{"id":21861,"date":"1999-01-17T11:23:29","date_gmt":"1999-01-17T10:23:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21861"},"modified":"2025-03-17T11:28:32","modified_gmt":"2025-03-17T10:28:32","slug":"exodus-3317b-23","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-3317b-23\/","title":{"rendered":"Exodus 33,17b-23"},"content":{"rendered":"<h3>2. Sonntag nach Epiphanias | 17.1.1999 | Ex 33,17b-23 | Paul Kluge |<\/h3>\n<p>Das Goldene Kalb war zerst\u00f6rt, das Volk blutig bestraft. Nun war Mose auf dem Gipfel, und er war hin- und hergerissen: Einerseits war das Volk zu Recht und um Gottes Willen abgestraft worden, ja, hatte Gott selber es gestraft. Andererseits: W\u00fcrde &#8211; nach der harten Strafe &#8211; das Volk noch auf ihn h\u00f6ren und ihm folgen? Oder w\u00fcrde es rebellieren? Aber da war sein Auftrag, das Volk, das im Finstern sa\u00df, ans Licht zu f\u00fchren, die Menschen aus der Sklaverei in die Freiheit. Dieser Auftrag machte ihn mutig und stark: Er, Mose, war der richtige, und deshalb durfte er nicht aufgeben. Aber diese Leute! W\u00fcrden sie ihm glauben, ihm das einfach so abnehmen? Wenn doch nur irgendein Wunder vor aller Augen gesch\u00e4he, irgend etwas Geheimnisvolles, das w\u00fcrde ihm seinen Auftrag gewaltig erleichtern. Aber es geschah nichts. Moses stumme Zwiesprache mit Gott blieb vertraulich.<\/p>\n<p>Doch er war nicht umsonst am Hof des Pharao aufgewachsen, hatte alles gelernt, was ein Prinz von \u00c4gypten zu lernen hatte. Und er war ein guter Sch\u00fcler gewesen, besser als sein \u00e4lterer Stiefbruder Ramses. Das wollte er nutzen. Wieder beim Volk, baute er au\u00dferhalb des Lagers auf einer Anh\u00f6he ein besonderes &#8222;Zelt der Zusammenkunft&#8220;, hier wollte er fortan seine Zwiesprache mit Gott halten, seine Anweisungen entgegennehmen.<\/p>\n<p>Das sprach sich schnell herum. Als er eines Morgens w\u00fcrdevoll und gemessenen Schrittes erstmals zu diesem Zelt schritt, standen die Menschen vor ihren Zelten; blieben dort stehen, bis sie ihn nicht mehr sahen. Er bemerkte das mit Zufriedenheit, denn diese Ehrerbietung hatten sie auch dem Pharao erwiesen. Sie hatten ihn also anerkannt, und das war gut so, war auch zu ihrem eigenen Besten. Bei steigender Sonne verschwand das Zelt im Nebel. Deshalb hatte er den Ort gew\u00e4hlt, die Menschen w\u00fcrden es schon richtig deuten.<\/p>\n<p>Der Zwiespalt zwischen Zuversicht und Selbstzweifel aber blieb. Er hatte einen Auftrag, hatte ein gro\u00dfes Ziel vor Augen, und dies Ziel entsprach der Sehnsucht des ganzen Volkes: Ruhig wohnen k\u00f6nnen. Den eigenen Acker bestellen, die eigenen Herden h\u00fcten, ein eigenes Haus bauen, und die eigenen Kinder fr\u00f6hlich aufwachsen sehen. Mehr wollten sie nicht, aber so weit mu\u00dften sie erst einmal kommen. Vorerst lebten sie von einem Tag auf den anderen von der Hand in den Mund, und auch Mose hatte keine langfristige Planung, die er abarbeiten konnte. Wenn die Leute das merkten, w\u00fcrden sie wieder murren.<\/p>\n<p>&#8222;La\u00df mich doch deine Pl\u00e4ne wissen,&#8220; betete er immer wieder zu Gott, &#8222;denn dies Volk ist dein Volk! Zeige dich dem Volk, da\u00df sie dir glauben und mir folgen!&#8220; &#8211; Wenn Mose so betete, wenn er seine Zweifel und Selbstzweifel vor Gott brachte, dann wurde er mit der Zeit ganz ruhig, und aus dieser Ruhe sch\u00f6pfte er neue Kraft und neue Zuversicht, aus dieser Ruhe sch\u00f6pfte er die Gewi\u00dfheit, da\u00df Gott mit ihm sein und mit dem Volk ziehen w\u00fcrde. Und Mose begann, die n\u00e4chsten Schritte zu planen.