{"id":21890,"date":"1999-04-17T13:28:15","date_gmt":"1999-04-17T11:28:15","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21890"},"modified":"2025-03-17T13:30:25","modified_gmt":"2025-03-17T12:30:25","slug":"johannes-211-14-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-211-14-2\/","title":{"rendered":"Johannes 21,1-14"},"content":{"rendered":"<h3>Quasimodogeniti | 11. April 1999 | Johannes 21,1-14 | Hans W. Sch\u00fctte |<\/h3>\n<p>Unter den vielen Ostergeschichten, die im Neuen Testament \u00fcberliefert sind, ist die aus dem letzten Kapitel des Johannes-Evangeliums von besonderem Reiz. Sie erz\u00e4hlt dasselbe, was die \u00fcbrigen auch erz\u00e4hlen, aber sie erz\u00e4hlt es so anders, da\u00df es gar nicht leicht ist, zu erkennen, da\u00df es dieselbe Geschichte ist. Die christlichen Gemeinden m\u00fcssen unaufh\u00f6rlich dar\u00fcber nachgedacht haben, was am Ostertag passiert war, und so haben sie immer wieder angefangen, Geschichten zu erz\u00e4hlen. Sie haben auch schnell bemerkt, da\u00df, wer Geschichten erz\u00e4hlt, daf\u00fcr sorgen mu\u00df, da\u00df der H\u00f6rer, da\u00df der Leser wiedererkennt, wovon die Rede ist. Darum k\u00fcmmert sich das letzte Kapitel aus dem Johannes-Evangelium. Es fragt einfach: Wer ist dieser Jesus? Woran k\u00f6nnen die J\u00fcnger erkennen, da\u00df er zur\u00fcckgekehrt ist? Woran erkennen sie, da\u00df er derselbe ist, den sie kannten, als er zusammen mit ihnen die Wege am See Tiberias entlangging?<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger k\u00f6nnen nur erkennen, sie k\u00f6nnen nur wiedererkennen, wenn sich Jesus offenbart. Und es hei\u00dft, da\u00df er sich dreimal offenbart habe. W\u00fcrde er sich nicht offenbaren, bliebe er verborgen. Dann k\u00f6nnten Ger\u00fcchte entstehen und Vermutungen, aber keiner w\u00fcrde ihn wiedererkennen, wenn er am Ufer des Sees st\u00fcnde. Offenbart er sich, dann tritt er aus der Unsichtbarkeit heraus, dann mu\u00df er aber auch daf\u00fcr sorgen, da\u00df die Seinen ihn an solchen Ereignissen erkennen, die sie schon einmal erlebt haben, die sich nun wiederholen und die Erinnerungen heraufkommen lassen, die genau so sind wie das, was sie jetzt sehen. Sieben J\u00fcnger halten sich am See Tiberias auf. Dieser See geh\u00f6rt in die Anf\u00e4nge ihrer Geschichte mit Jesus. Dort haben sie ihn gesehen, als sie mit den Booten besch\u00e4ftigt waren. Dort hat er sie angesprochen. Dort hat er es vermocht, da\u00df sie alles verlie\u00dfen, um ihm zu folgen. Am See Tiberias begann die Geschichte ihrer Erkenntnis.<\/p>\n<p>Am See Tiberias offenbart sich Jesus den J\u00fcngern. Es scheint sich zu wiederholen. was schon einmal geschehen war. Und doch ist es ganz anders.<\/p>\n<p>Wenn sich nur wiederholt, was schon einmal war, dann kann es langweilig werden. Und doch m\u00fcssen sich Dinge wiederholen, damit die Erinnerung belebt wird und der von der Erinnerung Bewegte an den Punkt gef\u00fchrt wird, an dem er sagen kann: Es ist der Herr. Erkennen ist immer auch Wiedererkennen. Wenn das Erkennen nicht wiedererkennt, dann ist auch die Offenbarung ohne Ertrag. Die Offenbarung enth\u00e4lt nicht schon die Garantie, da\u00df sie auch erkannt wird.