{"id":21874,"date":"1999-02-17T11:58:29","date_gmt":"1999-02-17T10:58:29","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21874"},"modified":"2025-03-17T12:02:15","modified_gmt":"2025-03-17T11:02:15","slug":"lukas-1038-42-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1038-42-8\/","title":{"rendered":"Lukas 10,38-42"},"content":{"rendered":"<h3>Estomihi | 14.02.1999 | Lukas 10,38-42 | Hans Theodor Goebel |<\/h3>\n<p>Als sie aber weiterzogen, kam Jesus in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus.<\/p>\n<p>Und sie hatte eine Schwester, die hie\u00df Maria, die setzte sich dem Herrn zu F\u00fc\u00dfen und h\u00f6rte seiner Rede zu.<\/p>\n<p>Martha aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, dass mich meine Schwester l\u00e4sst alleine dienen? Sag ihr doch, dass sie mir zur Hand gehe.<\/p>\n<p>Es antwortete ihr aber der Herr und sprach: Martha, Martha, du sorgst dich und machst dir Unruhe um Vieles.<\/p>\n<p>Eines aber ist not, Maria hat das gute Teil erw\u00e4hlt; das wird nicht von ihr genommen werden.<\/p>\n<ol>\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<p>Jesus, der Wanderprediger, zieht mit J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern durchs j\u00fcdische Land. Sie kommen in ein Dorf.<\/p>\n<p>Da nimmt eine Frau ihn als Gast auf in ihr Haus.<\/p>\n<p>So erz\u00e4hlt der Evangelist Lukas. Und findet nichts dabei. Sagt nicht, dass es deswegen Gerede gegeben h\u00e4tte im Dorf oder bei denen, die mit Jesus gekommen waren.<\/p>\n<p>Warum auch sollte die Frau Jesus nicht einladen. Ins Haus, in dem sie anscheinend allein mit ihrer Schwester lebt. Sie kann das genau so tun wie die M\u00e4nner, die dann und wann Jesus zum Essen einladen.<\/p>\n<p>Von den J\u00fcngern ist in dieser Geschichte fortan nicht mehr die Rede. Mit dem Evangelisten folge ich Jesus in das Haus der Frau.<\/p>\n<p>Sie heisst Martha und kennt Jesus wohl. Wahrscheinlich ist Jesus auch schon eine hier und da in den D\u00f6rfern bekannte Pers\u00f6nlichkeit. Sozusagen ein ehrenvoller Besuch f\u00fcr Martha, die jetzt seine Gastgeberin geworden ist.<\/p>\n<p>Sie \u00fcbernimmt diese Rolle &#8211; ohne jede Frage. Den geladen Gast muss man bedienen. Erst recht einen so bekannten.<\/p>\n<p>Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast &#8211; wer das gesagt hat, muss f\u00fcr die Folgen sorgen. Und Martha tut das. Sie geht in die K\u00fcche. Wie k\u00e4me auch sonst das Essen auf den Tisch? All das versteht sich eigentlich von selbst.<\/p>\n<p>Doch da ist noch Maria im Haus. Marthas Schwester. Die hat mit K\u00fcchen- und Tischdienst nichts im Sinn.<\/p>\n<p>Hat sich vielmehr in der guten Stube zu dem geladenen Gast gesetzt. Wie Sch\u00fcler damals einem Lehrer zu F\u00fc\u00dfen sa\u00dfen, sitzt sie bei dem bekanten Rabbi Jesus aus Nazareth und h\u00f6rt auf seine Worte.<\/p>\n<p>Warum sollen nur M\u00e4nner einem ber\u00fchmten Rabbi zuh\u00f6ren , bei ihm lernen oder mit ihm diskutieren &#8211; und die Frauen ab in die K\u00fcche?<\/p>\n<p>Maria nimmt sich das auch als Frau heraus &#8211; in aller Freiheit und Ruhe.<\/p>\n<p>Und Martha arbeitet in der K\u00fcche. &#8211; Bis sie platzt.