{"id":21888,"date":"1999-04-17T13:24:36","date_gmt":"1999-04-17T11:24:36","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21888"},"modified":"2025-03-17T13:27:19","modified_gmt":"2025-03-17T12:27:19","slug":"johannes-211-14","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-211-14\/","title":{"rendered":"Johannes 21,1-14"},"content":{"rendered":"<h3>Quasimodogeniti |\u00a011. April 1999 | Johannes 21,1-14 | Reinhard Weber |<\/h3>\n<p>Vorbemerkung:<\/p>\n<p>Die vorliegende Predigt stellt bewu\u00dft an die H\u00f6rerschaft sowohl sprachlich wie auch gedanklich erh\u00f6hte Anforderungen. Dies h\u00e4ngt mit ihrer argumentativen Grundstruktur zusammen. Damit ist sich auch der Autor dar\u00fcber durchaus im Klaren, da\u00df man den Predigttext gewi\u00df auch ganz anders aufnehmen und zur Darstellung bringen kann. Insofern kann seine Predigt auch als ein Fundus betrachtet werden, aus dem sich verschiedene Teilaspekte herausziehen und unter ver\u00e4nderten homiletischen Auspizien mit anderer Zielrichtung und in verwandelter Gestalt verwenden lassen.<\/p>\n<p>Hier kam es wesentlich darauf an, den einen Zentralgedanken dieses johanneischen Ostertextes, n\u00e4mlich den der anagnorisis, in einer dezidierten und prononcierten Weise in den Mittelpunkt zu stellen und ihn auf einem Hintergrund zum Leuchten zu bringen, der aus Osterkerygma onthropologisch generell in den Blick fa\u00dft. Zugleich sollte die christologische Perspektive so aufgezeigt werden, da\u00df die Dimension der Frage nach dem irdischen, sprich vor\u00f6sterlichen Jesus in ihrer theologischen Bedeutsamkeit dabei nicht unterschlagen, sondern als notwendige Voraussetzung erkennbar wird. Schlie\u00dflich leitete Vf. die Intention, den im engeren Sinne theologischen, wenn auch in der Geschichte selbst nur unausdr\u00fccklich als begleitender und unterfangender Horizont pr\u00e4senten Kern der Erz\u00e4hlung so sichtbar zu machen, da\u00df dessen erkenntniskritische wie weltlich paradoxale Struktur angemessen zum Austrag kommt.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>&#8222;Alle Menschen sind sterblich.&#8220; Dieser bekannte Buchtitel eines vielgelesenen Erfolgsschriftstellers unserer Tage trifft auch auf sie zu, die Zuh\u00f6rer dieser Predigt.<\/p>\n<p>Den Beweis daf\u00fcr kann man handgreiflich hier in dieser Kirche vor sich sehen, wenn man so durch die Reihen schaut. Wie viele, ja praktisch wohl fast alle von denen fehlen, die hier vor ungef\u00e4hr 20\/30 Jahren aus der Generation derer, die noch den ersten Weltkrieg bewu\u00dft miterlebt hatten, wei\u00dfh\u00e4uptig die Pl\u00e4tze f\u00fcllten.<\/p>\n<p>Und heute sind die, die damals in der vollen Kraft der Mitte ihres Lebens standen, selber alt geworden und gezeichnet vom Daseinskampf, und noch einmal eine Reihe von Jahren, und auch ihre Sitze werden von anderen besetzt oder aber vielleicht gar ganz leer sein.<\/p>\n<p>Und aus den Kindern von damals sind heute Leute geworden und werden morgen Greise sein.