{"id":21815,"date":"1998-11-17T08:23:05","date_gmt":"1998-11-17T07:23:05","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21815"},"modified":"2025-03-17T08:25:32","modified_gmt":"2025-03-17T07:25:32","slug":"offenbarung-211-7-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/offenbarung-211-7-2\/","title":{"rendered":"Offenbarung 21,1-7"},"content":{"rendered":"<h3>Letzter Sonntag im Kirchenjahr |\u00a022.11.1998 | Offenbarung 21,1-7 | Hans Joachim Schliep |<\/h3>\n<p>Vorbemerkung: Off 21f ist eine Textcollage: eine Bibelarbeit \u00fcber prophetische Texte (u. a. Jesaja 43,18f; 54,11-17; 65,17; Ezechiel 40-48). Der &gt;Seher&lt; sieht, was er liest. Seine Visionen sind Erinnerungen. Als erinnerte Zukunft ist Apokalypse, was ihr Name sagt: Aufdeckung, Enth\u00fcllung. Apokalypse verk\u00fcndet die Katastrophe nicht, sie will sie verhindern. Statt eschatologischer Spekulation oder gar Kalkulation fa\u00dft sie Ewigkeit als &#8222;das Andere der Zeit&#8220; (M. Theunissen) ins Bild, um die wirklichkeitserschlie\u00dfende Kraft der Gegenwart Gottes f\u00fcr die und in der Gemeinde neu zur Geltung zu bringen: die Realit\u00e4t ist nicht die Totalit\u00e4t. Im folgenden Predigtentwurf sind Formulierungen von J. Ebach, H. Luther und K.-P. Hertzsch verarbeitet. Eine richtige Textcollage zu Off 21,1-7 (u. a. mit Gedichten) kann beim Verfasser angefordert werden.<\/p>\n<p>&#8222;Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen,\/und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilige Stadt,\/das neue Jerusalem,\/von Gott aus dem Himmel herabkommen,\/bereitet wie eine geschm\u00fcckte Braut f\u00fcr ihren Mann. Und ich h\u00f6rte eine gro\u00dfe Stimme von dem Thron her, die sprach: Siehe da,\/die H\u00fctte Gottes bei den Menschen! Und er wird bei ihnen wohnen,\/und sie werden sein Volk (griech.: &#8222;seine V\u00f6lker&#8220;) sein,\/und er selbst,\/Gott mit ihnen,\/wird ihr Gott sein; und Gott wird abwischen alle Tr\u00e4nen von ihren Augen,\/und der Tod wird nicht mehr sein,\/noch Leid noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein; denn das Erste ist vergangen. Und der auf dem Thron sa\u00df, sprach: Siehe, ich mache alles neu! Und er spricht: Schreibe,\/denn diese Worte sind wahrhaftig und gewi\u00df! Und er sprach zu mir: Es ist geschehen. Ich bin das A und das O,\/der Anfang und das Ende. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst. Wer \u00fcberwindet, der wird es alles ererben,\/und ich werde sein Gott sein,\/und er wird mein Sohn sein.&#8220;<\/p>\n<p>Drei Steine, liebe Gemeinde, erinnern mich an den Urlaub vor f\u00fcnf Jahren, an meinen letzten Gang an den Strand. Ich bin allein, allein mit der See, dem Strand und den Steinen. Die Morgensonne begl\u00e4nzt die Wellen der Nordsee, die an den Strand branden. Ich hebe sie auf, die drei Steine, vom Wasser schon umsp\u00fclt, doch bevor die Flut sie ganz bedeckt. Im Glanz der Sonne glitzern sie. Da spiegeln sie einen Lichtstrahl zur\u00fcck, und ein Gedanke blitzt hinein in meinen Kopf: Das ist Zeit und das ist Leben. Zeit und Leben &#8211; etwas, das vorausliegt, weit