{"id":21839,"date":"1998-12-17T10:40:11","date_gmt":"1998-12-17T09:40:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21839"},"modified":"2025-03-17T10:44:00","modified_gmt":"2025-03-17T09:44:00","slug":"micha-51-4a-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/micha-51-4a-2\/","title":{"rendered":"Micha 5,1-4a"},"content":{"rendered":"<h3>1. Weihnachtstag | 25.12.1998 | Micha 5,1-4a | Klaus-Peter Hertzsch |<\/h3>\n<p>Text:<\/p>\n<p>Du, Bethlehem Efrata, die du klein bist unter den St\u00e4dten in Juda, aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist. Indes l\u00e4\u00dft er sie plagen bis auf die Zeit, da\u00df die, welche geb\u00e4ren soll, geboren hat. Da wird dann der Rest seiner Br\u00fcder wiederkommen zu den S\u00f6hnen Israels. Er aber wird auftreten und weiden in der Kraft des Herrn und in der Macht des Namens des Herrn, seines Gottes. Und sie werden sicher wohnen; denn er wird zur selben Zeit herrlich werden, so weit die Welt ist. Und er wird der Friede sein.<\/p>\n<p>Predigt:<\/p>\n<p>Im Krippenspiel bei uns zu Hause gab es nat\u00fcrlich all die vertrauten Rollen: Maria und Joseph, Hirten, Engel und K\u00f6nige. Dazu aber kamen bei uns noch einige Gestalten, die man nicht ohne weiteres erkannte. Sie traten vor die Gemeinde, ehe die eigentliche Weihnachtsgeschichte begann. Es waren die Propheten, die Kommendes anzusagen hatten. Sie wurden eher grau und etwas urt\u00fcmlich gekleidet und hatten auch keinen gereimten Text wie die andern, sondern sagten Worte, die unmittelbar aus der Bibel entnommen waren, aus den Prophetenb\u00fcchern des Alten Testaments. Dabei war nicht zu \u00fcbersehen: W\u00e4hrend sonst das Krippenspiel im vertrauten Rythmus ablief, gab es bei diesen Propheten eine besondere Aufmerksamkeit. Da war ein Ton, der die Leute aufhorchen lie\u00df. Sie hatten einen Moment lang das Gef\u00fchl: Der redet ja von uns.<\/p>\n<p>Alte Leue erinnern sich sicher noch an die Weihnachten in den Tr\u00fcmmer- und Hungerst\u00e4dten der Kriegs- und der Nachkriegsjahre. Wenn damals der Prophet Jesaja begann &#8222;Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein gro\u00dfes Licht, und \u00fcber die, die da wohnen im finsteren Land, scheint es hell&#8220;, war es ganz still in der Kirche. Sind nicht wir dieses Volk, dachten alle, und wo ist denn dieses Licht? Und als Jahrzehnte sp\u00e4ter auf beiden Seiten der innerdeutschen Grenze die Atomraketen aufgestellt waren und wir wu\u00dften: ein Funke, und alles ist zu Ende, da verstanden wir, was das Prophetenwort bedeuten k\u00f6nnte:&#8220;Er hei\u00dft Wunderbar-Rat, Ewig-Vater, Friede-F\u00fcrst&#8220; und &#8222;Sie werden nicht mehr lernen, Krieg zu f\u00fchren.&#8220; Ja, dachte die Gemeinde, das w\u00e4re gut. Nach dem, was der sagt, sollte man sich richten.<\/p>\n<p>Zu diesen Gestalten geh\u00f6rte auch der Prophet Micha &#8211; vor allem mit dem ersten Satz aus unserm heutigen Predigttext:&#8220;Du, Bethlehem, Efrata, die du klein bist unter den St\u00e4dten in Juda, aus dir soll mir kommen, der in Israel Herr sei, dessen Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist.