{"id":21931,"date":"1999-06-17T14:28:14","date_gmt":"1999-06-17T12:28:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21931"},"modified":"2025-03-17T14:31:42","modified_gmt":"2025-03-17T13:31:42","slug":"johannes-539-47-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/johannes-539-47-2\/","title":{"rendered":"Johannes 5,39-47"},"content":{"rendered":"<h3>1. Sonntag nach Trinitatis | 06. Juni 1999 | Johannes 5,39-47 | Rudolf Keller |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>I.<\/p>\n<p>In unserem Schriftwort ist Jesus im Gespr\u00e4ch mit hochreligi\u00f6sen Menschen. Er mu\u00df ihnen nicht erst den Hinweis auf die Bibel geben. Sie suchen schon darin. Die Bibel ist ihnen schon zu einem wichtigen Buch geworden. Wenn sie darin lesen, dann bleibt es nicht nur dabei, da\u00df sie lesen und zur Kenntnis nehmen, was sie da finden. Sie suchen darin. Das ist mehr, als nur einmal hineinzuschauen.<\/p>\n<p>F\u00fcr den religi\u00f6sen Menschen ist es gar nicht selbstverst\u00e4ndlich, zum Buch der Bibel zu greifen. Er hat schlie\u00dflich seine Erfahrung und seine Beobachtung. Mit anderen Menschen, mit der Sch\u00f6pfung, mit der Natur hat er etwas erlebt, was sein religi\u00f6ses Denken formt. Auch der religi\u00f6se Mensch greift nicht ohne weiteres zur Bibel. Und hier sind nun solche, die das tun. Es m\u00fc\u00dfte doch eine hocherfreuliche Begegnung f\u00fcr Jesus gewesen sein. Zur Bibel haben diese Menschen schon gefunden. Sollte man sich also nicht freuen, da\u00df da Menschen auf einem guten Weg sind, auf dem sie das ewige Leben zu finden hoffen? Was w\u00fcrde ich da sagen? Wie w\u00fcrde ich mit der Situation umgehen?<\/p>\n<p>II.<\/p>\n<p>Was Jesus hier tut, ist sehr direkt. man kann es keinesfalls einfach so nachmachen, denn so werden Gespr\u00e4chspartner br\u00fcskiert, die voll sind von guter Absicht. Nicht alles, was Jesus getan hat, ist zur Imitation geeignet. Das hat er auch nie gewollt. Seine direkten Worte sind einmalig und haben etwas Befreiendes. Er, der ins Verborgene sieht, hat erkannt, da\u00df die Menschen, denen er hier begegnet, das ewige Leben aus dem Buch der Bibel suchen. Er mu\u00df hier Kl\u00e4rungen vornehmen. In diesen kl\u00e4renden Worten geht es um mehr als um Rechthaberei. Er \u00f6ffnet die Augen daf\u00fcr, da\u00df die eigene Absicht so nicht an ihr Ziel kommen kann. Eifriges Schriftstudium allein f\u00fchrt noch nicht zum ewigen Leben. Nicht am Bibelbuch entscheidet sich, wem das ewige Leben geschenkt wird. Das ewige Leben h\u00e4ngt an der Person des Jesus von Nazareth selbst. Und das fa\u00dft kein anderer als er selbst hier kl\u00e4rend in Worte. Aus dieser Begegnung wird ein Streitgespr\u00e4ch \u00fcber diesen Jesus, der hier spricht: &#8222;Er kam in sein Eigentum und die Seinen nahmen ihn nicht auf&#8220;, hei\u00dft es von ihm im Prolog zum Johannesevangelium. Das ist die Erfahrung, die Jesus hier sehr direkt und ohne alle Umschweife in der Ich-Form anspricht: &#8222;Ich bin gekommen in meines Vaters Namen, und ihr nehmt mich nicht an.&#8220; Er geht kritisch auf die religi\u00f6se Aufnahmebereitschaft und geistige Interessenlage dieser Menschen ein.<\/p>\n<p>III.<\/p>\n<p>Dieser Jesus von Nazareth kommt nicht aus eigenem Antrieb, sonder im Namen seines Vaters im Himmel. Weil Gott ihn zu uns Menschen gesandt und ihn unser Fleisch annehmen lie\u00df, ist er zu uns gekommen. Es ist nicht der besondere Kulturkreis in seinem Volk, der ihn aus der Menge der anderen Menschen herausstellt. Es ist nicht der Beifall der Menge, der ihn hoch auf ein Podest hebt. Alle diese Vorz\u00fcge, die besondere Menschen haben k\u00f6nnen, hatte er nicht. Er blieb unten bei den Menschen, zu denen er gesandt wurde. Und diese Niedrigkeit machte ihn verwechselbar mit anderen Menschen. Das ist sein Auftrag, mit dem er in die Welt gekommen ist. Mehr hat er nicht. Seine unscheinbare Gestalt ist es, die