voraus: In wieviel Jahrtausenden, Jahrmillionen hat das Meerwasser diese Steine glattgewaschen?! Und was hat sich alles in ihnen abgelagert?! Zeit und Leben &#8211; das ist zugleich etwas, das vorausl\u00e4uft und nie zur\u00fcck: die Reihe von Augenblicken und Atemz\u00fcgen, die nicht wiederkehrt. Die Zeit und das Leben: ein<\/p>\n<p>Weg ohne Umkehr, ohne Halt. Hat dieser Weg ein Ende, ein Ziel? Wenn er ein Ende hat, dann werde ich es &#8211; nach menschlichem Ermessen &#8211; zu meinen Lebzeiten nicht mehr erleben. Wie Zeit und Leben vor mir waren, werden Zeit und Leben nach mir sein.<\/p>\n<p>Ja, sch\u00f6n war es hier, denke ich. Aber nach menschlichem Ermessen wirst du hier nicht wieder hinkommen. Also: das letzte Mal an diesem Strand. Das letzte Mal &#8211; wie oft war das schon?! Wie oft hast du schon Abschied genommen, von Menschen, von Pl\u00e4nen, von Tr\u00e4umen?! Erinnerst du dich, als euer \u00c4ltester zum ersten Mal allein zur Schule ging&#8230;, die Tochter ihre eigene Wohnung bezog&#8230;, du beim Auszug die letzten Sachen aus der Wohnung in den M\u00f6belwagen brachtest&#8230;, und erst gestern hast du beim Einkauf bemerkt: diese Farbe steht dir jetzt doch nicht mehr. Ach, wenn&#8217;s nur das w\u00e4re! Wie lange ist es schon her, da\u00df du deinen Vater begraben hast?! Er fehlt dir doch sehr; je mehr du ihn vermi\u00dft, um so n\u00e4her ist er und doch um so weiter weg&#8230;<\/p>\n<p>Es gibt noch einen vierten Stein, einen sehr kleinen, wei\u00df wie eine Perle. Ich habe ihn damals ins Portemonnaie gesteckt. Aber nun ist er weg. Wo habe ich ihn verloren? Gerade dieser Stein war mir sehr wichtig. Mit seinem besonderen Glanz sollte er mich erinnern: statt an die Abschiede an die Anf\u00e4nge &#8211; an das, was w\u00e4chst, was immer neu geboren wird. Denn die Zeit ist ja beides: Abschied und Anfang. Im Nu macht sie alles zur Vergangenheit. Im Nu aber wird auch, was eben noch nicht war, findet einen Ort, was bislang ohne Ort, &#8222;Utopie&#8220; war. Voller Abbr\u00fcche ist das Leben und voller Aufbr\u00fcche: ein neuer Morgen; eine neue Gelegenheit, das weiterhelfende Wort zu sagen; zum ersten Mal an diesem Meer, vor diesem Gipfel, von Angesicht zu Angesicht mit diesem Menschen.<\/p>\n<p>Der vierte Stein. Wie soll ich seinen Verlust deuten? Da\u00df unsere Zeit arm ist an Visionen, da\u00df wir die Utopien verloren haben und die Hoffnungen verk\u00fcmmern? Die Zeit der gro\u00dfen politischen Utopien ist vorbei. Das ist gut. Denn je mehr der neue Mensch erwartet wurde, desto mehr hat sich der alte Adam ausgetobt, haben sich Menschen als Unmenschen entpuppt, andere geknechtet und geknebelt. Soll der Himmel auf die Erde gezwungen werden, wird die Erde schnell zur H\u00f6lle. So stellen wir, vorsichtig geworden, unsere Hoffnungen auf kleine Flamme. Die leidet nun in den kurzfristigen Versprechungen und scheinbaren Erf\u00fcllungen einer \u00fcberbordenden Warenwelt &#8211; an Sauerstoffmangel. Hoffnung in kleinen Dosen, heruntergek\u00fchlt zur raffinierten Werbestrategie mit kalkuliertem Erfolgsbonus. Oder Hoffnung vergl\u00fcht vollends in Katastrophen\u00e4ngsten, die in den Inszenierungen einer falsch verstandenen &gt;Apokalypse jetzt&lt; in Cinemascope und Dolby-Stereo-Sound auf die Leinw\u00e4nde projiziert werden und die Tr\u00e4ume nicht nur von Kindern besetzen. Wird die Welt hei\u00dfer Erlebnisse und kalt kalkulierter \u00c4ngste jemals mehr bringen als frierende Seelen?