{"id":21825,"date":"1998-12-17T08:35:16","date_gmt":"1998-12-17T07:35:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21825"},"modified":"2025-03-17T10:20:42","modified_gmt":"2025-03-17T09:20:42","slug":"lukas-31-14-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-31-14-4\/","title":{"rendered":"Lukas 3,1-14"},"content":{"rendered":"<h3>3. Advent | 13.12.1998 | Lukas 3,1-14 | F. H. Beyer |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Da\u00df wir uns in der Adventszeit befinden, das brauchen wir uns nicht zu sagen. Wir sp\u00fcren es, wir sehen, riechen und schmecken es allerorten. Und das Besondere an dieser Vorzeit, dieser Zeit der Vor-Bereitung, ist wohl immer wieder, da\u00df sie angef\u00fcllt ist von Vorbereitungen, von Erwartungen, von Freude, aber auch von Hektik und Stre\u00df.<\/p>\n<p>Die lange Vorbereitungszeit vor dem gro\u00dfen Fest, vor Weihnachten, ist dabei von einer Vor-Zeit zu der Haupt-Zeit geworden. Die Weihnachtsdekoration in den Gesch\u00e4ften und auf den Stra\u00dfen bleibt gleich &#8211; sp\u00e4testens vom November an bis hinein in das neue Jahr. Die Veranstaltungen in verschiedenen Gruppen, in den Vereinen und in den Gemeinden konzentrieren sich ebenso auf diese Zeit vor Weihnachten. Keine andere Zeit des Jahres, so scheint es, ist so gepr\u00e4gt von Gesch\u00e4ftigkeit, von vorbereitenden \u00dcberlegungen und T\u00e4tigkeiten wie die Adventszeit. Keine andere Zeit im Jahr gibt so viel Veranlassung f\u00fcr gemeinsame Vorhaben wie die Vorweihnachtszeit. Da ist der Besuch des Weihnachtsmarktes, oder der gemeinsame Einkaufsbummel, da ist der Besuch eines Konzerts und die Weihnachtsfeier oder doch wenigstens das Kaffeetrinken beim Schein der Adventskerzen.<\/p>\n<p>Bei so viel selbstverst\u00e4ndlich gewordener Aktivit\u00e4t und Bem\u00fchung haben wir m\u00f6glicherweise eine Pressemeldung in dieser Zeit kaum wahrgenommen. In dieser Meldung ist davon die Rede, da\u00df auf Kuba in diesem Jahr zum ersten Mal seit Jahrzehnten Weihnachten ein staatlicher Feiertag ist. Das mag dazu helfen, auch einmal distanziert auf unsere Gestaltung dieser Zeit zu schauen.<\/p>\n<p>Denn die Adventszeit ist in der christlichen Tradition nicht nur durch T\u00e4tigwerden, durch Aktivit\u00e4t gepr\u00e4gt, sondern sie ist auch eine Zeit der Besinnung, urspr\u00fcnglich sogar der Bu\u00dfe. In den Adventsliedern, die wir singen, kommt das sehr deutlich zum Ausdruck. Und Johannes der T\u00e4ufer, von dem wir in unserem Predigttext geh\u00f6rt haben, ist gewisserma\u00dfen der Platzhalter dieser alten Bedeutung der Adventszeit.<\/p>\n<p>Aber wir h\u00f6ren da nicht allein von Johannes, sondern davon, da\u00df eine Schar von Menschen sich zu ihm aufgemacht hat. Diese Menschen haben ihre vertrauten, ihnen haltgebende Strukturen &#8211; f\u00fcr eine Zeit zumindestens &#8211; zur\u00fcckgelassen. Erwartungsvoll sind sie aufgebrochen. Das l\u00e4\u00dft sie uns nahe sein, in dieser Zeit der Vorbereitung und der Erwartung.<\/p>\n<p>Ich m\u00f6chte in dieser Predigt versuchen, diese Menschen ein St\u00fcck weit zu begleiten &#8211; und das in drei Schritten: 1. Die Botschaft; 2. Die Frage; 3. Die Fragenden.<\/p>\n<ol>\n<li>Die Botschaft<\/li>\n<\/ol>\n<p>&#8222;Alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen&#8220;. Dieser Satz beinhaltet f\u00fcr uns die Botschaft der Adventszeit. In dem Predigttext ist dieser Satz der Abschlu\u00df des alttestamentlichen Zitats aus dem Mund des Johannes: &#8222;Alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen&#8220;. Dieser Satz ist in seiner Wirkung durchaus ambivalent. Er kann ent-t\u00e4uschend wirken und er kann ent-grenzend wirken.