{"id":21823,"date":"1998-12-17T08:33:13","date_gmt":"1998-12-17T07:33:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21823"},"modified":"2025-03-17T08:35:10","modified_gmt":"2025-03-17T07:35:10","slug":"lukas-31-14-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-31-14-3\/","title":{"rendered":"Lukas 3,1-14"},"content":{"rendered":"<h3>3. Advent | 13.12.1998 | Lukas 3,1-14 | G\u00fcnter Linnenbrink |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Der Evangelist Lukas, den wir ja kennen, mindestens aus der Weihnachtsgeschichte &#8222;Es begab sich aber zu der Zeit, da\u00df ein Gebot vom Kaiser August ausging &#8230;&#8220;, hat uns eine bedeutsame Nachricht, mehr noch: eine aufr\u00fcttelnde und tr\u00f6stliche Botschaft zugleich zukommen lassen.<\/p>\n<p>Ich lese sie vor: &#8222;Im 7. Jahr der Pr\u00e4sidentschaft von Bill Clinton, als Gerhard Schr\u00f6der gerade zum Kanzler der Bundesrepublik Deutschland gew\u00e4hlt worden war und Gerhard Glogowski neuer Ministerpr\u00e4sident des Landes Niedersachsen geworden war, als Bischof Lehmann Vorsitzender der Katholischen Bischofskonferenz und Pr\u00e4ses Koch Vorsitzender des Rates der EKD war, da geschah, da\u00df das Wort Gottes, das dem Johannes, dem Sohn des Zacharias gegeben war, in der Gemeinde X (Friedenskirche Hannover) laut wurde &#8230;&#8220; Eine Fiktion, nat\u00fcrlich!<\/p>\n<p>Ich merke, Sie reagieren etwas irritiert, fragen sich: was soll das?<\/p>\n<p>Nun, so \u00e4hnlich werden die ersten Leser und H\u00f6rer des Lukas-Evangeliums auch reagiert haben, als sie die ersten Zeilen dieses Abschnittes gelesen\/geh\u00f6rt hatten. Da wird ihnen etwas umst\u00e4ndlich mitgeteilt, wann und unter welchen politischen und religi\u00f6sen F\u00fchrungspers\u00f6nlichkeiten dieser seltsame Mensch und Prophet Johannes aufgetaucht war und seine Botschaft laut wurde. Warum? Weil es dem Lukas ganz wichtig ist zu zeigen, da\u00df das Wort Gottes nicht eine allgemeine Wahrheit ist, die f\u00fcr alle Zeiten gleich g\u00fcltig und dann auch oft gleichg\u00fcltig ist. Das Wort Gottes ergeht vielmehr an eine konkrete historische Person, in diesem Fall an Johannes, den Sohn des Zacharias, in einer genau beschreibbaren historischen Situation, in der Geschichte also. Und der Lukas hat den Johannes seinerseits als jemanden beschrieben, der nicht frei aus sich selbst heraus eine Botschaft verk\u00fcndigt und sie als Gottes Wort ausgibt, sondern als jemanden, der an eine alte prophetische Tradition ankn\u00fcpft, sie aufnimmt und f\u00fcr seine Zeit aktualisiert, deutet.<\/p>\n<p>Ich lese jetzt weiter im Lukas-Evangelium:<\/p>\n<p>&#8222;Und er kam in die ganze Gegend um den Jordan und predigte die Taufe der Bu\u00dfe zur Vergebung der S\u00fcnden, wie geschrieben steht im Buch der Reden des Propheten Jesaja (Jes. 40,3-5); es ist die Stimme eines Predigers in der W\u00fcste: Bereitet den Weg des Herrn und macht seine Steige eben! Alle T\u00e4ler sollen erh\u00f6ht werden, und alle Berge und H\u00fcgel sollen erniedrigt werden; und was krumm ist, soll gerade werden, und was uneben ist, soll ebener Weg werden. Und alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen!