{"id":21935,"date":"1999-06-17T14:34:37","date_gmt":"1999-06-17T12:34:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21935"},"modified":"2025-03-17T14:38:32","modified_gmt":"2025-03-17T13:38:32","slug":"matthaeus-513-610-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/matthaeus-513-610-2\/","title":{"rendered":"Matth\u00e4us 5,13; 6,10"},"content":{"rendered":"<h3>3. Sonntag nach Trinitatis | 20. Juni 1999 | Mt 5,13; 6,10 | Rudolf Rengstorf |<\/h3>\n<p>Predigt im open-air-Gottesdienst zum Altstadtfest am 20.06.1999 in Stade<\/p>\n<p>Text: Die Anfangs- und Schlu\u00dfworte des 28. Kirchentags: Ihr seid das Salz der Erde (Matth. 5,13) Dein Reich komme (Matth. 6,10)<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Von einem Fest zum andern.<\/p>\n<p>Gestern war ich noch in Stuttgart auf dem Messegel\u00e4nde. In den Hallen fr\u00f6hlich singende Menschen in sommerlich bunter Freizeitkleidung. Die meisten von ihnen Jugendliche, die Wei\u00dfhaarigen aber nicht abseits, sondern voll dazwischen. Konzentriertes Zuh\u00f6ren, unterbrochen von Lachen und Beifall. Auf den Pl\u00e4tzen und in den Kirchen der Stadt Musik und Tanz, Theater und Kabarett und unbefangenes Bekennen zu dem, was sonst aus der \u00d6ffentlichkeit verdr\u00e4ngt wird. Und alles unter dem Motto: &#8222;Ihr seid das Salz der Erde!&#8220; Das gro\u00dfe Fest der Kirche: fr\u00f6hlich \u2013 politisch \u2013 fromm.<\/p>\n<p>Und heute vormittag bin ich in Stade \u2013 auf einem der Schaupl\u00e4tze des Altstadtfestes. Nach der langen Nacht des Feierns ist es noch ruhig in den Stra\u00dfen von Stade. Die letzte Runde unseres Festes ist zwar von den Glocken von St. Cosmae und St. Wilhadi eingel\u00e4utet, doch erst nach dem Gottesdienst werden die St\u00e4nde wieder \u00f6ffnen, die Zapfh\u00e4hne f\u00fcr den Fr\u00fchschoppen aufgedreht und die Stra\u00dfenmusikanten sich h\u00f6ren lassen. Ein Fest, bei dem die Kirche nicht den Ton angibt, zu dem sie aber ihren Ton beitragen darf. Und auch hier gilt die Feststellung: &#8222;Ihr seid das Salz der Erde!&#8220;<\/p>\n<p>Denn dieser Satz ist nicht f\u00fcr den Kirchentag erfunden worden. Etwa aus dem Gef\u00fchl heraus: Was an der Kirche dran ist, wieviel Schwung, Leben, Phantasie sie zu mobilisieren vermag \u2013 das zeigt sich auf dem Kirchen- und genauso auch auf dem Katholikentag. So wichtig diese gro\u00dfen bunten Treffen auch sind, so sehr m\u00fcssen sie sich vor Selbst\u00fcbersch\u00e4tzung h\u00fcten. Salz der Erde sein \u2013 also das, was dem Leben W\u00fcrze verleiht und Geschmack \u2013 das k\u00f6nnen Kirchen- und Katholikentage wohl f\u00fcr die Stadt leisten, in der sie stattfinden, wie auch f\u00fcr die Zehntausenden von Teilnehmern \u2013 aber doch kaum mehr als eine Woche lang. Denn dann steht wieder anderes auf dem Programm, und der Geschmack dieser besonderen Tage wird schw\u00e4cher und von anderem \u00fcberlagert, zumal er sich denen, die nicht dabei waren, nur schwer vermitteln l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Nein, die Feststellung &#8222;Ihr seid das Salz der Erde&#8220; meint nicht das besondere Erlebnis gro\u00dfer Kirchenfeste. Es ist von Anfang an auf ganz allt\u00e4gliche Menschen gem\u00fcnzt. In der Bergpredigt steht es. Jesus spricht seine J\u00fcngerinnen und J\u00fcnger so an. Und mit ihnen alle, die sich von ihm etwas sagen lassen und sich nach ihm richten m\u00f6chten: Ihr seid das Salz der Erde \u2013 ob auf dem Kirchentag in Stuttgart oder beim Gottesdienst in Stade.