{"id":21835,"date":"1998-12-17T10:33:36","date_gmt":"1998-12-17T09:33:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21835"},"modified":"2025-03-17T10:37:16","modified_gmt":"2025-03-17T09:37:16","slug":"2-samuel-74-6-12-14a-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/2-samuel-74-6-12-14a-2\/","title":{"rendered":"2. Samuel 7,4-6.12-14a"},"content":{"rendered":"<h3>Heiligabend | 24.12.1998 | 2. Samuel 7,4-6.12-14a | Christian Bultmann |<\/h3>\n<p>Exegetische und homiletische Leits\u00e4tze:<\/p>\n<p>(Biblische Zitate nach Lutherbibel, Z\u00fcrcher Bibel, Einheits\u00fcbersetzung)<\/p>\n<ol>\n<li>Die Verhei\u00dfung 2Sam 7 bezieht sich im Ursprung auf die jud\u00e4ische Daviddynastie und den Tempel in Jerusalem und hat mit Christus nichts zu tun. (Zur alttestamentlichen Entstehungsgeschichte vgl. F. Stolz, Das erste und zweite Buch Samuel, 1981)<\/li>\n<li>Die fr\u00fche Christenheit hat die mit David verbundene Hoffnung in Christus an ihr Ziel kommen sehen und durch ihre Glaubenserkenntnis die Verhei\u00dfung aus Israels Tradition zu einer Verhei\u00dfung gemacht, die in Christus ihre Erf\u00fcllung findet.<\/li>\n<li>Christus ist &#8211; davidischer &#8211; k\u00f6niglicher Herrscher, indem er das Reich Gottes verk\u00fcndigt. G. Dautzenberg schreibt, &#8218;Reich Gottes&#8216; sei der &#8222;Zentralbegriff der Botschaft und des Wirkens Jesu&#8220; (Artikel &#8218;Reich Gottes&#8216; im Neuen Bibel-Lexikon, hg.v. M. G\u00f6rg und B. Lang, Lfg. 12, 1998).<\/li>\n<li>Eine Weihnachtspredigt sollte \u00fcber das blo\u00dfe Bild des Christkindes in der Krippe hinausf\u00fchren.<\/li>\n<li>Eine Weihnachtspredigt hat H\u00f6rer und H\u00f6rerinnen, die ihre Feier von Weihnachten im christlichen Glauben verankern wollen, aber zumeist nicht wissen, wie. G. Krause schreibt, die &#8218;Christusverk\u00fcndigung&#8216; sei &#8222;die Hauptsache der Weihnachtspredigt&#8220; (ders., Weihnachtspredigten, 1973).<\/li>\n<li>Eine Weihnachtspredigt soll nicht \u00fcber popul\u00e4re und kommerzielle Mi\u00dfbr\u00e4uche des Weihnachtsfestes lamentieren, mu\u00df aber wohl doch darauf reagieren, da\u00df der kirchliche Grund des Weihnachtsfestes keine fraglose Priorit\u00e4t besitzt.<\/li>\n<li>Warum eigentlich sollte eine Weihnachtspredigt nicht den Charakter einer biblischen Besinnung haben?<\/li>\n<\/ol>\n<p>Verlesung der Perikope 2Sam 7,4-6.12-14a.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>Unser Weihnachtsfest strahlt heute wie jedes Jahr im Glanz der Vorfreude und der guten Gedanken, die wir mit diesem Tag verbinden. Im besten Sinne wird zu Weihnachten m\u00f6glich, was sonst unm\u00f6glich scheint oder leicht vergessen wird, wenn das neue Jahr weitergeht. Wir besinnen uns auf uns selber, wir denken an die Familie und an Freunde, wir tauschen Geschenke als Zeichen der Zuwendung aus, wir lassen uns durch das Wort vom Teilen mit Menschen in Not bewegen. &#8211; Wir spielen ein Spiel, sagen dazu die einen Kritiker. Wir beweisen uns selbst, wie gut wir uns in unseren Lebensverh\u00e4ltnissen eingerichtet haben, sagen die anderen. &#8211; Wollen wir zu Weihnachten etwas h\u00f6ren, oder wollen wir zu Weihnachten etwas bieten? &#8211; Wir wollen etwas h\u00f6ren. Aber was? Etwas Unerwartetes? Etwas l\u00e4ngst Vergangenes? Etwas immer Gleiches?