<\/p>\n<p>Entt\u00e4uschend mu\u00df dieser Satz auf alle die wirken, die meinen, besser und genauer um das Erwartete und um den Erwarteten zu wissen. Und das ist wohl auch f\u00fcr uns und unsere Haltung in der Vorweihnachtszeit von Bedeutung. Manchmal ist es recht einfach, den Adventsrummel, die als Konsumorgie empfundene kommerzielle Seite dieser Vorweihnachtszeit zu kritisieren und in ihr lediglich etwas \u00e4u\u00dferliches zu sehen. Und es liegt dann nahe, eine andere, kritische und distanzierte Haltung, eine Protesthaltung dagegenzustellen. Und selbstverst\u00e4ndlich ist das nicht etwas Falsches. Schlie\u00dflich gibt die Adventszeit allen den Anla\u00df und die M\u00f6glichkeit, in jeweils eigener Weise diese Adventszeit zu gestalten und auszuf\u00fcllen. Da mag dann der oder die einzelne f\u00fcr sich durchaus zwischen richtiger und zwischen falscher Gestaltung unterscheiden, aber nur in diesem pers\u00f6nlichen Bereich.<\/p>\n<p>Denn die Botschaft, da\u00df alle Menschen den Heiland Gottes sehen werden, wirkt eben zugleich ent-grenzend. Wo wir dieses im Blick behalten, da sind alle Abgrenzungen nicht mehr das Entscheidende und das Ausschlaggebende. Auch nicht die scheinbar richtige Weise der Vorbereitung ist hier entscheidend. Und es kommen vor allem auch diejenigen in den Blick, die an der vorweihnachtlichen Gesch\u00e4ftigkeit nicht teilhaben k\u00f6nnen: die Einsamen, die Hoffnungslosen, die Vergessenen.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Die Frage<\/li>\n<\/ol>\n<p>Etwas weiteres mag die damaligen Menschen uns heute nahebringen. Ich meine damit die Frage, die sie an Johannes richteten, die uns aber heute in gleicher Weise vertraut ist: &#8222;Was sollen wir denn tun?&#8220; Zun\u00e4chst: Eine solche Frage hat eine Vorgeschichte, oder besser: Wer so fragt, der hat eine Vorgeschichte. Der oder die hat vorher etwas geh\u00f6rt, etwas wahrgenommen, hat innegehalten. Wer so fragt, f\u00fcr den, f\u00fcr die ist gewisserma\u00dfen eine vorher nur geradeaus f\u00fchrende Stra\u00dfe zu einer Weggabelung geworden. Anhalten, Ausschau halten, sich besinnen &#8211; was soll ich, was sollen wir tun? Wegweisung ist gesucht und Entscheidung gefordert.<\/p>\n<p>Auch in der Adventszeit ist uns diese Fragestellung nur allzu nahe und gut vertraut. Die Vielzahl der Herausforderungen, die auf uns eindringen, die N\u00e4he der unz\u00e4hligen Bilder von hungernden, leidenden und frierenden Menschen &#8211; k\u00f6nnen wir sie noch wahrnehmen als Herausforderung, oder suchen wir scheinbaren Schutz in Gleichg\u00fcltigkeit? Die Not ist so gro\u00df und vielf\u00e4ltig, da\u00df die Aufforderung zur Hilfe manchmal als \u00dcberforderung empfunden wird. Was sollen wir denn tun? Alles, was wir tun m\u00f6chten, scheint doch oft hilflos angesichts der Gr\u00f6\u00dfe der Not und angesichts von Strukturen an vielen Orten, die dort die Not nicht lindern, sondern eher vergr\u00f6\u00dfern.<\/p>\n<p>In diesen Tagen werden wir an den 50. Jahrestag der Verk\u00fcndung der Allgemeinen Erkl\u00e4rung der Menschenrechte erinnert. Darin hei\u00dft es u.a.: &#8222;Jeder Mensch hat ein Recht auf Leben, Freiheit und Sicherheit der Person&#8220;. Wir treten f\u00fcr diese Rechte ein, und doch kennen wir auch die Nachrichten, die wir jeden Tag h\u00f6ren: &#8222;Was sollen wir denn tun?&#8220;<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Die Fragenden<\/li>\n<\/ol>\n<p>Wir haben bisher das in den Blick genommen, was die Menschen von damals uns heute nahezubringen vermag. Aber es gibt auch genug Unterschiede zwischen jenen Menschen damals und uns heute.<\/p>\n<p>&#8222;Im f\u00fcnfzehnten Jahr der Herrschaft des Kaisers Tiberius&#8220; in Rom, &#8211; so ordnet der Evangelist Lukas das Berichtete in die Weltgeschichte ein. Zu jener Zeit also, als die R\u00f6mer dort Besatzungsmacht waren, da brachen Menschen auf, um zu Johannes zu gehen und auf ihn zu h\u00f6ren und schlie\u00dflich auf eine Antwort auf ihre Frage zu warten: &#8222;Was sollen wir denn tun?