{"id":21845,"date":"1998-12-17T10:49:57","date_gmt":"1998-12-17T09:49:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21845"},"modified":"2025-03-17T10:51:44","modified_gmt":"2025-03-17T09:51:44","slug":"matthaeus-213-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-213-16\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 2,13-16"},"content":{"rendered":"<h3>1. Sonntag nach Weihnachten | 27.12.1998 | Matth\u00e4us 2,13-16 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>\u00fcber diesen Text von heute wird selten gepredigt, dennoch geh\u00f6rt er zu den gel\u00e4ufigsten Geschichten aus dem Neuen Testament. Die Flucht nach \u00c4gypten, der Kindermord des Herodes, das ist sozusagen ein Klassiker, selbst denen ein Begriff, die sonst wenig mit der Bibel anfangen k\u00f6nnen. Eine Legende mit allen Z\u00fcgen, um H\u00f6rer oder Leser zu fesseln und die Phantasie zu befl\u00fcgeln. Bildende K\u00fcnstler und Schriftsteller aller Zeiten haben sie ausgemalt.<\/p>\n<p>Herodes der Gro\u00dfe, Statthalter Roms in Jerusalem, wei\u00df: Unruhe ist im Volk; das haben ihm seine Spione und Gew\u00e4hrsleute berichtet. Die vom Kaiser Augustus, dem Erhabenen, angeordnete Volksz\u00e4hlung weckt Furcht vor neuen Steuern und Abgaben. Die Stadt ist voller fremder Gesichter in diesen Tagen, wo jede Frau und jeder Mann zur Eintragung in die Heimatstadt beordert ist, um sich in die Listen eintragen zu lassen.<\/p>\n<p>Und nun, so sagt man, seien auch noch drei vornehme Orientalen aufgetaucht, Gelehrte, die auf den M\u00e4rkten nach einem neugeborenen K\u00f6nig der Juden fragen. Herodes ist alarmiert. Er ist lange genug im Lande, um einiges von den \u00dcberlieferungen der Juden zu kennen. Ihre heiligen Schriften berichten von einem Herrscher, der kommen soll. Messias nennen sie ihn, und Wunderdinge werden von seiner Regentschaft erwartet.<\/p>\n<p>Herodes wittert eine Bedrohung seiner Macht und handelt schnell. Unverz\u00fcglich l\u00e4\u00dft er die Fachleute rufen, den Hohen Rat und die Schriftgelehrten. Von ihnen will er N\u00e4heres wissen, und sie offenbaren ihm die Weissagung des Propheten Micha, nach der Israels Heiland aus Bethlehem in Jud\u00e4a hervorgehen soll. Als n\u00e4chstes l\u00e4\u00dft er die drei Magier aus dem Osten zu einer Geheimaudienz holen. F\u00fcr sie setzt er die Maske des Diplomaten auf, zeigt sich interessiert an ihren Beobachtungen des K\u00f6nigssterns, und am Ende bittet er sie heuchlerisch um Nachricht, wenn ihre Suche Erfolg hat.<\/p>\n<p>Doch zwei Visionen, zwei Traumgebilde durchkreuzen seinen hinterh\u00e4ltigen Plan. Die Sterndeuter und Josef empfangen unausgesprochene Botschaften. Die einen machen aus diesem Grund auf ihrem R\u00fcckweg einen Bogen um Jerusalem, und der andere flieht mit Frau und Kind nach \u00c4gypten. Herodes merkt, da\u00df sein Vorhaben gescheitert ist, die Staatsaff\u00e4re mit einer kleinen, unauff\u00e4lligen Operation zu l\u00f6sen, und er gibt den Befehl zum Massaker aller m\u00e4nnlichen Kleinkinder rund um Bethlehem.