<\/p>\n<p>Doch dann machte ihm die ungeheure Gr\u00f6\u00dfe seiner Aufgabe wieder Angst, und er wollte schier verzagen: Das kann ich nicht, und wir schaffen das nie! Ein Land, in dem Milch und Honig flie\u00dfen, ein Land, in dem keine Tr\u00e4nen flie\u00dfen, kein Leid noch Geschrei noch Schmerz sein wird und kein gewaltsamer Tod, ein solches Land gibt es doch gar nicht. Wir werden es also nie finden, und die Menschen werden auf der Suche nach dem Paradies sterben, ihr Leben wird vergebliche M\u00fche und Arbeit gewesen sein. Dann fielen ihm die ganzen Ungerechtigkeiten auf, die es gab: Ungerechtigkeiten, wie er sie in \u00c4gypten erlebt hatte zwischen Reich und Arm, zwischen Freien und Sklaven, Ungerechtigkeiten, wie er sie bei seinem Volk erlebte: Da starben Kinder, und es gab Alte, die nicht sterben konnten; da gab es Menschen mit Behinderungen, und andere strotzten vor Kraft; da gab es welche, die waren mit ihrem Leben fr\u00f6hlich und zufrieden, und andere klagten \u00fcber alles und litten unter jedem. Wo waren da Gottes Macht und seine Herrlichkeit zu sehen? War es \u00fcberhaupt m\u00f6glich, Gott zu erkennen im tristen Alltag, in der Sorge um das t\u00e4gliche Brot, in den t\u00e4glichen Streitereien und Gemeinheiten, die Menschen sich antun, in der tagt\u00e4glichen Langeweile? Wo war da Gottes Pracht zu erkennen, in dieser \u00f6den W\u00fcste, die ihr Lebensraum war, alles grau in grau soweit das Auge reicht und kein Hoffnungsschimmer am Horizont? Gab es \u00fcberhaupt etwas anderes?<\/p>\n<p>Wenn Mose sich in die dunkle H\u00f6hle der Schwermut verkrochen hatte und seine ganze Angst aus ihm hervorgebrochen war, geschah es immer wieder, da\u00df sein Auge pl\u00f6tzlich wie durch einen Spalt auf eine kleine Bl\u00fcte fiel, sein Ohr einen Vogel singen h\u00f6rte, ein k\u00fchler, weicher Wind seine Wangen streichelte, und langsam, ganz langsam drangen diese kleinen Wunder in sein Bewu\u00dftsein, gewannen an Einflu\u00df auf sein Denken. Dann fiel ihm nach und nach das eine und das andere ein, was er in seinem Leben an Wunderbarem erfahren hatte, erinnerte er sich herrlicher Erlebnisse, die andere ihm erz\u00e4hlt hatten, begriff er die neue Lage seines Volkes als ein einziges Wunder.<\/p>\n<p>&#8222;Man mu\u00df wohl im Finstern sitzen, um das Licht zu erkennen,&#8220; dachte er dann oft, &#8222;so hat auch die Finsternis ihren Sinn.&#8220; Und da\u00df es sich meistens um kleine Lichter handelte, manchmal nur um glimmende Dochte, das erschien ihm dann sinnvoll, denn wer in die Sonne sieht, wird blind. &#8222;Ich sollte mehr auf die kleinen Zeichen Gottes achten, die leisen und stillen Offenbarungen,&#8220; sagte er sich dann, &#8222;es gibt ihrer so viele. Doch in meiner Gier nach der Sonne \u00fcbersehe ich den glimmenden Docht, die flackernde Kerze.&#8220;<\/p>\n<p>Und eines Tages, als er wieder einmal \u00fcber seine und seines Volkes Vergangenheit nachdachte, fiel es ihm wie Schuppen von den Augen: &#8222;Ich kann Gott nur in dem erkennen, was war, niemals in dem, was ist oder gar wird. Erst, wenn Gott vor\u00fcbergegangen ist, kann ich seine Spuren sehen!&#8220; Und mit dieser Einsicht konnte er dann sein Werk und sein Leben vollenden. Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Liedvorschlag: Wir haben Gottes Spuren festgestellt<\/p>\n<p>Paul Kluge<\/p>\n<p>Provinzialpfarrer im Diakonischen Werk der Kirchenprovinz Sachsen<\/p>\n<p>Wasserstra\u00dfe 3<\/p>\n<p>39114 Magdeburg<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Epiphanias | 17.1.1999 | Ex 33,17b-23 | Paul Kluge | Das Goldene Kalb war zerst\u00f6rt, das Volk blutig bestraft. 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