dazu f\u00fchrt, da\u00df seine Sendung durch den Vater in Frage gestellt wird. Wenn dieser unscheinbare Mann von seiner Einheit mit dem Vater spricht, so kann das als Gottesl\u00e4sterung empfunden werden. So empfanden es wohl viele Juden in seiner Zeit. Solche Kl\u00e4rungen \u00fcber seinen Auftrag, seine Person und sein Tun werden heute immer wieder als dogmatische und lebensferne Aussagen weggewischt, als angeblich f\u00fcr den modernen Menschen nicht von Interesse sind. Wer ihn nicht kennt, kann meinen, da\u00df man auf solche Streitgespr\u00e4che und Kl\u00e4rungen verzichten k\u00f6nnte. Aber dann fehlt die Kl\u00e4rung, die er selbst anbietet und gibt. Wer in Verbindung mit ihm steht, will auch von ihm sagen und singen, wie es viele in der Bibel und in der Kirche getan haben.<\/p>\n<p>Es ist dieser Jesus, der von sich behaupten darf, da\u00df schon im Alten Testament durch Moses von ihm geschrieben wurde. In ihm, in seiner Person, seinem Wirken und seinen Lehren erschlie\u00dft sich der wahre Sinn der heiligen Schriften, in denen Menschen das ewige Heil suchen.<\/p>\n<p>Was wir da h\u00f6ren und erfahren, ist nichts anderes, als der Apostel Paulus einmal formulierte: Diese Botschaft vom gekreuzigten Christus ist &#8222;den Juden ein \u00c4rgernis und den Griechen eine Torheit&#8220;. Gerade darin liegt jedoch die besondere Kraft, die sich in Jesus Christus zeigt. Gerade darin liegt die Quelle, die sich im Glauben an ihn erschlie\u00dft, die schon hier erfahrbar wird, die aber erst im ewigen Leben zur wirklichen Vollendung kommt.<\/p>\n<p>IV.<\/p>\n<p>Unser Glaube braucht Gewi\u00dfheit dar\u00fcber, an wen er sich h\u00e4lt. Wie wird im Leben ein Mensch sich einem anderen Menschen anschlie\u00dfen, \u00fcber den er nicht notwendige, vertrauensbegr\u00fcndende und tragf\u00e4hige Informationen hat? Deshalb ist es gut, da\u00df Jesus selbst eventuellen Fragen zuvorkommt und dadurch ausdr\u00fccklich kl\u00e4ren kann, in wessen Namen er hier auftritt und handelt. Er ist mehr als einer, der nur zu einigen Podiumsgespr\u00e4chen kommt und sich sonst zur\u00fcckzieht. Er ist vor keinem Leiden zur\u00fcckgeschreckt, denn er wu\u00dfte, welchen Weg er im Gehorsam gegen den Vater zu gehen hatte. Er war seines Weges und seines Auftrags ganz gewi\u00df. Nur deshalb konnte er so frei sein vom Urteil der Menschen. Nur deshalb war er so frei gegen\u00fcber dem Alten Testament und allen Schriften der Juden in seiner Zeit. Hier liegt aber auch der Grund daf\u00fcr, da\u00df er den ihm aufgetragenen Weg bis zum bitteren Ende gehen konnte, auch darin voller Mi\u00dfverst\u00e4ndlichkeit und Anfechtbarkeit. Er, der anderen Menschen so kraftvoll zu helfen gewu\u00dft hat, konnte und wollte sein eigenes Kreuz nicht von sich absch\u00fctteln. Er war gehorsam bis zum Tod am Kreuz und hat darin den Weg f\u00fcr die Menschen zum ewigen Leben freigemacht. Er hat meinen Weg zum ewigen Leben ge\u00f6ffnet und freigegeben.<\/p>\n<p>Hinter ihm steht Gott selbst, der ihn gesandt hat, der ihm die Vollmacht gab f\u00fcr diesen Weg, auf dem er die ganze Christenheit zu Gott heimbringt. Was er da vertritt, ist mehr als seine Idee. Er kommt im Auftrag des g\u00f6ttlichen Vaters im Himmel. Wir brauchen einen verl\u00e4\u00dflich autorisierten Zeugen, \u00fcber dessen Auftrag wir nicht im Zweifel sind. Jesu Gespr\u00e4chspartner suchten in dieser Richtung. Deshalb hielten sie sich an die heiligen Schriften des Alten Testaments. Sie suchten autorisierte Urkunden, um daraus das N\u00f6tige zu verstehen. Er aber sieht auf einen Blick, was hier vorgeht, und er nennt es beim Namen: &#8222;Wenn ihr Mose glaubtet, so glaubtet ihr auch mir, denn er hat von mir geschrieben.&#8220; Er entlarvt ihre Herzenshaltung sehr direkt und an der Wurzel.<\/p>\n<p>V.