{"id":21929,"date":"1999-05-17T14:25:24","date_gmt":"1999-05-17T12:25:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21929"},"modified":"2025-03-17T14:28:10","modified_gmt":"2025-03-17T13:28:10","slug":"jesaja-6-4","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-6-4\/","title":{"rendered":"Jesaja 6"},"content":{"rendered":"<h3>Sonntag Trinitatis | 30. Mai 1999 | Jesaja 6 | Klaus Schwarzw\u00e4ller |<\/h3>\n<p>I.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde:<\/p>\n<p>&#8222;Von allen Seiten umgibst du mich und h\u00e4ltst deine Hand \u00fcber mir. Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen. Wo soll ich hingehen vor deinem Geist, und wo soll ich hinfliehen vor deinem Angesicht? F\u00fchre ich gen Himmel, so bist du da. Bettete ich mich in die H\u00f6lle, siehe, so bist du auch da. N\u00e4hme ich Fl\u00fcgel der Morgenr\u00f6te und bliebe am \u00e4u\u00dfersten Meer, so w\u00fcrde mich doch deine Hand daselbst f\u00fchren und deine Rechte mich halten&#8230;&#8220;<\/p>\n<p>So betet Psalm 139 in grenzenlosem Staunen. Unsere Welt mag gottlos sein durch und durch und das Universum sich in unausdenkbare Weiten und Zeiten erstrecken: Ich bin in Gottes Hand &#8211; bin in seiner Hand geborgen, wo immer ich bin, wohin immer ich gerate, wohin immer ich gehe oder mich w\u00fcnsche. Ob ich in den Himmel des Gl\u00fccks entr\u00fcckt werde, ob ich mir meine eigene H\u00f6lle bereite oder von anderen in eine unserer modernen H\u00f6llen verbracht werde, ob ich an den \u00e4u\u00dfersten Rand von allem gedr\u00e4ngt werde, ob ich inmitten unter Menschen vereinsame und verloren gehe: Ich bin und bleibe in Gottes Hand. Ich bin und bleibe in der Hand des himmlischen Vaters, der seinen Sohn zwar in Verzweiflung st\u00fcrzte, so da\u00df er schrie: &#8222;Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?&#8220; Doch der ihn gleichwohl nie aus der Hand lie\u00df &#8211; Ostern hat&#8217;s offenbar gemacht.<\/p>\n<p>&#8222;Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch&#8220;, sinnt der Beter; &#8222;ich kann sie nicht begreifen.&#8220; Mit ihm wir alle nicht. Da\u00df in dieser unserer gottleeren Welt voller Brutalit\u00e4t, Ungerechtigkeit und Tod Gott uns &#8211; da\u00df Gott mich und jeden unter uns mit seiner Hand umf\u00e4ngt, mich und jeden von uns in seiner Hand birgt, selbst noch in den H\u00f6llen unseres Jahrhunderts, auch noch in der Einsamkeit des s\u00fcchtigen Strichjungen: Sagen k\u00f6nnen wir das zwar. Doch erfassen, verstehen? Wer von uns w\u00fc\u00dfte, was damit gesagt ist &#8211; es w\u00e4re denn, er\/sie h\u00e4tte es irgendwann und irgendwo tats\u00e4chlich erfahren oder bei anderen gesehen? Und auch dann ist und bleibt es wunderbar und zu hoch f\u00fcr uns.<\/p>\n<p>Beide Erfahrungen sind alt: da\u00df Gott uns in seiner Hand h\u00e4lt, wo immer wir stecken, und: da\u00df das ein Wunder ist und unbegreiflich. Als Jesus ans Kreuz, und in den Tod ging und danach in die Herrlichkeit des Vaters zur\u00fcckkehrte, haben seine J\u00fcnger das aus unmittelbarer N\u00e4he miterlebt. Das lie\u00df sie nicht ungeschoren! Und ehe sie Zeit hatten, sich darauf einzustellen, fanden sie sich zu ihrer eigenen \u00dcberraschung auf einmal erf\u00fcllt von der Gewi\u00dfheit, vielmehr