{"id":21847,"date":"1998-12-17T10:52:49","date_gmt":"1998-12-17T09:52:49","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21847"},"modified":"2025-03-17T10:54:50","modified_gmt":"2025-03-17T09:54:50","slug":"jesaja-308-17-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-308-17-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 30,8-17"},"content":{"rendered":"<h3>Silvesterabend | 31.12.1998 | Jesaja 30,8-17 | Dierk Glitzenhirn |<\/h3>\n<p>8 Gegen die Ver\u00e4chter des g\u00f6ttlichen Wortes So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, da\u00df es bleibe f\u00fcr immer und ewig. 9 Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene S\u00f6hne, die nicht h\u00f6ren wollen die Weisung des HERRN, 10 sondern sagen zu den Sehern: \u00bbIhr sollt nicht sehen!\u00ab und zu den Schauern: \u00bbWas wahr ist, sollt ihr uns nicht schauen! Redet zu uns, was angenehm ist; schauet, was das Herz begehrt! 11 Weicht ab vom Wege, geht aus der rechten Bahn! La\u00dft uns doch in Ruhe mit dem Heiligen Israels!\u00ab 12 Darum spricht der Heilige Israels: Weil ihr dies Wort verwerft und verla\u00dft euch auf Frevel und Mutwillen und trotzet darauf, 13 so soll euch diese S\u00fcnde sein wie ein Ri\u00df, wenn es beginnt zu rieseln an einer hohen Mauer, die pl\u00f6tzlich, unversehens einst\u00fcrzt; 14 wie wenn ein Topf zerschmettert wird, den man zerst\u00f6\u00dft ohne Erbarmen, so da\u00df man von seinen St\u00fccken nicht eine Scherbe findet, darin man Feuer hole vom Herde oder Wasser sch\u00f6pfe aus dem Brunnen. 15 Denn so spricht Gott der HERR, der Heilige Israels: Wenn ihr umkehrtet und stille bliebet, so w\u00fcrde euch geholfen; durch Stillesein und Hoffen w\u00fcrdet ihr stark sein. Aber ihr wollt nicht 16 und sprecht: \u00bbNein, sondern auf Rossen wollen wir dahinfliehen\u00ab, &#8211; darum werdet ihr dahinfliehen, \u00bbund auf Rennern wollen wir reiten\u00ab, &#8211; darum werden euch eure Verfolger \u00fcberrennen. 17 Denn euer tausend werden fliehen vor eines einzigen Drohen; ja vor f\u00fcnfen werdet ihr alle fliehen, bis ihr \u00fcbrigbleibt wie ein Mast oben auf einem Berge und wie ein Banner auf einem H\u00fcgel.<\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>drohende Worte werden hier am Altjahrsabend gesprochen: Gegen die Ver\u00e4chter des g\u00f6ttlichen Wortes. F\u00fcr sie soll eine Liste, eine Tafel, angelegt werden, wie denn ein Verhalten auss\u00e4he, das Gott entspricht. Gegen die Sch\u00f6nredner des Lebens wird gesagt: nicht das Wegschauen bringt es. Gegen die, die in Ruhe gelassen werden wollen, redet Jesaja an. Und er bewertet das Verhalten derer, die Gott verachten: Frevel und Mutwillen treiben sie, d.h. sie handeln nicht nur schlecht, sondern tun das auch noch aus b\u00f6ser Absicht, eben mutwillig.<\/p>\n<p>Jesaja teilt uns auch mit, was mit den Gottesver\u00e4chtern geschehen wird und zeichnet ganz markante Zerst\u00f6rungsbilder: wie ein Ri\u00df, der in einer hohen Mauer anf\u00e4ngt zu rieseln \u2013 eine solche Bedrohung wird die S\u00fcnde der Gottesver\u00e4chter sein. Die Angst derer, die unten neben der Mauer stehen \u2013 auf deren K\u00f6pfe es vielleicht schon rieselt, l\u00e4\u00dft sich leicht nachvollziehen. Oder ein Topf wird zerschmettert. Genau beschreibt Jesaja: &#8222;den man zerst\u00f6\u00dft ohne Erbarmen&#8220;. Wem schon mal einen Tonblumentopf kaputt gegangen ist, der wei\u00df wie schnell so ein Ding springt, aber auch wie lange es dauert, bis es so richtig zu Staub zerf\u00e4llt \u2013 bis keine Scherbe mehr da ist, wie Jesaja sagt, mu\u00df man es wohl richtig energisch zermei\u00dfeln. \u2013 Das wird den Gottesver\u00e4chtern geschehen.<\/p>\n<p>Was aber tun sie, die Gott verachten, die Jesaja so anklagt? Sie wollen &#8222;auf Rossen dahinfliegen&#8220;, um sich zu verteidigen. Aber auch das wird ihnen nichts n\u00fctzen, die Verfolger werden sie \u00fcberrennen. Das tragische Ende einer R\u00fcstungsspirale: Ehrgeizig versuchte man einer \u00dcbermacht etwas entgegenzuhalten, aber das Ganze ging schief.