{"id":21892,"date":"1999-04-17T13:30:30","date_gmt":"1999-04-17T11:30:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21892"},"modified":"2025-03-17T13:33:02","modified_gmt":"2025-03-17T12:33:02","slug":"hesekiel-341-6-9-16","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/hesekiel-341-6-9-16\/","title":{"rendered":"Hesekiel 34,1-6.9-16"},"content":{"rendered":"<h3>Misericordias Domini | 18. April 1999 | Hesekiel 34,1-6.9-16 | Ludwig Schmidt |<\/h3>\n<p>Manche Dinge \u00e4ndern sich wohl nie. Das war mein erster Gedanke, als ich die Kritik dieses Bibelabschnitts an den Hirten Israels gelesen habe. Nat\u00fcrlich w\u00e4re es ungerecht, wenn man die Vorw\u00fcrfe pauschal auf M\u00e4nner und Frauen \u00fcbertr\u00e4gt, die in Politik, Wirtschaft oder Kirche f\u00fchrende Positionen bekleiden. Viele von ihnen sind sich ihrer Verantwortung bewu\u00dft. Sie wollen ihre Aufgaben nach bestem Wissen und Gewissen erf\u00fcllen. Aber f\u00fcr andere treffen jene beiden Vorw\u00fcrfe zu, die gegen die Hirten Israels erhoben werden. Der erste lautet: Ihr lebt von der Herde, aber ihr weidet sie nicht. Die Hirten werden nicht kritisiert, weil sie sich von der Herde n\u00e4hren und kleiden. Das ist ihr gutes Recht. Der Neid gegen &#8222;die da oben&#8220; liegt unserem Predigttext fern. In ihm werden den f\u00fchrenden Leuten ihr Einkommen und einige andere Vorteile, die sie durch ihr Amt haben, geg\u00f6nnt. Kritisiert wird vielmehr, da\u00df sie nur auf das Einkommen und die Vorteile sehen, die mit ihrer f\u00fchrenden Stellung verbunden sind. Solche Hirten gibt es wohl noch heute. Gelegentlich entscheiden sich ein Mann oder eine Frau f\u00fcr eine politische T\u00e4tigkeit, weil sie f\u00fcr sie ein h\u00f6heres Gehalt bekommen als in ihrem Beruf. Vielleicht wollen sie in Presse und Fernsehen erw\u00e4hnt werden, damit sie sich als bedeutende Pers\u00f6nlichkeiten f\u00fchlen k\u00f6nnen. Dann verfolgen sie mit ihrer politischen Arbeit lediglich das Ziel, eigene W\u00fcnsche zu befriedigen. Politik wird von ihnen nicht mehr als Aufgabe begriffen, die Gemeinschaft zu f\u00f6rdern und daf\u00fcr zu sorgen, da\u00df in ihr jeder seinen Platz findet. Diese Verpflichtung ist aber mit einer politischen Funktion untrennbar verbunden. Das wollten freilich auch jene Hirten Israels nicht wahrhaben. Deshalb wird ihnen in unserem Bibelabschnitt als zweites vorgeworfen, da\u00df sie sich nicht um Menschen in Not k\u00fcmmerten, wie es ihre Aufgabe gewesen w\u00e4re. Ja, sie unterdr\u00fcckten sogar die Starken, die nicht auf ihre F\u00fcrsorge angewiesen waren. Es ging ihnen eben nur um ihren Gewinn und um ihre Macht.<\/p>\n<p>In unserem Predigttext wird von den F\u00fchrern Israels ein erb\u00e4rmliches Bild gezeichnet. Jeder Staat nimmt gro\u00dfen Schaden, wenn die Leute in f\u00fchrender Position so kl\u00e4glich versagen. Aber Israel war nicht irgendein Volk. Gott hatte sich dieses Volk erw\u00e4hlt und ihm sein Land gegeben. Seine F\u00fchrer sollten daf\u00fcr sorgen, da\u00df Israel als Gottesvolk in diesem Land lebte. Mit ihrem Versagen haben die Hirten Israels nicht nur einen Staat ruiniert, sondern das Gottesvolk. Durch ihr Verhalten mu\u00dften viele Israeliten das Land verlassen, das Gott Israel gegeben hatte. Sie lebten nun in anderen L\u00e4ndern, in denen die Menschen ihre eigene Religion hatten, und Fremde herrschten \u00fcber sie.