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, alle Menschen sind sterblich und aufs Vergehen gestellt. Und alle Kulturen und Zeiten haben das gewu\u00dft und eindringlich und manchmal herzzerrei\u00dfend vom Schmerz des Vergehens und der wehm\u00fctigen Erfahrung der verrinnenden Zeit zu singen vermocht, wie etwa Matthias Claudius in seinem bekannten Gedicht:<\/p>\n<p>&#8222;Empfangen und gen\u00e4hret,<\/p>\n<p>vom Weibe wunderbar,<\/p>\n<p>k\u00f6mmt er und sieht und h\u00f6ret<\/p>\n<p>und nimmt des Trugs nicht wahr,<\/p>\n<p>gel\u00fcstet und begehret<\/p>\n<p>und bringt sein Tr\u00e4nlein dar;<\/p>\n<p>verachtet und verehret,<\/p>\n<p>hat Freude und Gefahr,<\/p>\n<p>glaubt, zweifelt, w\u00e4hnt und lehret.<\/p>\n<p>H\u00e4lt nichts und alles wahr.<\/p>\n<p>Erbauet und zerst\u00f6ret<\/p>\n<p>Und qu\u00e4lt sich immerdar;<\/p>\n<p>Schl\u00e4ft, wachet, w\u00e4chst und zehret;<\/p>\n<p>Tr\u00e4gt braun und graues Haar.<\/p>\n<p>Und alles dieses w\u00e4hret,<\/p>\n<p>wenns hoch kommt, achtzig Jahr.<\/p>\n<p>Dann legt er sich zu seinen V\u00e4tern nieder<\/p>\n<p>Und er k\u00f6mmt nimmer wieder.&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, beginnt so eine \u00f6sterliche Predigt \u00fcber einen Ostertext, denn das ist Johannes 21 ja!?<\/p>\n<p>Ja, so beginnt eine Osterpredigt, weil unser Text so beginnt! Auch wenn er das f\u00fcr sie vielleicht ganz unbemerkt tut, gleichsam unter der Hand: auf einer auf den ersten Blick verborgenen, unterirdischen Ebene redet er n\u00e4mlich von einer verlorenen Vergangenheit und so vom Vergehen des Verg\u00e4nglichen, sprich den ehemaligen Fischern, die es wieder neu werden mu\u00dften und es doch nicht mehr richtig sind und sein k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Vor dieser T\u00fcr, vor dem Wiedereinstieg in diese alte, verlorene Vergangenheit, vor dieser Wiederankn\u00fcpfung an das Abgelebte ist ein Riegel, sein Name hei\u00dft Tod, Tod, der auch mitten im Leben anwest, wo er eine bestimmte Gestalt des Lebens unwiderruflich alt werden l\u00e4\u00dft wie ein altes abgetragenes Gewand, in das man durch die gelebte Erfahrung nicht mehr hineinpa\u00dft. Vor dem verlorenen galil\u00e4ischen Jugendparadies der J\u00fcnger (und wer von uns hatte kein solches) steht unerbittlich der Engel mit dem Flammenschwert der Zeitlichkeit der Zeit und verwehrt den Zutritt und die Wiederkehr (auch f\u00fcr jeden von uns im Blick auf seine eigene Gewesenheit). Keiner kann sich mehr einholen, sich selbst wieder-holen als der, welcher er einst gewesen. Alles wird zu einer stets schw\u00e4cher werdenden, allenfalls melancholisch-schwerm\u00fctig eingetr\u00fcbten und uns noch einmal abst\u00e4ndig erfassenden und m\u00f6glicherweise \u00fcberschwemmenden Erinnerung. Kein vergangenes Gef\u00fchl ist in seiner verlorenen Aktualit\u00e4t revozierbar, keine erlebte Situation in voller, ungeminderter Pr\u00e4senz erneuerbar. Es bleibt schemenhaft und unwirklich, was wir erfuhren, wovon wir einmal voll und ganz bestimmt waren. Wir sind uns selbst Entgleitende, und gerade dort um so mehr, wo wir uns um jeden Preis halten m\u00f6chten. Der Hand, die sich krampft, wird das Gehaltene um so gewaltsamer entzogen. Die Zeitlichkeit der Zeit ist f\u00fcr uns immer auch und zuletzt die T\u00f6dlichkeit des Todes.