{"id":21927,"date":"1999-05-17T14:22:39","date_gmt":"1999-05-17T12:22:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21927"},"modified":"2025-03-17T14:25:21","modified_gmt":"2025-03-17T13:25:21","slug":"jesaja-6-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-6-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 6"},"content":{"rendered":"<h3>Sonntag Trinitatis | 30. Mai 1999 | Jesaja 6 <span style=\"font-size: 16px;\">| Ulrich Nembach |<\/span><\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>unser Predigttext heute trifft genau unsere Situation.<\/p>\n<p>Diese Aussage \u00fcberrascht Sie. Mich auch, als mir der Gedanke kam. Aber je mehr ich dar\u00fcber nachdenke, desto mehr sehe, verstehe ich die Richtigkeit der Feststellung. H\u00f6ren Sie die Gr\u00fcnde, die mich \u00fcberzeugen.<\/p>\n<p>Ein Mensch sieht Gott sitzen und erschrickt. Es ist der Prophet Jesaja. Das hei\u00dft, genau genommen ist Jesaja noch nicht Prophet, als er Gott sieht. Er wird erst im Laufe der Begegnung zum Propheten werden. Also, zu Beginn ist er es noch nicht.<\/p>\n<p>Jesaja lebt in Jerusalem. Wir schreiben das Jahr 736 vor Jesu Geburt, also von heute aus gerechnet vor rund 2736 Jahren. Jesaja kennt den Tempel in Jerusalem; er kennt ihn sogar gut. Er arbeitet dort. Er kennt den Tempel von au\u00dfen. Dieser war ohnehin un\u00fcbersehbar. Jesaja als Mitarbeiter kennt aber auch das Innere, die verschiedenen Details, die der Tempel wie jedes Bauwerk besitzt. Er kennt besonders sch\u00f6ne Stellen und auch leicht schadhafte. Jesaja gleicht uns heute, die wir fast 3.000 Jahre sp\u00e4ter leben. Auch wir kennen unsere Kirchen, die in unserem Dorfe, die in den Innenst\u00e4dten unserer St\u00e4dte, oft am Marktplatz oder Rathaus oder sonst zentral, gelegen sind. Wir sind an unseren Kirchen &#8211; der in unserem Dorf oder der in der Innenstadt &#8211; vorbeigegangen, oft vorbeigegangen. Vielleicht wurden wir sogar in dieser Kirche getauft, konfirmiert, vielleicht gar getraut, oder vielleicht werden wir noch konfirmiert werden oder heiraten. Um an Kirchen vorbeizugehen oder in sie hineinzugehen, mu\u00df man nicht kirchlicher Mitarbeiter sein. Also auch insofern gleichen wir Jesaja. Erst jetzt geschieht es, da\u00df sich anscheinend unsere Wege trennen. Dazu gleich mehr. Zun\u00e4chst aber der Reihe nach, eines nach dem anderen. Noch ist es nicht soweit. Ich mu\u00df erst noch genauer erz\u00e4hlen, wie das war, als Jesaja Prophet wurde.<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Als er es wurde, passierte etwas ganz Neues. Das hatte selbst er, der Mitarbeiter am Tempel, dort noch nicht erlebt.<\/p>\n<p>Jesaja sieht Gott.<\/p>\n<p>Er erschrickt zutiefst. Er sieht seinen Tod. Der Grund: Er, Jesaja, sieht Gott, und Gott ist der Herr. Der M\u00e4chtige, der ganz Andere, der Heilige. Jesaja aber ist ein ganz normaler Mensch &#8211; wie ich und du. Das kann nicht gutgehen. Zwei Welten prallen aufeinander.<\/p>\n<p>Dann erneut eine Wende. Jesaja wird aus seiner Normalit\u00e4t erl\u00f6st. Die zwei Welten werden zu einander gebracht ohne Kollision!<\/p>\n<p>Jesajas Unreinheit, im Text hei\u00dft es &#8222;unreine Lippen&#8220; &#8211; weil Jesaja nachher reden soll, werden die Lippen besonders ins Visier genommen &#8211; , also seine Lippen werden gereinigt. Wir in der Kirche sprechen sonst von &#8222;S\u00fcnde&#8220;. S\u00fcnde, unreine Lippen, meint, da\u00df wir nicht zu Gott passen, mit ihm auf Kollisionskurs sind. Im Neuen Testament wird einmal gesagt, da\u00df, wer zum K\u00f6nig geht, einen hochzeitlichen Anzug anhaben mu\u00df. Korrektes &#8222;Dressing&#8220; geh\u00f6rt zur Begegnung mit Gott. Heilig, rein ist Gottes Umgebung. Da passen wir nicht hin. Wenn wir in die Nachrichten hineinschauen, sehen wir Ungerechtigkeit, Krieg, Vertreibung. Aber auch bei uns geht es nicht heilig zu. Wie oft haben wir auf dem Sessel vor dem Fernseher sitzend uns schon gestritten, unsinnig und trotzdem heftig gestritten. Heilig geht es auch nicht am Arbeitsplatz oder in der Schule oder auf der Stra\u00dfe zu. Unser Ton ist so wenig heilig, da\u00df wir nicht einmal den Versuch machen, ihn heilig zu nennen. Darin gleichen wir Jesaja. Auch er macht keine Ausfl\u00fcchte. Da, ja da erl\u00f6st ihn Gott. Ein Engel reinigt Jesaja.