{"id":21827,"date":"1998-12-17T10:20:47","date_gmt":"1998-12-17T09:20:47","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21827"},"modified":"2025-03-17T10:24:01","modified_gmt":"2025-03-17T09:24:01","slug":"lukas-126-38-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-126-38-4\/","title":{"rendered":"Lukas 1,26-38"},"content":{"rendered":"<h3>4. Advent | 20.12.1998 | Lukas 1,26-38 | Ulrich Nembach |<\/h3>\n<p>&#8222;Im 6. Monat wurde Gabriel von Gott in eine Stadt in Galil\u00e4a gesandt mit dem Namen Nazareth, zu einer Jungfrau, die mit Josef verlobt war, der aus dem Hause David stammte. Die Jungfrau hie\u00df Maria.<\/p>\n<p>Der Engel kam zu ihr herein und sagte: \u00b4Sei gegr\u00fc\u00dft du Begnadete! Der Herr ist mit dir. Sie erschrak aber bei der Anrede und dachte: &#8218;Was ist das f\u00fcr ein Gru\u00df?&#8216;<\/p>\n<p>Da sprach der Engel zu ihr: \u00b4F\u00fcrchte dich nicht Maria\u00b4, du hast Gnade bei Gott gefunden.<\/p>\n<p>Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn bekommen. Du sollst ihm den Namen Jesus geben.<\/p>\n<p>Er wird gro\u00df sein und ein Sohn des H\u00f6chsten genannt werden. Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters Davids geben, und er wird K\u00f6nig sein \u00fcber das Haus Jakob in Ewigkeit. Sein Reich wird kein Ende haben.`<\/p>\n<p>Da antwortete Maria zu dem Engel: \u00b4Wie soll das geschehen, da ich von keinem Mann wei\u00df?`<\/p>\n<p>Darauf antwortete der Engel, indem er sagte: \u00b4Der heilige Geist wird \u00fcber dich kommen, und die Kraft des H\u00f6chsten wird dich \u00fcberschatten; darum wird auch das heilige Kind Sohn Gottes genannt werden.<\/p>\n<p>Und noch ein Hinweis: Elisabeth, deine Verwandte, ist auch schwanger mit einem Sohn trotz ihres Alters. Jetzt ist sie im 6. Monat, sie, von der man sagt, sie sei unfruchtbar. Denn bei Gott ist nichts unm\u00f6glich.`<\/p>\n<p>Da sagte Maria: \u00b4Ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du gesagt hast`<\/p>\n<p>Da verlie\u00df sie der Engel.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Jauchzet, frohlocket! Auf preiset die Tage!<\/p>\n<p>So beschrieb vor rund 250 Jahren Bach die vor uns liegenden Tage und eigentlich gemeint waren rund 1750 Jahre zur\u00fcckliegende Tage, Weihnachten. Solche Tage werfen ihre Schatten voraus. Und diese Schatten sind gro\u00df. Sonst w\u00e4ren sie nicht die Vorl\u00e4ufer dieser Tage. Advent. Zu ihnen geh\u00f6rt besonders ein Ereignis, der Besuch des Engels Gabriel bei Maria.<\/p>\n<p>Engel sind nicht nur heute selten anzutreffen. Auch in der Bibel begegnen sie nicht h\u00e4ufig. Lk, der uns diese Geschichte berichtet, wei\u00df von Engeln hier etwas zu sagen, sehr nahe vor der Geburt Jesu, sp\u00e4ter nach der Geburt und dann nach Jesu Auferstehung. Hier wird Gabriel von Gott zu Maria gesandt. Gott handelt, und er schickt einen seiner obersten Engel. Chefsache. Der Engel macht sich gleich auf den Weg. Sein Ziel ist ein kleiner Ort, ein un-bekannter Ort, nicht der Rede wert. G\u00f6ttingen ist bekannt durch seine Universit\u00e4t, durch den Nords\u00fcd-Verkehr auf Stra\u00dfe und Schiene. Wer kennt, richtiger kannte bis dahin &#8222;Nazareth&#8220; in der zudem kleinen Landschaft &#8222;Galil\u00e4a&#8220;. Hier Chefsache &#8211; dort ein unbedeutender Ort und dazwischen ein Chefengel.