<\/p>\n<p>Wir diskutieren heute oft dar\u00fcber, ob wir Christen j\u00fcdischen Zeitgenossen dies Schriftverst\u00e4ndnis und diese Interpretation der Moseb\u00fccher zumuten d\u00fcrfen. &#8222;Darf man nach dem Holocaust noch so argumentieren?&#8220; wird gefragt. Unser Text und sein Bild von Jesus und seiner Deutung der Bibel vor dem Hintergrund der Frage nach dem ewigen Leben liegt da wie ein schwerer Brocken im Weg. Wie kann man mit diesem Jesus denn zurechtkommen? M\u00fc\u00dfte er sich bei seinen H\u00f6rern von damals erst entschuldigen? Dann k\u00f6nnten wir uns mit der Sache leichter tun. Ist das wirklich eine \u00dcberlieferung am Rande der Botschaft Jesu?<\/p>\n<p>Der Respekt vor der Religion des Volkes Israel gebietet uns, da\u00df wir nicht schnell lospoltern sollten, etwa gar unter Beanspruchung des Namens Jesu. Der Reichtum der israelitischen Religion kann sich uns an vielen Stellen erschlie\u00dfen. Jesus hat andererseits sein eigenes Volk nicht sich selbst \u00fcberlassen und von seiner Verk\u00fcndigung ausgeschlossen. Die ganzheitliche Liebe zu seinem Volk macht an der Glaubensfrage nicht halt, sondern er umgreift die Glaubensfrage als den Zugang zum innersten Kern des menschlichen Selbstverst\u00e4ndnisses.<\/p>\n<p>Wir diskutieren weit weniger dar\u00fcber, ob wir Christen denen, die sich von Glauben abgewandt haben, schweigend zusehen sollen. K\u00f6nnen wir ihnen diesen Jesus von Nazareth wirklich noch zumuten? Gebietet es nicht der Respekt vor menschlichen freien Entscheidungen, da\u00df wir uns da nicht einmischen? Das Evangelium des heutigen Sonntags spricht hier noch deutlicher als unser Predigttext. Mose und die Propheten zeigen den Weg zu Christus, wenn man sie recht versteht. Im Evangelium des heutigen Tages w\u00fcnscht der reiche Mann f\u00fcr seine Br\u00fcder eine au\u00dfergew\u00f6hnliche Belehrung und einen besonderen Ruf zur Bu\u00dfe, damit sie vorbereitet seien f\u00fcr das Gericht und die Trennung zwischen Himmel und H\u00f6lle am Ende der Tage. Abraham im Himmel weist jedoch auf diese Beschr\u00e4nkung hin und sagt: &#8222;H\u00f6ren sie Mose und die Propheten nicht, so werden sie sich auch nicht \u00fcberzeugen lassen, wenn jemand von den Toten auferst\u00fcnde.&#8220; Das Wort des lebendigen Gottes, wie es uns in den Schriften des Alten und Neuen Testaments \u00fcberliefert ist, enth\u00e4lt alles, was wir wissen sollen.<\/p>\n<p>VI.<\/p>\n<p>Mit seinem Ruf zu den Schriften der Bibel will Jesus uns die Augen und das Herz \u00f6ffnen, da\u00df wir erkennen, was sie uns sagen soll. Der Herr hat uns den Weg zum ewigen Leben freigemacht und uns die T\u00fcr ge\u00f6ffnet, die einmal verschlossen war.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren t\u00e4glich von Krieg und von vielf\u00e4ltigem Ungl\u00fcck und von Krankheit. Uns f\u00e4llt es schwer, alle Ph\u00e4nomene in unserer ganz pers\u00f6nlichen und in der politischen Geschichte zu verstehen. Die Begegnung mit Jesus gibt uns die Langzeitperspektive auf unserem Weg mit ihm. Frei von allem Sich-behaupten-M\u00fcssen erlaubt er uns die Bitte: &#8222;Weise mir, Herr, deinen Weg, da\u00df ich wandle in deiner Wahrheit&#8220;. Da \u00f6ffnet er uns den Blick, da\u00df wir ihn und die Schriften verstehen und erkennen und so den Weg zum ewigen Leben trotz aller brennenden Fragen unserer Zeit nicht aus dem Auge verlieren.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Pfarrer Dr. theol. habil. Rudolf Keller<\/p>\n<p>Fliederstra\u00dfe 12<\/p>\n<p>91564 Neuendsettelsau<\/p>\n<p>Tel.: 09874 \/ 66646<\/p>\n<p>Fax: 09874 \/ 1315<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Sonntag nach Trinitatis | 06. Juni 1999 | Johannes 5,39-47 | Rudolf Keller | Liebe Gemeinde! I. In unserem Schriftwort ist Jesus im Gespr\u00e4ch mit hochreligi\u00f6sen Menschen. Er mu\u00df ihnen nicht erst den Hinweis auf die Bibel geben. Sie suchen schon darin. Die Bibel ist ihnen schon zu einem wichtigen Buch geworden. 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