<\/p>\n<p>Er gl\u00e4nzte besonders sch\u00f6n, der vierte Stein, na\u00df und im Sonnenlicht. Klein wie er war, hatte dieser vierte Stein etwas Ma\u00dfloses in seinem Gl\u00e4nzen, als k\u00fcnde er von etwas Neuem. Woher nimmst du die Garantie, fragte er mich, da\u00df es keine Hoffnung gibt? Ja, woher nimmt sie die Garantie, da\u00df es keine Hoffnung gibt? Sp\u00e4t hatte sie geheiratet &#8211; fr\u00fch war ihr Mann gestorben.<\/p>\n<p>Zwei kleine Kinder waren da, die mu\u00dfte sie nun ganz allein durchbringen. Tage und N\u00e4chte &#8211; vor allem die N\u00e4chte &#8211; voller Tr\u00e4nen und voller Sorgen. Und nun sagt sie mir: &#8222;Ein neuer Himmel &#8211; eine neue Erde&#8230; Und Gott wird abwischen alle Tr\u00e4nen&#8230; Siehe, ich mache alles neu! Diese Bilder trage ich in mir: Es geht nicht alles gut. Es ist aber auch nicht alles aus ebenso geht nicht einfach alles so weiter. Am Ende geht es doch gut aus, am letzten Ende. Da wird alles neu! Da ist alles noch einmal ganz anders!&#8220;<\/p>\n<p>Was diese Frau mir sagte &#8211; es war, als h\u00e4tte ich den kleinen, lange vermi\u00dften Stein wiedergefunden. Sie hat eine gro\u00dfe Hoffnung wiederholt, eine Hoffnung, die wohl gr\u00f6\u00dfer nicht ausgesprochen werden kann. Sie hat sich die Worte eines anderen geliehen. Wie dieser Andere, der &gt;Seher von Patmos&lt;, ein Verfemter und Verbannter, weil er den Kaiser von Rom nicht als Gott anerkannte, sich die Worte von Anderen geliehen hatte: von den alten Propheten Jesaja und Ezechiel, die einst auch verbannt waren, im Tal des Todes sa\u00dfen. Mu\u00df denn auch alles neu sein, was heute wahr ist? Der Seher hat keine \u00fcbersinnlichen Gaben. Er &#8222;beamt&#8220; sich nicht aus einem dunklen Heute ins helle Morgen der Zukunft. Der Seher sieht, was er liest! Da str\u00f6men die alten Hoffnungsbilder hinein in sein Inneres. Das hei\u00dft ja Erinnerung: etwas zum eigenen Inneren werden lassen.<\/p>\n<p>Der Seher erinnert die Hoffnungsbilder, die mit dem Volk Israel \u00fcber die Jahrhunderte hinweg durch die W\u00fcstenstriche und Durststrecken gewandert sind. Abraham und Sarah, Moses und Mirjam, Rut und Naomi und die vielen anderen Frauen und M\u00e4nner, auch Maria und Josef &#8211; sie hatten ihrer Umwelt oft nichts anderes voraus als ihre Hoffnungsbilder, entsprungen aus Gottesverhei\u00dfungen. Von dieser Hoffnung, die mitwanderte, davon konnten sie leben. Sie sahen ihr Leben eben nicht als den Schatten vor ihren F\u00fc\u00dfen, sondern im Licht in ihrem R\u00fccken oder vor ihren Augen. Von dieser unverbrauchten Hoffnung zehrt auch der Seher, der als Bibelarbeiter die Bibel an sich arbeiten l\u00e4\u00dft, der &#8211; noch einmal &#8211; sieht, was er liest: in aller