<\/p>\n<p>Beim Weihnachtsfest in diesem Jahr soll uns David, der gro\u00dfe K\u00f6nig Israels, vor Augen stehen. Von David zeichnet uns das Alte Testament ein breites, farbschillerndes Bild: der Sohn des Isai aus Bethlehem, der die Zither spielen kann und von dem es hei\u00dft, &#8222;Gott ist mit ihm&#8220; (1Sam 16,18). Der Krieger, in dessen Zeit Gott seinem Volk Israel Ruhe verschafft hat von allen Feinden ringsum (2Sam 7,1). Schlie\u00dflich der K\u00f6nig in seinem Palast in Jerusalem, der sich fragt, &#8222;&#8218;Siehe, ich wohne in einem Palast aus Zedernholz&#8216; &#8211; ist damit eigentlich alles in seiner besten Ordnung?&#8220; Ein Zweifel, den wir verstehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>In dieser Situation ergeht ein Gotteswort an den Propheten Nathan. Denn David beunruhigt sich dar\u00fcber, ob er nicht f\u00fcr Gott etwas tun sollte, einen Tempel bauen. Er selbst wohnt ja in einem Zedernhaus &#8211; nun soll auch Gott in einem Zedernhaus wohnen. Wo wir es zu Gl\u00fcck und Wohlstand gebracht haben, suchen wir auch unsere Dankbarkeit zum Ausdruck zu bringen &#8211; und was war in der Zeit Davids f\u00fcr den Ausdruck von Dankbarkeit gegen\u00fcber Gott geeigneter als ein Tempel oder wenigstens die Versch\u00f6nerung des Tempelkultes? Eine pr\u00e4chtige Darstellung der Harmonie zwischen K\u00f6nig und Gott, wirkungsvoll nach innen und wirkungsvoll nach au\u00dfen. Ist das nicht zu allen Zeiten die gro\u00dfe Versuchung des Gotteslobs in \u00e4u\u00dferen Formen? Da\u00df es zu unserer Selbstdarstellung wird, und zu unserer Selbstt\u00e4uschung \u00fcber eine Harmonie zwischen Gott und uns? Das Alte Testament ist hier sehr kritisch. Gott l\u00e4\u00dft den Propheten Hosea \u00fcber den Kult sagen, &#8222;An Liebe habe ich Gefallen und nicht an Opfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern!&#8220; (Hos 6,6) So lesen wir es auch im Evangelium des Matth\u00e4us (Mt 9,13). Ein Prophet wie Hosea oder wie Nathan deckt T\u00e4uschung auf, und er l\u00e4\u00dft Gott selbst in seinem Wort sprechen.<\/p>\n<p>Gott braucht keinen Tempel. Er konnte einmal einen Tempel haben, und Davids Sohn und Thronnachfolger Salomo hat ihm einen Tempel gebaut. Aber Gott braucht keinen Tempel, und Jesus hat vom Abbruch des Tempels gesprochen. Gottes Gegenwart l\u00e4\u00dft sich nicht eingrenzen, und sie kann, wenn es denn sein soll, auch durch ein Zelt dargestellt werden. &#8222;Von dem Tag, da ich die Israeliten aus \u00c4gypten heraufgef\u00fchrt habe, bis auf diesen Tag habe ich in keinem Haus gewohnt, sondern bin in einem Zelt umhergezogen&#8220;, soll Nathan im Namen Gottes zu David sagen. Worauf es ankommt, ist vielmehr, da\u00df Gott selbst gegenw\u00e4rtig sein will, da\u00df das Zeugnis von seinem Tun lebendig bleibt. In Israel ist es wichtiger, von der Herausf\u00fchrung aus \u00c4gypten zu erz\u00e4hlen, als einen Tempel zu bauen. In der Kirche ist es wichtiger, die Weihnachtsgeschichte zu erz\u00e4hlen, als Formen der kirchlichen Selbstdarstellung zu optimieren. Das ist f\u00fcr uns zu Weihnachten eine beruhigende Einsicht: wem unser Weihnachtsfest wie ein erstarrtes Hofzeremoniell vorkommt, der mag sich tr\u00f6sten, da\u00df das Wichtige, die Erinnerung an die Nacht in Bethlehem als die Geburt Jesu Christi auf verschiedene Weisen zur Sprache kommen kann.<\/p>\n<p>Der Auftrag des Propheten ist damit aber noch l\u00e4ngst nicht an sein Ziel gelangt. Nicht nur die Erinnerung an Gottes heilvolles Tun, nicht nur die Erkenntnis der Freiheit Gottes in seinem Gegenw\u00e4rtigsein werden dem Propheten aufgetragen. Nathan hat David auch etwas \u00fcber die Zukunft zu sagen, ja genauer, \u00fcber alle Zukunft. Gott will das K\u00f6nigtum von Davids Sohn und Nachfolger best\u00e4tigen, den Thron seiner Herrschaft in Ewigkeit befestigen. Das ist Verhei\u00dfung. Das ist ein Wort Gottes, das die Zeiten \u00fcberbr\u00fcckt. In solchem Reden