<\/p>\n<p>Diese Reise hat immer wieder Menschen begeistert, Kinder inspiriert. Maler stellen Gabriel dar. Musiker schreiben St\u00fccke und w\u00e4hlen daf\u00fcr sorgf\u00e4ltig Stimmen und Noten.<\/p>\n<p>&#8222;Ave Maria&#8220;, der Gru\u00df Gabriels nach seiner Ankunft in Nazareth bei Maria, fand Eingang in Gebet und Liturgik.<\/p>\n<p>Ave Maria, oder kurz &#8211; das Griechische (aire &#8211; ist der Alltagsgru\u00df in jenen Tagen. Gott schickt seinen Engel in den Alltag hinein, ver\u00e4ndert nicht den Alltag, sondern greift ihn &#8222;auf&#8220;. Die Verbindung Gott &#8211; Maria ist eine von Gott zum Menschen mit dessen ganzer Menschlichkeit. Maria ist ein junges M\u00e4dchen. Es soll einen alten Mann heiraten, einen gewissen Josef, einen kleinen Handwerker, einen Zimmermann. Maria ist keine sch\u00f6ne, strahlende Frau. Sp\u00e4tere Zeiten haben sie erst dazu gemacht. Ein armes junges M\u00e4dchen mit keiner besonderen Zukunft, in einem kleinen Ort, einem unbedeutenden Ort, das ist Maria. Der Kontrast Gott &#8211; Maria k\u00f6nnte kaum gr\u00f6\u00dfer sein. Aber, Gott w\u00e4re nicht Gott, wenn die Verh\u00e4ltnisse so blieben. Er greift ein und gleich wie! Einer seiner Chefengel mu\u00df sich auf den Weg machen. Wenn Gott und Mensch zusammentreffen, geht es nicht weiter wie hierher.<\/p>\n<p>Aber diese Ver\u00e4nderung ist nicht eine allt\u00e4gliche. Es findet nicht beispielsweise eine Reparatur statt. Auch beginnt nicht ein M\u00e4rchen, etwa, da\u00df aus dem armen M\u00e4dchen Maria eine strahlende junge Frau wird. Gott handelt nicht nach Feenart. Alltag bleibt Alltag, und doch wird er anders.<\/p>\n<p>Die Ver\u00e4nderung in der Nicht-Ver\u00e4nderung wird in der Anrede Gabriels deutlich:<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst ben\u00fctzt Gabriel den Alltagsgru\u00df &#8222;ave&#8220;, &#8222;(aire&#8220;, und wechselt unvermittelt Ton und Sprache. Er ben\u00fctzt f\u00fcr seine weitere Anrede an Maria ein au\u00dfergew\u00f6hnliches, ganz und gar nicht allt\u00e4gliches Wort. Im Deutschen und auch im Lateinischen fehlt sogar das verwendete Wort. Wir k\u00f6nnen es folglich in einer \u00dcbersetzung nur umschreiben. Dabei ist seine Lexik leicht. Es ist ein Verb und bedeutet soviel wie &#8222;angenehm machen&#8220;, &#8222;mit Huld begl\u00fccken&#8220; &#8222;Gnade schenken&#8220;. Schwierig wird die Sache, wenn wir uns vorstellen, wie wir jemanden &#8222;angenehm machen&#8220; k\u00f6nnen. Sollen wir zu PR-Leuten werden? Noch schwieriger, aber zugleich auch leichter wird das Ganze, wenn wir die Grammatik zu Hilfe nehmen. Das Verb wird von Gabriel bei seiner Anrede im Perfekt Passiv gebraucht. Die lateinische \u00dcbersetzung hilft sich, indem sie die Verbform aufl\u00f6st. Das Ergebnis ist eine verst\u00e4ndliche \u00dcbersetzung, aber der Preis ist hoch. Das Verb wird aufgeben. Der Gru\u00df lautet: &#8222;Sei gegr\u00fc\u00dft voller Gnaden&#8220;. &#8222;Sei gegr\u00fc\u00dft, Maria, voller Gnaden&#8220;, wird in der Folgezeit zu dem allseits bekannten Gru\u00df. Die Voraussetzung f\u00fcr diese \u00dcbersetzung ist: Maria, die Frau, ein Mensch, wird als Gef\u00e4\u00df verstanden, das mit Gnade angef\u00fcllt worden ist. Der Gru\u00df, der Maria als Frau in ihrem eigenen Alltag gilt, das Verb im Passis, ist verschwunden. Der Alltag, in den hinein Gabriel geschickt wird und redet, wird aufgegeben.