{"id":21921,"date":"1999-05-17T14:08:40","date_gmt":"1999-05-17T12:08:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21921"},"modified":"2025-03-17T14:11:08","modified_gmt":"2025-03-17T13:11:08","slug":"johannes-165-15-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-165-15-6\/","title":{"rendered":"Johannes 16,5-15"},"content":{"rendered":"<h3>Pfingstsonntag |\u00a023. Mai 1999 | Joh 16,5-15 | Georg Kretschmar |<\/h3>\n<p>1. Pfingsten, das dritte der christlichen Hochfeste im Kirchenjahr, ist nicht so volkst\u00fcmlich wie Weihnachten und Ostern. Das ist verst\u00e4ndlich. Das Kind in der Krippe, der Mann am Kreuz und die Botschaft der Auferstehung r\u00fchren uns unmittelbarer an als die schwierige Rede von der \u00abAusgie\u00dfung des heiligen Geistes\u00bb. Und doch weisen die beiden anderen Feste \u00fcber sich hinaus eben auf Pfingsten. Gott sandte seinen Sohn als Kind in unsere gebrochene, unwirtliche Welt, um sie zu heilen &#8211; das ist Weihnachten. Gottes Sohn, der Mensch Jesus, starb am Kreuz als Verbrecher, Zeichen der Heillosigkeit unserer Welt, und Gottes Tat der Vers\u00f6hnung, best\u00e4tigt dadurch, da\u00df Gott den Get\u00f6teten auferweckt hat und er, der Auferstandene, nun in der Gemeinschaft mit seinem himmlischen Vater lebt &#8211; das ist Ostern.<\/p>\n<p>Aber an Pfingsten kehren wir wieder auf die Erde zur\u00fcck. Der heilige Geist, den der erh\u00f6hte Herr vom Vater den Seinen sendet, ist die Kraft in dieser Welt, die noch immer gebrochen und unwirtlich ist, als Kinder Gottes, als Nachfolger Jesu Christi zu leben. Vater, Sohn und Heiliger Geist, davon spricht unser Text, und das ist erst von der Wirklichkeit des Heiligen Geistes unter uns, insofern von Pfingsten her, zu begreifen. F\u00fcr die Orthodoxe Kirche geh\u00f6rt dieses Thema so sehr zum Pfingsttag, da\u00df sie daneben kein eigenes Fest der Trinit\u00e4t braucht &#8211; wie wir Abendl\u00e4nder es am n\u00e4chsten Sonntag feiern &#8211; und da\u00df in der Russischen Orthodoxen Kirche der Name &#8222;Trinit\u00e4t&#8220; (&#8222;Troytsa&#8220;) f\u00fcr das Fest am f\u00fcnfzigsten Tag nach Ostern den Namen \u201ePfingsten\u201c verdr\u00e4ngt hat.<\/p>\n<p>2. Wir nennen die Kapitel des Johannes-Evangeliums, denen unsere Verse entstammen, die \u00abAbschiedsreden Jesu\u00bb. Es geht um die Situation der J\u00fcnger nach dem Heimgang Jesu zum Vater. Es ist unsere Situation. Abschied hat wohl meist etwas Schmerzliches, vor allem, wenn es bleibender Abschied ist. Wenn Gott uns einen lieben Menschen nimmt, die Frau, den Mann, die Eltern, erfahren wir uns wohl immer als sehr einsam. Noch Jahre danach kann uns der Gedanke durchzucken: Ach, dar\u00fcber h\u00e4tte ich gern mit meiner Frau gesprochen, hier fehlt mir der Rat des Vaters, der Zuspruch der Mutter. Einsamkeit, das geh\u00f6rt jetzt zum Leben der alten Frauen, der Schwestern, die in unseren Gemeinden in Asien zur\u00fcckgeblieben sind, wenn die M\u00e4nner, Kinder, wenn Freunde und Nachbarn ausgewandert sind. So sehen sich auch die J\u00fcnger ohne ihren zum Vater heimgekehrten Herrn. Und das ist die erste Verhei\u00dfung Jesu: Ihr bleibt nicht allein. Ich sende Euch meinen Heiligen Geist als Tr\u00f6ster, als Anwalt. Das ist Pfingsten. Wir sind eine Gemeinschaft mit und unter Jesus Christus, als Kirche, als Gemeinde, weil uns Gottes heiliger Geist zusammenh\u00e4lt.<\/p>\n<p>Beim Abschiednehmen sagt man gern in unseren Gemeinden: \u00abChristen sehen sich nie zum letzten Mal\u00bb. Das ist Ausdruck der Gewi\u00dfheit, da\u00df vor uns und \u00fcber uns die Verhei\u00dfung der bleibenden Gemeinschaft mit Gott steht, in die der Auferstandene uns vorangegangen ist. Aus dieser Gewi\u00dfheit w\u00e4chst Trost und Hoffnung. Aber die Gabe des Heiligen Geistes ist noch etwas anderes, ja sie ist mehr. Heute schon, in dieser unwirtlichen Welt, sind wir nicht allein.