{"id":21882,"date":"1999-04-17T12:10:53","date_gmt":"1999-04-17T10:10:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21882"},"modified":"2025-03-17T13:17:14","modified_gmt":"2025-03-17T12:17:14","slug":"matthaeus-281-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-281-10\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 28,1-10"},"content":{"rendered":"<h3>Ostersonntag | 4. April 1999 | Mt. 28,1-10 | Georg Kretschmar |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>1. Zwei Ostergottesdienste haben sich mir in meinem Leben besonders tief eingepr\u00e4gt. Der eine war vor Jahrzehnten in der Osternacht in Jerusalem, unmittelbar am heiligen Grabe, das &#8211; wie Kyrill, der sp\u00e4tere Bischof von Jerusalem, im 4. Jahrhundert seinen Taufbewerbern erkl\u00e4rte &#8211; Zeuge f\u00fcr das ist, wovon der Evangelist Matth\u00e4us erz\u00e4hlt. Der andere war eine Tschernobyl-Gedenkversammlung im gro\u00dfen Sportstadion von Minsk am 24.April 1990, in den Ostertagen, noch in der Umbruchszeit, eine Versammlung, die zum Gottesdienst wurde. Als letzter vieler Redner sprach Metropolit Filaret von Minsk, zum ersten Mal vor einer so gro\u00dfen \u00d6ffentlichkeit. Er gr\u00fc\u00dfte die Versammlung mit dem alten Ostergru\u00df der Christenheit: Christus ist auferstanden! Den hatten die Menschen seit Jahrzehnten nicht mehr geh\u00f6rt. Entsprechend z\u00f6gerlich war die Antwort. Er ist wahrhaftig auferstanden! &#8211; aus einer Ecke kam sogar Widerspruch. Aber beim zweiten Gru\u00dfaustausch waren die Stimmen lauter und beim dritten respondierte die gro\u00dfe Menge. Gott allein wei\u00df, wer unter den vielen, die nun einstimmten, zu den Glaubenden zu z\u00e4hlen w\u00e4re. Aber sie stimmten doch ein in das grundlegende Glaubensbekenntnis der Christen und damit auch in den Osterjubel. Diese beiden Erfahrungen verstehe ich als Hinweis auf die beiden Pole jedes Ostergottesdienstes: das Ged\u00e4chtnis des Ursprungs, der Auferstehung Jesu Christi aus dem Grabe in der Geschichte und des Ziels im Glauben an den dreieinigen Gott, der Jesus Christus, Gottes Sohn, nicht im Tode lie\u00df und uns den Weg zum ewigen Leben aufgeschlossen hat, das alle geschichtlichen M\u00f6glichkeiten und menschlichen Vorstellungen \u00fcbersteigt.<\/p>\n<p>2. Auf diesen Weg vom Ursprung zum Glauben will uns der Evangelist Matth\u00e4us f\u00fchren, und auf diesem Weg steht er selbst. Die vier Evangelien erz\u00e4hlen die Wunder des Ostergeschehens in je eigener Weise mit eigenen Akzenten. Immer geht es darum, wie die Osterzeugen vom Schauen und H\u00f6ren zum Glauben kommen. Immer sind die ersten Zeugen Frauen. Und eigentlich immer entsteht der Osterglaube nicht durch das, was die Frauen sehen oder h\u00f6ren, sondern erst in der Begegnung mit dem auferstandenen Herrn selbst.<\/p>\n<p>Matth\u00e4us wei\u00df zu berichten, da\u00df die Frauen auf dem Wege zur\u00fcck vom Stein vor dem Grab Jesus treffen, vor ihm niederfallen und seine F\u00fc\u00dfe umfassen. Er best\u00e4tigt ihnen den Auftrag des Engels. Da\u00df sie jetzt voller Freude zu den Br\u00fcdern, den J\u00fcngern eilen, versteht sich von selbst, es wird gar nicht mehr festgehalten. Markus wu\u00dfte von dieser Begegnung noch nichts, und so sind die Frauen trotz des leeren Grabes und trotz der unglaublichen Engelsbotschaft nur zutiefst verst\u00f6rt, der Evangelist schreibt von Zittern und Entsetzen. &#8222;Sie sagten niemandem etwas, denn sie f\u00fcrchteten sich sehr&#8220; (Mk 16, 8). Auch nach dem Lukas-Evangelium brachten die Berichte der Frauen nur zus\u00e4tzliche Verwirrung, nicht Freude (Lk 24, 20f.).