{"id":21894,"date":"1999-04-17T13:33:06","date_gmt":"1999-04-17T11:33:06","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21894"},"modified":"2025-03-17T13:35:24","modified_gmt":"2025-03-17T12:35:24","slug":"joh-1616-17-19-20-23a-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/joh-1616-17-19-20-23a-2\/","title":{"rendered":"Joh. 16,16 (17-19) 20-23a"},"content":{"rendered":"<h3>Jubilate | 25. April 1999 | Joh. 16,16 (17-19) 20-23a | Eberhard Harbsmeier |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>I<\/p>\n<p>Neulich hatte ich eine heftige Diskussion mit einer Gruppe von kirchlichen Mitarbeitern. Wir diskutierten \u00fcber Fragen der Seelsorge, wir diskutierten \u00fcber die Frage, was es eigentlich hei\u00dft einen Menschen zu tr\u00f6sten.<\/p>\n<p>&#8222;Trost&#8220;, brach es da aus einem Teilnehmer heraus, &#8222;Trost ist immer nur falscher Trost. H\u00f6rt doch auf, hatte die Teilnehmerin in einem Buch \u00fcber Seelsorge gelesen, die Leute immer tr\u00f6sten zu wollen. Das ist typisch Pastor. Was die Leute brauchen, ist kein pastoraler Trost, sondern Solidarit\u00e4t, man soll den Leuten nicht ihre Trauer wegnehmen, sondern sie weinen lassen. Das ist doch die eigentliche und erste Hilfe, da\u00df man einem anderen Menschen erlaubt, zu weinen&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Nun gut&#8220;, warf ich ein, &#8222;es ist ja wichtig, da\u00df man seine Trauer, seinen Schmerz durchlebt. Trauer braucht seine Zeit, Zeit zum Weinen. Aber Weinen an sich, seinen Schmerz zeigen an sich ist doch noch keine Hilfe. Gibt es nicht auch eine Form von Mitgef\u00fchl, von Mitleid, die dem anderen nicht hilft, sondern in seinem Schmerz festh\u00e4lt? Gibt es nicht doch einen Trost, der mehr ist als nur sich ausweinen, seine Trauer zeigen? Was hei\u00dft denn z.B. ein Kind tr\u00f6sten? Hei\u00dft das nicht, Tr\u00e4nen trocknen, hei\u00dft Trost nicht auch, nicht mehr zu weinen? Sagt nicht Jesus selbst zur Mutter des J\u00fcnglings zu Nain: Weine nicht!&#8220;<\/p>\n<p>Damit waren meine Gespr\u00e4chspartner nicht zufrieden. &#8222;Nein, sagten sie, wir wollen von solchem Trost nicht wissen, der Trost mu\u00df von innen kommen. In Wirklichkeit ist es eine Anma\u00dfung, einen anderen Menschen &#8218;tr\u00f6sten&#8216; zu wollen. Man nimmt dem anderen Menschen damit das Recht zu weinen, das Recht zur Trauer&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;Gut&#8220; antworte ich, &#8222;ich gebe zu, da\u00df es falschen Trost gibt, da\u00df es Leid gibt, angesichts dessen jede Rede von Trost sich verbietet. Es gibt Situationen, in denen man von Trost nichts wissen will, sich nicht tr\u00f6sten lassen will. Rahel, hei\u00dft es in der Geschichte vom Kindesmord in Bethlehem, weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht tr\u00f6sten lassen. Wir kennen diese Bilder auch aus unseren Tagen, wir haben das gef\u00fchl: Hier ist jedes &#8218;tr\u00f6stende&#8216; Wort fehl am Platz. Aber: Gibt es nicht auch falsches Mitleid, falsches Mitgef\u00fchl, ein Mitleid, das den anderen in seinem Leid festh\u00e4lt? Es gibt ein Weinen, das befreiend wirkt, aber auch ein Weinen, das l\u00e4hmt und einen Menschen im Keller der Hoffnungslosigkeit gefangen h\u00e4lt. Ist es nicht eine sentimentale Verf\u00e4lschung von Tr\u00e4nen, wenn man Weinen zu etwas umdeutet, das im Grunde gut tut und hilft?&#8220;.<\/p>\n<p>II<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde, man k\u00f6nnte diese Diskussion ins Unendliche fortf\u00fchren, eine der Diskussionen, bei denen man oft das Gef\u00fchl hat, da\u00df beide Seiten Recht haben. Lachen und Weinen, Trauer und Trost liegen oft dicht beieinander, so wie auch der Predigttext dieses Sonntags von Freude redet und von Traurigkeit. Beides sind Gegens\u00e4tze, Welten liegen zwischen Freude und Traurigkeit &#8211; und beides liegt dennoch eng beieinander. Ein Mensch, der keine Traurigkeit kennt, keinen Schmerz, ein Mensch, der nicht empfindlich und sensibel ist f\u00fcr das Leiden &#8211; ein solcher Mensch kennt vermutlich auch keine echte Freude. Freude und Leid sind eng miteinander verwandt, hei\u00dft es in einem d\u00e4nischen Kirchenlied, das eine kann nicht ohne das andere sein. Wenn wir unser Leben narkotisieren, uns gegen alles Leid abschotten und versichern &#8211; dann wird unser Leben freudlos und gleichg\u00fcltig.