{"id":21896,"date":"1999-05-17T13:35:30","date_gmt":"1999-05-17T11:35:30","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21896"},"modified":"2025-03-17T13:37:59","modified_gmt":"2025-03-17T12:37:59","slug":"matthaeus-2114-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-2114-17\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 21,14-17"},"content":{"rendered":"<h3>Kantate | 2. Mai 1999 | Mt. 21,14-17 | Wolfgang Petrak |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, vor allem liebe Eltern und Paten, liebe Amelie,<\/p>\n<p>&#8222;Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder&#8220;. Es ist die Melodie des Lebens. Und als ihr vorhin gesungen habt: &#8222;Nun freut euch liebe Christengmein&#8220;, so richtig voll und von innen heraus, dabei eure Tochter ganz dicht haltend, mit den Armen umfangen `-ich glaube, ihr habt in Gedanken diese fr\u00f6hlichen Spr\u00fcnge mitgemacht, euch vielleicht dabei vorgestellt, wie Amelie in einem halben Jahr aufrecht durch die Wohnung pesen wird und sp\u00e4ter durch den Garten springen k\u00f6nnte, denn jeden Tag k\u00f6nnt ihr sehen, wie sie w\u00e4chst und etwas dazu kommst. Also Amelie, mir hattest du am Montag auf dem Bauch liegend den gelben Ball zugepa\u00dft. Und gelacht hast du, unglaublich!- Du, geschenktes Leben, ein Wunder. Und man sp\u00fcrt die Kraft, die da ist.<\/p>\n<p>Die Kantate vorhin (Bach: &#8222;Bisher habt ihr nichts gebeten in meinem Namen&#8220;) nimmt das auf. Bei allem Klagen, die sich im Leben wie schroffe Akkorde und gegenl\u00e4ufige Linien auft\u00fcrmen, steht am Ende &#8211; wie aus gegens\u00e4tzlicher Harmonik moduliert -dieses: &#8222;Euer Herz soll sich freuen, und eure Freude soll niemand von euch nehmen&#8220;(Joh 16,22). Gott hat uns gegeben nicht den Geist der Furcht, sondern den Geist der Kraft.<\/p>\n<p>Ach Amelie, da\u00df du Kraft hast, das kann man h\u00f6ren. Und so hast du ja vorhin auch gleich mitgesungen, so da\u00df sich deine Stimme mit der des Tenors mischte, und auch beim Schlu\u00dfchoral warst du voll dabei. Ob es aus Freude ist, einfach im Konzert der Stimmen mit dabei zu sein und sich h\u00f6ren zu lassen? Ob es aus Furcht ist, weil doch hier alles f\u00fcr dich so anders und fremd ist? Weil Du vielleicht Hunger hast und \u00fcberhaupt alles zu lange dauert? Wei\u00dft du: du hast ja noch keine Worte, um sagen zu k\u00f6nnen, was wichtig ist. Ganz sicher glaube ich, da\u00df deine Mutter, dein Vater und nat\u00fcrlich deine Schwester Julia dich besser verstehen k\u00f6nnen als wir anderen. Doch h\u00f6ren wir dich, und lassen uns von deiner Stimme ganz in Anspruch nehmen. Nat\u00fcrlich, als du vorhin nach der Arie die Pause mit deiner Stimme f\u00fclltest, gab es jenes Husten und R\u00e4uspern, wie es unter Erwachsenen dann manchmal \u00fcblich ist, innerlich hochgezogene Augenbrauen lassen sich denken. Doch das Schreien eines Kindes hat vor Gott seinen Platz und mu\u00df ihn auch hier haben. H\u00f6rt mal, was von Jesus und den Kindern erz\u00e4hlt wird:<\/p>\n<p>*Und es gingen zu ihm Blinde und Lahme in den Tempel, und er heilte sie. Da aber die Hohenpriester und Schriftgelehrten sahen die Wunder, die er tat und die Kinder im Tempel schreien und sagen: Hosianna, dem Sohne Davids; wurden sie entr\u00fcstet und sprachen zu ihm: H\u00f6rest du auch, was diese sagen? Jesus sprach zu ihnen: Ja! Habt ihr nie gelesen: &#8222;Aus dem Munde der Unm\u00fcndigen und S\u00e4uglinge hast du Lob zugerichtet&#8220;?. Und er lie\u00df sie da (stehen) und ging zur Stadt hinaus gen Bethanien.