{"id":2188,"date":"2020-03-18T14:47:13","date_gmt":"2020-03-18T13:47:13","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/static\/wp\/?p=2188"},"modified":"2020-03-18T14:51:51","modified_gmt":"2020-03-18T13:51:51","slug":"urbi-et-orbi-gottes-verdeckte-popularitaet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/urbi-et-orbi-gottes-verdeckte-popularitaet\/","title":{"rendered":"Urbi et Orbi: Gottes&#8230;"},"content":{"rendered":"<h3><span lang=\"DE\">Urbi et Orbi: Gottes verdeckte Popularit\u00e4t | Predigt zu Jes. 66,10-14 von Markus Kreis |<\/span><\/h3>\n<p>Sie nerven, diese Popups, liebe Gemeinde, allermeist jedenfalls. Da hock ich vor dem Bildschirm, die Maus in der Hand, schaue aufmerksam, um ja nix zu verpassen. Oder, noch mehr befangen, lese mehrere Zeilen Text&#8230;, und zack, ein Fenster geht auf, mal klein, mal gro\u00df. Und der Kopf macht zu.<\/p>\n<p>Popups genie\u00dfen keinen guten Ruf. Sie st\u00f6ren, sie lenken mich ab, von dem, was ich will. Und konfrontieren mich mit dem, was ich gerade nicht will. Zum Beispiel mit unerw\u00fcnschter Werbung. Etwas, das ich zu Recht nicht will. Oder sie fordern mein O.K. zu Cookies. Oder warnen vor Viren, Trojanern und so weiter. Und verdecken oft damit, das sch\u00e4dliche Programme im Spiel sind.<\/p>\n<p>Alles Hinweise, von denen ich kaum sagen kann: die will ich zu Recht nicht. Denn sie zeigen auf Probleme mit den Daten und ihrem Austausch. Auf Fragen von Recht und Sicherheit. Manchmal helfen sie mir sogar, mich auf den Netzseiten einzufinden. Damit ich auch das kriege, was ich will. In diesem Fall nennt sich ein Popup Hilfsmen\u00fc. Trotzdem bin ich genervt, f\u00fchle mich irgendwie gest\u00f6rt. Und klicke die Popups routiniert weg.<\/p>\n<p>Wenn Gott sich meldet, klicke ich ihn genauso routiniert weg. Manchmal vielleicht sogar zu Recht. Da zeigt er sich wie unerw\u00fcnschte Werbung. Wie Viagra oder Dopingmittel f\u00fcr die Seele. Wie ein Angebot zu einem Kurs, der ewiges Leben garantiert, isch schw\u00f6r!<\/p>\n<p>Manchmal zu Unrecht. Dann bin ich genervt, f\u00fchle mich gest\u00f6rt. Obwohl Gott sich zu Fragen von Recht und Gewissheit meldet. Hilfe anbietet. Zeigt, wie es gut weiter und wo es lang geht. Gott meldet sich wie ein Popup.<\/p>\n<p>Lieber Leser oder H\u00f6rer. Dieser Vergleich st\u00f6rt sie? Dann kommt jetzt ein <strong>Popup: Hinweis f\u00fcr Erziehungsberechtigte: Anst\u00f6\u00dfige Zeilen!<\/strong> Gehen sie damit um, wie sie wollen. Es geht es weiter.<\/p>\n<p>Gott ist Pop und damit virulent! Um das mit den anst\u00f6\u00dfigen Bildern und Zeichen weiter auf die Spitze zu treiben. Eine gute Nachricht! M\u00f6gen die Zeichen der Nachricht auch nerven, st\u00f6ren oder sogar schrecken. Verschrecken. Abschrecken. Nicht nur der Absender tr\u00e4gt Verantwortung. Auch der H\u00f6rer oder Leser. Das sollte einleuchten in einem Land, das gerne die Verantwortung des Verbrauchers beschw\u00f6rt.<\/p>\n<p>Gott ist Pop und virulent, das hei\u00dft als gute Nachricht: Er ist verborgen ansteckend. Ein Heilserreger, der im Stillen wirkt und arbeitet. Niemand wei\u00df, was eigentlich dahinter steckt. Lange Zeit ohne Anzeichen, dass sich da was tut. Keiner sieht das Gute, das kurz vorm Ausbrechen ist. Gott meldet sich im Pop.<\/p>\n<p>In Gott steckt viel mehr Pop, als ich wusste. Nehmen wir das Predigtthema: Die nach Babylon Verbannten durften zur\u00fcck ins ersehnte Jerusalem. Gute und b\u00f6se \u00dcberraschung zugleich! Die gute \u00dcberraschung ist klar: Es geht nach Hause. Doch die b\u00f6se?