<\/p>\n<p>Es ist doch auch etwas g\u00e4nzlich Unglaubw\u00fcrdiges, aller unsrer Erfahrung Widersprechendes, da\u00df ein Toter wieder lebendig wird. Doch schon diese Beschreibung des Geschehens ist ungenau. Die Evangelien berichten in der Tat von Totenerweckungen. Der J\u00fcngling von Nain lag im Sarg und wurde zu Grabe getragen. Jesus ruft ihm zu: &#8222;Stehe auf&#8220; (Lk 7, 11-17), er stand auf, und der Mutter, einer Witwe, war ihr einziger Beistand wiedergegeben. Hier kann man sagen, ein Toter wurde wieder lebendig. Aber nat\u00fcrlich sind sp\u00e4ter Mutter und Sohn gestorben, wie es jedem Menschen bevorsteht.<\/p>\n<p>Mit der Auferstehung Jesu verh\u00e4lt es sich anders. Er kehrt nicht in das normale, vorige Leben zur\u00fcck, sondern zeigt sich einigen seiner Anh\u00e4nger und ausnahmsweise auch solchen, die nicht seine Anh\u00e4nger waren, aber nun als Sendboten berufen werden wie sein Bruder Jakobus und Saul aus Tarsus. Der auferstandene Jesus geh\u00f6rt bereits zum ewigen Leben, in dem es keinen Tod mehr gibt. Solches Leben erwarteten viele der Frommen zur Zeit Jesu am Ende der Geschichte, am J\u00fcngsten Tage, wenn Gott die Toten aus ihren Gr\u00e4bern erwecken wird, da\u00df sie aufstehen. Und eben mit dem Wort, das diese Hoffnung, ja Erwartung, bezeichnet, beschreiben die Evangelien und der Apostel Paulus das, was geschehen ist: Auferstehung. &#8222;Er ist nicht hier, Er ist auferstanden&#8220;, verk\u00fcndigt der Engel den Frauen (Mk 28,6). Auferstehung weist immer auf das Grab zur\u00fcck. Aber nat\u00fcrlich ist das leere Grab kein Beweis &#8211; es hat ja auch damals nichts bewiesen, sondern nur Verwirrung bereitet und Ger\u00fcchte erzeugt. Beim Evangelisten Matth\u00e4us sehen die Frauen ja anscheinend nicht einmal das leere Grab, sie gehen nicht hinein, sie sehen nur den Engel.<\/p>\n<p>Aber die Auferstehung Jesu ist mehr als da\u00df einer von uns Menschen vor allen anderen zum ewigen Leben hindurch gedrungen ist. Sie ist Gottes &#8222;Ja&#8220; zum Leben und Sterben dessen, zu dem Er &#8211; nach dem Bericht des Evangelisten Markus &#8211; bei der Taufe im Jordan gesagt hatte. &#8222;Du bist mein lieber Sohn, an Dir habe ich Wohlgefallen&#8220; (Mk 1, 11).<\/p>\n<p>Das Grab, das Kaiser Konstantin aus der Felswand heraushauen lie\u00df, und den schweren Rollstein, der den Frauen solche Sorge bereitete, haben die Perser zerst\u00f6rt, als sie 614 Jerusalem eroberten. Das heutige Grab ist ein Memorialbau, aber auch von ihm gilt noch, was Kyrill von Jerusalem von dem originalen Monument sagte: Es steht &#8222;zum Zeugnis&#8220; f\u00fcr den Sieg des Sohnes Gottes \u00fcber den Tod und den Anfang unserer Vollendung.<\/p>\n<p>3. Damit habe ich nun mit meinen Worten etwas zu dem gesagt, was damals geschah. Aber was geschah denn wirklich? Wir haben nur die Berichte der Evangelien, in denen sich unterschiedlich niedergeschlagen hat, was die Frauen damals erz\u00e4hlt haben &#8211; Jahrzehnte hindurch m\u00fcndlich weitergegeben, ehe die Evangelisten es niederschrieben und deuteten. Da kann man manches rekonstruieren. Es geht doch aber nicht darum, ob die Frauen einen oder zwei Engel sahen, ob sie ins Grab hineingingen oder nicht. Wenn wir fragen, was wirklich geschah, fragen wir nach der Wahrheit der Auferstehung Jesu Christi. Dann