{"id":21811,"date":"1998-11-17T08:18:03","date_gmt":"1998-11-17T07:18:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21811"},"modified":"2025-03-17T08:20:27","modified_gmt":"2025-03-17T07:20:27","slug":"roemer-21-11-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/roemer-21-11-3\/","title":{"rendered":"R\u00f6mer 2,1-11"},"content":{"rendered":"<h3>Bu\u00df- und Bettag | 18.11.1998 | R\u00f6mer 2,1-11 |\u00a0Christian-Erdmann Schott |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Es ist \u00fcberall das gleiche. Wo ich auch hinkomme, ich begegne Menschen, die sich \u00fcber den Geist unserer Zeit beklagen: Werteverfall, Egoismus, Vandalismus, Kriminalit\u00e4t hei\u00dfen die Kritikpunkte. Demgegen\u00fcber wird die Forderung nach Wiederbelebung verlorener Werte wie Solidarit\u00e4t, Toleranz laut.<\/p>\n<p>Diese Unzufriedenheit zeitigt allerdings kaum realistische Wirkungen. Es werden Aussch\u00fcsse eingesetzt, die die Ursachen beispielsweise von Gewalt an den Schulen untersuchen sollen. Es werden hier und da Konfliktberater oder Psychologen eingestellt, die helfen sollen. Mehr geschieht kaum.<\/p>\n<p>Mehr kann auch nicht geschehen, wenn wir nicht den Mut haben, die tieferen Ursachen dieser negativen Zeiterscheinungen offenzulegen. Sie liegen letztlich in dem Unbeh\u00fctetsein so vieler Menschen, oder: in dem Gef\u00fchl, dem Leben schutzlos, ohne die Beh\u00fctung und Begleitung Gottes ausgeliefert zu sein. Viele gute M\u00f6glichkeiten und Anlagen kommen so nicht zur Ausbildung oder zum Zuge. Sie brauchen, um sich entwickeln zu k\u00f6nnen, einen Schutzraum, Geborgenheit, Ermutigung.<\/p>\n<p>Es ist leicht, sich dar\u00fcber zu entr\u00fcsten oder den Menschen Vorw\u00fcrfe zu machen. Der Apostel Paulus tut gut, wenn er uns davon abr\u00e4t: &#8222;Richtet nicht&#8220;. Nicht, weil es den Menschen nicht hilft und nichts \u00e4ndert. Er r\u00e4t uns ab, weil es uns schadet. Es macht uns leicht ungerecht. Wir verlangen etwas von anderen, das sie nun einmal nicht haben k\u00f6nnen. Wir vergessen, da\u00df uns selbst &#8222;ohn unser Verdienst und W\u00fcrdigkeit&#8220; (M. Luther) manche b\u00f6se Umst\u00e4nde, Erfahrungen, manche Verletzungen erspart geblieben sind; da\u00df es eine gro\u00dfe Gnade ist, wenn man in seinem Leben die Beh\u00fctung durch Gott hat erfahren d\u00fcrfen.<\/p>\n<p>Statt Entr\u00fcstung sollte unser Beitrag zu unserer Zeit sein, da\u00df wir versuchen, Gott im Leben der Menschen sichtbar zu machen. Ich wei\u00df, da\u00df das viel Liebe, Geduld, Gebet braucht und vor allem auch die M\u00f6glichkeit dazu gegeben sein mu\u00df. Wo kann ich schon mit jemandem so pers\u00f6nliche Gespr\u00e4che f\u00fchren? Aber vielleicht wissen wir doch von dem einen oder anderen, dem das eine Hilfe werden k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Dabei kommt es nicht darauf an, anderen meine Glaubenserfahrungen aufzudr\u00e4ngen. Es geht gar nicht um uns selbst. Es geht darum, beizutragen, da\u00df andere Menschen Gott in ihrem Leben finden und sehen lernen. Er hat sich ja doch nicht unbezeugt gelassen. Er ist ja da. Aber wir sehen es oft nicht.<\/p>\n<p>Es ist wichtig, da\u00df die Menschen wieder sp\u00fcren, wir sind nicht so verlassen und schutzlos, wie wir meinen; wir haben Gott ganz nahe, auch wenn wir es nicht wu\u00dften.<\/p>\n<p>In meiner pfarramtlichen Praxis habe ich viele Menschen kennengelernt, die mit Kirche, Bibel, Christentum nichts anfangen konnten, aber bekannten, da\u00df sie &#8222;gl\u00e4ubige Menschen&#8220; sind. Ich denke auch, da\u00df sie das sind. Ihre Schwierigkeit ist, Herz und Wissen, Glauben und Tradition zusammenzubringen. Hier liegen gro\u00dfe Aufgaben f\u00fcr uns alle.