<\/p>\n<p>Den J\u00fcngern in unserer Geschichte, die mit ihrer R\u00fcckkehr in ihre galil\u00e4ische Heimat nach den katastrophischen Jerusalemer Ereignissen, die sie all ihrer Hoffnungen und Tr\u00e4ume beraubt hatten, einen Ankn\u00fcpfungspunkt an ihr altes Leben suchten, mu\u00dften wohl auch feststellen, da\u00df dies so nicht ging, wie sie sich das vielleicht gedacht hatten: den alten, abgebrochenen Faden wiederaufnehmen.<\/p>\n<p>Mit diesen Erlebnissen im R\u00fccken waren sie nicht mehr dieselben, als die sie ausgezogen waren und alles hinter sich gelassen hatten einschlie\u00dflich ihrer Fischerei. Wenn man als ein anderer dahin zur\u00fcckkehrt, wo man noch jener gewesen war, dann findet man sich dort nicht mehr als dieser! Die J\u00fcnger, die mit Jesus mitgezogen und ihm auf seinem Wege bis nach Jerusalem nachgefolgt waren, die konnten nicht so tun, als ob nichts gewesen w\u00e4re, die kehrten als tiefgreifend Ver\u00e4nderte, Verwandelte dorthin zur\u00fcck, von wo sie einst ausgezogen waren, m\u00f6gen sie das zun\u00e4chst auch vor sich selbst verborgen haben. Und mag ihre Heimat auch \u00e4u\u00dferlich nahezu unver\u00e4ndert dieselbe geblieben sein, sie selber aber waren nicht mehr dieselben, ihre Perspektive, ihr Menschsein hatte sich verwandelt. Es ist nichts mehr mit der Fischerei! Man kann nicht zweimal in denselben Flu\u00df steigen (Heraklit)!<\/p>\n<p>Und in dieser Erfahrung wird der Stachel der Sterblichkeit als Ausdruck der fallenden Zeit in uns beunruhigend wach.<\/p>\n<p>Also, verehrte anwesende Sterbliche, das ist das erste, was wir heute aus unserem Ostertext zu lernen haben: der Tod als die Vollendung und Vollstreckung der Zeitlichkeit der Zeit ist uns nichts \u00c4u\u00dferliches, kein Zufall, dem wir da irgendwann am Ende einmal ausgesetzt sind, gleichsam eine Art unerwarteter, bedauerlicher Betriebsunfall, der etwa in seinen Folgen r\u00fcckg\u00e4ngig gemacht oder bei vorsichtigerem Verhalten oder besserer Beachtung der Bedienungsvorschriften h\u00e4tte vermieden werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nein, er ist unser Ureigenstes, das uns Innerlichste, das wir st\u00e4ndig wie eine Frucht in und mit uns herumtragen, die wir langsam ausreifen; er ist die Signatur unserer Existenz als eines Seins zum Tode. Das war auch die Erfahrung der J\u00fcnger in unserer Geschichte, die sie allerdings wohl kaum schon voll und bewu\u00dft realisierten, die sie vielmehr eher verdr\u00e4ngten durch ihren nicht gelingenden R\u00fcckkehrversuch ins alte Leben, in die alte Lebenswelt, in ihre vergangene Lebensgestalt, als ob die Schlange in ihre alte, abgeworfene Haut zur\u00fcckkehren wollte.<\/p>\n<p>Ja, und das versuchen wir in unsrer ganzen Gesellschaft ja permanent auch mit den alten Rezepten und Mitteln auf die Herausforderungen der Zukunft zu reagieren, unser grundlegend ver\u00e4ndertes Sein wieder loszuwerden, zu vergessen, unsere Erfahrungen gleichsam r\u00fcckg\u00e4ngig und ungeschehen zu machen! Und so verschlimmern wir von Tag zu Tag unsere Situation, taumeln bewu\u00dftlos ins Nichts, in eine sich ausbreitende Leere, die W\u00fcste des sinnentleerten Lebens, das die Orientierung verloren hat und einfach nur so weitermacht.