&#8220; Der Ortsname Bethlehem geh\u00f6rt nat\u00fcrlich genau in solch ein Weihnachtsspiel. &#8222;Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall&#8220;, fiel jedem gleich ein und &#8222;O Bethlehem, du kleine Stadt, wie stille liegst du hier&#8220; &#8211; &#8222;die du klein bist unter den St\u00e4dten in Juda&#8220; Und es wird ja auch erz\u00e4hlt: als die Weisen aus dem Morgenland fragten, wo der neugeborene K\u00f6nig zu finden ist, da zitierten die Schriftgelehrten eben diesen Propheten Micha.Der Junge, der den Propheten im Krippenspiel zu sprechen hatte, wollte gern wissen: Wer war denn dieser Mann, der vor undenklich langer Zeit auf Bethlehem hingewiesen hat? Es zeigte sich, da\u00df man \u00fcber ihn fast nichts wei\u00df, nur so viel, da\u00df er etwa 700 Jahre vor der Geburt Christi lebte und da\u00df zu vermuten ist, er war ein einfacher Mann, vielleicht ein Schafz\u00fcchter oder Kleinbauer. Denn in vielem, was er im Auftrag Gottes den Reichen und M\u00e4chtigen von damals sagte, klingt die Erfahrung und bebt der Zorn des betroffenen und geschundenen kleinen Mannes. &#8222;Die Reichen tun viel Unrecht,&#8220; sagte er, &#8222;und haben falsche Zungen in ihrem Halse.&#8220; Vielleicht w\u00fcrde die heutige Gemeinde beim Krippenspiel neu aufhorchen, wenn der Micha-Spieler dort noch andere Teile aus dessen Buch vortragen w\u00fcrde und nicht nur den Spruch \u00fcber Bethlehem. Vielleicht fiele ihnen die heutige Macht des Geldes ein und die Schar der cleveren Immobilien-Spekulanten, wenn sie h\u00f6rten:&#8220;Wehe denen, die mit b\u00f6sen Gedanken umgehen auf ihrem Lager, da\u00df sie es fr\u00fche, wenn &#8217;s licht wird, vollbringen, weil sie die Macht haben: Sie rei\u00dfen \u00c4cker an sich und nehmen H\u00e4user, wie sie&#8217;s gel\u00fcstet.&#8220; Vielleicht fiele ihnen auch das Fernseh-Programm vom gestrigen Abend ein und dazu die letzte Kriminal-Statistik aus unseren unsicheren St\u00e4dten, wenn Micha im Krippenspiel riefe:&#8220;Sie lauern alle auf Blut. Einjeder jagt den andern, da\u00df er ihn fange. Ihre H\u00e4nde sind gesch\u00e4ftig, B\u00f6ses zu tun.&#8220; Man k\u00f6nnte sich den rauhen Micha als einsamen Rufer auf unsern weihnachtlichen Glitzerstra\u00dfen vorstellen, wie er neben dem Leierkastenmann und dem Bettler mit dem Schild &#8222;Obdachlos&#8220; steht und ruft:&#8220;Wenn ich ein Irrgeist w\u00e4re und ein L\u00fcgen-Prediger und predigte, wie sie saufen und schwelgen sollen, das w\u00e4re ein Prediger f\u00fcr dieses Volk.&#8220; Nein, ein stimmungsvoller Weihnachtsprediger ist dieser Micha \u00fcberhaupt nicht. &#8222;Des Herrn Stimme ruft \u00fcber die Stadt:&#8220; sagt er, &#8222;Ich will anfangen, dich zu plagen und um deiner S\u00fcnden willen w\u00fcst zu machen.&#8220; Denn erbarmungsloser Reichtum und r\u00fccksichtslose Macht haben Konsequenzen, und eine Gesellschaft auf solchem Wege hat keine Zukunft.<\/p>\n<p>All das mu\u00df man wissen, wenn man die guten Verhei\u00dfungsworte des Micha h\u00f6rt. Denn umso wichtiger ist es, da\u00df er offenbar auch f\u00fcr ein solches Volk, auch f\u00fcr eine solche Welt eine Verhei\u00dfung hat und Hoffnungsbilder aufleuchten l\u00e4\u00dft f\u00fcr Menschen, die sich so verrannt haben und die so geplagt sind von dem, was sie sich selber angerichtet haben. Wenn sie niedergeschlagen sind und sich in ihren stillen Stunden und in ihren lauten Diskussionen fragen: Wo um Gottes Willen soll denn das schlie\u00dflich hinf\u00fchren? , dann erz\u00e4hlt er ihnen von einer anderen, einer guten Zukunft. Die Gottvergessenheit f\u00fchrt ins Gericht, aber das Gottvertrauen f\u00fchrt in die Hoffnung. St\u00e4ndig werden Kinder geboren, und unter ihnen wird eines Tages eins sein, sagt Micha, aus dem f\u00fcr die geplagten Menschen wirklich