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich halte diese Geschichte f\u00fcr ein Musterbeispiel daf\u00fcr, wie rasch, kompromi\u00dflos und brutal Machthaber und Regenten aller Zeiten vorgehen, wenn sie ihre Herrschaft bedroht sehen. Schon weit mehr als tausend Jahre zuvor hatte \u00c4gyptens Pharao befohlen, alle m\u00e4nnlichen Nachkommen der Israeliten zu t\u00f6ten, weil er in ihrer wachsenden Zahl eine Gefahr sah. Das zweite Buch Mose berichtet davon. Und Beispiele aus unserer Gegenwart oder der j\u00fcngsten Vergangenheit kenne ich ebenfalls genug.<\/p>\n<p>Immer geht es um das Erringen und Erhalten von Macht. M\u00f6gliche Konkurrenz, Feinde, Opposition m\u00fcssen gefunden und beseitigt werden, bevor sie stark genug werden, um ihrerseits die Herrschaft an sich zu rei\u00dfen. Manche sehen darin ein Naturgesetz: Fressen, um nicht gefressen zu werden. Zumindest die Theorie von der Entwicklung der Arten gibt ihnen recht. Die nat\u00fcrliche Auslese, durch die nur die St\u00e4rksten oder ihrem Lebensraum am besten Angepa\u00dften \u00fcberleben, h\u00e4lt den biologischen Fortschritt in Gang.<\/p>\n<p>Aber ich frage mich: gilt das Recht des St\u00e4rkeren so auch f\u00fcr Menschen? &#8222;Der Krieg ist der Vater aller Dinge&#8220;, schrieb einst einer im antiken Griechenland. &#8222;Der Krieg ist die Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln&#8220;, war in unserem Jahrhundert zu h\u00f6ren. Doch \u2013 haben die Bomben auf Bagdad eine L\u00f6sung der politischen Probleme gebracht?<\/p>\n<p>Zur\u00fcck zu Herodes. Es kommt mir beinahe wie eine Ironie der Geschichte vor, da\u00df er die wirkliche Gefahr, die ihm und all seinen in die Macht verliebten Nachfolgern von dem Kind in Bethlehem drohen sollte, gar nicht erkannte. Er f\u00fcrchtete sich, dort werde ein Rivale heranwachsen, der ihn mit Heer und Schwert vom Thron sto\u00dfen k\u00f6nne. Bei n\u00e4herer Betrachtung ist das zwar unsinnig, denn Herodes war seit mehr als 30 Jahren K\u00f6nig, also gewi\u00df nicht mehr der J\u00fcngste. Und als er starb, d\u00fcrfte Jesus kaum \u00e4lter als drei Jahre gewesen sein. Doch vielleicht z\u00e4hlte Herodes zu denen, die im Festklammern an der Macht jeden Sinn f\u00fcr Realit\u00e4t verlieren. Selten ist das nicht.<\/p>\n<p>Das K\u00f6nigskind, zu dem die Weisen aus dem Osten gepilgert waren, stellte eine ganz andere Gefahr dar, die erst Jahrzehnte sp\u00e4ter offenbar wurde, als der erwachsene Jesus predigend durch Galil\u00e4a zog. Und selbst da haben zun\u00e4chst nur wenige erkannt, da\u00df dieser Mann aus Nazareth eine ganz neue Art von St\u00e4rke besa\u00df.<\/p>\n<p>Denn Jesus verzichtete auf Gewalt. Vierzig Tage war er in die W\u00fcste gegangen, um sich auf seinen Auftrag vorzubereiten. Dort hatte er die Versuchung \u00fcberwunden, das Reich Gottes mit Macht und Gewalt zu errichten. Selbst seine treuesten Nachfolger, die J\u00fcnger, waren immer wieder irritiert, weil Jesus nichts unternahm, die bestehenden Herrschaftsverh\u00e4ltnisse zu \u00e4ndern. Manche von ihnen mochten im stillen gehofft haben, es sei so weit, als sie nach Jerusalem gingen. Doch auch dort zog er nicht als machtvoller Messias ein, die R\u00f6mer zu verjagen. Statt auf einem Schlachtro\u00df ritt er auf dem Lasttier der Armen, einem Esel, in die Hauptstadt.