{"id":21919,"date":"1999-07-17T14:05:57","date_gmt":"1999-07-17T12:05:57","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21919"},"modified":"2025-03-17T14:08:36","modified_gmt":"2025-03-17T13:08:36","slug":"5-mose-76-12-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/5-mose-76-12-2\/","title":{"rendered":"5. Mose 7,6-12"},"content":{"rendered":"<h3>6. Sonntag nach Trinitatis | 11. Juli 1999 | 5. Mose 7,6-12 | Paul Kluge |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde, Schwestern und Br\u00fcder,<\/p>\n<p>zwei Generationen hatten an den Wasser von Babylon gesessen und geweint, wenn sie an Zion dachten. Die Alten hatten den Jungen vom Tempel erz\u00e4hlt und von Jerusalem, der hoch gebauten Stadt. &#8222;Wollt&#8216; Gott, ich w\u00e4r&#8216; in dir!&#8220; hatten dann die Alten geseufzt; die J\u00fcngeren verstanden das noch. Doch den ganz jungen, den Enkelkindern kamen keine Tr\u00e4nen mehr, wenn es hie\u00df: &#8222;N\u00e4chstes Jahr in Jerusalem!&#8220; Sie waren im babylonischen Ausland aufgewachsen, sprachen die Landessprache mindestens genau so gut wie ihre Muttersprache und f\u00fchlten sich in der Fremde zu Hause. Manche machten heimlich Witze \u00fcber die Alten, wenn die ihre Zionslieder sangen, und andere sch\u00e4mten sich wegen der auff\u00e4lligen Kleidung, in der manche der Alten und sogar einige der J\u00fcngeren immer noch herumliefen.<\/p>\n<p>Manchen Streit hatte es deshalb in den Familien gegeben: Die Alten tr\u00e4umten von der Heimat, in die sie &#8218;dermaleinst&#8216; zur\u00fcckkehren w\u00fcrden (sie waren sich da ganz sicher), doch die Jungen lebten in der neuen Umgebung, gingen hier zur Schule, lernten hier Berufe, hatten hier Freundinnen und Freunde. F\u00fcr die Alten kam es einer Katastrophe gleich, wenn jemand von den Jungen einen Einheimischen ehelichte &#8211; das war wie Hochverrat und Gottesl\u00e4sterung in einem. Es kam trotzdem vor.<\/p>\n<p>Und dann eines Tages pl\u00f6tzlich und unerwartet die Nachricht: Wir k\u00f6nnen zur\u00fcck. Keiner hatte damit gerechnet, auch die Alten nicht. Sie hatten sich in ihrer neuen Umgebung eingerichtet, hatten Arbeit gefunden, H\u00e4user gebaut, bescheidenen Wohlstand errungen. Und pl\u00f6tzlich war aus dem &#8222;Dermaleinst&#8220; ein &#8222;Sofort&#8220; geworden. Nun mu\u00dften sie ihren Traum verwirklichen, und das war gar nicht so einfach: Wieder alles aufgeben, wieder nur das N\u00f6tigste mitnehmen, wieder die beschwerliche und gef\u00e4hrliche Reise, wieder von vorne anfangen. Manche fanden ihre alten H\u00e4user noch vor, einige halb verfallen, andere von fremden Menschen bewohnt. Manche zogen vorsichtshalber gleich an andre als ihre Herkunftsorte. Denn die alte und bew\u00e4hrte Aufteilung des Landes galt l\u00e4ngst nicht mehr. Und wieder dauerte es ein paar Jahre, bis sie sich halbwegs eingerichtet hatten, und noch l\u00e4nger dauerte es, bis die Kinder nicht mehr fragten: Wann gehen wir denn wieder nach Hause?<\/p>\n<p>Ja, die Kinder: Um die mu\u00dfte man sich besonders k\u00fcmmern, denn sie hatten im Ausland vieles nicht gelernt, was f\u00fcr das Leben der Vorfahren selbstverst\u00e4ndlich gewesen war: Sprache, Kultur, Religion, die ganzen Alltagssitten und -gebr\u00e4uche; alles mu\u00dften sie neu lernen.<\/p>\n<p>Auch die Eltern hatten unbemerkt und unbeabsichtigt fremdl\u00e4ndische Gewohnheiten angenommen, kannten schon manches nicht mehr, was f\u00fcr die Gro\u00dfeltern noch gang und g\u00e4be gewesen war.