<\/p>\n<p>Doch Gott will sein Volk nicht aufgeben. Er k\u00fcndigt in unserem Predigttext an, da\u00df er die versprengten Israeliten in ihr Land zur\u00fcckbringen will und da\u00df er selbst jene Aufgaben \u00fcbernehmen wird, an denen die F\u00fchrer Israels versagt haben. Diese Verhei\u00dfung ist mit Jesus Christus Wirklichkeit geworden. Allerdings hat sie Gott mit ihm auf andere Weise erf\u00fcllt, als es in unserem Predigttext angek\u00fcndigt wird. Noch heute leben ja Juden in vielen L\u00e4ndern. Es wird wahrscheinlich nie dazu kommen, da\u00df alle Juden in dem Staat Israel vereinigt sind. Dieses Land ist zudem nicht gerade eine fette Weide. Die Menschen m\u00fcssen auch dort f\u00fcr ihren Lebensunterhalt hart arbeiten. Wie f\u00fcr alle Verhei\u00dfungen des Alten Testaments gilt auch f\u00fcr unseren Predigttext: Gott h\u00e4lt an seinen Zusagen fest, aber er beh\u00e4lt sich vor, wie er sie erf\u00fcllt. Mit Jesus ist Gott \u00fcber die Verhei\u00dfungen unseres Predigttextes sogar hinausgegangen, denn Jesus ist nicht nur f\u00fcr jene Menschen, die von dem alttestamentlichen Gottesvolk abstammen, der gute Hirte, sondern f\u00fcr Juden und Nichtjuden. F\u00fcr sie alle gab er sein Leben am Kreuz dahin. Darin unterscheidet er sich von jenen Hirten Israels, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht waren. Gerade in seinem Sterben erwies er sich als der gute Hirte. Weil Jesus auferstanden ist, erf\u00fcllt er auch heute die Zusagen Gottes in unserem Predigttext: &#8222;Ich will das Verlorene wieder suchen und das Verirrte zur\u00fcckbringen und das Verwundete verbinden und das Schwache st\u00e4rken und, was fett und stark ist, beh\u00fcten; ich will sie weiden, wie es recht ist&#8220; (V. 16).<\/p>\n<p>Jesus sucht das Verlorene und bringt das Verirrte zur\u00fcck. Das hat er beispielhaft an seinem Umgang mit Z\u00f6llnern und S\u00fcndern gezeigt. Sie waren ihre eigenen Wege gegangen und hatten sich nicht um Gott gek\u00fcmmert. An der Gemeinschaft, die ihnen Jesus gew\u00e4hrte, erfuhren sie, da\u00df selbst ihnen Gott nicht fern ist. Dadurch haben sie ihre Einstellung ge\u00e4ndert. Das geschieht auch noch heute, wenn Jesus in das Leben eines Menschen tritt. Es gibt nicht nur Christen, die in diesem Glauben erzogen wurden und an ihm durch ihr Leben hindurch festhalten. Mancher wurde erst ein Christ, nachdem er sich lange nicht f\u00fcr Gott interessiert hatte oder Anh\u00e4nger einer anderen Religion gewesen war. Jesus legt Menschen nicht auf das fest, was sie sind. Er schreibt keinen ab. Das ist gut zu wissen, weil niemand f\u00fcr seinen christlichen Glauben eine Garantie \u00fcbernehmen kann. Wir beschreiten in unserem Leben mancherlei Irrwege. So kann es auch sein, da\u00df wir uns mit unserer Lebenseinstellung einmal verrennen. Weil Jesus das Verlorene sucht, d\u00fcrfen wir darauf vertrauen, da\u00df Jesus uns auch dann auf den richtigen Weg zur\u00fcckbringen wird.<\/p>\n<p>Jesus verbindet das Verwundete und st\u00e4rkt das Schwache. Alle Menschen w\u00e4ren gerne gesund und stark. Wer gesund ist, hat meist davor Angst, da\u00df er einmal so krank werden k\u00f6nnte, da\u00df er f\u00fcr den Rest seines Lebens auf fremde Hilfe angewiesen ist. Wie oft h\u00f6rt man: &#8222;Die Gesundheit ist doch die Hauptsache&#8220;. Aber keiner wei\u00df, ob nicht auch er einmal zu einem Pflegefall werden wird. Jesus garantiert uns nicht Gesundheit. Aber er wird uns unterst\u00fctzen, wenn wir schwach und elend sind. Vielen Menschen hat schon ein Bibelwort oder der Gedanke an Jesus dazu verholfen, da\u00df sie eine schwere Krankheit ertragen konnten. Vielleicht haben Sie das schon bei sich selbst erlebt oder bei anderen beobachtet. Jesus verbindet auch Wunden, die das Leben schl\u00e4gt. Man sagt oft: &#8222;Die Zeit heilt Wunden&#8220;. Aber manche Wunden werden durch die Zeit nicht geheilt, sondern sie bereiten nur weniger Schmerzen. Ich denke z.B. an Eltern, die ein Kind ins Grab legen mu\u00dften. Das bleibt f\u00fcr die meisten M\u00fctter und V\u00e4ter noch nach Jahrzehnten schmerzlich. Sie fragen sich immer wieder: Warum? Wenn sie sich bei Jesus geborgen wissen, wird diese Frage wohl nicht verstummen, aber sie k\u00f6nnen mit ihr leben. Ihnen bleibt es erspart, sich damit zu qu\u00e4len, ob sie wirklich alles getan haben, um den Tod des Kindes zu vermeiden. Dieses Beispiel soll hier f\u00fcr die verschiedenen Wunden stehen, die das Leben schlagen kann.