(*Lutherbibel, Frankfurt 1879)<\/p>\n<p>Kinder im Tempel, die schreien. Und zwar so, da\u00df es Gegenwart ist. Und Jesus sagt ganz einfach: Ja. Vielleicht, weil der Schrei alles aus sich herausl\u00e4\u00dft, nichts durch Worte oder ergreifende Melodien transportieren l\u00e4\u00dft, sondern unmittelbar erreichen will: den, der da ist. Kinder, schreit ruhig.<\/p>\n<p>Andere Bilder dr\u00e4ngen sich mir auf. Das Bild von Edward Munch. Der Schrei. Wie aus der Tiefe, dem Dunkel, das der Mund entschlie\u00dft, der Schrei heraufbricht und alles, das Gesicht, die Kleidung, den Himmel mit seinen R\u00e4ndern erfa\u00dft. Nichts bleibt unber\u00fchrt. Auch er nicht. Schreit ruhig, Kinder.<\/p>\n<p>Die Bilder dieser Woche, die der Verteidigungsminister fast stumm, voller Entsetzen, zeigte: man d\u00fcrfte gar nicht hinsehen, so gr\u00e4bt sich die Macht der Zerst\u00f6rung ein, man m\u00fc\u00dfte laut schreien. Die Bilder eines von Bomben zerst\u00f6rten Krankenhauses; Tr\u00fcmmer dort, wo ein Kinderzimmer war; zersplitterte Fensterscheiben einer Universit\u00e4t: zerst\u00f6rtes Wissen. Die Gesichter des Alten auf der Luftmatraze im Zelt. Daneben ein Kind, das versucht zu spielen und spielend seine Umwelt zu begreifen. Es ist die Welt des Krieges.<\/p>\n<p>Stumm sehe ich die Bilder an. Ich wei\u00df, da\u00df Rassismus und nationalistische Verblendung der Grund f\u00fcr diese f\u00fcnfte Woche im Kosovo ist. Es stimmt: keiner, der politische Verantwortung f\u00fcr das Zusammenleben tragen will, kann das Ermorden und Vertreiben wehrloser Menschen hinnehmen. Und doch ist in dieser Woche nichts zu erkennen von der Macht einer Zerst\u00f6rung, die befreit. Die Worte des serbischen Vizepr\u00e4sidenten, an die man zu Wochenbeginn Hoffnungen gekn\u00fcpft hatte, erwiesen sich als Sprechblase. Die Bomben finden ihren Weg. Als kleines Kind habe ich mich gewehrt, indem ich im Sandkasten die Burgen und Br\u00fccken des anderen zerst\u00f6rt habe. Als Erwachsener meinte ich, da\u00df man die Aggressionen in Griff kriegen und die Hoffnung haben k\u00f6nne, aus der Geschichte zu lernen. Jetzt bin ich stumm. Kinder, warum schreit denn keiner?<\/p>\n<p>Die Kinder im Tempel schreien. Eigentlich sind sie ganz am Rand des geheiligten Bezirkes, kommen in seiner geordneten Welt kaum vor. Sie haben keine Macht, kein ge\u00fcbtes Ritual, nicht einmal eine einfache Liturgie. Vielleicht wissen sie gerade deshalb, da\u00df es jenseits dieser Welt mit ihren M\u00e4chten noch eine andere Macht gibt. Sie schreien zu Jesus, und er sagt : Ja. Zu ihnen. Warum werden wir nicht auch wie die Kinder und werfen alles auf ihn? Denn er ja aus seinem heiligen Bezirk herausgegangen, vom Tempel auf die Menschen zu, so da\u00df Blinde sehen und Zerschlagene frei sein sollen.