<\/p>\n<p>Die zur\u00fcckgekehrten Erwachsenen und mehr noch die Kinder mu\u00dften nun also lernen, mu\u00dften wieder lernen, wie das gewesen war mit der Erschaffung der Welt, mit Noah und der Sintflut, mit Abraham, Isaak und Jakob, mit Joseph und seinen Br\u00fcdern; mu\u00dften lernen, wie das mit Mose gewesen war, mit dem Leben in \u00c4gypten (das kam ihnen bekannt vor), mit Auszug und W\u00fcstenwanderung (auch das glaubte sie zu kennen); vor allem aber mu\u00dften sie die Gebote und alle Vorschriften lernen, die seit Mose \u00fcberliefert waren.<\/p>\n<p>Daf\u00fcr wurden B\u00fccher geschrieben, Lehrer wurden daf\u00fcr ausgebildet, und Kinder und Erwachsene h\u00f6rten die alten Geschichten, \u00fcbten die alten Lieder und lernten die alten Gebote auswendig. Was sie zum ersten mal h\u00f6rten, fanden die meisten nur &#8222;alt&#8220;. Doch je \u00f6fter sie die Geschichten h\u00f6rten, die Lieder sangen, die Gebote aufsagten, um so mehr erschlossen sie sich ihnen.<\/p>\n<p>Und dann entdeckten sie ein Grundmotiv, da\u00df sich wie ein roter Faden durch alles hindurch zog, durch die Geschichten ebenso wie durch die Geschichte, durch die Lieder wie durch das Leben, durch die Gebote wie durch die Gebete: Das Motiv von Gottes Treue zu seinem Volk.<\/p>\n<p>Das kam ihnen schier unglaublich vor, denn es gab noch ein zweites Motiv: Die Untreue des Volkes gegen\u00fcber seinem Gott. Was hatte das Volk sich nicht alles geleistet an Eskapaden, an Verehrung fremder G\u00f6tter, die gar keine waren; an Mi\u00dfachtung der Gebote, die das Leben f\u00fcr alle lebenswert machen und die Schwachen sch\u00fctzen wollten. K\u00f6nige hatten sie auf Throne gesetzt, obwohl ihr Gott allein regieren wollte, und hatten Menschen versklavt, obwohl ihr Gott sie aus der Sklaverei befreit hatte. Und das war noch lange nicht alles, was sie sich geleistet hatten.<\/p>\n<p>Trotzdem, trotz alledem hatte ihr Gott zu ihnen gehalten. Hatte sie bestraft, aber nicht zerst\u00f6rt, hatte sie geknickt, aber nicht zerbrochen. Hatte ihnen immer wieder die Chance gegeben, neu anzufangen.<\/p>\n<p>So wie jetzt, wo sie wieder da waren, wo sie hergekommen waren. Und wo sie nun doch bleiben wollten. Dazu mu\u00dften sie ihr Gemeinwesen regeln, wieder ein Volk werden, ihre Identit\u00e4t neu finden. Dabei konnten und sollten die Gebote Richtschnur sein. Und da tat es gut, was in den Lehrb\u00fcchern stand, denn es best\u00e4tigte sie in ihrem Vorhaben: Dt 7, 6 &#8211; 12<\/p>\n<hr \/>\n<p>Liedvorschl\u00e4ge: EG 231; 249; 294; 409; 495.<\/p>\n<p>Als (einleitenden)Teil der F\u00fcrbitte: 2. Makkab\u00e4er 1, 24ff<\/p>\n<p>Pfarrer Paul Kluge, Diakonisches Werk i. d. Kirchenprovinz Sachsen e. V., Magdeburg.<\/p>\n<p>Einige Vorbemerkungen zur folgenden Predigt: Sie kn\u00fcpft einleitend an Psalm 137 an, das Klage- und Hoffnungslied Israels in der Babylo-nischen Gefangenschaft, und setzt dann die Situation der aus dem Exil zur\u00fcckgekehrten Israeliten voraus: Sie mu\u00dften ihr ganzes Staatswesen, aber auch das Leben in Familie, Sippe und Nachbar-schaft neu ordnen. Dabei von den Geboten, dem &#8222;Grundgesetz&#8220; des Jahwebundes mit seinem Volk, auszugehen, war der Rat von Predi-gern und Propheten. M\u00f6glicherweise ist das 5. Buch Mose zu diesem Zweck geschrieben, mit Sicherheit benutzt worden. Die Situation von heimkehrenden Fl\u00fcchtlingen, Gastarbeitern, Aussiedlern etc. heute ist durchaus mit damaligen Problemen vergleich-bar.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>6. Sonntag nach Trinitatis | 11. Juli 1999 | 5. 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