<\/p>\n<p>Auch f\u00fcr den Umgang der Menschen untereinander widersprach Jesus vielen sonst g\u00e4ngigen Regeln: statt der Vergeltung erlittenen Unrechts predigte er Auss\u00f6hnung: &#8222;Liebt eure Feinde!&#8220; &#8222;Segnet die, die euch verfluchen!&#8220; Statt zum Herrschen rief er seine J\u00fcnger zum Dienen auf: &#8222;Wer unter euch der Erste sein will, sei der Knecht aller.&#8220; Als symbolische Handlung daf\u00fcr wusch er ihnen vor dem letzten gemeinsamen Mahl die F\u00fc\u00dfe.<\/p>\n<p>Jesus war ganz und gar das Gegenteil eines irdischen Herrschers. H\u00e4tte Herodes seine Mordpl\u00e4ne fallengelassen, wenn er das geahnt h\u00e4tte? Ich glaube es nicht. Denn nur eines f\u00fcrchten diese Herrscher noch mehr, als den Thron einem anderen r\u00e4umen zu m\u00fcssen: \u00fcberfl\u00fcssig zu werden. Macht, Gewalt und Furcht \u2013 das sind die Bestandteile ihrer Herrschaft, aus ihnen beziehen sie die Kraft, ganz oben zu sein. Doch Jesus hat alle drei, Macht, Gewalt und Furcht, abgelehnt. Was aber bleibt von einem Herrscher, dem die Macht fehlt, der keine Gewalt mehr aus\u00fcben kann und vor dem sich niemand f\u00fcrchtet? Er verliert alle St\u00e4rke, ist nutzlos und \u00fcberfl\u00fcssig.<\/p>\n<p>&#8222;Meine Kraft ist in den Schwachen m\u00e4chtig&#8220;, war die Botschaft Jesu \u2013 eine klare Absage an die Macht. &#8222;Selig sind die Friedensstifter&#8220;, predigte er auf dem Berge \u2013 eine strikte Ablehnung der Gewalt. Und: &#8222;F\u00fcrchtet euch nicht!&#8220;, hat er seine Anh\u00e4nger immer wieder getr\u00f6stet \u2013 Furcht soll nicht sein in Gottes Reich.<\/p>\n<p>Bedrohliche Parolen sind das in den Ohren derer, die an und von der Macht leben, die ihren Reichtum oder Einflu\u00df dem Druck von Gewalt und dem S\u00e4en von Furcht verdanken. Besonders dem Hohen Rat der Priester und den Schriftgelehrten war Jesus deswegen ein Dorn im Auge, denn sie wu\u00dften oder sp\u00fcrten es zumindest, da\u00df ihre Autorit\u00e4t um so rascher schwand, je mehr Zustimmung der Prediger aus Nazareth mit seiner Botschaft beim Volk fand.<\/p>\n<p>Was Herodes seinerzeit nicht geschafft hatte, gelang dem Hohen Rat mit Amtshilfe des Pilatus. Sie brachten Jesus um, schlugen ihn ans Kreuz. Und glaubten damit die Gefahr f\u00fcr sie beseitigt. Aber sie mu\u00dften einsehen, da\u00df sie sich get\u00e4uscht hatten. Dieser Jesus war nicht totzukriegen. Gott hatte sein Ja zu ihm gesprochen, selbst der Tod verlor seine Macht, und die Botschaft von Gottes Reich der anderen Ma\u00dfst\u00e4be breitete sich immer weiter aus.<\/p>\n<p>Seitdem ist durch alle Jahrhunderte zweierlei gleich geblieben: das Mi\u00dftrauen bis hin zur Verfolgung von seiten der Machtverliebten, die im Evangelium eine Gefahr f\u00fcr ihren Rang und ihren Einflu\u00df sehen, aber \u2013und das ist viel wichtiger \u2013 die Hoffnung und der Trost f\u00fcr die Schwachen, Benachteiligten, zu kurz Gekommenen. Denn Gott hat im Kind von Bethlehem und im Mann aus Nazareth gezeigt, auf wessen Seite er steht. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Peter Kusenberg<\/p>\n<p>Pastor in Adelebsen\u2013Erbsen<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. 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