<\/p>\n<p>All das Viele, was sie da macht, um den Gast gut zu bewirten, zerrt an ihr.<\/p>\n<p>Ich sehe sie mit umgebundener Sch\u00fcrze aus der K\u00fcche laufen und vor die Beiden treten. Und h\u00f6re, wie sie ihrem \u00c4rger Luft macht. Richtig aufgebracht ist sie und in Wut. Keine graue Maus, die sich depressiv ihren Frust in sich rein frisst. Beleidigt schmollt und dann mit M\u00e4rtyrermiene die Suppe bei Tisch serviert.<\/p>\n<p>Nein &#8211; Martha platzt vorher und lautstark. Sie sorgt f\u00fcr sich.<\/p>\n<p>Sie wendet sich nicht an ihre Schwester, \u00fcber die sie sauer ist. Sondern an Jesus, den bekannten Rabbi, den sie eingeladen hat. An ihm macht sich ihr \u00c4rger fest.<\/p>\n<p>Herr, liegt dir nichts daran, dass mich meine Schwester alleine dienen l\u00e4sst?<\/p>\n<p>War es der Martha zu viel Arbeit? Ein Gast! &#8211; Das musste eine erfahrene Hausfrau doch meistern.<\/p>\n<p>Oder hatte sie sich f\u00fcr diesen Gast unter einen zu hohen Druck gesetzt? Sich viel zu viel vorgenommen, um es sch\u00f6n f\u00fcr ihn zu machen? Und all das zerrte nun an ihren Nerven?<\/p>\n<p>Dazu aber kam: Meine Schwester Maria sitzt bei ihm drin, h\u00f6rt ihm zu, hilft kein bisschen mit. Die Zwei da im Wohnzimmer merken anscheinend gar nicht, was ich f\u00fcr eine Arbeit in der K\u00fcche habe.<\/p>\n<p>Das Vergleichen macht Martha Frust.<\/p>\n<p>Herr &#8211; sag ihr doch, dass sie mir zur Hand gehe.<\/p>\n<p>Jesus soll&#8217;s richten. Er soll nicht zu lassen, dass Maria weiter unt\u00e4tig bei ihm rum sitzt. Vielleicht steckt die bittere Frage dahinter: Warum l\u00e4sst du dir das gefallen, Jesus? Du beg\u00fcnstigst die Ungerechtigkeit auf meine Kosten.<\/p>\n<p>Jesus antwortet ihr. Er spricht sie zweimal mit ihrem Namen an: Martha, Martha! Wohl um zu zeigen, dass er auf sie eingeht, ihren \u00c4rger ernst nimmt. Und ihr Engagement. Und will sie doch zum Nachdenken bringen.<\/p>\n<p>Martha, Martha, du sorgst dich und machst dir Unruhe um Vieles.<\/p>\n<p>Als wolle Jesus ihr sagen: F\u00fcr wen tust du das? Oder: Wem tust du damit etwas Gutes? Mir, dem Gast, wenn du dich von deinem Bedienen so zusch\u00fctten l\u00e4sst? Und kriegst dann so einen Hals!<\/p>\n<p>Bist du dann \u00fcberhaupt noch da und offen f\u00fcr den Gast, der in dein Haus gekommen ist?<\/p>\n<p>Statt dem Vielen, das du besorgst, ist Eines not.<\/p>\n<p>Maria hat das gute Teil erw\u00e4hlt; das soll nicht von ihr genommen werden.<\/p>\n<p>Was hat Maria denn getan?<\/p>\n<p>Nichts.<\/p>\n<p>Oder viel: Sie hat auf Jesu Wort geh\u00f6rt. Sie hat den Gast im Haus erz\u00e4hlen lassen &#8211; von dem, was ihm am wichtigsten war. Von Gott. Sie hat ihm zugeh\u00f6rt. Vielleicht nachgefragt und weitergelernt.<\/p>\n<p>Komm, Herr Jesu, sei du unser Gast&#8230;<\/p>\n<p>hie\u00df f\u00fcr Maria zuerst: Jesus zum Zuge kommen zu lassen.<\/p>\n<p>Maria bedient Jesus nicht &#8211; wie Martha.<\/p>\n<p>Umgekehrt: Maria l\u00e4sst sich von Jesus bedienen.<\/p>\n<p>Sie l\u00e4sst sich von ihm das Beste geben, mit dem er sie bedienen kann: mit seinem Wort von der Liebe Gottes. Maria l\u00e4sst sich&#8217;s sagen.