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df bleibt von Israel nicht mehr \u00fcbrig als ein kahler Mast oder ein kleines Banner auf einem menschenleeren H\u00fcgel. Eine kleine Flagge als kl\u00e4glicher \u00dcberrest von einer ganzen Armee, still flatternd \u00fcber dem Leichenfeld, nachdem dort eben noch die Schlacht tobte.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Eingebettet sind diese Bilder in eine gro\u00dfe Kulturkritik, die unseren Predigttext umrahmt. Die Propheten lallen und sind vom Wein verwirrt (Kap. 28). Israel ist bedroht von den Assyrern, und es ist dabei, sich politisch mit dem starken \u00c4gypten zu verb\u00fcnden. Der Prophet schilt die abtr\u00fcnnigen S\u00f6hne und betont, nicht \u00c4gypten rette Jerusalem, sondern der Herr (Kap. 30).<\/p>\n<p>Der allgemeinen Depression im Lande, der Ratlosigkeit, was denn in dieser Bedrohungssituation zu tun sei, h\u00e4lt er entgegen: wer glaubt, der flieht nicht. Klare politische Botschaften manch aktuellen unserer Zeit durchaus vergleichbar.<\/p>\n<p>Man kann ja \u00fcber Durchhalteparolen durchaus streiten. Ich entsinne mich an den heftigen Streit unter den deutschen Intellektuellen zu Zeiten des Endes der DDR. Christa Wolf und andere exponierte Vertreter der B\u00fcrgerrechtsbewegung waren seinerzeit attackiert worden, weil sie diejenigen, die nach Ungarn und nach Prag in die bundesdeutschen Botschaften flohen, aufforderten, im Lande zu bleiben und dort an der Ver\u00e4nderung mitzuwirken. Eine ganz vergleichbare Forderung. Aber es bleibt die Frage, ob nicht der massenhafte Exodus, die Lage erst zum Kippen brachte, die entscheidende Destabilisierung bewirkte und nicht letztlich n\u00fctzlich war.<\/p>\n<p>Jesaja macht einen ganz handfesten au\u00dfenpolitischen Exkurs, in welchem er Israel zur machtpolitischen Enthaltsamkeit auffordert. Ob das in der Lage &#8222;realistisch&#8220; war, wissen wir nicht. Wenn ich eine Unterscheidung aufgreife, die der Altbundeskanzler Helmut Schmidt gegen Willy Brandt und andere in die friedenspolitische Diskussion der 70er und 80er Jahre einbrachte, l\u00e4\u00dft sich fragen, ob da nicht Jesaja, der &#8222;Gesinnungsethiker&#8220;, den handelnden &#8222;Verantwortungsethikern&#8220; Vorw\u00fcrfe macht? Schmidt verteidigte damit genau andersherum als Jesaja diejenigen, die pragmatisch um Koalitionen und das globale \u00dcberleben zu ringen glaubten. Und er wandte sich gegen die anderen, denen er vorwarf, nur egoistisch auf ihr reines Gewissen zu achten, indem sie Gewaltanwendung ablehnten. Im Kalten Krieg, eine Auseinandersetzung zwischen friedenspolitischen Realpolitikern und Fundamentalisten, eine Gradwanderung wie vielleicht angesichts der Bedrohung durch die assyrische \u00dcbermacht.<\/p>\n<p>War Jesaja ein politischer Hasardeur? Ich wei\u00df nicht, ob Jesaja eine v\u00f6llige diplomatische Tatenlosigkeit Israels im Auge hatte. Er argumentiert aber wohl auch nicht wagemutiger als seine Gegenspieler, die sich als Vertreter eines winzigen politischen Gebildes angesichts der assyrischen \u00dcbermacht sogar wahrscheinlich an einer gewagten Doppeldiplomatie versuchten. L\u00e4ngst waren sie der dominierenden Macht Assur tributpflichtig, wollten zugleich in einer Koalition mit \u00c4gypten aus dieser Lage ausbrechen und stiegen ein in einen waghalsigen R\u00fcstungswettlauf, wie Jesaja findet.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren diesen Text heute. Wir h\u00f6ren die Anschuldigungen an Israel zur Zeit der Assyrer und k\u00f6nnten sagen: alles historisch.<\/p>\n<p>Ich denke aber, es kann uns nicht unber\u00fchrt lassen, wenn eine so explizite Anklage gef\u00fchrt wird, gegen politische Sch\u00f6nredner und diejenigen, die selbstherrlich eine Machtordnung etablieren wollen, ohne sich vor Gott zu verantworten.<\/p>\n<p>Jesajas durchdringende theologische Botschaft ist eine elementare Absage an eine Politik der St\u00e4rke. &#8222;Politik&#8220; im Sinne von Staatspolitik, aber auch eines ganz allgemeinen Verhaltens. Er sagt: Gottes Urteil \u00e4ndert sich erst nach einer Umkehr, die er immerhin noch f\u00fcr m\u00f6glich h\u00e4lt. Dann w\u00fcrden die Menschen nicht durch ihre R\u00fcstung \u00fcberleben, sondern &#8222;durch Stillesein und Hoffen w\u00fcrdet ihr stark sein&#8220;, sagt Jesaja.