{"id":2181,"date":"2020-03-18T14:15:37","date_gmt":"2020-03-18T13:15:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2181"},"modified":"2020-03-18T14:15:37","modified_gmt":"2020-03-18T13:15:37","slug":"wie-eine-mutter","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wie-eine-mutter\/","title":{"rendered":"Wie eine Mutter\u2026"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt zu Jesaja 66, 10-14, verfasst von Verena Salvisberg |<\/h3>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freut euch \u2013 eine seltsame Aufforderung mitten in der Passionszeit.<\/p>\n<p>Freut euch \u2013 eine seltsame Aufforderung in Zeiten des Corona-Virus und all den Folgen, die seine rasend schnelle Verbreitung f\u00fcr unseren Alltag hat.<\/p>\n<p>Schulen geschlossen, Anl\u00e4sse gestrichen, Risikogruppen definiert, Verhaltensmassnahmen gefordert \u2013 von allem am Schlimmsten finde ich, was unter dem Stichwort \u00absocial distancing\u00bb gefordert wird. Eine Massnahme, die die Verbreitung des Virus stoppen oder zumindest verlangsamen soll. Damit will man verhindern, dass das Gesundheitswesen unter einer zu grossen Anzahl von Corona-Patienten zusammenbricht.<\/p>\n<p>Social distancing \u2013 trostlos ist das, liebe Gemeinde. Und etwas, was die Kirche in der Mitte trifft. Was sollen wir noch, wenn man uns Gottes Menschenfreundlichkeit nicht mehr leiblich werden l\u00e4sst? Wozu sind wir denn noch n\u00fctze, wenn wir nicht mehr Besuche machen d\u00fcrfen im Altersheim und im Spital? Wenn wir nicht mehr einladen d\u00fcrfen zu heiteren und besinnlichen Nachmittagen f\u00fcr \u00e4ltere Menschen? Wenn wir nicht mehr zusammenbleiben d\u00fcrfen nach dem Gottesdienst bei Kirchenkaffee oder Ap\u00e9ro? Wenn sich Konfirmand*innen im Gruppenchat dar\u00fcber unterhalten, ob sie wohl besser auf den Kirchengang verzichten \u00abi go nid\u2026weg de alte l\u00fct\u2026wenn eper vo \u00fcs ds virus het de ch\u00f6i d l\u00fct us der chile dran sterbe\u00bb<a href=\"applewebdata:\/\/28F78BFF-8584-4C60-9F9E-44B10D89B851#_ftn1\" name=\"_ftnref1\">[1]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Freut euch \u2013 gerade heute kommt uns dieser Zuruf fremd vor, aber es ist der Anfang unseres Predigtwortes aus dem Propheten Jesaja:<\/p>\n<p><em>Freut euch mit Jerusalem, und jauchzt \u00fcber sie, alle, die ihr sie liebt! Frohlockt von Herzen mit ihr, alle, die ihr um sie trauert! Damit ihr trinkt und satt werdet an der Brust ihres Trosts, damit ihr schl\u00fcrft und euch erquickt an ihrer prall gef\u00fcllten Mutterbrust. Denn so spricht der HERR: Sieh, wie einen Strom leite ich den Frieden zu ihr und den Reichtum der Nationen wie einen flutenden Fluss, und ihr werdet trinken, auf der H\u00fcfte werdet ihr getragen, und auf den Knien werdet ihr geschaukelt. Wie einen, den seine Mutter tr\u00f6stet, so werde ich euch tr\u00f6sten, und getr\u00f6stet werdet ihr in Jerusalem. Und ihr werdet es sehen, und euer Herz wird frohlocken, und eure Knochen werden erstarken wie junges Gr\u00fcn. Und die Hand des HERRN wird sich bekannt machen bei seinen Dienern und sein Zorn bei seinen Feinden.<\/em><\/p>\n<p>Die prall gef\u00fcllte Mutterbrust, an der das Menschenkind schl\u00fcrfen und sich erquicken kann. Auf der H\u00fcfte wird es getragen und auf den Knien geschaukelt. Das sind sinnliche Bilder von inniger N\u00e4he. Die im Satz gipfeln: \u00ab<em>Wie einen, den seine Mutter tr\u00f6stet, so werde ich euch tr\u00f6sten, und getr\u00f6stet werdet ihr in Jerusalem\u00bb.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wie eine Mutter\u2026<\/em><\/p>\n<p>So konkret, so lustvoll, so k\u00f6rperlich wird hier gesprochen, wir k\u00f6nnen gar nicht anders als an M\u00fctter denken, die wir kennen. Uns erinnern an unsere eigenen M\u00fctter, den Trost des Mutterschosses. Die offenen Arme, auch wenn wir uns verrannt haben.