geradezu von der k\u00f6rperlich sp\u00fcrbaren Erfahrung seiner Gegenwart und begannen &#8211; man mu\u00df sich das einmal vorstellen! Wer waren die denn schon?! Diese paar Leutchen einer neuen j\u00fcdischen Sekte! Begannen also, hiervon begeistert und angetrieben, Jesus Christus und seine Auferstehung zu verk\u00fcndigen und \u00f6ffentlich geltend zu machen. Damit nahm von Jerusalem das seinen Ausgang, was wir viele Jahrhunderte sp\u00e4ter im R\u00fcckblick als &#8222;Weltmission&#8220; bezeichnen. Kurzum, sie hatten in Weisen, die nicht vorhersehbar waren und aller Vorstellungen spotteten, sie hatten bis hinein in ihre Lebensl\u00e4ufe erfahren: &#8222;Von allen Seiten umgibst du mich und h\u00e4ltst deine Hand \u00fcber mir.&#8220; Begreife das, wer kann!<\/p>\n<p>Und es wurde immer wieder nicht begriffen und aus diesem Nichtbegreifen heraus verbogen, verzerrt, durchl\u00f6chert. Vielleicht hat dabei eine Rolle gespielt, da\u00df Wunderbares, das uns zu hoch ist, immer wieder unsere Besserwisserei herausfordert, die uns dazu treibt, es aufzul\u00f6sen, es banal zu machen, es als belanglos, wom\u00f6glich Trug hinzustellen. Jesus erfuhr das w\u00e4hrend seiner Wanderschaft am eigenen Leibe; und an dem Wunder seiner Person, seines Weges und seines Werkes wetzen bis heute sich diejenigen billig ihre Schn\u00e4bel, die nicht die Reife haben, mit Goethe &#8222;das Unbegreifliche schweigend zu verehren&#8220;. (Erst vorige Woche, p\u00fcnktlich zu Pfingsten, hat Rudolf Augstein seinen SPIEGEL einschl\u00e4gig geziert und uns belehrt, Religion habe keine Zukunft, &#8222;mit welchem Gott auch immer&#8220;.)<\/p>\n<p>Jedenfalls hat der Glaube keine Zukunft, wenn wir uns nicht &#8211; begreifbar oder nicht &#8211; in Gottes Hand geborgen und von ihr gef\u00fchrt wissen und f\u00fchlen. Die fr\u00fche Kirche hat das gewu\u00dft und darum diese Erfahrung als Dogma formuliert &#8211; das Dogma von der Dreieinigkeit. Es h\u00e4lt fest: Seit vor meiner Geburt bis nach meinem Leben umgibt mich Gott; er umgibt mich von innen und von au\u00dfen, er geht mir voran selbst in H\u00f6llen und bis hinein in den Himmel, und zwar Gott, er, immer der eine selbe Gott, wir begegnen ihm nun als Vater und Sch\u00f6pfer, als Sohn, &#8222;der niederfuhr und auferstand&#8220; (EG 184,4), oder als Geist, der unsere Herzen erf\u00fcllt. &#8222;Von allen Seiten umgibst du mich&#8230;&#8220;: Das Dogma von der Dreifaltigkeit nagelt das gleichsam fest und versucht, dieses Undenkbare aussagbar zu machen. Und wenn wir singen: &#8222;Ehr&#8216; sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist&#8230;&#8220;, dann preisen wir mit dieser Formel zugleich, da\u00df der eine Gott uns von allen Seiten umgibt und als Sch\u00f6pfer, als Erl\u00f6ser und als Lebenskraft in seiner guten Hand bewahrt &#8211; was immer mit uns geschieht.<\/p>\n<p>&#8222;Von allen Seiten umgibst du mich&#8230;&#8220; &#8211; daraus hat man allerdings auch gemacht &#8222;Er sieht alles! Selbst deine geheimsten Gedanken! H\u00fcte dich!