<\/p>\n<p>Maria reagiert aber als Mensch. Sie ist verwirrt, ja mehr als verwirrt. Sie erschrickt. Welchem, selbst emanzipierten M\u00e4dchen von heute erginge es anders, wenn sie so angeredet werde: &#8222;Du angenehm Gewordene&#8220;. Luther \u00fcberlegte, ob man nicht einfach sagen sollte: &#8222;Gott gr\u00fc\u00dft dich, liebe Maria&#8220; (WA 30 II, 638, 18 u. 23).<\/p>\n<p>Auf die menschliche Reaktion Marias reagiert Gabriel auch menschlich. Er sagt: &#8222;Hab&#8216; keine Angst Maria&#8220;, setzt mit einen neuen Gru\u00df noch einmal an und erkl\u00e4rt zugleich seinen ersten Gru\u00df. Nun sagt er zu Maria: &#8222;Du hast Gnade bei Gott gefunden.&#8220;<\/p>\n<p>Dann erst kommt Gabriel zur Sache, \u00fcbermittelt seine Nachricht.<\/p>\n<p>Wieder reagiert Maria menschlich, eben als junges M\u00e4dchen. Erschrocken, und h\u00f6flich fragt sie zur\u00fcck, wie sie, die sie als Verlobte doch Jungfrau ist, schwanger werden solle. Gabriel hat volles Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Frage und erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Sp\u00e4ter wird es dann Theologen geben, die meinen werden, das Gespr\u00e4ch sei eine von Lukas oder anderen eingef\u00fcgte Erkl\u00e4rung und\/oder Bekr\u00e4ftigung, da\u00df Maria als Jungfrau Jesus geboren habe.<\/p>\n<p>Maria ger\u00e4t damit in den Alltag unserer Meinungen. Das ist nichts Neues oder gar Besonderes, sondern setzt nur den Alltag von damals auf seine Art fort. Gabriel kommt zu Maria in ihrem Alltag. Er verl\u00e4\u00dft sie auch in ihrem Alltag. Der ist der alte und doch auch anders geworden, als der er war, bevor Gabriel kam. Maria, so der Evangelist Lukas, erlebt das Andere sp\u00e4ter ausgepr\u00e4gt bei ihrem Besuch bei ihrer schon \u00e4lteren Kusine Elisabeth. Maria preist dann Gott mit einem Lied, dem Magnificat. Es ist ein wundersch\u00f6nes Lied und sp\u00e4ter viele Komponisten anregen. 8,5 Druckseiten lang ist das Verzeichnis, das die Komponisten und ihre Werke nennt (S\u00f6hnke Remmert, Bibeltexte in der Musik, G\u00f6ttingen 1996).<\/p>\n<p>So sind wir Menschen. Wir sehen gern das Sch\u00f6ne, das wir leicht nachvollziehen k\u00f6nnen. Deswegen \u00fcbergehen, verschweigen wir schwierige Passagen des Alltags. Maria hat Probleme wegen des Alltags. Als junge, verlobte Frau schwanger zu sein, bedeutete in dem Nazareth ihrer Tage den Tod durch Steinigen. Josef, ihr Verlobter, bewahrt sie davor, indem er sie heiratet. Sp\u00e4ter findet dann die Geburt in einem Stall statt, kein klinisch reiner Ort, ein gesteigertes Risiko f\u00fcr die junge Mutter bei der ohnehin gro\u00dfen Sterblichkeitsrate im Kindbett.