<\/p>\n<p>3. Diese Welt ist Gottes Sch\u00f6pfung, uns Menschen anvertraut. Und doch ist sie eben unwirtlich. Und wir erfahren uns immer neu als hilflos. Das haben uns gerade die letzten Monate neu gelehrt. Ich kam mir hier in St. Petersburg manchmal vor wie ein Mann, der von einem Berg aus eine Bahnstrecke in der Ebene \u00fcberblicken kann und nun sieht, wie zwei Z\u00fcge in voller Fahrt aufeinander zurasen. Es mu\u00df zum Zusammensto\u00df kommen und man kann nicht helfen, man kann nichts aufhalten. Nun ist es zum Zusammensto\u00df gekommen. Und dann merken wir, da\u00df wir eben nicht unbeteiligte Beobachter sind, sondern hineinverflochten in Krieg und Leid.<\/p>\n<p>Das verbindet uns mit den ersten J\u00fcngern insofern, als auch f\u00fcr sie die Erfahrung der Heillosigkeit der Welt weithin politisch war. Sie hatten gehofft, Jesus, ihr Herr, w\u00fcrde Gottes Reich so aufrichten, da\u00df ihr Volk Israel von der Fremdherrschaft der R\u00f6mer befreit wird. Diese Hoffnung in der alten Form ist am Kreuz zerbrochen. Stattdessen spitzte sich der Gegensatz zwischen den frommen Revolution\u00e4ren im Land und den R\u00f6mern, der Besatzungsmacht, von Jahrzehnt zu Jahrzehnt zu. Am Ende stand der gro\u00dfe Krieg, der mit der Eroberung Jerusalems durch die R\u00f6mer und der Zerst\u00f6rung des Tempels endete, ein gutes Menschenalter nach Ostern und Pfingsten. Das ist die Welt, von der Jesus Christus sagt: \u00abIn der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost, ich habe die Welt \u00fcberwunden\u00bb (Joh 16, 33).<\/p>\n<p>Da\u00df der Auferstandene letztlich der Sieger ist, erfahren wir durch den Heiligen Geist. Aber wie hilft der Geist uns heute aus Einsamkeit und Hilflosigkeit? Der Herr spricht von einem zweifachen Wirken des Geistes. Er deckt die eigentliche Wahrheit \u00fcber die Machtverh\u00e4ltnisse in der Welt auf, und er wird die J\u00fcnger, die Gl\u00e4ubigen, in alle Wahrheit leiten.<\/p>\n<p>Es hei\u00dft, er, der Geist, wird der Welt die Augen auftun \u00fcber die S\u00fcnde und \u00fcber die Gerechtigkeit und \u00fcber das Gericht. Dabei geht es zun\u00e4chst um die Wahrheit des Gerichtsverfahrens gegen Jesus. Er ist als S\u00fcnder, als einer, der Gottes Gesetz verachtet, an die R\u00f6mer ausgeliefert worden. Aber nicht Jesus war der S\u00fcnder, es war die S\u00fcnde des Volkes, da\u00df sie ihm nicht geglaubt haben. Die Menschen sagten, in jenen Tagen des Passahfestes ist Jesus aus Nazareth die Gerechtigkeit widerfahren, die ihm zusteht oder zustand. Er wurde hingerichtet. Der Apostel Paulus zitiert dazu ein Wort aus dem alttestamentlichen Gesetz: \u00abVerflucht ist, wer am Holze h\u00e4ngt\u00bb (Gal 3, 13 nach 5. Mose 21, 23). In Wahrheit ist aber am Kreuz wohl Gottes Gerechtigkeit offenbar geworden, doch darin, da\u00df der Sohn Gottes durch das Kreuz hindurch zum Vater geht.<\/p>\n<p>Sie haben zu Gericht \u00fcber Jesus gesessen. Alle, die Macht hatten, F\u00fchrer des eigenen Volkes und der Statthalter Roms. Aber in Wahrheit hat der \u00abF\u00fcrst dieser Welt\u00bb sein Urteil empfangen. Der B\u00f6se und das B\u00f6se sind nicht mehr die letzte Macht hinter allen M\u00e4chtigen der Welt; der Tod ist \u00fcberwunden, auch wenn das Sterben weitergeht.<\/p>\n<p>Das sind stolze Worte. Wer ihnen glaubt, wird einen festen Halt in allen Zwangslagen, allen Anfechtungen des Lebens haben. Aber wer b\u00fcrgt daf\u00fcr, da\u00df diese Worte gelten, da\u00df sie wahr sind? Das ist beim heiligen Geist nicht anders als bei der Botschaft von der Auferstehung Jesu. Es geht hier um die letzte Wahrheit zwischen Gott und seiner Sch\u00f6pfung. Da gibt es keinen Beobachter, keinen Richter von au\u00dfen. Ich kann diese Wahrheit nicht beweisen wie einen naturwissenschaftlichen Lehrsatz. Aber ich kann in ihr und aus ihr leben und werde dann Zeuge dieser Wahrheit sein.