<\/p>\n<p>Und weil wir die lebendige und umwandelnde Erfahrung der T\u00f6dlichkeit der sich zeitigenden und an uns sich auszeitigenden Zeit ausgrenzen, nicht einmal mehr wahrhaben wollen, was die fr\u00fchere Menschheit lebensbegleitend umschlo\u00df, was jederzeit in geballter, beklemmender und auch l\u00f6sender Eindringlichkeit um sie herumstand, darum hat unsere Verdr\u00e4ngung uns auf der Gegenseite den Kult der Todesverherrlichung in Video und Fernsehen beschert, wo der Tod massenhaft k\u00fcnstlich inszeniert wird, um seinen Sporn auf eine abstruse Weise zu sp\u00fcren, n\u00e4mlich um damit die Unlebendigkeit des faktisch gelebten Lebens zu \u00fcbert\u00f6nen und zu kompensieren in einem. Und so schl\u00e4gt das Weggedr\u00e4ngte uns nur um so gewisser in seinen nun als Nervenkitzel und Brutalit\u00e4t denaturierten Bann.<\/p>\n<p>Der Tod ihrer &#8211; auch religi\u00f6sen &#8211; Hoffnungen und Lebensw\u00fcnsche, die sie mit Jesus verbunden hatten, hatte die J\u00fcnger den verzweifelt-resignierten Schritt nach Galil\u00e4a zur\u00fcck tun lassen.<\/p>\n<p>Aber ihr Lebenszusammenhang war doppelt unterbrochen, der alte als einfache Fischer am See, aus dem sie der Ruf Jesu herausgerissen hatte, der neue als Nachfolger des Meisters, der ihnen Karfreitag auf Golgatha abhanden gekommen war. Sie sind die Verlassenen schlechthin, denen die Kontinuit\u00e4t ihres Lebensentwurfes zerrissen, zerbrochen ist, die nur noch Fragmente in den H\u00e4nden halten und es selber noch nicht so recht wissen. Es ist der Verlust der Zukunft mitten in der Zeit, mitten in ihrem irdischen Leben, der ihnen auf die Stirn geschrieben ist.<\/p>\n<p>Die kleinen Tode, die wir schon mitten im Erdendasein sterben, sind ja nichts anderes als Vorabbildungen, Vorboten, Vorausdarstellungen des gro\u00dfen Tods, der auf uns wartet.<\/p>\n<p>Und schon das kleine Kind, dem der bunte Ball, an dem sein Herz h\u00e4ngt, in einen rostigen Nagel fliegt und zerplatzt, kennt diesen Schmerz, den Schmerz der Verg\u00e4nglichkeit, der Unbest\u00e4ndigkeit und des Abschiednehmenm\u00fcssens, der Irreversibilit\u00e4t der Zeit und allen Geschehens.<\/p>\n<p>Nein, das ist uns nicht fremd, vielmehr ganz nah. Wer hat das nicht schon gesp\u00fcrt, da\u00df etwas in ihm abstirbt, verwehrende Spuren gelebten Lebens, Zerbrechen von Zukunftsentw\u00fcrfen, Lebenspl\u00e4nen, Gl\u00fcckserwartungen. Daf\u00fcr mu\u00df man keine Beispiele suchen. Sie liegen auf der Stra\u00dfe.<\/p>\n<p>Und in dieser durchg\u00e4ngigen Abschiedlichkeit unseres ganzen lebendigen Daseins bereitet sich &#8211; wie gesagt &#8211; doch nur vor und zeigt sich doch nur an, was sich am Ende im leiblichen Sterben vollendet und zusammenfa\u00dft. Da kommt doch nur heraus, was wir in Wahrheit schon immer sind, endliche, begrenzte Wesen, die am Ende gar von sich selber Abschied nehmen m\u00fcssen!<\/p>\n<p>Der Tod geh\u00f6rt zum Leben wie das Salz in die Suppe.<\/p>\n<p>Deshalb: die Titelseiten der Illustrierten, auf denen im wahrsten Sinne des Wortes stets nur das gro\u00dfe Leben prangt, l\u00fcgen. Sie l\u00fcgen gut, aber es ist nur die eine Seite, und die andere wird wohlweislich vertuscht.