Bedrohung keineswegs den Weltuntergang. Selbst den erkl\u00e4rt er, mag er denn kommen, f\u00fcr etwas Vorl\u00e4ufiges. M\u00f6gen Himmel und Erde aufh\u00f6ren &#8211; das ist nicht das Letzte. Dahinter steht die neue Welt Gottes. Gottes Zeit ist allezeit &#8211; selbst die Zeit wird erneuert, gleichsam alle Uhren neu aufgezogen, sollte die Zeit der Welt einmal zu Ende sein. Am Ende steht, was im Anfang war und aller Zeit als ihre Quelle, Tiefe und Wahrheit zum Grunde liegt: Ewigkeit.<\/p>\n<p>Heute pflegen die einen Weltuntergangsgedanken. Andere lachen dar\u00fcber und halten Zeit und Welt f\u00fcr endlos. Endlos &#8211; aber auch aussichtslos. Der Seher jedoch hat Aussichten. Das Undurchsichtige des Lebens wird f\u00fcr ihn durchsichtig. Er durchschaut die Dinge auf Gott hin. Nicht mit dem Blick reiner Vernunft, sondern mit dem Blick des Herzens, der Er-Innerung. &#8222;Selig, die reinen Herzens sind; denn sie werden Gott schauen.&#8220; So sieht er, auf dem Grund der Wirklichkeit, was diesen Grund tr\u00e4gt: Gott &#8211; wohnend, zeltend bei den Menschen: &#8222;&gt;Ich will bei euch wohnen. Ich will mit euch sein, mitten unter euch. Wer durchschaut, der sieht mich.&lt; Und wer so Gott in der Wirklichkeit sieht, f\u00fcr den sind Himmel und Erde anders, neu. Gott, der der Erste und der Letzte ist, setzt n\u00e4mlich neu fest, was das Letzte ist und was das Vorletzte, was das Endg\u00fcltige ist<\/p>\n<p>und was das Vorl\u00e4ufige, was vor\u00fcbergeht und worauf alles hinausl\u00e4uft.&#8220; (Klaus-Peter Hertzsch) Keine Verl\u00e4ngerung menschlicher M\u00f6glichkeiten, sondern etwas wirklich Neues, Anderes!<\/p>\n<p>Wer so durchschaut, entlarvt angema\u00dfte Macht. Dabei bekommt, was der Seher sagt, seinerseits etwas Ma\u00dfloses. Deshalb ist genau zu fragen, mit wem dieser Text sich verb\u00fcndet und wem er widerspricht. Er ist nicht der Traum derjenigen, die alles noch sch\u00f6ner, gr\u00f6\u00dfer und besser haben wollen. Er ist nicht das letzte Wort derjenigen, die immer das letzte Wort haben wollen. Seine Verb\u00fcndeten sind diejenigen, die in den gegebenen Verh\u00e4ltnissen alles andere als gott-gegebene Verh\u00e4ltnisse erblicken k\u00f6nnen. In uralten biblischen Worten wird hier das gro\u00dfe Erschrecken in Sprache gefa\u00dft, das einen ankommen kann und jeden \u00fcberkommen m\u00fc\u00dfte, wenn er sieht, da\u00df Menschen sich zu G\u00f6ttern machen. Welche Ma\u00dflosigkeit darin steckt, zeigt ein Blick in unsere j\u00fcngste deutsche Geschichte! &#8222;Wer die Realit\u00e4t wahrnehmen will, mu\u00df ihre Mythen erkennen und durchschauen.&#8220; (J\u00fcrgen Ebach) Und so bedarf es geradezu ma\u00dfloser Worte, auch wenn diese sich darin selbst gef\u00e4hrden, damit niemand uns mehr vorgaukeln kann, unsere letzten und gr\u00f6\u00dften W\u00fcnsche erf\u00fcllen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Wer uns noch einmal den Himmel auf Erden verspr\u00e4che, w\u00e4re an diesen Bildern und Worten, an dieser Vision zu messen, und dieses Messen kann nur ein Widerspruch sein. Mit weniger lassen wir uns nicht mehr