&#8220; Also ein Alb? Eine Umschreibung f\u00fcr: &#8222;Von allen Seiten \u00fcberwachst du mich&#8220; &#8211; mit der Aussicht, da\u00df er zur gegebenen Zeit abstrafen wird? So hat man&#8217;s oft, viel zu oft mi\u00dfbraucht. Aber Gott ist kein Geheimdienstchef! Sondern er ist &#8211; ja, und nun mag etwas von Sinn und Gehalt der Trinit\u00e4tslehre aufleuchten: Er umgibt mich von allen Seiten als mein Sch\u00f6pfer und Vater, als mein Erl\u00f6ser und Bruder und als Heiliger Geist, der mir neues Leben schenkt. Also nicht als &#8222;big brother&#8220;, sondern als dreieiniger, dreimal heiliger Gott. Da\u00df er Gott ist und heilig &#8211; die ganze Bibel und die Kirche aller Jahrhundert hat gewu\u00dft: Das hei\u00dft freilich auch, da\u00df er nicht jede Schweinerei und jede Gottlosigkeit stillschweigend hinnimmt wie ein \u00d6lg\u00f6tze. Er schl\u00e4gt auch zu. Er schl\u00e4gt gegen das Unrecht zu &#8211; er tat&#8217;s bis hin zum Tode seines Sohnes am Kreuz von Golgatha, wo Jesus Christus f\u00fcr alles Unrecht aller Menschen starb. Er hat es damit auf sich selbst genommen. Denn wir &#8211; wir m\u00fc\u00dften zugrunde gehen oder daran ersticken, bliebe es auf uns liegen.<\/p>\n<p>&#8222;Von allen Seiten umgibst Du mich und h\u00e4ltst deine Hand \u00fcber mir&#8230;&#8220; &#8211; zuweilen eine milde, z\u00e4rtliche Hand, zuweilen eine harte, unerbittliche Hand: manchmal will&#8217;s scheinen, als w\u00e4re sie lahm oder eingeschlafen, manchmal, als k\u00f6nnte sie nur zuschlagen &#8211; selbst der, der am Kreuz schrie, konnte das nicht mehr durchschauen, als er sterben mu\u00dfte. Doch er erstand von den Toten und vereinigte sich mit dem Vater; seither singt das Kinderlied mit allem Recht: &#8222;Stets auch mir zur Seite still und unerkannt, da\u00df es [n\u00e4mlich &#8222;das Christuskind&#8220;] treu mich leite an der lieben Hand.&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Von allen Seiten umgibst du mich&#8230;&#8220; &#8211; auch von innen her, in Herz und Gedanken. Wie sonst w\u00e4re es m\u00f6glich, da\u00df Menschen glaubten &#8211; da\u00df sie an diesen so unsichtbaren und ins Leiden sto\u00dfenden Gott glaubten und ihn vertrauten? Bei Licht betrachtet, erscheint es als absurd, und unsere eigenen Zweifel und ungel\u00f6sten Fragen best\u00e4tigen&#8217;s. Und trotzdem &#8211; ! Zweifel m\u00f6gen uns bis zur Zerst\u00f6rung jeder Zuversicht erf\u00fcllen, und doch bleibt eine Gewi\u00dfheit, in die wir uns sinken lassen &#8211; k\u00f6nnen: Gott h\u00e4lt mich. Er h\u00e4lt mich in all dem Elend um mich herum und im eigenen Leben und sieht mich durch das h\u00e4\u00dfliche Zerrbild von mir hindurch, das ich bin und in dem ich mir selber fremd bin und nicht gut bin, sieht mich als den Menschen, den er einst schuf und der ich gerne w\u00e4re und von mir aus nie sein kann. &#8211; Ich selber bin zu realistisch und aufgekl\u00e4rt, um mir das auszudenken. Doch es ist in mir. Auch als Heiliger Geist umgibt uns Gott und l\u00e4\u00dft uns nicht aus seiner Hand.