<\/p>\n<p>Denn am Ende, da m\u00fcssen wir in der Tat nicht nur vom prallen Leben, sondern sogar vom Innersten, von unserem Eigentlichsten, n\u00e4mlich von selbst Abschied nehmen. Da erweist sich, da\u00df wir nicht einmal uns selber wahrhaft haben, besitzen und festhalten k\u00f6nnen. Wir geh\u00f6ren uns nicht einmal selbst! Und was sich da im Sterben offenbart, das ist ja nichts anderes als die innere Struktur des Lebens selbst, um die wir darum auch schon jetzt wissen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Das ist das eine, wovon die J\u00fcnger betroffen sind und wir mit ihnen. Aber da gibt es noch ein anderes, und dieses andere ist der Verlust Gottes im Verlust ihres Herrn und Meisters. Das ist der Tod ihrer Seele als dem Ort der tiefsten und h\u00f6chsten Lebenshoffnungen, das Kraftzentrum. In ihm ist ein Zerbruch eingetreten. Kern und Stern ihres Daseins sind verschwunden. Da ist eine tiefgreifende L\u00e4hmung eingetreten. Jetzt leben sie so dahin. Was bleibt sonst, wenn Gott als das Lebenselexier des Menschen sich aus der Mitte seines Lebens verabschiedet hat, wenn er sich entzog. Das ist der eigentliche Tod!<\/p>\n<p>Und an dieser Stelle kippt nun unsere Geschichte, schl\u00e4gt um, wird sie zur Ostergeschichte, denn an dieser Stelle geschieht nun f\u00fcr die J\u00fcnger das, was Ostern hei\u00dft, n\u00e4mlich anagnorisis: im Morgengrauen steht Jesus am Ufer! Die hungrigen J\u00fcnger haben leere Netze. Saft und Kraft ihres Lebens sind ausgelaufen, zerronnen, zerplatzt. Ziellos vagieren sie dahin, heimatlos zuhause. Da steht Jesus am Ufer, er steht am Ufer des Meeres und holt die Fische aus dem verschlossenen See, d.h. er \u00f6ffnet das verstellte Leben f\u00fcr die ihm entzogene Nahrung, f\u00fcr das Leben, das sich ob der erfahrenen Entt\u00e4uschung in sich eingehaust hat: &#8222;Habt ihr denn nichts zu essen?&#8220; &#8222;Nein!&#8220; &#8222;Werft die Netze ins Meer!&#8220; Da zappelt das entschwundene Leben in ihnen. Und da geschieht anagnorisis, Wiedererkennung: &#8222;Es ist der Herr&#8220;!<\/p>\n<p>Das ist das Osterereignis in dieser Geschichte: anagnorisis! Das gestorbene Leben lebt, das entschwundene Leben wird als das nahe, als das anwesende erkannt, der verlorene Gott taucht aus den Fluten des Vergessens, aus den Wassern des Todes, aus dem See wieder auf, kommt empor aus dem Brunnen der Vergangenheit, denn: &#8222;Tief ist der Brunnen der Vergangenheit&#8220; (Th. Mann).<\/p>\n<p>Und er teilt Fisch und Brot aus, Brot und Wein, eben sich selbst. Dahin werden auch die dunklen Pfade des Wanderers gef\u00fchrt, dessen Haus durch eine von Schmerz versteinerte Schwelle unzug\u00e4nglich geworden war, wie es Georg Trakl beschrieben hat:<\/p>\n<p>&#8222;Mancher auf der Wanderschaft<\/p>\n<p>Kommt ans Tor aus dunklen Pfaden.<\/p>\n<p>Golden bl\u00fcht der Baum der Gnaden<\/p>\n<p>Aus der Erde k\u00fchlem Saft.<\/p>\n<p>Wanderer tritt still herein;<\/p>\n<p>Schmerz versteinerte die Schwelle.<\/p>\n<p>Da ergl\u00e4nzt in reiner Helle<\/p>\n<p>Auf dem Tische Brot und Wein.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Mitten wir im Leben sind von dem Tod umfangen&#8220;, so sagt das bekannte mittelalterliche Kirchenlied. &#8222;media vita in morte -kers umb- medis morte in vita sumus. sic dicit, sic credit Christianus.