&#8220; Die Trostlosigkeit und \u00d6dnis der W\u00fcste ist der Ort, wo die prophetische g\u00f6ttliche Stimme ert\u00f6nt. Nicht in den Kanzleien des Kaisers, der K\u00f6nige, der Priester und Bisch\u00f6fe, nicht in den Agenturen der Macht wird Gottes Wort laut. Nur dort, wo menschlich gesehen nichts los ist, da k\u00f6nnen die Menschen Gottes Botschaft vernehmen. Und diese Botschaft lautet: der Heiland wird kommen. Macht euch bereit! Und die Menschen sind zu Johannes in die W\u00fcste am Jordan gekommen, um ihn zu h\u00f6ren. Es war eine schlimme Zeit damals. Die R\u00f6mer waren im Land und hatten die Macht. Das Volk selbst politisch und religi\u00f6s zerrissen. Die Kluft zwischen Armen und Reichen, den Kollaborateuren Roms, wurde immer gr\u00f6\u00dfer. Die Sehnsucht nach Rettung und Erl\u00f6sung gro\u00df.<\/p>\n<p>Kein Wunder, da\u00df Johannes Zulauf erhielt; k\u00fcndigte er doch an, da\u00df &#8222;alle Menschen den Heiland Gottes sehen werden.&#8220;<\/p>\n<p>Bis heute sind Menschen anf\u00e4llig f\u00fcr Botschaften, die eine L\u00f6sung f\u00fcr alle pers\u00f6nlichen, privaten und \u00f6ffentlichen Krisen zu versprechen scheinen. Wo man nur dieses oder jenes zu tun oder zu unterlassen hat, um aus dem Schlamassel seines Lebens, der Wirrnis dieser Welt, vielleicht auch nur aus der Eint\u00f6nigkeit und dem sich st\u00e4ndig wiederholenden Rhythmus des Alltags herauszukommen. Ich f\u00fcrchte, bis zur Jahrtausendwende in zwei Jahren werden diese Stimmen und Botschaften weltweit Konjunktur haben.<\/p>\n<p>Aber Johannes ist von einem anderen Kaliber als die selbsternannten Weltuntergangs- oder Welterl\u00f6sungspropheten damaliger und heutiger Zeit. Er st\u00f6\u00dft die Tauf- und Umkehrbereiten erst einmal vor den Kopf.<\/p>\n<p>&#8222;Da sprach Johannes zu der Menge, die hinausging, um sich von ihm taufen zu lassen: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewi\u00df gemacht, da\u00df ihr dem k\u00fcnftigen Zorn entrinnen werdet?<\/p>\n<p>Seht zu, bringt rechtschaffene Fr\u00fcchte der Bu\u00dfe; und nehmt euch nicht vor zu sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann dem Abraham aus diesen Steinen Kinder erwecken.<\/p>\n<p>Es ist schon die Axt den B\u00e4umen an die Wurzel gelegt; jeder Baum, der nicht gute frucht bringt, wird abgehauen und ins Feuer geworfen.&#8220;<\/p>\n<p>(Luk 3,7-9)<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte sich doch freuen sollen, da\u00df so viele zu ihm in die W\u00fcste gekommen sind. Verh\u00e4lt er sich nicht genauso wie manche Prediger gestern und heute, die im Weihnachtsgottes- dienst, wenn die Kirche voll ist von Menschen, die sonst nicht da sind, diese mit Vorw\u00fcrfen traktieren? H\u00e4tte er sie nicht seelsorgerlich ansprechen sollen?<\/p>\n<p>Johannes hat etwas gewu\u00dft von der Heiligkeit und Gr\u00f6\u00dfe Gottes. Seine Gotteserfahrung war herb. Das Gericht Gottes, sein Zorn waren f\u00fcr ihn nicht fremde Vorstellungen, sondern schmerzhafte Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Und er hatte Sorge, da\u00df die zu ihm hinausgezogenen Frauen und M\u00e4nner seines Volkes den Ernst der Stunde gar nicht begriffen. Sich auf die Abrahamskindschaft zu berufen, garantiert keineswegs die Rettung. Und ein Taufbad im Jordan macht auch nicht unverletzlich.<\/p>\n<p>Das leuchtet ein, m\u00f6chte ich spontan sagen. Doch bin ich im gleichen Augenblick erschrocken. Johannes ist ja nicht nur eine historische Figur, die ihre Zeit und ihre Situation gehabt hat. Er geh\u00f6rt in die Geschichte Jesu hinein, ist Tr\u00e4ger der g\u00f6ttlichen Botschaft von der Umkehr. Gilt die nicht auch mir und meiner Zeit?