<\/p>\n<p>Martha, Martha &#8211; warum l\u00e4sst du dich so besetzen von deiner Sorge und Unruhe? Warum l\u00e4sst du den Dienst, den du mir tun willst, so an dir zerren?<\/p>\n<p>Ich glaube, Jesus will ihr zu verstehen geben: So &#8211; Martha &#8211; tust du mir nichts Gutes. Und tust dir selbst auch nichts Gutes.<\/p>\n<p>Ich will doch nicht, dass du an deinem Sorgen f\u00fcr mich erstickst. Ich bin doch dazu gekommen, dass die Beladenen und Belasteten aufatmen und erquickt werden.<\/p>\n<p>Bei dir aber l\u00e4uft es jetzt gerade umgekehrt. Das Sorgen erdr\u00fcckt dich.<\/p>\n<p>Du sorgst jetzt zwar in deinem \u00c4rger auch f\u00fcr dich selbst. Aber es wird f\u00fcr euch beide nicht gut, wenn Maria es jetzt genauso machen soll wie du.<\/p>\n<p>Jesus l\u00e4dt vielmehr Martha ein, sich den Gast gefallen zu lassen wie Maria. Die hat n\u00e4mlich das gute Teil erw\u00e4hlt &#8211; dabei soll es bleiben.<\/p>\n<p>Und wenn Martha das verstanden hat &#8211; warum sollen sie dann nicht auch miteinander essen und trinken.<\/p>\n<p>Dann w\u00fcrde sich Jesus wohl gerne von Martha den Tisch decken lassen oder von Maria und Martha. Auch wenn dann statt einer raffinierten Speisenfolge nur Oliven serviert w\u00fcrden und Fladenbrot mit Schafsk\u00e4se und Wein.<\/p>\n<p>Und beide Schwestern k\u00f6nnten sagen:<\/p>\n<p>Komm, Herr Jesus, sei du unser Gast und segne du uns und was du uns bescheret hast.<\/p>\n<p>Du bist unser Gast und wir lassen uns deinen Dinst gefallen.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<p>Kann es sein, dass diese Geschichte gerade Frauen anpricht?<\/p>\n<p>Weil Frauen vielleicht besonders so eine Erfahrung machen wie Martha. Da ist Besuch eingeladen und sie haben gearbeitet und bedient &#8211; immer begleitet von der Sorge: Ist es auch gut genug, gelingt es auch und reicht es? &#8211; Und wenn dann alles auf dem Tisch oder aufgegessen ist, ist die Kraft weg, die Menschen wahr zu nehmen, und keine Reserve mehr, den Menschen gerecht zu werden, die als G\u00e4ste gekommen sind.<\/p>\n<p>Und sich selbst wird die ersch\u00f6pfte Gatgeberin auch nicht gerecht.<\/p>\n<p>So will Jesus nicht unser Gast sein und von uns bedient werden. Er ist nicht gekommen, dass er sich dienen lasse, sondern dass er diene und gebe daf\u00fcr sein Leben.<\/p>\n<p>Ansprechend f\u00fcr Frauen kommt mir diese Geschichte vor, weil sie eine Befreiungsgeschichte Jesu gerade f\u00fcr sie ist. Eine Geschichte, die sie von dem Sorgen frei spricht und ihnen Mut macht, all die Bedienungszw\u00e4nge, unter denen sie st\u00f6hnen, abzuwerfen und sich auf das Eine zu konzentrieren, das not ist: Jesu Wort zu h\u00f6ren, das dem Menschen gut tut &#8211; das Wort von der Liebe Gottes.<\/p>\n<p>So sorgt zuletzt am besten f\u00fcr sich selbst, wer sich von Jesus bedienen l\u00e4sst. Und dieses gute Teil soll keiner genommen werden.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li><\/li>\n<\/ol>\n<p>Zum Schluss stelle ich mir vor: Martha und Maria w\u00e4ren Bilder f\u00fcr unsere Kirche. Wie sie ist &#8211; oder wie sie sein k\u00f6nnte unsere Kirchengemeinde.