Gottes k\u00fcndigt sich Unerwartetes an. Eine Verhei\u00dfung wird hier laut, die mehr sagt, als wir der Gottheit Gottes zutrauen. Eine prophetische Verhei\u00dfung eben. Sie hat in der Anrede an David ihren konkreten Ort, und der Sohn Davids, von dem sie spricht, ist Salomo. Der Prophet Nathan wei\u00df nicht, da\u00df es \u00fcber Jesus hei\u00dfen wird, &#8222;Siehe, hier ist mehr als Salomo&#8220; (Mt 12,42). So kann es erst nach der Nacht der Geburt Jesu in Bethlehem, der Stadt Davids, hei\u00dfen. Mit Weihnachten bekommt die prophetische Verhei\u00dfung einen neuen Klang, ja wird sie zu einer neuen Verhei\u00dfung, zu einer Verhei\u00dfung des Evangeliums von Jesus Christus. Jetzt spricht sie nicht mehr vom K\u00f6nigreich Davids, jetzt spricht sie vom Reich Gottes. Der Sohn Gottes, der in der Nacht in Bethlehem zu uns Menschen gekommen ist, kommt als Verk\u00fcndiger des Reiches Gottes. Die alte Verhei\u00dfung, &#8222;Ich werde sein K\u00f6nigreich befestigen&#8220;, findet jetzt ihre Antwort in der Verk\u00fcndigung Jesu, &#8222;das Reich Gottes ist nahe herbeigekommen&#8220; (Mk 1,15). So geschieht in den Worten Jesu wiederum das Unerwartete &#8211; wie damals in der Prophetie des Nathan.<\/p>\n<p>Doch diesmal geht es nicht um Davids Tempel, sondern um Davids K\u00f6nigtum. Wie k\u00f6nnte Jesus als das letzte Glied der Kette des Hauses Davids \u00fcberhaupt in eine Vorstellung vom K\u00f6nigtum hineinpassen? Mit seiner Geburt im Stall von Bethlehem und seinem Tod am Kreuz von Golgatha? Eine einzige Szene in den Evangelien l\u00e4\u00dft uns Jesus in so etwas wie k\u00f6niglichem Licht sehen, der Einzug in Jerusalem, bei dem das Volk ruft: &#8222;Hosianna dem Sohn Davids! Gelobt sei, der da kommt in dem Namen des Herrn! Hosianna in der H\u00f6he!&#8220; (Mt 21,9). Doch auch hier sehen wir keinen Triumph der Macht, sondern der Liebe, der Umkehrung des Machttypischen. Denn dieser K\u00f6nig kommt, &#8222;ein Gerechter und ein Helfer, arm und reitet auf einem Esel, auf einem F\u00fcllen der Eselin&#8220; (Sach 9,9; Mt 21,4f.). Herrschaft auf dem Thron Davids wird zur Ansage des Reiches Gottes, das Kind in der Krippe wird zum Verk\u00fcndiger, der f\u00fcr seine Botschaft sein Leben l\u00e4\u00dft. Zum Verk\u00fcndiger, der allen, die seinen Worten glauben, das Reich Gottes \u00f6ffnet, das durch seine Verk\u00fcndigung verborgen da ist und sich am Ende der Zeiten, ohne da\u00df neue Propheten n\u00f6tig w\u00e4ren, enth\u00fcllen wird.<\/p>\n<p>Wie sollen wir von diesem Reich Gottes sprechen? Das war schon eine Frage im Kreise Jesu und seiner J\u00fcnger. Und eine Antwort ist ein Gleichnis, das Jesus erz\u00e4hlt: &#8222;Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn: wenn das ges\u00e4t wird aufs Land, so ist&#8217;s das kleinste unter allen Samenk\u00f6rnern auf Erden; und wenn es ges\u00e4t ist, so geht es auf und wird gr\u00f6\u00dfer als aller Kr\u00e4uter und treibt gro\u00dfe Zweige, so da\u00df die V\u00f6gel unter dem Himmel unter seinem Schatten wohnen k\u00f6nnen.&#8220; (Mk 4,31f.). Weihnachten ist das Fest, an dem die Geschichte dieses Reiches in der Unscheinbarkeit des Stalls von Bethlehem begonnen hat, des Reiches der Liebe Gottes, die wir erfahren d\u00fcrfen und weitergeben sollen. Der Sohn Davids, ein Gerechter und ein Helfer, m\u00f6ge uns dabei leiten. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>PD Dr. Christian Bultmann, Platz der G\u00f6ttinger Sieben 2, 37073 G\u00f6ttingen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Heiligabend | 24.12.1998 | 2. 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