<\/p>\n<p>Oder an die M\u00fctter, die wir selber sind, die Liebe die uns widerfahren ist bei der Geburt unserer Kinder, vom ersten Moment an. Eine strapazierf\u00e4hige Liebe, \u00fcber die wir uns selbst immer wieder wundern.<\/p>\n<p>Martin Luther hat geschrieben, Gott sei \u201ewie ein Backofen voller Liebe\u201c, ein pers\u00f6nliches Bekenntnis zum liebenden und sorgenden Gott: zu dessen W\u00e4rme und Beheimatung f\u00fcr uns Menschen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wie eine Mutter\u2026<\/em><\/p>\n<p>Bei allen sch\u00f6nen Erinnerungen, bei aller Mutter-Romantik: Nicht jede und jeder kann da einstimmen. Es gibt Menschen, f\u00fcr die ist dieser Vers unertr\u00e4glich. Die von ihrer Mutter Ablehnung und H\u00e4rte erfahren haben, die ihr Kind nicht lieben konnten. Einem Gott als liebender Mutter k\u00f6nnen sie nicht trauen. Ein trostvolles Mutterbild ist f\u00fcr sie eine Herausforderung.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wie eine Mutter\u2026<\/em><\/p>\n<p>An dieser Stelle im Jesajabuch wird neben den vielen m\u00e4nnlichen Gottesbildern in der Bibel eines mit deutlich weiblichen Z\u00fcgen entworfen.<\/p>\n<p>Die prall gef\u00fcllte Mutterbrust, an der das Menschenkind schl\u00fcrfen und sich erquicken kann. Die H\u00fcfte, auf der es getragen wird und die Knie, auf denen es geschaukelt wird.<\/p>\n<p>Das mag f\u00fcr viele ein Trost sein, gerade auch f\u00fcr die, die mit einem Vatergott hadern.<\/p>\n<p>Ein sorgendes, n\u00e4hrendes, trostreiches Bild von Gott.<\/p>\n<p>Es ist wohl so: Gott ist weder m\u00e4nnlich noch weiblich. Aber wie k\u00f6nnten wir ihn anders beschreiben als in Bildern, anders von ihm sprechen als in unserer Sprache, ihn anders denken als in uns zur Verf\u00fcgung stehenden Kategorien?<\/p>\n<p>Und das sind wir in guter Gesellschaft mit unseren Vorfahren im Glauben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Wie eine Mutter\u2026<\/em><\/p>\n<p>Wenn wir von Gott als einer tr\u00f6stenden Mutter sprechen, spielen unsere M\u00fctterbilder eine Rolle.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte heute weitere dazu legen. Zwei Bilder, die aus Filmen stammen und die sich mir unvergesslich eingepr\u00e4gt haben.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das erste stammt aus dem Film \u00abDead man walking\u00bb, der 1996 erschienen ist. Er handelt von einem Mann, der ein junges Paar ermordet hat und in der Todeszelle auf seine Hinrichtung wartet. Die Nonne Helen nimmt zu ihm Kontakt auf und besucht ihn. Sie lernt sowohl die Angeh\u00f6rigen der Opfer und auch die des T\u00e4ters n\u00e4her kennen. Bei ihren Besuchen bei den Familien werden ihr die Fotoalben mit Kinderfotos gezeigt: Bei den Eltern des Opfers ein Foto eines etwa vierj\u00e4hrigen herzigen Jungen mit gelben Gummistiefeln und bei den Eltern des T\u00e4ters ein praktisch identisches Foto eines etwa vierj\u00e4hrigen herzigen Jungen mit gelben Gummistiefeln. Sehr eindr\u00fccklich wird hier filmisch ausgedr\u00fcckt, wie unverf\u00fcgbar das Leben der Kinder f\u00fcr die M\u00fctter ist. \u00abKei Mueter weiss, was ihrem Chind wird gscheh..\u00bb, sang schon die Maria der Z\u00e4ller Weihnacht.<a href=\"applewebdata:\/\/28F78BFF-8584-4C60-9F9E-44B10D89B851#_ftn2\" name=\"_ftnref2\">[2]<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Das zweite Bild stammt aus dem Film \u00abTitanic\u00bb aus dem Jahr 1997. Die ganze zweite H\u00e4lfte des dreist\u00fcndigen Films dreht sich um den Untergang des Schiffs, unter anderem werden Szenen gezeigt, wie sich privilegierte Menschen einen Platz in den nicht ausreichend vorhandenen Rettungsbooten sichern. Schon relativ bald wird f\u00fcr die Drittklasspassagiere der Zugang zum Oberdeck abgeriegelt. Sie haben also keine Chance, sich auf dem sinkenden Schiff in Sicherheit zu bringen. In einer eindr\u00fccklichen Szene bringt eine Mutter ihre Kinder ins Bett, mit dem f\u00fcr sie gewohnten Gutenachtritual mit Lied und Gebet. Es ist klar, der Tod der ganzen Familie steht unmittelbar bevor, aber die Mutter l\u00e4sst sich nichts anmerken. Sie ist nur Mutter, das einzige, was sie noch tun kann.