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Wir singen dazu &#8222;Stille Nacht, heilige Nacht&#8220;. Wir vergessen, da\u00df das Lied ebenfalls unter schwierigen Bedingungen das Licht der Welt erblickte. Es war vor 180 Jahren. Eine Gemeinde hatte ihre Kirche verloren, weil 2 Jahre zuvor, 1816, eine Grenze willk\u00fcrlich besch\u00f6ossen worden war. Die Kirche der Gemeinde lag nun unerreichbar am anderen Ufer der Salzach. Diesseits des Flusses gab es nur eine alte, halbzerfallene Kirche mit einer schadhaften, verstimmten Orgel. Der Pfarrer des Ortes, ein armer Hilfsgeistlicher, &#8211; mehr hatte man der Gemeinde nicht zugebilligt &#8211; war mutig. Er ergriff die Initiative. Er texte und komponierte ein neues Lied, &#8222;Stille Nacht, heilige Nacht&#8220;. Er sang es auch selbst am Weihnachtsabend zusammen mit dem Organisten, einem jungen Lehrer. Er sang Tenor, und der Lehrer \u00fcbernahm den Ba\u00df. Der Pfarrer begleitete das Ganze auf der Gitarre. Das Lied wurde schnell bekannt. Nur 30 Jahre sp\u00e4ter hatte es bereits der Domchor in Berlin in sein Repertoire aufgenommen und sang es regelm\u00e4\u00dfig im Schlo\u00df vor dem K\u00f6nig. Zu dieser Zeit, 30 Jahre sp\u00e4ter, war der Hilfspfarrer noch immer Vikar und starb an Tuberkulose. H\u00f6rer und S\u00e4nger k\u00fcmmerten sich nicht um den Urheber des Liedes. Sie forschten zwar nach den Urhebern. Der preu\u00dfische K\u00f6nig lie\u00df extra Nachforschungen anstellen. Aber die Menschen in ihrem Alltag sahen sie nicht. Sie sangen das Lied zudem in einer verk\u00fcrzten Fassung. Sie lie\u00dfen wichtige Verse lie\u00dfen weg. Heute kennt kaum noch jemand die \u00fcbergangenen Strophen. Dabei sind sie gerade die wichtigen. Sie gelten den armen Leuten an der Salzach im Jahre 1818 wie den Kranken, Schwachen, Alten und Jungen des Jahres 1998 und noch sp\u00e4ter auch denen des Jahres 2000. Eine der vergessenen Verse lautet:<\/p>\n<p>&#8222;Stille Nacht, heilige Nacht,<\/p>\n<p>wo sich heute alle Macht<\/p>\n<p>v\u00e4terlicher Liebe ergo\u00df<\/p>\n<p>und als Bruder huldvoll umschlo\u00df<\/p>\n<p>Jesus die V\u00f6lker der Welt,<\/p>\n<p>Jesus die V\u00f6lker der Welt&#8220;.<\/p>\n<p>Diese einfachen Reime benennen implizit das Ziel des Besuches von Gabriel bei Maria. Gott startet mit seinem Sohn eine Initiative, um der Welt in Liebe zu begegnen. Er tut das ganz unspektakul\u00e4r. Sp\u00e4ter wird man sagen: ohne \u00f6ffentlichen Countdown vor laufenden Fernsehkameras, wie es dann die Menschen von der NASA her gew\u00f6hnt sein werden. Das wird manche dann veranlassen, an dem Ganzen zu zweifeln; andere werden feiern, weil alle Jahre wieder dieses Fest so sch\u00f6n ist. Aber es wird auch welche geben, die Hilfspfarrer und Lehrer in einer kleinen unbedeutenden Gemeinde sind.<\/p>\n<p>Ich meine: Gott nimmt uns Menschen ernst, so wichtig, da\u00df er eingreifen will und einen seiner Chefengel schickt.<\/p>\n<p>Ich freue mich deshalb, m\u00f6chte darum in einigen Tagen mit Bach singen: &#8222;Jauchzet, frohlocket! Auf preiset die Tage&#8220; und frage mich heute, wie \u00fcbrigens Bach auch nach seinem Jubelruf, indem ich mit ihm zusammen singe: &#8222;Wie soll ich dich empfangen?&#8220;<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Lied: Wie soll ich dich empfangen?<\/p>\n<p>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach \/ G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>Email:\u00a0<a href=\"mailto:unembac@gwdg.de\">unembac@gwdg.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>4. Advent | 20.12.1998 | Lukas 1,26-38 | Ulrich Nembach | &#8222;Im 6. 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