&#8220;. H\u00f6ren wir noch einmal einen Teil des Predigttextes (VV 10-14).<\/p>\n<p>Johannes antwortet, indem er auf das verweist, was der Mensch notwendig zum Leben braucht. Darum geht es, darauf zu achten, da\u00df der Mensch neben mir leben kann, da\u00df er Kleidung hat, die ihn w\u00e4rmt, da\u00df er Lebensmittel hat, um satt zu werden.<\/p>\n<p>Aber noch etwas ist in diesem Zusammenhang von Bedeutung und Interesse: Lukas kennzeichnet nicht allein den Zeitpunkt, sondern auch einzelne Gruppen in der Menschenmenge: Z\u00f6llner und S\u00f6ldner etwa sind dabei. Ihr Verhalten war f\u00fcr die Menschen zu jener Zeit besonders wichtig. Von der Willk\u00fcr oder von dem gerechten Verhalten &#8211; sowohl der Z\u00f6llner als auch der S\u00f6ldner &#8211; war das Wohl und Wehe der Menschen, war ihr Leben letztlich abh\u00e4ngig.<\/p>\n<p>Diese politische Dimension der Predigt des Johannes ist im Laufe der Jahrhunderte immer wieder einmal in Erinnerung gerufen worden. Es waren K\u00fcnstler, die diese Dimension f\u00fcr ihre Zeit ins Bild gesetzt haben. So sehen wir etwa auf einem Bild aus dem 16. Jahrhundert Johannes, der in einem Wald predigt. Die Zuh\u00f6rer sind Landesf\u00fcrsten, Heerf\u00fchrer und Bisch\u00f6fe. Es sind die Personen und die Gruppen, von denen es abhing, wie es der Bev\u00f6lkerung im 16. Jahrhundert erging; sie bestimmten ma\u00dfgebend \u00fcber das Wohl und das Wehe der Menschen.<\/p>\n<p>Und heute? Wenn wir heute solch ein Bild malen oder gestalten sollten: Welche Adressaten w\u00fcrden wir hier aufnehmen? Wen w\u00fcrden wir hier als H\u00f6rer der Predigt des Johannes sehen wollen, der da verk\u00fcndet: &#8222;Tut niemandem Gewalt oder Unrecht&#8220;?<\/p>\n<p>Ich denke allerdings, da\u00df auch wir in dieses Bild hineingeh\u00f6ren &#8211; als Adressaten, als H\u00f6rende und als Fragende: &#8222;Was sollen wir denn tun?&#8220;<\/p>\n<p>Adventszeit ist die Zeit der Vorbereitung und der Erwartung, eine Zeit aber auch der Sehnsucht und der Verhei\u00dfung: &#8222;Alle Menschen werden den Heiland Gottes sehen&#8220;. Diese Verhei\u00dfung ist nicht an unsere Adventskultur gebunden, ganz und gar nicht. \u00c4ltere Menschen werden das aus den Erfahrungen ihres Lebens best\u00e4tigen k\u00f6nnen. Es gibt auch die Beobachtung, da\u00df gerade in der Adventszeit Einsamkeit als besonders schwer erlebt wird. Die Verhei\u00dfung ist auch nicht an Weihnachten als einen staatlichen Feiertag gebunden, wie die Nachrichtenmeldung aus Kuba verdeutlicht. Aber all das, was f\u00fcr uns zur Adventszeit dazugeh\u00f6rt, kann eben auch hilfreich sein, uns gegenseitig wahrzunehmen und zwar im Lichte dieser Verhei\u00dfung. Dann sind die Gestalt des Johannes und seine Predigt nicht allein Platzhalter f\u00fcr einen (vielleicht) verlorengegangenen Bedeutungsgehalt, sondern Hinweis und Ermunterung, das zu tun, wozu wir Menschen in der Lage sind. Nicht alles, was krumm ist, k\u00f6nnen wir gerade machen; wir m\u00fcssen es auch nicht. Aber das, was gerade ist, soll so bleiben und von uns nicht krumm gemacht werden.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. F.H. Beyer, E-Mail: <a href=\"mailto:ev.Relpaed@rz.ruhr-uni-bochum.de\">ev.Relpaed@rz.ruhr-uni-bochum.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Advent | 13.12.1998 | Lukas 3,1-14 | F. H. Beyer | Liebe Gemeinde, Da\u00df wir uns in der Adventszeit befinden, das brauchen wir uns nicht zu sagen. Wir sp\u00fcren es, wir sehen, riechen und schmecken es allerorten. 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