&#8220; Also: mitten im Leben sind wir im Tode, kehr es um, mitten im Tode sind wir im Leben, so spricht, so glaubt ein Christ, so sagt es Luther in einer Predigt zu Mari\u00e4 Heimsuchung 1523.<\/p>\n<p>Ostern hat am Tod etwas ver\u00e4ndert, genauer: an der T\u00f6dlichkeit dieses Todes. Der gottverlorene Christ f\u00e4llt n\u00e4mlich sterbend nicht mehr ins Nichts, in die absolute Selbstverlorenheit, er f\u00e4llt auch lebend nicht mehr in die resignative Verzweiflung an der Sinnlosigkeit des weltverlorenen und erdentfremdeten, des irreversibel vergehend-verg\u00e4nglichen, weil zeithaft-geschichtlichen Daseins, er f\u00e4llt vielmehr in die anagnorisis: es bist ja Du, Du bist es ja, ja, Du bist es! Der heimgegangene J\u00fcnger f\u00e4llt an den heimgegangenen Gott heim. Denn er begegnet diesem Gott im Tod seines Lebens! Im Gottesverlust als Lebensentzug, im Lebensverlust als Gottesentzug begegnet Gott.<\/p>\n<p>Das kommt, weil Gott selber im Tode ist und den J\u00fcnger dort empf\u00e4ngt, in der resignatio ad inferum, der absoluten Verzweiflung, der desparatio. Und die kann ganz unmerklich-unausgesprochen sein wie bei den J\u00fcngern in der Geschichte.<\/p>\n<p>Das ist der Kern unseres Predigttextes: im Tod, in seinem eigenen Tod, in seinem Sterben f\u00fcr den Menschen ist Gott lebendig. Der gestorbene Gott lebt! Der dem Menschen aus der Mitte seines Lebens entzogene Gott ist der Nahe, der ihn ans Ufer winkt und dort auf ihn mit den Gaben des Lebens wartet.<\/p>\n<p>Das l\u00e4\u00dft sich wohl nur so verstehen, da\u00df Gott sich mit dem gekreuzigten Jesus, der ihn als den heilvollen in seinem Wirken und Geschick vollm\u00e4chtig in Anspruch genommen und seine s\u00fcndenvergebende Liebe ereignet hatte, zu Ostern identifiziert, sich zu ihm bekannt hat und dadurch anzeigt, da\u00df der Tod, aus dem er Jesus zu sich herausruft, ihm selber fortan nichts Fremdes mehr ist, sondern nun als ein Moment ins Leben Gottes hineingeh\u00f6rt. In Jesu Todesleiden, so mu\u00df man sich das wohl deutlich zu machen suchen, hat sich Gott der Macht des Negativen, der Spitze der Endlichkeit ausgesetzt und sich in diesem Proze\u00df zwischen Leben und Tod erhalten und als der tod\u00fcberwindende Lebendige erwiesen. Indem er in der Auferweckung Jesus gegen\u00fcber seinen Gegnern ins Recht setzt, best\u00e4tigt er die Verk\u00fcndigung Jesu vom rettenden Vatergott und erweist sich an seinem zu Tode gebrachten westlichen Repr\u00e4sentanten in der Weise als sch\u00f6pferischer Erretter, als der ihn dieser in seinem Wort und Werk zur Darstellung gebracht hatte. Eben dieses Handeln aber war es gewesen, das Jesus nach Golgatha gebracht hatte! Und so steht in Jesu Todespassion nichts Geringeres auf dem Spiel als Recht und Wahrheit seines Gottesglaubens und seiner Gottesverk\u00fcndigung durch Wort und Tat. Am Kreuz Jesu leidet Gott selber mit, treibt er auf die H\u00f6he seiner passio magna, seiner gro\u00dfen Passion an der Welt.