{"id":21843,"date":"1998-12-17T10:46:50","date_gmt":"1998-12-17T09:46:50","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21843"},"modified":"2025-03-17T10:48:58","modified_gmt":"2025-03-17T09:48:58","slug":"johannes-812","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-812\/","title":{"rendered":"Johannes 8,12"},"content":{"rendered":"<h3>2. Weihnachtstag | 26.12.1998 | Johannes 8,12 | Wilhelm H\u00fcffmeier |<\/h3>\n<p>\u201cIch bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>dieser Vers nennt sozusagen die Folgen von Weihnachten. In drei Richtungen wollen wir sie heute morgen bedenken. Zun\u00e4chst der erste Satz: &#8222;Ich bin das Licht der Welt.&#8220;<\/p>\n<p>Es hei\u00dft nicht: Ich m\u00f6chte gern, ich w\u00e4re das Licht der Welt, oder: Ich will das Licht der Welt werden, oder gar: Ich m\u00f6chte der finsteren Welt gern ein wenig Licht bringen.<\/p>\n<p>An ihrem Ort und zu ihrer Zeit sind das wichtige und gute Absichten. Sie sollten nicht klein gemacht werden. Wer sich vornimmt, im neuen Jahr bei &#8222;Amnesty International&#8220; oder der &#8222;Aktion S\u00fchnezeichen&#8220; mitzuarbeiten, an der &#8222;Berliner Tafel&#8220; f\u00fcr Obdachlose teilzunehmen oder einfach nur die Verwandte im Krankenheim einmal mehr zu besuchen, der oder die k\u00f6nnte Lichttr\u00e4ger werden. Wenn der Entschlu\u00df zustandekommt und durchgehalten wird, wird er Hoffnung und Zuversicht f\u00fcr Menschen hier in Berlin oder anderswo bringen, Das pa\u00dft zu Weihnachten. In unz\u00e4hligen kleinen Lichtern spiegelt sich das eine Licht des Lebens.<\/p>\n<p>Der Satz aus dem Johannesevangelium spricht freilich nicht nur von einem guten Vorsatz, den ein Mensch fa\u00dft und ausf\u00fchrt. Er zeigt die schon vorhandene, neue, die ganze Welt hell machende\u00a0<strong>g\u00f6ttliche<\/strong>\u00a0Wirklichkeit an: Das Licht\u00a0<strong>scheint<\/strong>\u00a0in der Finsternis, hei\u00dft es im 1. Kapitel des Johannesevangeliums. Die erste und wichtigste Konsequenz aus Weihnachten lautet: Diese neue, hell leuchtende Realit\u00e4t ist aus der Welt nicht mehr wegzudenken, dieses Licht, das den Namen Jesus Christus tr\u00e4gt, kann keine Macht der Welt mehr ausl\u00f6schen.<\/p>\n<p>Von den Weihnachtslichtern und -kerzen wissen wir, wie schnell sie niederbrennen und wie leicht sie ausgepustet worden k\u00f6nnen. Es macht den Kindern auch immer wieder Spa\u00df, das zu tun. Der aber, auf den die weihnachtlichen Kerzen hinweisen sollen,\u00a0<strong>bleibt<\/strong>. Sein Licht, obwohl verletzlich und schwach, leuchtet unaufh\u00f6rlich und unausl\u00f6schlich weiter. Die Finsternis hat nicht vermocht, es zu \u00fcberw\u00e4ltigen. Weder Herodes, der seine Knechte schickte, um das Kind zu finden und zu t\u00f6ten, noch andere, die dem Gottessohn nach dem Leben trachteten. Selbst der Tod am Kreuz hat sein Leben nicht vernichten k\u00f6nnen. Das wird also auch der Kirche in ihrem vielf\u00e4ltigen Versagen oder dem Atheismus oder der religi\u00f6sen Indifferenz nicht gelingen. Jesu Wort: &#8222;Ich bin das Licht der Welt&#8220;, ist ein zutiefst tr\u00f6stlicher Satz f\u00fcr die Kirche und f\u00fcr die Welt.