<\/p>\n<p>&#8222;Jesus offenbarte sich den J\u00fcngern am See Tiberias.&#8220; Was dann als Offenbarung beschrieben wird, ist sehr merkw\u00fcrdig. Jesus offenbart sich so, da\u00df noch einmal geschieht, was schon geschehen war. Schon einmal hatte Petrus gesagt: Ich will fischen gehen. Das hatte er schon oft gesagt. Es sind Worte, die zu seinem Beruf geh\u00f6ren. Mit dem Boot hinausfahren, das geh\u00f6rte zu seiner t\u00e4glichen Besch\u00e4ftigung. Und die anderen, die wie Petrus Fischer waren, sagen: Wir wollen mit dir gehen. Auch das wiederholte sich immer wieder. Tag f\u00fcr Tag. Fischer fahren hinaus, um ihre Netze auszuwerfen. Daran ist gar nichts Geheimnisvolles. Erst als die Sieben bemerken, da\u00df sich wiederholt, was schon einmal war, da\u00df sie Spieler in einem Spiel sind, dessen Regeln sie nicht festgelegt haben, erkennen sie, was sie schon einmal erkannt haben. Aber dieser Augenblick steht ihnen noch bevor.<\/p>\n<p>Jetzt fahren sie hinaus. Die Nacht f\u00e4ngt an. Sie werfen das Netz aus, und das Netz bleibt leer. Auch diese Erfahrung geh\u00f6rt zu ihrem Alltag. Und doch erz\u00e4hlt der Verfasser die Geschichte so, da\u00df im Hintergrund aller Vorg\u00e4nge der steht, der gekommen war, um sich zu offenbaren.<\/p>\n<p>Am Morgen ist es dann soweit. Jesus steht am Ufer. Die Nacht ist vor\u00fcber, die Zeit seiner Verborgenheit geht zuende. Er steht dort, wo er schon oftmals gestanden hat. Die J\u00fcnger sehen ihn, aber sie erkennen ihn nicht. Wer nach kurzer Zeit, aber gegen alles Erwarten an den Ort vergangener T\u00e4tigkeit zur\u00fcckkehrt, der mu\u00df damit rechnen, nicht wiedererkannt zu werden. Wer von den Toten zur\u00fcckkehrt, wird leicht f\u00fcr jemand anderen gehalten. Es ist schwer, sich erkennbar zu machen; es ist schwer, zu erkennen. Sich zu offenbaren allein gen\u00fcgt nicht. Einen Mann am Ufer stehen zu sehen, gen\u00fcgt auch nicht.<\/p>\n<p>Deshalb spricht Jesus die J\u00fcnger an und sagt: Habt ihr nichts zu essen? Sie verneinen. Dann aber sagt er etwas, was er schon einmal gesagt hat: Werft die Netze aus. Die J\u00fcnger tun es. Und es passiert, was schon einmal passiert war. Das Netz ist voll und so schwer, da\u00df sie es nicht mehr ans Ufer ziehen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Einer von den Sieben wei\u00df es auf einmal. Er hat dasselbe gesehen, was die anderen auch gesehen haben, aber er wei\u00df, was er gesehen hat: das Ufer, das Boot, der Fang &#8211; und er sagt: Es ist der Herr. Einer verkn\u00fcpft das, was gerade geschehen ist mit dem, was vor langer Zeit geschah, und indem er verkn\u00fcpft, verschmilzt die Person von damals mit der von heute, die am Ufer steht. Dieser eine, der erkennt, ist der J\u00fcnger, den Jesus liebhatte. Liebe \u00f6ffnet die Augen. Liebe f\u00fcgt zusammen, was zusammengeh\u00f6rt. Liebe findet die Worte f\u00fcr das Wiedererkennen: Es ist der Herr.