<\/p>\n<p>&#8222;Von allen Seiten umgibst du mich und h\u00e4ltst deine Hand \u00fcber mir&#8230;&#8220; &#8211; das Dogma von der Dreieinigkeit h\u00e4lt fest; somit auch der, der sich aus Liebe zu uns in Folter, Entw\u00fcrdigung und Tod gab. Der uns kennt und unsere Erfahrungen teilt. Und der uns l\u00e4ngst den Himmel aufschlo\u00df und zu Kindern des dreimal heiligen Gottes erhob. Von allen Seiten umgibt Gott uns und h\u00e4lt seine Hand \u00fcber uns; selbst in der H\u00f6lle und am Rande allen Lebens ist er bei uns. Und wenn uns H\u00f6ren und Sehen, wenn uns selbst Schreien und Glaube vergehen &#8211; &#8222;so wird uns doch seine Hand f\u00fchren und seine Rechte uns halten&#8220;: die gute, die feste, die harte und die z\u00e4rtliche Hand Gottes: des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Jesaja 6:<\/p>\n<p>Das Jahres, da der K\u00f6nig Usia starb, sah ich den Herrn sitzen auf einem hohen und erhabenen Stuhl, und sein Saum f\u00fcllte den Tempel. Seraphim standen \u00fcber ihm, ein jeglicher hatte sechs Fl\u00fcgel: mit zweien deckten sie ihr Antlitz, mit zweien deckten sie ihre F\u00fc\u00dfe, und mit zweien flogen sie. Und einer rief zum andern und sprach: Heilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth: alle Lande sind seiner Ehre voll! da\u00df die \u00dcberschwellen bebten von der Stimme des Rufens, und das Haus ward voll Rauch. Da sprach ich: Weh mir, ich vergehe! Denn ich bin unreiner Lippen, und wohne unter einem Volk von unreinen Lippen; denn ich habe den K\u00f6nig, den Herrn Zebaoth, gesehen mit meinen Augen. Da flog der Seraphim einer zu mir, und er hatte eine gl\u00fchende Kohle in der Hand, die er mit der Zange vom Altar nahm, und r\u00fchrte meinen Mund an und sprach: Siehe, hiermit sind deine Lippen ger\u00fchrt, da\u00df deine Missetat von dir genommen werde, und deine S\u00fcnde vers\u00f6hnt sei. Und ich h\u00f6rte die Stimme des Herrn, da\u00df er sprach: Wen soll ich senden? Wer will unser Bote sein? Ich aber sprach: Hier bin ich, sende mich! Und er sprach: Gehe hin und sprich zu diesem Volk: H\u00f6ret, und verstehet&#8217;s nicht; sehet, und merket&#8217;s nicht! Verstocke das Herz dieses Volks, und la\u00df ihre Ohren hart sein, und blende ihre Augen, da\u00df sie nicht sehen mit ihren Augen noch h\u00f6ren mit ihren Ohren, noch verstehen mit ihren Herzen, und sich bekehren und genesen. Ich aber sprach: Herr, wie lange? Er sprach: Bis da\u00df die St\u00e4dte w\u00fcst werden ohne Einwohner, und die H\u00e4user ohne Leute und das Feld ganz w\u00fcst liege. Denn der Herr wird die Leute fern wegtun, da\u00df das Land sehr verlassen wird. Und ob noch der zehnte Teil darin bleibt, so wird es abermals verheert werden, doch wie eine Eiche und Linde, von welchem beim F\u00e4llen noch ein Stamm bleibt. Ein heiliger Same wird solcher Stamm sein.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde:<\/p>\n<p>Das ist ein schwerer, ein bedr\u00fcckender Text. Der dreimal heilige Gott sucht sich einen Boten, den er senden kann, damit dieser &#8211; man glaubt es schier nicht, und es scheint auch nicht zur Bibel zu passen, und doch ist es so: damit dieser Juda, also den Restteil von Gottes erw\u00e4hltem und geliebtem Volk; also damit er Juda verderbe. Oder genauer noch: ins Verderben reite. Er soll ihnen predigen gerade nicht, damit sie zur Besinnung kommen, umkehren, einen Neuanfang machen. Er soll ihnen predigen, damit sie aufgrund seiner Predigt sich verbohren und verstocken und zielsicher ins Verderben laufen. So wichtig ist das &#8211; und so ungeheuerlich, da\u00df es gleich zweimal dem Propheten auferlegt wird. Ja, er soll jeden einzelnen der Sinne der Menschen seines Volkes vert\u00e4uben, damit sie sehenden Auges und h\u00f6renden Ohres wie Lemminge in die Katastrophe dr\u00e4ngen.