<\/p>\n<p>Weinen und Trost &#8211; ich denke, da\u00df beides seine Zeit hat. &#8222;\u00dcber ein kleines&#8220; &#8211; hei\u00dft es im Evangelium, ich denke, da\u00df wir in der Diskussion um echten und falschen Trost, um echtes und falsches Mitleid, oft diesen Zeitfaktor \u00fcbersehen. Jesus spricht von diesem Zeitfaktor in einer Abschiedssituation, eine Situation, die wir alle kennen: Scheiden tut weh, ein Abschied, ein endg\u00fcltiger zumal, tut weh. Nur wer sich diesem Schmerz aussetzt, kennt auch die Freude des Wiedersehens, nur wer den Schmerz des endg\u00fcltigen Abschieds kennt, wei\u00df auch von der Freude, die niemand von uns nehmen kann.<\/p>\n<p>III<\/p>\n<p>Vor \u00fcber f\u00fcnfzig Jahren, zum selben Zeitpunkt als ich selbst geboren wurde, schrieb Dietrich Bonhoeffer aus dem Gef\u00e4ngnis am Heiligabend 1943: &#8222;Es gibt nichts, was uns die Abwesenheit eines lieben Menschen ersetzen kann und man soll das auch gar nicht versuchen; man mu\u00df es einfach aushalten und durchhalten; das klingt zun\u00e4chst sehr hart, aber es ist doch zugleich ein gro\u00dfer Trost; denn indem die L\u00fccke wirklich unausgef\u00fcllt bleibt, bleibt man durch sie miteinander verbunden. Es ist verkehrt, wenn man sagt, Gott f\u00fcllt die L\u00fccke aus; er f\u00fcllt sie gar nicht aus, sondern er h\u00e4lt sie vielmehr gerade unausgef\u00fcllt und hilft uns dadurch, unsere alte Gemeinschaft miteinander &#8211; wenn auch unter Schmerzen &#8211; zu bewahren. Ferner: je sch\u00f6ner und voller die Erinnerung, desto schwerer ist die Trennung. Aber die Dankbarkeit verwandelt die Qual der Erinnerung in eine stille Freude. Man tr\u00e4gt das vergangene Sch\u00f6ne nicht wie einen Stachel, sondern wie ein kostbares Geschenk in sich&#8220;.<\/p>\n<p>&#8222;&#8230;und eure Freude soll niemand von euch nehmen&#8220;, hei\u00dft es im Evangelium. Es gibt Freude, Lebenslust, die uns genommen werden k\u00f6nnen. Weil es sich um oberfl\u00e4chliche Freude handelt, eine Freude, die nur davon lebt, da\u00df sie die Schattenseiten des Lebens nicht wahrhaben will: Wir verdr\u00e4ngen das Leid &#8211; unser eigenes, das Leid anderer. Wir beteuern einander und uns selbst, da\u00df es uns angeblich &#8222;gut geht&#8220; &#8211; aber wir wissen, da\u00df das nicht wahr ist, da\u00df wir in einer Illusion leben. Aber es gibt eine Freude, die niemand von uns nehmen kann, eine Freude, die das Leid nicht verschweigt, nicht verdr\u00e4ngt, sondern durch das Leid hindurchgegangen ist. Von dieser Freude spricht Jesus, vom echten Trost. Nicht dem Trost, der das Leiden nicht ernst nimmt oder bagatellisiert, sondern dem Trost, der das Leiden ernst nimmt, durch es hindurchgegangen ist.<\/p>\n<p>Wir sind in diesen tagen Zeugen von viel Leid, Leid das uns nahe geht, aber auch Leid, das uns eigenartig fern ist. Wir erleben es nur durch die Medien, und man kann sich fragen, ob nicht viel falsches Mitleid mit im Spiel ist, ein unverpfichtendes Mitleid. Ich las von einem Dorf in Albanien mit 2.000 Einwohnern, dort sind 2.000 Fl\u00fcchtlinge untergekommen &#8211; in privaten Familien. In D\u00e4nemark, wo ich lebe, diskutieret man die Aufnahme von 1.400 Fl\u00fcchtlingen &#8211; in Lagern nat\u00fcrlich. Wie echt, frage ich mich, ist eigentlich unser Mitgef\u00fchl und unser Mitleid?<\/p>\n<p>Ist es nicht so, da\u00df nur der, der von der unverlierbaren freude wei\u00df, von dem echten Trost, auch echtes Mitleid zeigen kann? Nur wer von der Freude wei\u00df, die uns niemand nehmen kann, kann auch Leiden ernst nehmen &#8211; ohne zu verdr\u00e4ngen, ohne zu bagatellisieren. Nur der, der vom Trost wei\u00df, kann auch echte Traurigkeit zeigen: &#8222;Und auch ihr habt nun Traurigkeit, aber ich will euch wiedersehen, und euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von Euch nehmen&#8220;. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Rektor Eberhard Harbsmeier<\/p>\n<p>Folkekirkens P\u00e6dagogiske Institut<\/p>\n<p>Kirke All\u00e9 2<\/p>\n<p>DK-6240 L\u00f8gumkloster<\/p>\n<p>D\u00e4nemark<\/p>\n<p>Tel.: ++45 74 74 32 13<\/p>\n<p>e-mail:\u00a0<a href=\"mailto:ebh@km.dk\">ebh@km.dk<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jubilate | 25. April 1999 | Joh. 16,16 (17-19) 20-23a | Eberhard Harbsmeier | Liebe Gemeinde! I Neulich hatte ich eine heftige Diskussion mit einer Gruppe von kirchlichen Mitarbeitern. 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