<\/p>\n<p>Diese Erl\u00f6sung, Reinigung ist perfekt. Jesaja kann nun sogar ein Mitarbeiter Gottes, konkret, ein Bote werden. Er kann sich bewerben und wird angenommen.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Was Jesaja als Nachricht zu \u00fcberbringen hat, ist hart, sehr hart. Die Menschen sollen h\u00f6ren, aber nicht verstehen, sehen und doch nicht sehen. Anders ausgedr\u00fcckt &#8211; und das wird ausdr\u00fccklich so gesagt &#8211; sie sollen taub und blind werden.<\/p>\n<p>Da trennen sich unsere Wege. Jesaja wird Prophet, und wir bleiben schlichte Kirchg\u00e4nger &#8211; so sieht es jedenfalls aus. Wenn wir jedoch genauer hinsehen, ist unsere Situation gar nicht so verschieden von der des Jesaja.<\/p>\n<p>Wir sind zwar taub und blind. Sie meinen, ich gehe da zu weit? Es stimmt einfach nicht, da\u00df wir taub und blind sind? Aber, seien wir doch einmal ehrlich, sind die Streitereien vom Fernsehsessel aus n\u00f6tig, wirklich n\u00f6tig? Ist es ein Zeichen unserer Weitsicht, unserem offenen Ohr f\u00fcr den anderen, wenn wir ihn gar nicht erst zu Wort kommen lassen?<\/p>\n<p>Aber &#8211; und nun kommt eine Wende bei uns ins Spiel: Wir feiern heute &#8222;Trinitatis&#8220;. Zwar sind wir auch taub und blind, was unser Wissen \u00fcber Trinitatis betrifft. Jedoch helfen hier einige H\u00f6r- und Sehhilfen. Nach Weihnachten, dem Tag, an dem Jesus, Gottes Sohn, geboren wurde, nach Ostern, dem Tag, an dem Gott seinen Sohn aus dem Tode herausholte, und Pfingsten, dem Tag, an dem Gottes Geist zu der Gemeinde Christi kam, feiern wir heute Gott &#8211; den Vater, den Sohn und den Heiligen Geist.<\/p>\n<p>Das wollten auch die Frauen und M\u00e4nner sagen, die den Predigttext f\u00fcr heute aussuchten. Das Erlebnis des Jesaja, das starke Erleben des Gottes bringt die Wende. Wir sehen pl\u00f6tzlich in unserer Dorfkirche, in unserer Kirche am Marktplatz mehr als bisher. Sie wird zur Begegnungsst\u00e4tte mit Gott. Sie ist ein Ort Gottes, eine heilige St\u00e4tte. Jesaja sieht auf einmal den Tempel anders, neu. Er soll von Taub- und Blindheit reden, nachdem er selbst taub und blind gewesen ist.<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Auch wir sollen reden. Bislang reden wir nicht viel, eigentlich gar nicht von Gott. Selbst die gestrige Samstagszeitung, dieses dicke B\u00fcndel von Papier, spricht h\u00f6chstens einmal von Gott, im Wort zum Sonntag. Wenn aber nicht geredet wird, kann nicht geh\u00f6rt werden. Taubheit kann auch am Nicht-Reden liegen. Jesaja mu\u00dften auch erst die Augen ge\u00f6ffnet werden. Erst dann sah er, der Mitarbeiter am Tempel, im Tempel Gott.<\/p>\n<p>Trinitatis, der Tag Gottes, ist eine Rede an uns, und sie besagt, da\u00df auch wir reden sollen. Nur so k\u00f6nnen die verstockten Tauben h\u00f6ren und die blindesten Blinden sehen.<\/p>\n<p>Dazu helfe uns Gott. Jesaja mu\u00df von einem kleinen Rest sprechen, der nicht taub und blind sein wird. Gebe Gott, der uns einen Geist, den Geist des Erkennens, sandte, offene Ohren und sehende Augen!<\/p>\n<p>Es segne und beh\u00fcte uns Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist!<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Dr. Ulrich Nembach<\/p>\n<p>Mittelberg 39<\/p>\n<p>37085 G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>Tel.\/Fax: 05 51-790 60 95<\/p>\n<p>e-mail: <a href=\"mailto:unembac@gwdg.de\">unembac@gwdg.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag Trinitatis | 30. Mai 1999 | Jesaja 6 | Ulrich Nembach | Liebe Gemeinde, I. unser Predigttext heute trifft genau unsere Situation. Diese Aussage \u00fcberrascht Sie. Mich auch, als mir der Gedanke kam. Aber je mehr ich dar\u00fcber nachdenke, desto mehr sehe, verstehe ich die Richtigkeit der Feststellung. 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