<\/p>\n<p>Was mich selbst dabei bis zur Beklommenheit anspringt, ist: Dergleichen kennen wir. Es ist uns nicht fremd. Ich rede jetzt nicht z.B. von der Geschichte unseres Volkes in diesem Jahrhundert; ich denke nicht an die Kirchen. Not und Jammer sind gro\u00df \u00fcber die Austrittswellen und die Einflu\u00dflosigkeit und die Gleichg\u00fcltigkeit der &#8211; noch! &#8211; Kirchensteuerzahler und das geringe Ansehen und die Glaubenslosigkeit und &#8230; und &#8230; Wir kennen diese Klagelieder und m\u00f6gen sie nicht mehr h\u00f6ren! Das war vor gar nicht so langer Zeit noch grundlegend anders. Damals erhoben sich warnende Stimmen, und in ihrem Gefolge wurde Kirchenkritik schier zur Mode &#8211; und lief aus wie eine Welle am flachen Strand. Vom &#8222;Schu\u00df in Watte&#8220; hatte bereits zu meiner Schulzeit jemand geklagt &#8211; ach, es ist, als ob alle diese Stimmen nur eines erreicht h\u00e4tten: da\u00df man weder h\u00f6rte noch wahrnahm, sondern im trutzigen Vertrauen auf den &#8222;Herrn der Kirche&#8220; &#8211; der unwillk\u00fcrlich wie der Vorsteher der eigenen genommen wurde &#8211; auf den eingefahrenen Wegen verblieb. &#8222;Kirche weiter so!&#8220;<\/p>\n<p>&#8222;Hin ist hin&#8220;, wu\u00dfte Luther anschaulich auszuf\u00fchren: &#8222;Gottes Wort und Gnade ist wie ein fahrender Platzregen, der nicht wiederkommt, wo er einmal gewesen ist. Er ist bei den Juden gewesen; aber hin ist hin: Sie haben nun nichts. Paulus brachte ihn nach Griechenland. Hin ist auch hin: Nun haben sie den T\u00fcrken&#8230;&#8220; Und so fort. Er schlie\u00dft an: &#8222;Und ihr Deutschen d\u00fcrft nicht denken, da\u00df ihr ihn ewig haben werdet! Denn Undank und Verachtung wird ihn nicht lassen bleiben.&#8220; Das wurde an Christenmenschen geschrieben. Und w\u00e4hrend wir in Deutschland uns sonntags in leeren Kirchen verlieren, fordern in islamischen L\u00e4ndern Asiens Christen durch ihren blo\u00dfen Glauben die M\u00e4chte heraus, und in Somalia bekehren sich Menschen zu Christus mit der realen Chance, daf\u00fcr am Kreuz zu enden. Wo sind wir heute? Ist f\u00fcr uns hin wirklich hin &#8211; hin?<\/p>\n<p>&#8222;Ehr&#8216; sei&#8216; dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie es war im Anfang, jetzt und immerdar und von Ewigkeit zu Ewigkeit&#8220;, singen wir allsonntaglich im Gottesdienst als Antwort auf den Eingangspsalm, und in der Abendmahlsliturgie singen wir das dreifache &#8222;Heilig!&#8220; der Seraphen. Was singen wir da? Ist es uns klar? Ist uns deutlich, da\u00df wir dabei den ehren und preisen, dessen Heiligkeit und Hoheit eines ausschlie\u00dfen: n\u00e4mlich, da\u00df wir mit seinem Namen und seinem Wort und seinem Willen so luschig verfahren, wie es unter uns innerkirchlich wie au\u00dferkirchlich gang und g\u00e4be ist? Nein, ich \u00fcbertreibe nicht. Ich sehe nicht, wo man bei uns in Kirche und Theologie tats\u00e4chlich und konsequent Ehre und Heiligkeit Gottes vor und \u00fcber alles, vor und \u00fcber wirklich ALLES, stellte. Gut, man mu\u00df die Realit\u00e4ten sehen und auf sie R\u00fccksicht nehmen. Als ob Jesaja und Petrus, als ob Elia und Jakobus Tr\u00e4umer gewesen w\u00e4ren &#8211; um vom Herrn selbst zu schweigen. Sie wu\u00dften nicht nur mit dem Kopf, sie lebten es: &#8222;Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht.&#8220; Bei uns wurde das &#8211; ein Bibelvers.<\/p>\n<p>Ich kann durchaus so reden, denn ich selbst wei\u00df mich &#8211; bedr\u00fcckend genug &#8211; voll in das alles hineinverwickelt, und ich habe meinen Brecht auch gelesen: &#8222;Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm!&#8220;<\/p>\n<p>Weithin ringsum erkenne ich Ratlosigkeit &#8211; Zeichen dessen, da\u00df die Sinne wieder scharf und die Herzen wieder frei zu werden beginnen? Wer will das wissen? Jedenfalls k\u00f6nnen und sollen wir wissen: Gottes Volk, das Volk des alten wie des neuen Bundes, taumelt nicht durch blo\u00dfen Zufall oder aufgrund der Ungunst der Umst\u00e4nde in Verderben oder Untergang. Wenn es den dreimal Heiligen in seiner Geduld und Langmut \u00fcber alle Ma\u00dfen hinaus herausgefordert oder vielmehr: verachtet hat, dann ist er selber, der dreimal heilige Gott; er ist es dann, der sein Volk den Weg in den Untergang f\u00fchrt, ja, nachgerade treibt. Auch dazu bedient er sich seiner Propheten. Ihnen ist auferlegt, durch die Verk\u00fcndung von Gottes Willen die Krankheit hochzutreiben und den Tod herbeizuf\u00fchren. &#8211; Es gibt auch heute Propheten. Billig, gar gem\u00fctlich ist ihr Amt wahrhaftig nicht.-<\/p>\n<p>Wir aber k\u00f6nnen seither zweierlei wissen &#8211; ach, wir wissen&#8217;s l\u00e4ngst, doch es ist oft blo\u00dfes, wo nicht totes Wissensgut. Dies n\u00e4mlich, da\u00df zum einen der Weg zur Bu\u00dfe und zu Gott uns nicht jederzeit offensteht, auch nicht, wenn Gott sein Wort erklingen l\u00e4\u00dft. Es gibt das, da\u00df er uns einfach nicht mehr will. Und dann ist sein Wort f\u00fcr uns, wie immer es auch lautet, Verderben und Ende. Und da\u00df zum anderen wir dazu verdammt sind, in geistlicher \u00d6dnis und Gottesfinsternis zu bleiben, wenn nicht Gott selbst uns zu ihm zur\u00fcckwendet. Wir von uns aus und ohne ihn k\u00f6nnen nur zappeln wie eine Fliege am F\u00e4nger.<\/p>\n<p>Vielleicht &#8211; vielleicht sehe ich alles bei uns gar zu d\u00fcster. (Dieser Einwand, ist er begr\u00fcndet, w\u00fcrde mir das Herz leichter machen!) Doch ich bin mir dessen gewi\u00df, da\u00df eines bei uns versch\u00fcttet ist: da\u00df Gott heilig ist, ja, dreimalheilig. W\u00fc\u00dften wir es, vieles was in seinem Namen geschieht, w\u00fcrde weder in seinem Namen noch \u00fcberhaupt geschehen. W\u00fc\u00dften wir es, kirchliche Amtstr\u00e4ger wie akademische Theologen sagten mehr und redeten weniger. W\u00fc\u00dften wir es, Christen h\u00e4tten denen etwas mitzuteilen und zu geben, die in Not sind und die von ihnen um des blo\u00dfen Namens willen, als Christen, von ihnen etwas erwarten oder immerhin erhoffen. Soweit und solange wir nicht wirklich wissen, da\u00df Gott heilig ist, k\u00f6nnen wir dem nicht entgehen, in der Not allgemeiner Wortverwirrungen so irgendwie im Strome zu lavieren. Denn ist Gott nicht heilig unter uns, so kann es keine best\u00e4ndigen tragenden Werte geben.<\/p>\n<p>Die letzten S\u00e4tze unseres Textes stammen mit gro\u00dfer Wahrscheinlichkeit nicht aus Jesajas, sondern aus sp\u00e4terer Hand. Das macht sie f\u00fcr uns besonders wertvoll. Wer sie einf\u00fcgte, tat dies &#8211; gem\u00e4\u00df altem Brauch &#8211; als Best\u00e4tigung und Kommentar: &#8222;Ja, so haben wir es erfahren, so ist&#8217;s gekommen, so hat es Gestalt gewonnen.