abspeisen &#8211; und wissen zugleich, da\u00df es niemals durch Menschen, sondern nur in Gott erf\u00fcllt wird. Das ist kein Jenseits-Ticket, sondern gl\u00e4ubiger Realismus. Er widerspricht jeder Herrschaft, die sich an die Stelle Gottes setzen will. Er widersteht der Versuchung, eine solche erinnerte Zukunft als Fahrplan f\u00fcr die Weltgeschichte anzusehen und sie jemals als eingel\u00f6st, als erf\u00fcllt auszugeben. Aber er verzichtet nicht auf das Erinnern dessen, was noch nicht ist &#8211; aus einem einfachen Grund: weil das, was ist, nicht alles ist. Das ist ein solches Widerwort: &#8222;&#8230;und das Meer ist nicht mehr.&#8220; \u00dcber&#8217;s Meer n\u00e4mlich kommt mit ihren Kriegsschiffen die r\u00f6mische Soldateska, mit allen Zeichen von Macht und Gewalt. Weil sie nicht das letzte Wort behalten darf, bedarf es eines anderen &gt;letzten Wortes&lt;.<\/p>\n<p>Der Seher aber hat mehr als Widerworte: &#8222;Ich will dem Durstigen geben von der Quelle des lebendigen Wassers umsonst.&#8220; Es geht um den unmittelbaren Anteil am Leben, um ein Leben, das nicht bestimmt ist von einem &#8222;um zu&#8220;, von einem Zweck und einem Sinn. Ein solches Leben k\u00f6nnen irdische M\u00e4chte nicht gew\u00e4hren.Von ihnen gibt es nichts &#8222;umsonst&#8220;, bei ihnen hat alles seinen Preis, sie verlangen, da\u00df man sich teuer verkauft. Wo aber Gott Himmel und Erde erneuert, verwandelt, werden die Bruchst\u00fccke eines Lebens zu Perlen.<\/p>\n<p>Widerworte ganz anderer Art \u00e4u\u00dfert mein Freund, Leiter einer Kinderpsychiatrie. Zu viel heile Welt. So viel Idealbilder. Hat Gott das n\u00f6tig? Ihm fehlen die Ambivalenzen. Alle Tr\u00e4nen werden abgewischt? Wenn der Trost zu schnell kommt, hei\u00dft das oft: &#8222;Ich will deine Tr\u00e4nen nicht sehen!&#8220; Er beharrt darauf: Eine Seelsorge ohne Tr\u00e4nen, verleugnet den Trost, den sie geben will. Er beharrt auf der Erfahrung, die er mit mi\u00dfbrauchten Kindern<\/p>\n<p>gemacht hat: Sie m\u00fcssen NEIN-Sagen lernen, bevor es zu \u00dcbergriffen kommt. Angesichts solcher Gewalt, kann nur gelten: sie mu\u00df aufh\u00f6ren. Schlu\u00df. Aus. Jetzt und f\u00fcr ewig. Da aber gibt es eine N\u00e4he zu Offenbarung 21:<\/p>\n<p>Wer so durchschaut, erinnert sich der Wahrheit: Was Menschen einander antun, ist nicht Gottes letztes Wort. Die Wahrheit ist vielmehr, da\u00df Gottes Gegenwart erkannt werden soll in Menschengesicht, Menschengestalt und Menschengeschick. Denn, wie es unser Glaube sagt, Gott ist Mensch geworden. So begegnet uns in jedes Menschen Gesicht, Gestalt und Geschick &#8211; Christus. Derjenige, der die Tr\u00e4nen einmal abwischen und trocknen wird, das ist derjenige, der sie mit uns Menschen weint. Seither wohnt Gott im Schmerz der Welt.