ist es gut, unserem Text zu entnehmen, da\u00df das Widerfahrnis der Frauen \u00fcber sich hinausweist, &#8222;Gehet hin und verk\u00fcndigt es meinen Br\u00fcdern, da\u00df sie nach Galil\u00e4a gehen, dort werden sie mich sehen&#8220; (28, 10). Die Wahrheit der Auferstehung Jesu ist aber abl\u00f6sbar vom Osterglauben. Und der Osterglaube ist nicht die private Entdeckung von Einzelnen, es ist der Glaube der Kirche. Sicher, am Anfang stehen die Frauen, die Schwestern. Ostern ist der Frauentag der Kirche. Aber die Schwestern m\u00fcssen es den Br\u00fcdern berichten. Aus der Gemeinschaft der Osterzeugen, Frauen und M\u00e4nnern, entsteht die Kirche. Zu Zeugen werden die J\u00fcnger in der Begegnung mit dem Auferstandenen selbst, nach dem Matth\u00e4us-Evangelium auf dem Berg in Galil\u00e4a, den es ja in der Landschaft gibt, der aber zugleich so etwas wie ein Symbol f\u00fcr Gottes Offenbarung ist wie der Berg Sinai, an dem das Gesetz verk\u00fcndet wurde. Dem entspricht die Begegnung mit dem Auferstandenen. Und sie ist nicht in erster Linie Selbstoffenbarung: \u2018Schaut her, ich lebe\u2019, nein, im Mittelpunkt steht ein Auftrag, steht die Sendung &#8211; schon bei den Frauen, die zu den J\u00fcngern mit einer Botschaft gesandt werden.<\/p>\n<p>Die Auferstehung Jesu Christ sprengt unsere Erfahrungen und Weltbilder auf. Sie ist eine Wahrheit des Glaubens. Sicher h\u00e4ngt dieser Glaube am Zeugnis der ersten Zeugen. Es geht um den Glauben der Kirche. Und es geht auch um meinen Glauben. Wir wissen alle, da\u00df Juri Gagarin, als er als erster Mensch ins All flog, dort keine Engel gesehen hat; das hat er ja danach ausf\u00fchrlich erz\u00e4hlt. Aber vielleicht hatte Gott ihm einen Schutzengel beigegeben, der ihn damals sicher zur Erde zur\u00fcckf\u00fchrte. Um die Wahrheit zu sehen, mu\u00df Gott uns die Augen \u00f6ffnen. Begegnung mit dem Auferstandenen, das ist mehr als die Begegnung mit einem Engel. Sie ereignet sich heute f\u00fcr uns anders als f\u00fcr die Frauen, f\u00fcr Petrus, f\u00fcr Paulus, alle J\u00fcnger. Aber im Glauben wei\u00df ich, da\u00df er der Auferstandene, unser Herr und Heiland ist. In dieser Gewi\u00dfheit ist Jesus selbst anwesend. So hat es gerade Martin Luther gelehrt. Glaube ist Begegnung mit Jesus. Sie kann mir pl\u00f6tzlich geschenkt werden, sie kann langsam wachsen und reifen. Vielleicht geht das Einstimmen in den Glauben der Kirche der eigenen Gewi\u00dfheit voraus \u2013 wie damals vor neun Jahren in Minsk. Aber immer wird auch heute zum Glauben geh\u00f6ren, da\u00df ich erfahre, Christus hat mir einen Auftrag gegeben. Auch bin ich gerufen, Zeuge des Wunders der Auferstehung in unserer Welt zu sein.<\/p>\n<p>Christus ist auferstanden! \u2013 Er ist wahrhaftig auferstanden!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. D. Dr. theol. Georg Kretschmar<\/p>\n<p>Bischofskanzlei Petrikirche<\/p>\n<p>Newski Pr. 22-24<\/p>\n<p>191186 St. Petersburg\/Ru\u00dfland<\/p>\n<p>Tel. 007812 \/ 311 2423<\/p>\n<p>Fax 007812 \/ 310 2625<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ostersonntag | 4. April 1999 | Mt. 28,1-10 | Georg Kretschmar | Liebe Gemeinde, 1. Zwei Ostergottesdienste haben sich mir in meinem Leben besonders tief eingepr\u00e4gt. Der eine war vor Jahrzehnten in der Osternacht in Jerusalem, unmittelbar am heiligen Grabe, das &#8211; wie Kyrill, der sp\u00e4tere Bischof von Jerusalem, im 4. 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