&#8220; In dieser Erfahrung steckt ein \u00dcberschu\u00df gegen\u00fcber dem Befehl an Jesaja: Gott hat nicht ausrotten lassen, sondern abgeschlagen wie einen gro\u00dfen Baum. Ein Stumpf ist stehen geblieben. Und der soll &#8222;ein heiliger Same&#8220; sein &#8211; ein R\u00e4tselwort, das Hoffnung weckt. Wir wissen, aus dem &#8222;Stumpf Isais&#8220; kam am Ende Jesus Christus. Und wir hoffen, aus dem Sumpf der Kirchent\u00fcmer unserer Zeit m\u00f6ge frisches, kr\u00e4ftiges Gr\u00fcn sprie\u00dfen.<\/p>\n<p>Machbar ist das nicht. Machbar ist nicht einmal, da\u00df wir&#8217;s erfassen. Doch wir k\u00f6nnen es auf uns wirken lassen: Gott ist dreimal heilig. Er ist heilig als der Vater, heilig als der Sohn, heilig als der heilige Geist. Heilig &#8211; er, Gott, vor und \u00fcber allem.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p>[Nachbemerkung:<\/p>\n<p>Die assoziative Verkn\u00fcpfung des dreifachen &#8222;Heilig&#8220; von Jes.6 mit der Trinit\u00e4t ist f\u00fcr uns nicht mehr nachvollziehbar, sondern f\u00fchrt f\u00fcr uns auf die Ebene jenes Witzes, wonach das Eichh\u00f6rnchen auf dem Baum lebt und das Klavier auch aus Holz sei. Es ist darum ein Gebot der Ernsthaftigkeit, jedem einschl\u00e4gigen Anklang zu vermeiden. Das bedeutet, da\u00df hier zu entscheiden ist: Entweder Predigt des Textes oder Themapredigt \u00fcber die Trinit\u00e4t.<\/p>\n<p>In einer ersten Fassung habe ich versucht, beides in einer Predigt unterzubringen. Ich habe diese Predigt verworfen: Sie war \u00fcberladen, und der zu Beginn der zweiten H\u00e4lfte dann eingef\u00fcgte Jesaja-Text heulte das Ganze gleichsam aus. Nun aber kam ich in das Dilemma, dann so oder so Erwartungen entweder mit Blick auf den vorgegebenen Predigttext oder auf den Sonntag des Kirchenjahrs zu entt\u00e4uschen. Darum habe ich mich dazu entschlossen, das zuvor in eine Predigt Zusammengedr\u00e4ngte in zwei Predigten jeweils f\u00fcr sich zu entfalten.<\/p>\n<p>Wer beide Predigten nacheinander liest, mag die Frage haben, wo eigentlich der Prediger selbst stehe; denn beide Predigten sind nicht nur sehr verschieden, sondern stehen auch in Spannung miteinander. Dazu ist zweierlei zu sagen: Als Prediger habe ich dem Text bzw. dem Thema zu folgen, wohin auch immer die mich f\u00fchren. Und: Wo ich stehe, wei\u00df der allein, dessen Hand mich samt meinen Widerspr\u00fcchen und Merkw\u00fcrdigkeiten &#8211; wie ich zuversichtlich bin: umschlie\u00dft.]<\/p>\n<p>Prof. Dr. Klaus Schwarzw\u00e4ller,<\/p>\n<p>FB Theologie der Georg-August-Universit\u00e4t<\/p>\n<p>Platz der G\u00f6ttinger Sieben 2<\/p>\n<p>37073 G\u00f6ttingen<\/p>\n<p>Tel.: 05 51-39 71 50<\/p>\n<p>e-mail: <a href=\"mailto:kschwar1@gwdg.de\">kschwar1@gwdg.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sonntag Trinitatis | 30. Mai 1999 | Jesaja 6 | Klaus Schwarzw\u00e4ller | I. Liebe Gemeinde: &#8222;Von allen Seiten umgibst du mich und h\u00e4ltst deine Hand \u00fcber mir. Solche Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch; ich kann sie nicht begreifen. 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