<\/p>\n<p>Ja, Christus ist es, der die Sehnsucht nach einem neuen Himmel und einer neuen Erde erst richtig weckt. Denn in ihm hat der Himmel die Erde ber\u00fchrt, haben wir schon ein St\u00fcck Himmel zu fassen bekommen. Das hei\u00dft ja auch: Weinen ist erlaubt, Schw\u00e4chen sind gestattet, Schatten geh\u00f6ren dazu und Tode werden gestorben. Die nat\u00fcrlichen \u00c4ngste und N\u00f6te werden im Glauben keineswegs geringer. Aber sie stehen im Licht Christi, der sie auf sich nahm und mittr\u00e4gt. Jetzt beschweren sie uns keine Ewigkeit lang. Sie sind etwas Vor-L\u00e4ufiges, Vor-Letztes. Das Letzte sind nicht die Tr\u00e4nen, sondern der Trost, nicht das Geschrei, sondern das Gebet, nicht der Tod, sondern das Leben in unverbr\u00fcchlicher Gottesgemeinschaft. Wo wir auf Gott warten, sp\u00fcren wir die L\u00fccken im eigenen Leben und die Wunden am eigenen Leib. Wunden heilen, es bleiben Narben &#8211; aber Narben sind Augen. Wo wir auf Gott warten, wissen wir: Wir k\u00f6nnen die Erde nur ver\u00e4ndern, wenn wir sie ertragen haben, und wir k\u00f6nnen die Erde nur ertragen, wenn wir \u00fcber sie hinausblicken. Eine solche Hoffnungsgemeinschaft ist die Gemeinde Christi, die in dem uralten Hoffnungsbild von dem neuen Jerusalem erscheint. Das ist nicht das triumphale Ziel einer jetzt schon auftrumpfenden Christenheit. Es ist das Bild daf\u00fcr, da\u00df wir zur Ewigkeit berufen sind.<\/p>\n<p>Drei Steine. Einer f\u00fcr den neuen Himmel und die neue Erde, einer f\u00fcr die neue Stadt, einer f\u00fcr die H\u00fctte Gottes bei den Menschen. Wof\u00fcr steht der vierte Stein? Er lehrt mich, &#8222;mein Herz an die Ewigkeit zu gew\u00f6hnen&#8220; (Dietrich Bonhoeffer) &#8211; und alles in einem neuen, anderen Licht zu sehen, dem Licht ewiger Vollendung. Sein Fehlen h\u00e4lt die Einsicht wach, da\u00df noch etwas aussteht. Was ist, ist keineswegs alles. Darum kann, was ist, sich \u00e4ndern. Wir f\u00fchren Gottes Reich, die ewige Vollendung, nicht herbei. Aber weil wir \u00fcber diese Welt hinaus hoffen, hoffen wir in sie hinein. In diesem Licht orientiert sich alles, was menschlich gegen Leid, Tod und Katastrophen getan werden kann und mu\u00df, an den Hoffnungsbildern, an den Bildern erf\u00fcllten Lebens. Hanns Dieter H\u00fcsch, der Kabarettist mit der schnellen Zunge und dem frommen Herzen, hat solche Bilder gewagt:<\/p>\n<p>Ich seh&#8216; ein Land mit neuen B\u00e4umen. Ich seh&#8216; ein Haus aus gr\u00fcnem Strauch. Und einen Flu\u00df mit flinken Fischen. Und einen Himmel aus Hortensien seh&#8216; ich auch. Ich seh&#8216; ein Licht von Unschuld wei\u00df. Und einen Berg, der unber\u00fchrt. Im Tal des Friedens geht ein junger Sch\u00e4fer, der alle Tiere in die Freiheit f\u00fchrt. Ich h\u00f6r&#8216; ein Herz, das tapfer schl\u00e4gt, in einem Menschen, den es noch nicht gibt, doch dessen Ankunft mich schon jetzt bewegt, weil er erscheint und seine Feinde liebt. Das ist die Zeit, die ich nicht mehr erlebe. Das ist die Welt, die nicht von uns&#8217;rer Welt. Sie ist aus feinstgesponnenem Gewebe, und Freunde, glaubt und seht: sie h\u00e4lt. Das ist das Land, nach dem ich mich so sehne, das mir durch Kopf und K\u00f6rper schwimmt. Mein Sterbenswort und meine Lebenskantilene, da\u00df jeder jeden in die Arme nimmt.