ein Segensbringer werden wird. Und alle, die die Krisen und Katastrophen schlie\u00dflich doch \u00fcberstanden haben , sie werden endlich zu einander finden. Die Verschleppten und die Davongelaufenen, die Vertriebenen und die Geflohenen, sie werden freundlich willkommen gehei\u00dfen von denen, die zu Hause durchgehalten und die schlimmen Zeiten \u00fcberstanden haben. Und f\u00fcr sie zum Hoffnungstr\u00e4ger wird nur einer werden, der nicht wie ein machtbewu\u00dfter Feldherr, sondern wie ein aufmerksamer, behutsamer Hirte mit ihnen in eine andere Zukunft zieht. Da werden sie in ihrem Lande sicher wohnen, sagt der Prophet, das hei\u00dft: ohne vor einander Angst haben zu m\u00fcssen, und ohne Mi\u00dftrauen gegen ihre Nachbarn und ausl\u00e4ndischen Mitbewohner. Und das, sagt Micha, wird der Friede sein , in seiner eigenen hebr\u00e4ischen Sprache: der Schalom &#8211; ein Wort, das viel mehr bedeutet als Waffenstillstand und Kompromi\u00dfl\u00f6sung, sondern das gesegnete Zeit meint, gerecht verteilter Wohlstand und gute Gesinnung f\u00fcr einander, ein entspanntes Leben unter Gottes freundlichen Augen. Darum begr\u00fc\u00dft man sich auch in Israel, ja in der ganzen j\u00fcdischen und arabischen Welt mit diesem Wort wie wir mit einem guten Tag. Das alles w\u00fcnschen wir einander, sagt man damit. Wir sind noch nicht dort; aber wir wissen doch, wo wir mit euch hinwollen:In den Schalom.<\/p>\n<p>Was Micha hier schildert, ist ein Sehnsuchtsbild f\u00fcr die Judenheit in all den Jahrhunderten seither, in denen sie Entsetzliches erlebt und erlitten hat, zerstreut \u00fcber den ganzen Erdball, verleumdet, verjagt, verbrannt umd vergast. Und wir k\u00f6nnen gut verstehen, mit welchem unbeschreiblichen Hochgef\u00fchl sie an das denken ,was vor nunmehr 50 Jahren geschehen ist, als der Staat Israel gegr\u00fcndet wurde und wirklich &#8222;der Rest seiner Br\u00fcder wiedergekommen ist zu den S\u00f6hnen Israels&#8220;, und was es f\u00fcr sie bedeutet, endlich, endlich in ihrem Land &#8222;sicher zu wohnen&#8220;. Noch wohnen sie nicht sicher zusammen mit ihren pal\u00e4stinensischen Nachbarn. Noch ringt in Israel der Machtwille mit dem Schalom. Aber sie sind doch auf dem Wege dorthin. Der Prophet Micha macht ihnen Mut. Und Gott helfe ihnen zu diesem ihrem, zu diesem Seinem Ziel.<\/p>\n<p>Man kann fragen: Ist das jetzt noch eine Weihnachtspredigt? Hat uns der alttestamentliche Prophet am Anfang des Krippenspiels von der Krippe weggef\u00fchrt? Sicher nicht. Vielmehr f\u00fchrt Bethlehem, die Davidsstadt und die Geburtsstadt Jesu das Volk Gottes des Alten und des Neuen Bundes zu einander, zeigt uns unsern gemeinsamen Ursprung und unsre gemeinsame Hoffnung. Und vom Schalom singen auch die Engel der Heiligen Nacht \u00fcber Bethlehems Feld. Jesus wird geboren in die Welt des Micha: In die kleine, entlegene Stadt, in die Armut der Schafz\u00fcchter und Kleinbauern mit dem Blick von unten und der Sehnsucht nach dem verhei\u00dfenen Gottesfrieden. Jesus selbst verk\u00fcndet diesen Frieden als das Ziel der Welt. &#8222;Friede sei mit euch!