<\/p>\n<p>Und also kommt das \u00f6sterliche Wort von dem auferweckten Jesus aus der Tiefe der g\u00f6ttlichen Todesgemeinschaft mit dem Nazarener. So wie der ihm lebend die Treue gehalten hatte bis in den Tod, so erwidert sie ihm Gott sterbend bis ins Leben! In das neue Leben, das g\u00f6ttliche Leben. Gott ist im Tod als der Lebendige. Und Auferweckung hei\u00dft dann nichts anderes als Leben im und aus dem Tod, da\u00df im Tod das Leben ist, so paradox das auch klingen mag.<\/p>\n<p>Dadurch aber, liebe Gemeinde, da\u00df sich im Osterereignis etwas im Verh\u00e4ltnis Gottes zum Tod ver\u00e4ndert hat, ver\u00e4ndert sich auch etwas an der T\u00f6dlichkeit unseres Lebens als der sich in ihm als Zeitlichkeit zeitigenden Zeit, wo und sofern wir uns in dieses Geschehen zwischen Gott und Jesus hineinnehmen lassen.<\/p>\n<p>Wo jedoch ereignet sich dieses Geschehen f\u00fcr uns?<\/p>\n<p>Dieses Geschehen begegnet uns im Wort der Predigt! Die Predigt ist f\u00fcr uns der See Genezareth der J\u00fcnger, der Ort der anagnorisis. Im gepredigten Wort von Karfreitag und Ostern k\u00f6nnen wir der Hoffnung gewi\u00df werden, da\u00df Gott auch unserem Tod die T\u00f6dlichkeit genommen hat, weil und indem er die T\u00f6dlichkeit unseres Lebens begrenzte, dadurch da\u00df er sich diese an dem Mann aus Nazareth auswirken lie\u00df, so da\u00df wir im Sterben nicht mehr durch die Abgr\u00fcndigkeit des unserem Wesen geschuldeten schlechthinnigen Vergehens begrenzt werden, sondern durch nichts anderes als Gott selber! Denn Ostern ist die Osterbotschaft als Gestalt der Wirksamkeit des Ostergeschehens.<\/p>\n<p>Und so ist Ostern die Ostergewi\u00dfheit, da\u00df wir im Tod nicht dem Nichts, sondern dem unsterblichen Gott begegnen zu ewiger Gemeinschaft mit ihm. Und dieser Tod und damit auch seine \u00dcberwindung finden mitten im Leben statt.<\/p>\n<p>Denn diese ewige Gemeinschaft hat wie die zeitliche Entfremdung schon eine irdische Vorgeschichte, die genau da anhebt, wo uns der Zuspruch des Lebens mitten im irdischen Leben ins Herz trifft und wir der Stimme Gottes inne werden, die uns aus der Gefangenschaft ins eigene Ich und dessen Drang in die Verh\u00e4ltnislosigkeit des Todes herausruft zu der Begegnung mit der Quelle des Lebens, welche ein bleibendes Verh\u00e4ltnis schafft: durch anagnorisis!<\/p>\n<p>Der Gott, der uns im Tode bewahrend und verewigend auff\u00e4ngt und unser verg\u00e4ngliches Dasein in ein neues, unverg\u00e4ngliches Leben wendet, der beginnt und will seine Geschichte mit uns schon vorher beginnen, mitten in der vergehenden Zeitlichkeit, hier und jetzt und wann immer das Wort an uns ergeht; ja in Jesu Wirken, Tod und Auferweckung hat er sie schon begonnen. In ihm hat er das Gespr\u00e4ch mit uns und der ganzen Menschheit schon angefangen und so den Grund daf\u00fcr gelegt, da\u00df wir schon jetzt mitten in all der Todverfallenheit unseres Wesens und dieser ganzen Welt in ein unzerst\u00f6rbares Leben hineingenommen sind, das kein Tod mehr t\u00f6ten kann, weil Ostern des Todes Tod ist.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, ich k\u00f6nnte es nicht besser sagen als der alte Luther, der an einer Stelle bekennt: &#8222;Wo aber und mit wem Gott redet, es sei im Zorn oder in der Gnade, derselbe ist gewi\u00df unsterblich. Die Person Gottes, der da redet, und das Wort Gottes zeigen, da\u00df wir solche Kreaturen sind, mit denen Gott bis in die Ewigkeit und unsterblicherweise reden will.