<\/p>\n<p>Heute geht das Kirchenjahr zuende. Am kommenden Sonntag, dem Ersten Advent, beginnt ein neues Kirchenjahr. Es wird das letzte sein in diesem Jahrtausend. Offenbarung 21 &#8222;redet nicht von den kommenden Jahren, nicht von Planzielen und Prognosen, sondern &#8230; von dem kommenden Gottesreich, von Gottes Zielen und Aussichten. Die kommenden Jahre erwarten wir, \u00e4ngstlich oder mit Spannung, ratlos oder planend; aber das kommende Gottesreich erwartet uns und hat seine T\u00fcren aufgetan, erwartet uns quer durch alle Zeiten &#8211; unaufh\u00f6rlich &#8211; jetzt.&#8220; (Klaus-Peter Hertzsch) Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Hans Joachim Schliep Direktor des Amtes f\u00fcr Gemeindedienst der Ev.-luth. Landeskirche Hannovers d: Archivstr. 3 &#8211; 30169 Hannover Fon: 0511-1241 415\/416 Fax: 0511-1241 199 E-Mail: <a href=\"mailto:Hans-Joachim.Schliep@evlka.de\">Hans-Joachim.Schliep@evlka.de<\/a><\/p>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge aus: Gottesdienst &#8211; Arbeitshilfe zur Erneuerten Agende, 5. Lieferung, 11. Jg., hrsg. von der Liturgischen Konferenz Niedersachsens e.V., Tel.: 0511-1241-486:<\/p>\n<p>EG 298,1-3 (Wenn der Herr einst die Gefangenen)<\/p>\n<p>EG 583, (Du tust den WEg zum Leben kund, als Halleluja-Vers)<\/p>\n<p>EG 152, 1-4 (Wir warten dein, o Gottes Sohn)<\/p>\n<p>EG 66,1-4 (Jesus ist kommen)<\/p>\n<p>EG 153 (Der Himmel, der ist)<\/p>\n<p>EG 154, 1.2.5 (Herr, mach uns stark im Mut)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Letzter Sonntag im Kirchenjahr |\u00a022.11.1998 | Offenbarung 21,1-7 | Hans Joachim Schliep | Vorbemerkung: Off 21f ist eine Textcollage: eine Bibelarbeit \u00fcber prophetische Texte (u. a. Jesaja 43,18f; 54,11-17; 65,17; Ezechiel 40-48). Der &gt;Seher&lt; sieht, was er liest. Seine Visionen sind Erinnerungen. Als erinnerte Zukunft ist Apokalypse, was ihr Name sagt: Aufdeckung, Enth\u00fcllung. Apokalypse verk\u00fcndet [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6253,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[62,727,157,853,114,1271,565,349,930,3,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21815","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-offenbarung","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-hans-joachim-schliep","category-kapitel-21-chapter-21-offenbarung","category-kasus","category-letzter-so-des-kirchenjahres","category-nt","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21815","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21815"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21815\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21816,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21815\/revisions\/21816"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6253"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21815"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21815"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21815"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21815"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21815"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21815"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21815"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}