<\/p>\n<p>Ja, Amelie, du kannst schreien, aus voller Kraft. Die Freude und die Angst. Man kriegt das nicht zusammen. Und ich bin wie gel\u00e4hmt, die Bilder, die ich sehe, lassen mich nicht weit blicken. Meinst, da\u00df ich von euch Kindern lernen k\u00f6nnte ? Nein, ich meine das nicht so, wie das Gr\u00f6nemeier einmal gesungen hat: Kinder an die Macht. Weil es nicht mit der Macht der Menschen, auch nicht mit unserer Macht getan ist. Weil es jetzt darum geht, alles auf eine andere Macht zu werfen. Sie besteht nicht aus Speicherpl\u00e4tzen und programmierbaren Zielen. Kl\u00e4nge von Nationalhymnen werden sie nicht tangieren. Ihr Zeichen ist der Bogen des Bundes und des Friedens, von Gott an den Himmel gesetzt. Nur auf diese Macht k\u00f6nnen wir unsere Hoffnung setzen, und, wei\u00dft du, wenn ich das mit meinen Worten nicht ausdr\u00fccken kann, dann sind da doch die Worte seiner Macht. Die Kinder schreien zu Jesus: Hosianna, dem Sohn Davids. &#8222;Ja&#8220;, sagt Christus: &#8222;Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden Gottes Kinder hei\u00dfen&#8220;. Die Macht dieser Worte wird bleiben, keine Macht der Menschen wird sie jemals ausl\u00f6schen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Nun bist du (vielleicht) eingeschlafen Amelie, h\u00f6rst nicht mehr die vielen Worte und die Kl\u00e4nge um dich herum. Verstehst auch nicht, sondern bist ganz f\u00fcr dich und zugleich sp\u00fcrst Du die ganz sichere N\u00e4he. Auf Gottes Macht wollen wir dich taufen: er gibt uns nicht einen Geist der Furcht, sondern der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit. Und wenn wir dabei dein Gesicht sehen, voller Zutrauen und Offenheit, dann k\u00f6nnen wir bei all unseren Gedanken und unserer Angst gar nicht anders als Gott zu danken, der das Wunder des Lebens schenkt; wir k\u00f6nnen auch nicht anders als ihn zu bitten:<\/p>\n<p>Verleih uns Frieden gn\u00e4diglich<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Nachtrag:<\/strong><\/p>\n<p>1: Aus redaktionellen Gr\u00fcnden ist die Abfassungszeit sehr kurz gewesen. Vielleicht gibt diese deshalb kurze Predigt trotzdem Anregungen.<\/p>\n<p>2: An dem Sonntag wird bei uns im Hauptgottesdienst ein Kind zu taufen sein. Als ich beim Taufgespr\u00e4ch ihm vorgestellt wurde, fing es laut an zu schreien, was sicher nicht nur an meinem Aussehen, sondern auch an seinem \u2018Fremdeln\u2019 , das im zehnten Monat nun auch wirklich beginnen mu\u00df, gelegen haben mag. Dementsprechend lebendig stelle ich mir den Gottesdienst, an dem es eine Bachkantate geben wird, vor. Sie kennen das.- Sollte Amelie wider Erwarten nicht br\u00fcllen, mu\u00df ich den Beginn \u00e4ndern und zum Beispiel von einer \u00e4hnlichen Erfahrungen erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>Sollte gar keine Taufe stattfinden, l\u00e4\u00dft sich die Geschichte auch erz\u00e4hlen.<\/p>\n<p>3: Der Predigttext soll in der Predigt verlesen werden.<\/p>\n<p><strong>Wolfgang Petrak<\/strong><\/p>\n<p>Pastor an St. Petri-Weende<\/p>\n<p>Schlagenweg 8a<\/p>\n<p>37077 G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>Tel.: 0551\/31838<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kantate | 2. Mai 1999 | Mt. 21,14-17 | Wolfgang Petrak | Liebe Gemeinde, vor allem liebe Eltern und Paten, liebe Amelie, &#8222;Singet dem Herrn ein neues Lied, denn er tut Wunder&#8220;. Es ist die Melodie des Lebens. 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