<\/p>\n<p>Nach den so schroffen S\u00e4tzen folgt nun eine erstaunliche Antwort auf die Frage der Leute: &#8222;Was sollen wir denn tun?&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Und die Menge fragte ihn und sprach: Was sollen wir denn tun?<\/p>\n<p>Er antwortete und sprach zu ihnen: Wer zwei Hemden hat, der gebe dem, der keines hat; und wer zu essen hat, tue ebenso.<\/p>\n<p>Es kamen auch die Z\u00f6llner, um sich taufen zu lassen, und sprachen zu ihm: Meister, was sollen denn wir tun?<\/p>\n<p>Er sprach zu ihnen: Fordert nicht mehr, als euch vorgeschrieben ist!<\/p>\n<p>Da fragten ihn auch die Soldaten und sprachen: Was sollen denn wir tun? Und er sprach zu ihnen: Tut niemandem Gewalt oder Unrecht und la\u00dft euch gen\u00fcgen an eurem Sold!&#8220;<\/p>\n<p>(Luk 3,10-14)<\/p>\n<p>Das sind wahrlich keine radikalen oder gar utopischen Forderungen. &#8222;Umkehr&#8220; bedeutet hier, das ethisch Selbstverst\u00e4ndliche zu tun.<\/p>\n<p>Es geht ums Teilen, um solidarisches Verhalten. Und gerade diejenigen, die in der Gesellschaft als \u00e4u\u00dferst anr\u00fcchig gelten: die Zollp\u00e4chter (Kollaborateure mit der r\u00f6mischen Besatzungsmacht) und die S\u00f6ldner der F\u00fcrsten von Roms Gnaden, auch sie k\u00f6nnen umkehren. Sie brauchen sich nur an die Regeln eines anst\u00e4ndigen Z\u00f6llners, der nicht \u00fcbervorteilt, und eines ehrbaren Soldaten, der nicht willk\u00fcrlich und gewaltt\u00e4tig seinen Vorteil sieht, zu halten. Von ethischer \u00dcberforderung keine Spur!<\/p>\n<p>Im Februar 1997 haben die beiden Kirchen das &#8222;Wort zur wirtschaftlichen und sozialen Lage in Deutschland&#8220; ver\u00f6ffentlicht. Sie haben sich darin zum Anwalt der Arbeitslosen, der Armen, der Beladenen unserer Gesellschaft gemacht. Die Vorschl\u00e4ge waren alles andere als radikal oder sozialistisch. Sie waren alle zu verstehen als Forderungen, die den Rahmen der sozialen Marktwirtschaft nirgendwo sprengten. Es waren ethische Selbstverst\u00e4ndlichkeiten. Damals wurde dieses Wort der Kirchen von beinahe jedermann, ganz gleich welcher Partei oder gesellschaftlicher Gruppe er angeh\u00f6rte, gelobt. Aber dann wurde es zu den Akten gelegt. Vielleicht wird sich in der neuen Konstellation &#8211; vgl. den Anfang unseres fiktiven Lukas-Berichtes &#8211; da etwas \u00e4ndern. Dann h\u00e4tte die Botschaft des Johannes auch heute ihre Adressaten gefunden &#8211; uns.<\/p>\n<p>Ein Nachtrag<\/p>\n<p>Johannes hatte seinerzeit verhei\u00dfen, da\u00df &#8222;alle Menschen den Heiland Gottes sehen werden.&#8220; Er hatte ihn sich wesentlich anders vorgestellt als Lukas ihn beschrieben hat und die christliche Gemeinde ihn bis heute bekennt: als den gekreuzigten und auferstandenen Christus. Weil Gott so gerichtet hat, weil er seinen eigenen Sohn nicht verschont hat um der Menschen willen, k\u00f6nnen wir darum nicht noch leichter diese Umkehr zum ethisch Selbstverst\u00e4ndlichen versuchen &#8211; aus Dankbarkeit gegen Gott? Ich m\u00f6cht&#8217;s versuchen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Vizepr\u00e4sident Dr. G\u00fcnter Linnenbrink<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Advent | 13.12.1998 | Lukas 3,1-14 | G\u00fcnter Linnenbrink | Liebe Gemeinde! 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