<\/p>\n<p>Zur\u00fcck in der Heimat gab es weiter gen\u00fcgend Grund, Jerusalem zu beweinen. Denn das ersehnte stellte sich als Favela heraus, die Stadt Gottes als Elendsquartier. Babylon war jedenfalls viel sch\u00f6ner. Wie so oft stellt sich die Frage: Was sorgt f\u00fcr mehr Tr\u00e4nen? Unerf\u00fcllte Sehnsucht oder erf\u00fcllte?<\/p>\n<p>Wie die Antwort auch sei: Dies irdische Jerusalem ist trostlos. Diese Stadt kr\u00e4nkt und macht krank. L\u00e4sst einen verhungern, beutet einen aus. Macht einem zum Ausbeuter, zum Halblegalen oder zum ganz Kriminellen. Jerusalem ist alles andere als eine Mutterstadt.<\/p>\n<p>Einer hat in diesem Elend damals aufgemerkt, nicht einfach routiniert weiter geklickt. Jesaja ist ein Popup in die Quere gekommen. Und das hat sein Sinnen abgelenkt, hat es gefangen genommen:<\/p>\n<p><em>10<\/em><em>\u00a0Freuet euch mit Jerusalem und seid fr\u00f6hlich \u00fcber die Stadt, alle, die ihr sie lieb habt! Freuet euch mit ihr, alle, die ihr \u00fcber sie traurig gewesen seid. 11\u00a0Denn nun d\u00fcrft ihr saugen und euch satt trinken an den Br\u00fcsten ihres Trostes; denn nun d\u00fcrft ihr reichlich trinken und euch erfreuen an ihrer vollen Mutterbrust. 12\u00a0Denn so spricht der\u00a0HERR: Siehe, ich breite aus bei ihr den Frieden wie einen Strom und den Reichtum der V\u00f6lker wie einen \u00fcberstr\u00f6menden Bach. Da werdet ihr saugen, auf dem Arm wird man euch tragen und auf den Knien euch liebkosen. 13\u00a0<strong>Ich will euch tr\u00f6sten, wie einen seine Mutter tr\u00f6stet<\/strong>;\u00a0ja, ihr sollt an Jerusalem getr\u00f6stet werden. 14\u00a0Ihr werdet&#8217;s sehen und euer Herz wird sich freuen, und euer Gebein soll gr\u00fcnen wie Gras. Dann wird man erkennen die Hand des\u00a0HERRN\u00a0an seinen Knechten und den Zorn an seinen Feinden.<\/em><\/p>\n<p>In der Popmusik spielen sich \u00e4hnliche Geschehen ab. Nicht nur <em>At the rivers of Babylon<\/em>, auch am l\u00e4ndlichen Mississippi:<\/p>\n<p><em>Living for the City<\/em> von Stevie Wonder (alle Songtexte eigens von mir \u00fcbersetzt)<\/p>\n<p><em>In schweren Zeiten kommt am Mississippi ein Junge zur Welt, in ein Bett, von Wellblech und Pappe umstellt, seine Eltern lieben und bangen mit ihm, um ihn in G\u00fcte und St\u00e4rke zu erziehen, <\/em>Refrain:<em> \u00fcberleben gerade so, f\u00fcr ein Leben in der Stadt.<\/em><\/p>\n<p><em>Sein Vater schuftet oft 14 Stunden am Tag, und verdient damit kaum etwas, seine Mutter schrubbt Boden und Fliesen, und sie kommt nicht aus den Miesen, <\/em>Refrain:<em> \u00fcberleben gerade so, f\u00fcr ein Leben in der Stadt.<\/em><\/p>\n<p>Im Elend \u2013 egal, ob es nur materiell, oder ob es nur geistig, oder ob es beides ist &#8211; im Elend meldet sich die Sehnsucht nach der Stadt. Die Stadt als besserer Ort, sie ist das Ziel! Zum Beispiel besungen von Frank Sinatra mit New York, New York!<\/p>\n<p><em>Komm, sag es allen weiter, ich haue heute hier ab &#8211; dahin geh\u00f6re ich: New York! Diese Schuhe m\u00f6chten ausgef\u00fchrt werden, mitten ins Herz von New York! Ich m\u00f6chte in einer Stadt aufwachen, die nicht schl\u00e4ft, entdecken, dass ich Spitze bin, ganz, ganz vorne bei der Truppe. Der Kleinstadtkummer verzieht sich, ich werde total neu anfangen, im guten alten New York. Wenn ich es dort schaffe, kann ich es \u00fcberall. Es liegt an einem selbst. Auf nach New York!<\/em><\/p>\n<p>Am Ziel ein n\u00fcchterner Blick, wie weiland die ehemals Verbannten in und auf Jerusalem: \u00a0<em>The Message<\/em> von Grandmaster Flash and the Furious Five.