<\/p>\n<p>Einer der gro\u00dfen V\u00e4ter der Alten Kirche, der heilige Atanasius, Bischof von Alexandrien im 4. Jahrhundert, hat auf die Frage nach der Wahrheit der Auferstehung Christi einmal sinngem\u00e4\u00df geschrieben, da\u00df der Beweis die M\u00e4nner und Frauen seien, die in den Zeiten der Verfolgung allen Drohungen und Verf\u00fchrungsversuchen der M\u00e4chtigen getrotzt h\u00e4tten und im Glauben an den Auferstandenen in den Tod gegangen sind. Diese Kette der Zeugen ist nicht abgerissen bis in das 20. Jahrhundert. Besonders aus den L\u00e4ndern der ehemaligen Sowjetunion gibt es in allen Kirchen solche Zeugen der Wahrheit der Auferstehung Jesu Christi. Das sind auch Zeugen der Anwesenheit des Heiligen Geistes.<\/p>\n<p>Vor einigen Jahren ist mir aus der f\u00fcr Tadschikistan zust\u00e4ndigen deutschen Botschaft in Taschkent von einem Telefongespr\u00e4ch mit einer Frau erz\u00e4hlt worden, die in einem w\u00e4hrend des B\u00fcrgerkrieges v\u00f6llig zerst\u00f6rten Dorf ganz allein zur\u00fcckgeblieben war; nur das Telefon war noch benutzbar. Man wollte ihr helfen, aber die Antwort war: \u00abIch brauche nichts, ich habe doch alles, noch zu essen und zu trinken, und ich habe das Buch &#8211; gemeint war die Heilige Schrift, in der sie t\u00e4glich las. Das sind Extremsituationen. Aber sie lassen aufleuchten, da\u00df wir mit dem Glauben durch den Heiligen Geist leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>4. Ja, wie ist das aber mit den Zwangslagen, in denen wir nicht nur als Opfer Betroffene sind, sondern mitverantwortlich, Mitentscheidende, vielleicht Mitt\u00e4ter? Das stand kaum im Vordergrund des Bewu\u00dftseins der ersten J\u00fcnger. Aber das andere Wirken des Geistes, von dem die Verhei\u00dfung Jesu spricht, deckt auch diese Dimension ab: Der Geist der Wahrheit wird euch in alle Wahrheit leiten. Gott stellt uns als einzelne und stellt seine Kirche immer wieder vor neue Situationen, auf die wir nicht vorbereitet sind, die neue Entscheidungen fordern. So geschah das schon bei den Aposteln, als es unerwartet Nichtjuden gab, die zum Glauben kamen und getauft werden wollten. Sollte f\u00fcr sie auch das Gesetz Gottes f\u00fcr Israel in seiner F\u00fclle gelten? Daf\u00fcr hatte Jesus Christus keine Weisung hinterlassen. Aber auf dem Konzil in Jerusalem haben die Apostel dann beschlossen &#8211; wie es in der Apostelgeschichte hei\u00dft &#8211; \u00abes gef\u00e4llt dem heiligen Geist und uns, euch weiter keine Last aufzulegen\u00bb als einige Speisevorschriften, die Tischgemeinschaft zwischen Juden und Heiden m\u00f6glich machen soll (Apg 15,28f.).<\/p>\n<p>Auch das sind stolze Worte, aber sie sind auch n\u00fcchtern, ja dem\u00fctig. Denn nur der Heilige Geist gibt die Einsicht, Kraft und Vollmacht zu kl\u00e4ren, was jetzt der Wille Jesu ist. Die Wahrheit des Glaubens und die Erfahrung der Kirche geh\u00f6ren zusammen. Das Bindeglied ist der Heilige Geist. Das gilt nicht nur f\u00fcr die gro\u00dfen kirchlichen Entscheidungen, sondern auch f\u00fcr den Weg jedes einzelnen unter uns. Die Zukunft ist uns verhangen und wir verstehen oft nicht einmal die Gegenwart. Wir wissen nicht, welche Herausforderungen und welche Entscheidungszw\u00e4nge morgen auf uns zukommen werden. Aber wir d\u00fcrfen im Glauben leben und Schritt f\u00fcr Schritt auf dem Weg gehen, auf den Gott uns gestellt hat, weil uns unser Gott seinen Heiligen Geist verhei\u00dfen und geschenkt hat, der uns beten lehrt und uns im Namen Jesu geleitet.<\/p>\n<p>Leben aus den Wundertaten Gottes, die wir an Weihnachten und Ostern feiern, das k\u00f6nnen wir durch die Gabe des Tr\u00f6sters, des Anwaltes, des heiligen Geistes. Deshalb feiern wir Pfingsten. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Bischof Prof. D. Dr. theol. Georg Kretschmar Bischofskanzlei Petrikirche Newski Pr. 22-24 191186 St. Petersburg\/Ru\u00dfland Tel. 007812 \/ 311 2423 Fax 007812 \/ 310 2625 mail:<a href=\"mailto:kanzlei@elkras.convey.ru\">kanzlei@elkras.convey.ru<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pfingstsonntag |\u00a023. Mai 1999 | Joh 16,5-15 | Georg Kretschmar | 1. Pfingsten, das dritte der christlichen Hochfeste im Kirchenjahr, ist nicht so volkst\u00fcmlich wie Weihnachten und Ostern. 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