&#8220;<\/p>\n<p>Unsere heutige Ostergeschichte zeigt den Gott in Jesus, der mit den hoffnungslosen und entt\u00e4uschten J\u00fcngern und ihren stumm gewordenen Seelen mitten in der Nacht ihres Lebens ein Gespr\u00e4ch beginnt, der sie anredet und das Brot reicht.<\/p>\n<p>Nicht also unsere vielmehr in allem vergehend-verg\u00e4ngliche Natur ist es, die uns Unsterblichkeit verb\u00fcrgt, sondern allein die Tatsache, da\u00df der unendliche Gott das Gespr\u00e4ch mit seinem endlichen Gesch\u00f6pf schon mitten in dessen Endlichkeit aufgenommen hat und es auch dann nicht abrei\u00dfen l\u00e4\u00dft, wenn uns im leiblichen Sterben in ohnm\u00e4chtigem Verstummen die M\u00f6glichkeit zur Antwort aus der Hand genommen wird. Darum ist es an uns um so mehr und mit ganzer Aufmerksamkeit daf\u00fcr Sorge zu tragen, da\u00df wir jetzt in der Stunde, wo es f\u00fcr uns noch Tag ist, den Faden des g\u00f6ttlichen Sprechens mit uns aufnehmen und ihm antworten, damit unser Selbstsein in Gott geborgen ist, wenn wir ins Schweigen unserer Rede einkehren. Sein Leben als Christen f\u00fchren hei\u00dft also, das Gespr\u00e4ch, welches uns Gott mit sich im Gekreuzigten und Auferweckten anbietet, als lebendige Gestalt unseres ganzen Daseins f\u00fchren. Das Bestimmtwerden von dieser Kommunikation ist die Form, in welcher das \u00f6sterliche Leben unter uns Realit\u00e4t wird!<\/p>\n<p>Dem Tode in all seinen \u00c4u\u00dferungsformen ist im Christusereignis der Stachel der Gottverlassenheit gezogen worden, und er ist im Leben Gottes zur\u00fcckgeblieben! Das ist das Wort, durch das der ewige Gott heute in dieser \u00f6sterlichen Zeit als Zeitigung einer neuen Zeit in der alten sein unendliches Gespr\u00e4ch mit uns anheben und in der Stunde unseres Todes herrlicher und in der vollendeten Gestalt verwandelter Gemeinschaft fortsetzen will. Damit ist die Wende gesetzt, in welcher sich der Spie\u00df der vergehend-verg\u00e4nglichen Zeit in die Verg\u00e4nglichkeit des Vergehens und das Vergehen der Verg\u00e4nglichkeit selbst umgesetzt hat und wo die Entt\u00e4uschung der J\u00fcnger als T\u00e4uschung ent-t\u00e4uscht wird, d.h. wo ihnen die gehaltenen Augen ge\u00f6ffnet und sie sehend werden.<\/p>\n<p>Als derart zum Erkennen gebrachte Erkannte, die sehen, da\u00df die Geschichte der Erkenntnis Gottes eine Geschichte seines Wiederkennens (anagnorisis) im Christus am See ist, k\u00f6nnen wir dem uns anredenden Gott lebend in glaubendem Gehorsam antworten, damit wir uns ihm sterbend wortlos \u00fcberantworten k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Privatdozent Pfarrer Dr. Reinhard Weber<\/p>\n<p>Blaue-Kuppe-Str. 37<\/p>\n<p>37287 Wehretal<\/p>\n<p>Tel.\/Fax: 05651\/40225<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasimodogeniti |\u00a011. April 1999 | Johannes 21,1-14 | Reinhard Weber | Vorbemerkung: Die vorliegende Predigt stellt bewu\u00dft an die H\u00f6rerschaft sowohl sprachlich wie auch gedanklich erh\u00f6hte Anforderungen. Dies h\u00e4ngt mit ihrer argumentativen Grundstruktur zusammen. 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