<\/p>\n<p><em>Manchmal geht es zu wie im Dschungel, ich wundere mich, warum ich noch nicht hops gegangen bin: <\/em><\/p>\n<p><em>Glasscherben \u00fcberall, die Leute pinkeln im Freien auf Treppen &#8211; es macht ihnen nichts aus, ich ertrage den Geruch nicht, ich ertrage den L\u00e4rm nicht. Ich hab kein Geld, um weg zu ziehen, ich glaube, mir bleibt nichts anderes \u00fcbrig: Ratten im Raum vorne, Kakerlaken hinten, auf der Stra\u00dfe Kriminelle mit Baseballschl\u00e4gern. Ich hab versucht, weg zu kommen, ohne viel Erfolg, denn ein Mann mit einem Abschleppwagen hat mir mein Leasingauto genommen.<\/em><\/p>\n<p><em>Schubs mich nicht, denn ich bin am Rand! Ich versuche, nicht den Kopf zu verlieren.<\/em><\/p>\n<p><em>Manchmal geht es zu wie im Dschungel, ich wundere mich, warum ich noch nicht hops gegangen bin.<\/em><\/p>\n<p>Popmusik kennt, am Ziel der Sehnsucht angekommen, einen zweiten Blick. Und das ist nicht der Jesajas. Nicht der auf das himmlische Jerusalem. Es ist der vom eigenen Tun erf\u00fcllte Blick. Nicht Gottes Popup, sondern ein Selfiepopup. In den Augen der wenigen, die am Ziel ihrer Sehnsucht Erfolg haben. Die meinen, das ausschlie\u00dflich dem eigenen Tun zu verdanken. Die ihren Erfolg sogar f\u00fcr den Erfolg der Stadt ausgeben. Oder ihre Stadt f\u00fcr das eine himmlische Jerusalem auf Erden halten.<\/p>\n<p><em>The Empire State of Mind<\/em> von Jay-Z ist so ein Lied. Gibt\u2019s aber auch im Deutschen. <em>Ahnma<\/em> von den Beginnern aus Hamburg geht in die Richtung. Auch <em>Mein Block<\/em> von Sido. Der allerdings noch unbequem nahe am st\u00e4dtischen Elend formuliert. Sich selbst R\u00fchmen und dabei voll im Dreck stecken.<\/p>\n<p>Ein anderer Song von Sido zeigt indes, dass sich Erfolg zuerst anderen verdankt. Und nicht nur dem eigenen Tun und Lassen. <em>Mama ist stolz<\/em>, lautet der Titel. Lesen sie im Text \u00fcber die Gewalt verherrlichenden und sexuellen Stellen dr\u00fcber. Die anders als \u00fcblich sehr selten auftauchen.<\/p>\n<p>Ersetzen sie im Text das Wort Mama durch Gott \u2013 und gleich sieht es ganz anders aus. Verstehen sich die Zeilen ganz anders. Sind die S\u00e4tze dem Text Jesajas viel n\u00e4her als es aufs Erste scheint. Erfolg verdankt sich Gott. Und nicht: Erfolg macht einen zu Gott.<\/p>\n<p>Gott will das himmlische Jerusalem. Und so erbaut er es verdeckt inmitten unserer St\u00e4dte. Erbaut es inmitten derer, die da wohnen, die da zuwandern oder abwandern. Da leben und arbeiten Menschen in Frieden mit sich und den Mitmenschen. Da leben und arbeiten Menschen am Frieden. Am Frieden mit sich und den Mitmenschen. Menschen, die wissen, dass sie Leben und Erfolg zuerst Gott und ihren Mitmenschen verdanken. Und nicht nur ihrem eigenem Tun und Lassen.<\/p>\n<p>In Gottes Stadt leben Menschen nicht immer an einem Fluss. Aber immer im Fluss von N\u00e4he und Abstand. Finden N\u00e4he und W\u00e4rme, auch wenn es eng und stickig wird. Gewinnen Abstand und Privatleben, auch wenn es kalt und einsam wird. Das himmlische Jerusalem baut sich verdeckt auf Erden, stabil und flexibel zugleich. Eine von Menschen geteilte ungeteilte Stadt. Gott baut mit den Menschen am himmlischen Jerusalem verdeckt \u00fcberall und jederzeit auf Erden. Amen.<\/p>\n<p>OStR Markus Kreis, D-69469 Weinheim, <a href=\"mailto:markus_kreis@web.de\">markus_kreis@web.de<\/a><\/p>\n<p><em>Geboren 1963, Beauftragter f\u00fcr Wortverk\u00fcndigung und Sakramentverwaltung im Kirchenbezirk Ladenburg &#8211; Weinheim, unterrichtet Evang. Religion und Deutsch an der Mannheimer Berufsschule f\u00fcr Energie- und Informationstechnik.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Urbi et Orbi: Gottes verdeckte Popularit\u00e4t | Predigt zu Jes. 66,10-14 von Markus Kreis | Sie nerven, diese Popups, liebe Gemeinde, allermeist jedenfalls. Da hock ich vor dem Bildschirm, die Maus in der Hand, schaue aufmerksam, um ja nix zu verpassen. 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