<\/p>\n<p>Jesus beh\u00fctet, was fett und stark ist. Als unser Bibelabschnitt niedergeschrieben wurde, konnten auch gesunde und kr\u00e4ftige Schafe ohne einen Hirten nicht \u00fcberleben. Sie wurden sonst entweder von einem wilden Tier gefressen oder sie verirrten sich in unwegsamen Gel\u00e4nde und gingen elend zugrunde. Auch Menschen, die im Augenblick keine Probleme haben, sind darauf angewiesen, da\u00df Jesus sie beh\u00fctet. Man kann zwar immer wieder h\u00f6ren: &#8222;Der christliche Glaube ist nur etwas f\u00fcr schwache Leute. Ich bin dagegen stark und meistere mein Leben selbst.&#8220; Aber wer ohne Jesus leben will, den wird der Tod fressen. Er hat keine Hoffnung, die \u00fcber das Ende seines irdischen Lebens hinausreicht. Das ist schade, denn Jesus hat zugesagt, da\u00df er seinen Schafen das ewige Leben bei Gott geben wird. Daf\u00fcr ist er gestorben und auferstanden. Durch ihn hat unser Leben ein Ziel jenseits des Todes. Wir stehen freilich in der Gefahr, da\u00df wir dieses Ziel aus den Augen verlieren. Unsere Gedanken werden gelegentlich von den Problemen und Anforderungen des Tages v\u00f6llig beherrscht. In unserem pluralistischem Zeitalter sto\u00dfen wir zudem auf zahlreiche Weltanschauungen und Religionen. Sie k\u00f6nnen die Aufmerksamkeit so stark auf sich ziehen, da\u00df Menschen richtungslos hin und her pendeln. Wir sind darauf angewiesen, da\u00df uns Jesus immer wieder das ewige Leben als Ziel vor Augen stellt, damit wir nicht die Orientierung verlieren.<\/p>\n<p>Mit der Zusage, da\u00df er uns das ewige Leben geben wird, geht Jesus weit \u00fcber die Ank\u00fcndigungen in unserem Predigttext hinaus, da\u00df Gott die zerstreuten Schafe sammeln und zu einer fetten Weide f\u00fchren wird, denn das ewige Leben wird hier den Schafen nicht verhei\u00dfen. Durch Jesus erhalten diese Ank\u00fcndigungen einen neuen Sinn. Christen leben in der Welt unter Menschen mit anderen Religionen und Weltanschauungen. Man kann auf sie auch schwerlich schon das Bild von den Schafen, die auf einer fetten Weide grasen, \u00fcbertragen. Ihr Leben gleicht oft eher einem Weg durch die W\u00fcste. Doch dieser Zustand wird sich \u00e4ndern. In dem ewigen Leben werden Christen aus den verschiedenen V\u00f6lkern und L\u00e4ndern, ja sogar aus den unterschiedlichen Zeiten beisammen sein und gemeinsam Gott loben, weil Not und Tod ausgel\u00f6scht sind. Dann wird sichtbar werden, da\u00df Christen tats\u00e4chlich eine Herde sind und einen Hirten haben.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge:<\/p>\n<p>EG 347 Ach bleib mit deiner Gnade<\/p>\n<p>EG 380 Ja, ich will euch tragen<\/p>\n<p>EG 274 Der Herr ist mein getreuer Hirt (Wochenlied)<\/p>\n<p>Verfasser: Prof. Dr. Ludwig Schmidt, Karmelitenstra\u00dfe 15, 91056 Erlangen (privat)<\/p>\n<p>Dienstlich:<\/p>\n<p>Kochstr. 6<\/p>\n<p>91054 Erlangen<\/p>\n<p>Tel. 09131 &#8211; 852 &#8211; 2206,<\/p>\n<p>Fax 09131 &#8211; 852 &#8211; 6506.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Misericordias Domini | 18. April 1999 | Hesekiel 34,1-6.9-16 | Ludwig Schmidt | Manche Dinge \u00e4ndern sich wohl nie. 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