<\/p>\n<p>Da sehe ich vor mir die Martha-Kirche &#8211; die Kirche, die die Menschen in vielerlei Hinsicht bedienen will und meint so Jesus zu dienen. Die Kirche der Diakonie und der Dienstleistungen, die m\u00f6glichst viele Bed\u00fcrfnisse der Menschen bedriedigen will. Umfragen, Planungen, Umstrukturierungen, Anpassungen, Aktivit\u00e4ten ohne Ende zerren an Haupt- und Ehrenamtlichen herum. In all dem klagen zuletzt vielleicht die Eifrigsten: Jesus, liegt dir gar nichts daran, dass wir uns hier allein kaputt arbeiten?<\/p>\n<p>Und Jesus antwortet unserer Kirche: Martha, Martha, hast du in all deiner Diakonie und Dienstleistung nicht das Eine au\u00dfer Acht gelassen, auf das es ankommt und das not ist:<\/p>\n<p>Nichts zu tun &#8211; dich von mir bedienen zu lassen, zu h\u00f6ren, was Gott dir zu sagen hat, von den &#8222;Kraftstr\u00f6men&#8220; (Josuttis) seiner Liebe zu leben? Das schafft dir Luft. Tut dir gut. L\u00e4sst dich menschlich leben.<\/p>\n<p>Das hei\u00dft Gottesdienst &#8211; dass du dir von Gott dienen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Jesus l\u00e4dt unsere Gemeinde und Kirche ein, Maria-Kirche zu werden.<\/p>\n<p>Ihn zu Wort kommen zu lassen und drauf gefasst zu sein sein: Hier gibt es &#8222;wirklich etwas zum H\u00f6ren, wovon man leben kann&#8220; (J.Ziemer).<\/p>\n<p>Wenn die Menschen in unsrer Gesellschaft merkten: Darauf ist die Kirche konzentriert!<\/p>\n<p>Und wenn wir selber dann von seinem Dienst lebten -freigesprochen von all den Bedienungszw\u00e4ngen &#8211; dienten wir mit unsrer Freiheit Gott und den Menschen am besten. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Anmerkungen zur Predigt:<\/p>\n<p>Ich folge f\u00fcr die Anlage der Predigt dem Hinweis von Francois Bovon auf die &#8222;narrative&#8220; Bedeutung des Textes (F. Bovon, Das Evangelium nach Lukas. EKK III\/2, Z\u00fcrich, D\u00fcsseldorf, Neukirchen-Vluyn 1995, <a href=\"http:\/\/z.st\/\">z.St<\/a>.)<\/p>\n<p>Die &#8222;normative&#8220; Bedeutung des Textes (Bovon) versuche ich in der befreienden Kraft dieser erz\u00e4hlten Geschichte zu<\/p>\n<p>ent-decken und heraus zu arbeiten.<\/p>\n<p>Vgl. J\u00fcrgen Ziemer, Estomihi &#8211; 14.2.1999.<\/p>\n<p>Lukas 10,38-42,in:GPM 53, 1998\/4,128-135.<\/p>\n<p>Das Frauenspezifische in dieser Geschichte betrachte ich als konkrete Befreiungs-Adresse und als Hilfe zum Verstehen f\u00fcr uns alle.<\/p>\n<p>Zur Besinnung auf das, wovon die Kirche lebt als Gemeinde der Heiligen vgl. Manfred Josuttis, &gt;Unsere Volkskirche&lt; und die Gemeinde der Heiligen. Erinnerungen an die Zukunft der Kirche, G\u00fctersloh 1997 (f\u00fcr die Eiligen: Vorwort, S.9f).<\/p>\n<p>Hans Theodor Goebel, Im Wasserblech 1c, 51107 K\u00f6ln<\/p>\n<p>Tel.: 0221\/861135 &#8211; Fax 0221\/ 9862409.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Estomihi | 14.02.1999 | Lukas 10,38-42 | Hans Theodor Goebel | Als sie aber weiterzogen, kam Jesus in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Martha, die nahm ihn auf in ihr Haus. Und sie hatte eine Schwester, die hie\u00df Maria, die setzte sich dem Herrn zu F\u00fc\u00dfen und h\u00f6rte seiner Rede zu. 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