ganze Sch\u00f6pfung bis zu diesem Augenblick mit uns seufzt und sich \u00e4ngstet&#8220; schreibt Paulus, und daran hat sich bis heute nichts ge\u00e4ndert. Paulus rechnet damit, da\u00df er selbst und andere leiden m\u00fcssen. Er spricht von den &#8222;Leiden dieser Zeit&#8220; und an keiner Stelle davon, da\u00df die irgendwann mal in unserer irdischen Zeit aufh\u00f6ren w\u00fcrden. Auch f\u00fcr ihn geht das immer so weiter, und heute, viele Jahre sp\u00e4ter wissen wir, da\u00df er damit recht behalten hat. Es ist so weitergegangen, vielleicht schlimmer geworden. Paulus hat das absolut realistisch gesehen.<\/p>\n<p>Genau so klar beschreibt Paulus auch, was daraus folgt: die Sehnsucht der Menschen nach Erl\u00f6sung aus der Verg\u00e4nglichkeit. Die Sehnsucht nach Herrlichkeit und nach Freiheit von Leid, Schmerz und Tod. Und es klingt fast wie ein Vorwurf gegen den Sch\u00f6pfer, wenn er sagt: &#8222;Die Sch\u00f6pfung ist ja unterworfen der Verg\u00e4nglichkeit &#8211; ohne ihren Willen, sondern durch den, der sie unterworfen hat.&#8220; &#8211; Ohne da\u00df wir das wollen, m\u00fcssen wir sterben. Deshalb ist die Sehnsucht nach Erl\u00f6sung von der Verg\u00e4nglichkeit ein urmenschlicher Trieb. Wir sind eigentlich, im Grunde unseres Herzens, nicht damit einverstanden, da\u00df die Welt, die ganze Sch\u00f6pfung, so ist, wie sie ist. Und wir sehnen uns mit aller Kraft nach einer anderen, besseren Welt.<\/p>\n<p>An dieser Stelle sagt uns nun Paulus: Wir sind zwar verg\u00e4nglich, wir m\u00fcssen auch leiden &#8211; das ist richtig und unab\u00e4nderlich. Die jetzige, bestehende Welt wird nicht besser. Was es aber gibt, das ist eine fest begr\u00fcndete Hoffnung: Die Hoffnung, da\u00df es eine\u00a0<em><strong>neue<\/strong><\/em>\u00a0Sch\u00f6pfung geben wird! An Jesus Christus haben wir gesehen, da\u00df wir durch den Tod hindurchgehen und wieder auferstehen werden. Durch seine Auferstehung haben wir einen Blick auf die zuk\u00fcnftige Welt geworfen, die nicht mehr seufzt, nicht mehr trauert und nicht mehr verg\u00e4nglich ist.<\/p>\n<p>&#8222;Weil die Toten schweigen, beginnt alles wieder von vorn!&#8220; Dieser Satz hat es in sich, habe ich anfangs gesagt. Er hat sich in erschreckender Weise best\u00e4tigt. Aber gleichzeitig ist er schon jetzt durch Jesus Christus widerlegt! An dem Tag, an dem Gott seine neue Sch\u00f6pfung machen wird, gilt er nicht mehr. Dann beginnt nichts mehr wieder von vorn. Dann k\u00f6nnen die Toten wieder reden, und niemand hat mehr Angst vor ihren Stimmen, niemand mu\u00df sich dann noch die Ohren zuhalten, denn &#8222;die Sch\u00f6pfung wird frei werden von der Knechtschaft der Verg\u00e4nglichkeit zu der herrlichen Freiheit der Kinder Gottes&#8220;.<\/p>\n<p>Ich glaube, liebe Gemeinde, da\u00df wir auch schon heute, am Volkstrauertag 1998, etwas von dieser herrlichen Freiheit der Kinder Gottes haben &#8211; durch die Hoffnung. Die Hoffnung darauf, da\u00df wir eines Tages endg\u00fcltig von der Verg\u00e4nglichkeit erl\u00f6st werden, die erm\u00f6glicht es uns, heute den Toten unsere Stimmen zu verleihen. Die Hoffnung auf die neue Sch\u00f6pfung l\u00e4\u00dft uns heute sagen: Wir gedenken der Toten, damit wir selbst Frieden halten und schaffen. Wir gedenken der Opfer von Gewaltverbrechen, damit wir selbst mutig genug sind, gegen Gewalt anzugehen. Denn wir sind &#8211; mit Paulus &#8211; davon \u00fcberzeugt, da\u00df die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegen\u00fcber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Wir gehen auf eine neue Sch\u00f6pfung zu &#8211; deshalb la\u00dft uns alles uns m\u00f6gliche daf\u00fcr tun, da\u00df wir in der jetzigen Sch\u00f6pfung f\u00fcr Frieden und Gerechtigkeit sorgen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Johannes Neukirch, Pastor in Hemmoor-Warstade<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:Johannes.Neukirch@t-online.de\">Johannes.Neukirch@t-online.de<\/a><\/p>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge aus: Gottesdienst &#8211; Arbeitshilfe zur Erneuerten Agende, 5. Lieferung, 11. Jg., hrsg. von der Liturgischen Konferenz Niedersachsens e.V., Tel.: 0511-1241-486:<\/p>\n<p>EG 612 (Herr, gib mir Mut zum Br\u00fcckenbauen)<\/p>\n<p>EG 617, (Unfriede herrscht auf Erden)<\/p>\n<p>EG 619 (Damit aus Fremden Freunde werden)<\/p>\n<p>EG 620 (Freunde da\u00df der Mandelzweig)<\/p>\n<p>EG 421 (Verleih uns Frieden gn\u00e4diglich)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorletzter Sonntag im Kirchenjahr, Volkstrauertag | 15.11.1998 | R\u00f6mer 8,18-23 | Johannes Neukirch | &#8222;Denn ich bin \u00fcberzeugt, da\u00df dieser Zeit Leiden nicht ins Gewicht fallen gegen\u00fcber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Denn das \u00e4ngstliche Harren der Kreatur wartet darauf, da\u00df die Kinder Gottes offenbar werden. 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