&#8220; so hat er seine J\u00fcnger begr\u00fc\u00dft. Es ist etwa anderthalb Jahrzehnte her, da\u00df sehr viele junge und bald auch \u00e4ltere Christen bei uns in der DDR sich diesen Wunsch und Ruf ihres Herrn sichtbar auf ihre \u00c4rmel oder an die M\u00fctzen n\u00e4hten entgegen allem beh\u00f6rdlichen Widerstand . &#8222;Schwerter zu Pflugscharen&#8220; hie\u00df die Aufschrift und darunter: &#8222;Micha 4,3&#8220;. Da half in unseren Tagen dieser Prophet zu einem wichtigen Schritt nach vorn. Denn er hatte eine weite Perspektive. Er wu\u00dfte ein Geheimnis , von dem sp\u00e4ter auch der Evangelist Johannes in seinem Weihnachtstext reden wird: Es geht hier um Gottes Geschichte mit seiner Welt, deren &#8222;Ausgang von Anfang und von Ewigkeit her gewesen ist&#8220;. \u00dcber allem Auf und Ab der Menschheitsgeschichte f\u00fchrt Gott diese Welt zu dem Ziel, das er ihr von Anfang und von Ewigkeit her bestimmt hat, und der in Bethlehem geboren wurde, als die Zeit erf\u00fcllt war, war von Anfang an in diesem Plan. Das verbindet den Propheten Micha mit ihm: da\u00df auch Micha das Ziel kennt und deshalb wei\u00df, wie Gottes Hoffnungstr\u00e4ger aussehen mu\u00df.<\/p>\n<p>Ephraim Kishon, als Jude in Deutschland geboren und heute ein gro\u00dfer Erz\u00e4hler in Israel, berichtet: Er hat einst seine Klassenkameraden, die sich auf Weihnachten freuten, gebeten, ihnen wenigstens helfen zu d\u00fcrfen, ihren Christbaum nach Hause zu tragen. Aber sie lie\u00dfen den j\u00fcdischen Jungen dabei nicht zu. Und nun tr\u00e4gt der Altgewordene seine Bitte und seine Hoffnung vor, da\u00df er von uns Christen wenigstens heute zu dem eingeladen wird, was man ihm damals verweigert hat, den Lichterbaum ein St\u00fcck mitzutragen und zwar zu einem gro\u00dfen Fest des Friedens aus Anla\u00df der Geburt Jesu, der ja immerhin Jude gewesen sei. Und ich denke jetzt: Der j\u00fcdische Junge, der den Christbaum tragen will, und der christliche Junge, der den j\u00fcdischen Popheten Micha darstellt: gemeinsam ist uns die Sehnsucht, in unserm Land sicher zu wohnen und die Zuversicht, da\u00df nach Gottes Willen auch f\u00fcr uns die Zeit sich erf\u00fcllt, da\u00df sie nicht leer ist, nicht tot, nicht gleichg\u00fcltig, sondern erf\u00fcllt von sicherer Hoffnung auf Gottes gro\u00dfen Schalom.<\/p>\n<p>Praktisch-theologische Vorbemerkung:<\/p>\n<p>Die Predigt ist bestimmt f\u00fcr eine Innenstadt-Gemeinde in Jena, f\u00fcr Menschen, die in der Regel schon am Vorabend in der Christvesper die Weihnachtsbotschaft im Ganzen und Grunds\u00e4tzlichen geh\u00f6rt haben. Ungew\u00f6hnlich ist die Aufgabe, am Christfest \u00fcber einen Text aus dem Alten Testament zu predigen. Die Stichworte &#8222;Bethlehem&#8220; und &#8222;Friede&#8220;. verbinden das eine mit dem andern. Aber die Predigt w\u00fcrde dem Text nicht gerecht, wenn sie diese beiden Worte nur als Ausgangspunkt f\u00fcr allgemeine weihnachtliche \u00dcberlegungen verwenden w\u00fcrde. Wer Micha predigt, mu\u00df deutlich machen, da\u00df er ein scharfer sozialkritischer Warner und Strafprediger war; erst in diesem Kontext stehen seine Verhei\u00dfungen und Hoffnungsbilder im richtigen Licht. Es w\u00e4re weder realistisch noch theologisch richtig, davon auszugehen, diese Hoffnungen h\u00e4tten sich als Erf\u00fcllung der Verhei\u00dfung inzwischen l\u00e4ngst erf\u00fcllt. Jesus, in Bethlehem geboren als Mitte und Wende der Zeit, ist unser Hoffnungstr\u00e4ger geworden; aber dem endg\u00fcltigen Ziel gehen wir mit dem alten Gottesvolk gemeinsam noch entgegen. Das will die Predigt deutlich machen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Verfasser: Prof. Dr. Klaus-Peter Hertzsch Ricarda-Huch-Weg 12 077 43 Jena Tel.: 0 36 41 \/ 42 66 00<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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