<\/p>\n<p>Petrus h\u00f6rt diese Worte, und er springt ins Wasser. Petrus mu\u00df etwas tun. Vielleicht denkt er: Handeln ist mehr als erkennen. Handeln macht nach diesem Fang die Hungrigen satt. Aber Petrus kommt zu sp\u00e4t. Auf den Kohlen am Ufer liegen Fische und Brot. Das Mahl ist schon bereitet. Und doch kommt Petrus ans Ziel. Er zieht den Fang an Land, und im Netz befinden sich 153 Fische. Wir wissen nicht, was diese Zahl bedeutet. Wir wissen nicht, was die J\u00fcnger vielleicht wu\u00dften. Wir haben kleine Anhaltspunkte, um zu wiederholen, was wiederholt werden mu\u00df, damit Erkenntnis zustande kommt.<\/p>\n<p>Was dann geschieht, ist schon einmal geschehen. Jesus l\u00e4dt die J\u00fcnger zum Mahl. Sie h\u00f6ren Worte, die er ihnen sagt, sie kennen diese Worte, aber sie wagen nicht zu fragen, wer er sei. Sie brauchen ihn nicht zu fragen. Sie wissen, da\u00df es der Herr ist. Sehen &#8211; erkennen &#8211; wissen, und am Ende die Aussage: Es ist der Herr.<\/p>\n<p>Jesus nimmt das Brot und gibt es ihnen. So haben sie es schon einmal gegessen. Er reicht ihnen Brot und Fisch, und sie wissen Bescheid. Jesus hat sich offenbart, und f\u00fcr die J\u00fcnger hat sich wiederholt, was sie zu seiner Erkenntnis f\u00fchrt. Sie haben in dem Mann am Ufer den Auferstandenen und im Auferstandenen den Herrn erkannt. Sie haben in dem Auferstandenen den wiedererkannt, mit dem sie zu Lebzeiten am See Tiberias waren.<\/p>\n<p>Der Tod hat diese Erkenntnis nicht verhindern k\u00f6nnen. Der wollte trennen, was zusammengeh\u00f6rt. Der Herr zeigt sich als der eine und derselbe, und die J\u00fcnger halten zusammen, was sich ihnen im Wiedererkennen gezeigt hat.<\/p>\n<p>Es war das dritte Mal, da\u00df Jesus seinen J\u00fcngern offenbart ward. Offenbarung mu\u00df sich wiederholen, damit Erkenntnis zustandekommt.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Anmerkungen<\/p>\n<p>Der Abschnitt Joh. 21, 1-14 besteht nach Auskunft der Kommentare aus zwei, zun\u00e4chst unabh\u00e4ngig voneinander \u00fcberlieferten Geschichten. Die eine erz\u00e4hlt von dem gl\u00fccklichen Ausgang eines Fischfangs, die andere von einem gemeinsamen Essen.<\/p>\n<p>Der Redaktor, der diese beiden Geschichten zusammengef\u00fcgt hat, hat freilich Spuren seiner Arbeit hinterlassen: Spannungen, kleine Ungereimtheiten, H\u00e4rten in der gedanklichen F\u00fcgung.<\/p>\n<p>Aber diese Beobachtungen, so zutreffend sie sind, fallen nicht sehr ins Gewicht. Wer immer den Abschnitt 21, 1-14 in seine Endfassung gebracht hat, hat eine Geschichte von gro\u00dfem Reiz erz\u00e4hlt. Und dieser Reiz geht von dem aus, was nicht ausgesprochen wird, was aber \u00fcber Wiederholungen zum Erkennen f\u00fchrt. Obwohl das Wort &#8222;Glauben&#8220; nicht verwendet wird, ist das Zustandekommen von &#8222;Glauben&#8220; beschrieben. Glauben ist der Akt, der mit dem Sehen beginnt und im Erkennen oder im Wissen endet.<\/p>\n<p>Dr. Hans W. Sch\u00fctte, Kirchstra\u00dfe 40a, 29221 Celle<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Quasimodogeniti | 11. April 1999 | Johannes 21,1-14 | Hans W. Sch\u00fctte | Unter den vielen Ostergeschichten, die im Neuen Testament \u00fcberliefert sind, ist die aus dem letzten Kapitel des Johannes-Evangeliums von besonderem Reiz. 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