<\/p>\n<p>Diese S\u00e4tze sind so stark, sie springen f\u00f6rmlich aus ihrem historischen Kontext heraus. Sie fragen uns alle an und nicht nur die politisch Verantwortlichen in einem antiken Staatswesen:<\/p>\n<p>&#8222;Wieviel Panzerung bauen wir um uns herum auf?&#8220;, h\u00f6re ich darin anklingen.<\/p>\n<p>Wie offen sind wir f\u00fcr Neues, f\u00fcr Ver\u00e4nderung von Verkrustungen, Verh\u00e4rtungen, wie bereit, in unserem Leben einen neuen Weg einzuschlagen?<\/p>\n<p>Wie elementar k\u00f6nnen wir uns in unserem Lebensgef\u00fchl darauf einlassen, da\u00df wir von Gott getragen sind? Und nicht die eigenen Konstruktionen, Lebensbilder, -planungen, -absicherungen uns tragen?<\/p>\n<p>Stillesein und Hoffen \u2013 wie stark kann uns dieses Gottvertrauen machen, zu wissen, da\u00df Gottes Gegenwart und sein Wille, sein Ja zu uns uns tr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, da\u00df man deshalb nichts mehr tun mu\u00df, um seine Ziele umzusetzen. Aber das Leben nicht mehr als einen unentwegten Kampf sehen m\u00fcssen, den wir nur gut ger\u00fcstet \u00fcberstehen, sondern auch ausruhen d\u00fcrfen, das ist Jesajas Botschaft. Das verleiht Kraft und nicht die eigenen Drohgeb\u00e4hrden., weil wir wissen, da\u00df Gott der Herr, der Heilige Israels, wie er bei Jesaja mehrfach m\u00e4chtig benannt ist, es will und daf\u00fcr einsteht, da\u00df unser Leben gelingt. Weg vom &#8222;struggle of life&#8220;, dem ewigen \u00dcberlebenskampf und seinen Spielregeln, nach denen der Mensch den Menschen ein Wolf zu sein hat, hin zu einer humanen Welt. Eine Welt, die Zeit f\u00fcr die Stille hat, die Einkehr, das H\u00f6ren auf Gott, Zeit zum Nachdenken und zum Bilanzieren.<\/p>\n<p>Sich verantworten zu wollen vor Gott, ist die Voraussetzung der Umkehr. Und Jesajas Ruf, sich von der eigenen und der staatlichen Machtpolitik abzuwenden, kommt mir vor, wie ein gro\u00dfer Aufruf zur Mu\u00dfe. Eine Mu\u00dfe, die die Kraft freisetzt, Dinge los zu lassen, kommen zu lassen. Zum Jahresschlu\u00df lautet die starke Verhei\u00dfung: da\u00df wir nicht aufbrechen m\u00fcssen in gro\u00dfe wom\u00f6glich unerf\u00fcllbare Pl\u00e4ne. Nicht die Lebensstrategie ist die entscheidende, sondern ob wir Gott vertrauen k\u00f6nnen. Im &#8222;Stillesein und Hoffen&#8220; werden wir erfahren, da\u00df Gott unser Leben begleitet.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pastor Dierk Glitzenhirn Evangelische Akademie Hofgeismar Markt 2 34369 Hofgeismar<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Silvesterabend | 31.12.1998 | Jesaja 30,8-17 | Dierk Glitzenhirn | 8 Gegen die Ver\u00e4chter des g\u00f6ttlichen Wortes So geh nun hin und schreib es vor ihnen nieder auf eine Tafel und zeichne es in ein Buch, da\u00df es bleibe f\u00fcr immer und ewig. 9 Denn sie sind ein ungehorsames Volk und verlogene S\u00f6hne, die nicht [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":16093,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[22,2,549,727,157,853,114,1647,935,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21847","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-jesaja","category-at","category-altjahresabend","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-dierk-glitzenhirn","category-kapitel-30-chapter-30-jesaja","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21847","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21847"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21847\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21848,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21847\/revisions\/21848"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/16093"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21847"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21847"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21847"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21847"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21847"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21847"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21847"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}