<\/p>\n<p>Den Menschen zu helfen, zum Glauben zu finden, sollte unser Beitrag sein. Hier haben wir zu wenig getan in den Familien und Kirchen. Die Sprachunf\u00e4higkeit in unserer Gesellschaft in diesen Dingen ist enorm. Aber das Bed\u00fcrfnis ist da. Die Esoterikwellen zeigen es.<\/p>\n<p>Wenn wir hier helfen, leisten wir den Beitrag, den nur die Christen leisten k\u00f6nnen. Im Grunde handelt es sich um eine Anwendung und Fortsetzung des Werkes Christi in unserer Zeit. Wenn die Menschen mit Gott wieder ins reine kommen, wird sich ihre Lebenseinstellung \u00e4ndern. Den Anfang aber m\u00fcssen wir machen. Das am Bu\u00df- und Bettag zu bedenken, steht der Gemeinde Gottes gut an.<\/p>\n<p>Man kann es bedauern, da\u00df dieser Tag zu einem nicht arbeitsfreien Feiertag gemacht worden ist. Es ist vor allem zu bedauern, weil im Zeitalter der Massenmedien die Themen &#8222;Bu\u00dfe&#8220; und &#8222;Gebet&#8220; schon jetzt weit weniger beachtet werden. Ein Feiertag sichert die Beachtung, wenn man nur an die Schulen denkt, st\u00e4rker. Jetzt wird der Bu\u00df- und Bettag nur noch von denen beachtet, die sich der Kirche verbunden f\u00fchlen. Aber das kann auch gut sein. Denn wenn sich in unserer Gesellschaft im Blick auf den Glauben etwas \u00e4ndern soll, m\u00fcssen zuerst wir in den Kirchen Bu\u00dfe tun und Gott bitten, da\u00df er uns f\u00fcr diese guten Werke, die wir tun m\u00fcssen, ausr\u00fcstet.<\/p>\n<p>Da\u00df Gott dahinter steht, k\u00f6nnen wir glauben. &#8222;Da\u00df alle Menschen zur Erkenntnis der Wahrheit kommen&#8220; (I. Tim. 2,4), ist das Ziel der Sendung Christi. Er wird auch uns fragen, wie wir es mit diesem guten Werk gehalten haben. Er wird es an das Licht ziehen, wenn er sein Gericht h\u00e4lt. Er wird es auszeichnen durch seine N\u00e4he, durch &#8222;Preis und Ehre und unverg\u00e4ngliches Wesen&#8220; (V. 7; 10).<\/p>\n<p>Die, bei denen nichts zu finden ist, will er dann allerdings nicht in seiner N\u00e4he haben. &#8222;Ungnade und Zorn&#8220; sind ihnen angedroht. Die Z\u00e4nkischen und Verleumder werden dabei besonders genannt &#8211; aber nicht, um sie als endg\u00fcltig abgeschrieben hinzustellen, sondern um zu warnen und aufzufordern, sich zu \u00e4ndern und Bu\u00dfe zu tun. Noch ist das m\u00f6glich.<\/p>\n<p>Wir haben in diesem Jahr die Erinnerung an die Anf\u00e4nge der Diakonie 1848 begangen. Damals war es die &#8222;Soziale Frage&#8220;, die Wichern, Fliedner, Kottwitz und viele andere auf den Plan gerufen hat. Heute ist die soziale Not finanziell zumindest abgefedert. Die seelische Not und Verwahrlosung ist die gr\u00f6\u00dfere. Wir stehen vor dieser gro\u00dfen Aufgabe. Wenn wir unsere Grenzen erkennen und Gott um Hilfe bitten, werden wir auch etwas zu Wege bringen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. Christian-Erdmann Schott, Elsa-Brandstr\u00f6m-Str. 21, 55124 Mainz<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bu\u00df- und Bettag | 18.11.1998 | R\u00f6mer 2,1-11 |\u00a0Christian-Erdmann Schott | Liebe Gemeinde! Es ist \u00fcberall das gleiche. Wo ich auch hinkomme, ich begegne Menschen, die sich \u00fcber den Geist unserer Zeit beklagen: Werteverfall, Egoismus, Vandalismus, Kriminalit\u00e4t hei\u00dfen die Kritikpunkte. Demgegen\u00fcber wird die Forderung nach Wiederbelebung verlorener Werte wie Solidarit\u00e4t, Toleranz laut. 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