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und noch etwas m\u00f6chte ich diesen M\u00fctterbildern hinzuf\u00fcgen: So ganz fremd ist das mit dem social distancing auch den M\u00fcttern nicht. Mindestens nicht denen, die Kinder in der Pubert\u00e4t haben oder Kinder, die sich von ihnen entfernt oder losgesagt haben. Die Erfahrung, dass k\u00f6rperliche und seelische N\u00e4he abgelehnt wird, vielleicht nur auf Zeit, aber trotzdem. Dass Muttertrost nicht gefragt ist. Es gab eine Zeit, da war f\u00fcr meine Kinder die Rede von der prall gef\u00fcllten Mutterbrust, von der tragenden H\u00fcfte und den wiegenden Knien und dass sie damit etwas zu tun gehabt haben sollen, mit grossem Ekel verbunden. Die Zur\u00fcckweisung schmerzt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Und das gilt auch f\u00fcr Gott: \u00ab<em>Ich war erfragbar f\u00fcr die, die nicht nach mir fragten, ich liess mich finden, von denen, die mich nicht suchten (Jes 65,1)\u2026 die sagen: Bleib, wo du bist! Komm mir nicht nah! (65,5)\u00bb.<\/em><\/p>\n<p>Es tr\u00f6stet die Erfahrung, dass trotz der k\u00f6rperlichen Distanz das Band der Liebe da ist, hindurchtr\u00e4gt und tr\u00f6stet.<\/p>\n<p>Darin besteht die Kraft dieses Jesaja-Wortes: Es verk\u00fcndet die gute Nachricht, dass die Welt trotz aller Bedrohung und Gef\u00e4hrdung auch voller Trost ist: in den Armen von M\u00fcttern und V\u00e4tern, von Freundinnen und Freunden, Familien und Nachbarschaften, aber auch im treuen Verk\u00fcnden dieser Spur des tr\u00f6stlichen Friedens, den Gott seiner Welt verspricht. Einer Liebe, die Distanz aush\u00e4lt.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Wir sind die, die davon erz\u00e4hlen sollen, das ist unsere Aufgabe.<\/p>\n<p><em>Social distant<\/em>, nicht weil das unserem Wunsch entspricht oder unserer Berufung, sondern weil das anscheinend jetzt n\u00f6tig ist. Dennoch vertrauend, beharrlich hoffend auf diese Zusage:<\/p>\n<p><em>Und ihr werdet es sehen, und euer Herz wird frohlocken, und eure Knochen werden erstarken wie junges Gr\u00fcn.<\/em><\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Pfrn. Verena Salvisberg Lantsch<\/p>\n<p>Roggwil<\/p>\n<p>E-Mail: <a href=\"mailto:verenasalvisberg@bluewin.ch\">verenasalvisberg@bluewin.ch<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Verena Salvisberg Lantsch, geb. 1965, Pfarrerin seit 1. Dezember 2018 in Roggwil BE, vorher in Laufenburg und Frick.<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/28F78BFF-8584-4C60-9F9E-44B10D89B851#_ftnref1\" name=\"_ftn1\">[1]<\/a> Ich gehe nicht\u2026 wegen den alten Leuten\u2026wenn jemand von uns das Virus hat, dann k\u00f6nnten die Leute aus der Kirche daran sterben..<\/p>\n<p><a href=\"applewebdata:\/\/28F78BFF-8584-4C60-9F9E-44B10D89B851#_ftnref2\" name=\"_ftn2\">[2]<\/a> Die Zeller Weihnacht\u00a0 ist ein musikalisches\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Krippenspiel\">Krippenspiel<\/a>\u00a0und Singspiel von\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Paul_Burkhard_(Komponist)\">Paul Burkhard<\/a>. Erstmals aufgef\u00fchrt wurde es in der Dorfkirche in\u00a0<a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Zell_ZH\">Zell<\/a>\u00a0(s\u00fcd\u00f6stlich von Winterthur) im Jahr 1960.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt zu Jesaja 66, 10-14, verfasst von Verena Salvisberg | &nbsp; Freut euch \u2013 eine seltsame Aufforderung mitten in der Passionszeit. Freut euch \u2013 eine seltsame Aufforderung in Zeiten des Corona-Virus und all den Folgen, die seine rasend schnelle Verbreitung f\u00fcr unseren Alltag hat. 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