<\/p>\n<p>Auf den Trost folgt freilich eine Ern\u00fcchterung. Das ist das Zweite, was es zu bedenken gibt. Wahr ist n\u00e4mlich auch, da\u00df es viele Menschen gibt (wir selber geh\u00f6ren auch immer wieder dazu), die das Licht sehen und sich zu Weihnachten an ihm erfreuen, ja denen die Botschaft von der Menschlichkeit Gottes auch irgendwie einleuchtet, die sie aber doch nicht annehmen. &#8222;Das Licht scheint in der Finsternis, aber die Menschen haben es nicht ergriffen.&#8220; Es geht dann zu wie in der Geschichte vom reichen J\u00fcngling. Er kommt zu Jesus, und der sieht ihn an mit liebevollem Blick, der junge Mann aber kann sich nicht trennen von seinem bisherigen Leben, den Gewohnheiten und Annehmlichkeiten, mit denen er aufwuchs und an die er gebunden ist.<\/p>\n<p>Andre Gide, der gro\u00dfe franz\u00f6sische Dichter, schreibt in seinen allerletzten Aufzeichnungen: &#8222;Es ist in den Worten Christi mehr Licht als in jedem anderen menschlichen Wort. Dies scheint jedoch nicht zu gen\u00fcgen, damit einer Christ sei. Man mu\u00df \u00fcberdies noch glauben. Nun, ich glaube nicht.&#8220;<\/p>\n<p>Es mu\u00df nicht immer dezidierter Unglaube sein, der auf das Licht des Lebens reagiert. Viele Leute glauben nicht etwa deshalb nicht an Gott, weil seine Existenz nicht zu beweisen ist, sondern weil es ihnen zu unbequem ist. Es fehlt der innere Ruck, es fehlt die Entscheidung, es fehlt die Ausdauer.<\/p>\n<p>Weihnachten ohne Entscheidung, ohne Neuanfang auf\u00a0<strong>unserer<\/strong>\u00a0Seite &#8211; auch das ist eine, vielleicht sogar die h\u00e4ufigste Folge der frohen Botschaft. Eine bittere, eine traurige Konsequenz. \u00dcber sie kommen Christen nur hinweg, weil ihnen gewi\u00df bleibt: Das Licht scheint in der Finsternis. Es m\u00f6gen Menschen den Gottessohn zur\u00fcckweisen oder ignorieren oder verspotten. Jesus hatte Gegner. Er f\u00fchrte Auseinandersetzungen, aber sein Leben, seine gesamte Existenz richtete sich nicht gegen irgend jemanden, sondern er war da f\u00fcr die Menschen, er lebte und starb auch f\u00fcr die, die ihn nicht annahmen, Er tritt auch f\u00fcr die ein, die nicht wissen, was sie tun.<\/p>\n<p>Und nun das Dritte: &#8222;Wer mir nachfolgt, wird nicht in der Finsternis wandeln, sondern das Licht des Lebens haben.&#8220; Das ist die positive Folge Weihnachtens: der Neuanfang, die neue M\u00f6glichkeit. Nachfolgen &#8211; das hei\u00dft unter Umst\u00e4nden ganz konkret: Neue Schritte tun, es hei\u00dft unter Umst\u00e4nden brechen mit dem, was mich vorher allzusehr gebunden hat. Wer nachfolgt, geht in eine neue Richtung, tritt aus der Finsternis in das Licht, versucht, mit Gott Schritt zu halten.<\/p>\n<p>In fr\u00fcheren Zeiten wu\u00dfte die Kirche ganz genau, vielleicht allzu genau, was die Werke der Finsternis sind: Vom Tanzen \u00fcber das Rauchen, Trinken und Kartenspielen bis zum Milit\u00e4rdienst. Die Bibel, unsere h\u00f6chste Autorit\u00e4t, ist da sehr viel liberaler und auch wohl weiser als die Kirche fr\u00fcherer Zeiten. K\u00f6nig David tanzte bekanntlich unbekleidet in der unb\u00e4ndigen Freude, da\u00df die Bundeslade mit den Zehn Geboten nach Jerusalem gebracht wurde &#8211; zum Mi\u00dffallen seiner Frau, die fand, da\u00df der K\u00f6nig sich l\u00e4cherlich machte. Jesus selber galt seinen Feinden als Fresser und Weins\u00e4ufer, weil er die Gemeinschaft am Tisch mit Gespr\u00e4chen und Diskussionen so sehr sch\u00e4tzte. Wie wichtig der Wehrdienst ist, hat der furchtbare Konflikt in Jugoslawien uns wieder vor Augen gef\u00fchrt. Dort konnte und kann vorl\u00e4ufig nur mit der Drohung, mit der Androhung und Aus\u00fcbung von milit\u00e4rischer Gewalt ein Mindestma\u00df \u00e4u\u00dferen Friedens hergestellt werden.<\/p>\n<p>Es ist also gar nicht so leicht, die Werke der Finsternis von denen des Lichts zu unterscheiden. Die allzu Moralischen k\u00f6nnen das Licht ebenso verfehlen, wie die allzu G\u00fctigen und Nachsichtigen. Christenmenschen sind auf Wahrheit verpflichtet und Vers\u00f6hnung, nicht aber auf vorschnelle Harmonie oder gar faulen Frieden. Die Weihnachtstage geben dazu manche aktuelle und lehrreiche Lektion.<\/p>\n<p>Das Licht des Lebens haben hei\u00dft aber auf jeden Fall: Ja sagen zur W\u00fcrde, die jeder Mensch, auch der, den wir partout nicht m\u00f6gen oder mit dem wir im Streit liegen, dadurch erhalten hat, da\u00df das Wort Fleisch, da\u00df Gott Mensch wurde. Diese W\u00fcrdigung jedes einzelnen Menschenantlitzes kommt aus Gottes Herz. Das mu\u00df und wird einen neuen Umgang miteinander zur Folge haben, eine neue Art \u00fcber und miteinander zu reden und f\u00fcreinander da zu sein.<\/p>\n<p>Dazu eine kleine Begebenheit: Vor einigen Jahren erz\u00e4hlte ein Pfarrer, er sei auf einer \u00f6kumenischen Weihnachtsfeier drauf- und drangewesen, einen notorischen S\u00e4ufer und St\u00f6rer an die frische Luft zu setzen, als sein katholischer Kollege ihn und die Gemeinde erinnerte: Gott macht es uns manchmal sehr schwer, in jedem Menschen sein Ebenbild zu erkennen.<\/p>\n<p>Solche Erinnerungen kommen vom Licht des Lebens, Aber ich wei\u00df, es gibt auch Situationen, in denen es n\u00f6tig und gut ist, getrennte Wege zu gehen. Da w\u00e4re es dann die Art und Weise der Trennung, die finster ist oder lichtvoll. Als Abraham und Lot, die miteinander verwandt waren, merkten, da\u00df das Land sie beide und ihre Familien nicht mehr ertragen konnte, empfahl Abraham dem Lot: &#8222;Trenne dich doch von mir. Willst du zur Linken, so will ich zur Rechten gehen oder willst du zur Rechten, so gehe ich zur Linken.&#8220; Eine solche vern\u00fcnftige Entscheidung kann auch ein Wandeln im Licht sein. Das Licht des Lebens und der gesunde Menschenverstand vertragen sich aufs beste.<\/p>\n<p>Von Bert Brecht stammen die bitteren Worte: &#8222;Und die einen sind im Dunkeln, und die anderen sind im Licht. Doch man sieht nur die im Lichte, die im Dunkeln sieht man nicht.&#8220; Zum Wesen des weihnachtlichen Lichtes geh\u00f6rt es dagegen gerade, da\u00df es in die Dunkelheit hineinstrahlt und also die Vergessenen und Verlorenen zu ihrem Platz bei und mit den anderen verhilft &#8211; in der christlichen Gemeinde und in unseren s\u00e4kularen Gesellschaften. Dazu kann jeder und jede von uns das Seine und das Ihre beitragen.<\/p>\n<p>Insofern geh\u00f6ren das Licht der Welt und Brot f\u00fcr die Welt aufs engste zusammen!<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Dr. Wilhelm H\u00fcffmeier, Berlin<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Weihnachtstag | 26.12.1998 | Johannes 8,12 | Wilhelm H\u00fcffmeier | \u201cIch bin das Licht der Welt. Wer mir nachfolgt, der wird nicht wandeln in der Finsternis, sondern wird das Licht des Lebens haben.&#8220; Liebe Gemeinde, dieser Vers nennt sozusagen die Folgen von Weihnachten. In drei Richtungen wollen wir sie heute morgen bedenken. 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