<\/p>\n<p>Aber nun stellt sich erst recht die Frage: Was ist an uns schon dran, das es rechtfertigen k\u00f6nnte, uns mit einem der wichtigsten Lebens-, ja Genu\u00dfmittel zu vergleichen! Gemeint ist nicht das Salz, das man heute f\u00fcr ein paar Pfennige kaufen kann. Gemeint ist das Salz, das so kostbar war, da\u00df in unserer Stadt ein Tor, ein Wall, eine Stra\u00dfe und eine ganze Vorstadt nach ihm benannt wurde. Weil dort die H\u00e4ndler einzogen mit dem Stoff, der Abwechslung ins Leben brachte, weil er die Geschmacksnerven weckte. Und nicht nur das. Salz macht auch haltbar, war das einzige Konservierungsmittel damals. Ihm war es zu verdanken, da\u00df man sich neben Kraut und Brot auch mal ein St\u00fcck Fleisch oder Fisch g\u00f6nnen konnte. Also: Christen als Leute, die daf\u00fcr sorgen, da\u00df uns die Freude am Leben erhalten bleibt? Sicher eine faszinierende Vorstellung. Doch wenn wir selber in den Blick kommen, dann weicht die Faszination einer gewissen Ern\u00fcchterung. Gewi\u00df haben wir keinen Grund, uns zu verstecken oder st\u00e4ndig um Entschuldigung daf\u00fcr zu bitten, da\u00df wir da sind. Aber ebensowenig k\u00f6nnen wir behaupten, hier w\u00e4ren die Wonne- und Freudeproppen unserer Stadt versammelt. Da ist genug, womit wir als Einzelpersonen unsere Mitmenschen \u00e4rgern und auf die Palme bringen. Und was wir als Gemeinden tun, l\u00f6st auch nicht immer nur Freude und Begeisterung aus.<\/p>\n<p>Das war bei den J\u00fcngerinnen und J\u00fcngern Jesu damals nicht anders. Oft genug standen sie ihm im Weg<\/p>\n<ul>\n<li>mit ihrer eilfertigen Grunds\u00e4tzlichkeit \u2013 denken Sie an die M\u00fctter mit den Kindern, die von Jesus wegzutreiben sie drauf und dran waren<\/li>\n<li>mit ihrer Borniertheit, die nichts wissen wollte von dem Jesus, der Gott im Leiden und in den Tiefen des Lebens zu bezeugen gekommen war<\/li>\n<li>mit ihrer Verschlafenheit, die keine St\u00f6rung wollte und ihrer Feigheit, die das Risiko scheute-<\/li>\n<\/ul>\n<p>alles, was Christen unglaubw\u00fcrdig macht \u2013 alles schon dagewesen von Anfang an.<\/p>\n<p>Nun gibt es Leute, die sagen: Nach au\u00dfen hin haben wir Christen in der Tat nichts Besonderes vorzuweisen. Entscheidend ist aber, was sich in ihrem Inneren zeigt, nach der Melodie: Es gl\u00e4nzet der Christen inwendiges Leben. Doch da mu\u00df ich immer an T\u00fcnnes und Scheel denken. Fragt der T\u00fcnnes den Scheel: &#8222;Was machst du nur f\u00fcr\u2019n bedr\u00f6ppeltes Gesicht. Was ist denn?&#8220; \u2013 &#8222;Sieht alles so ziemlich mau aus bei mir&#8220;, sagt Scheel. Darauf T\u00fcnnes: &#8222;Scheel, dann geh in dich!&#8220; \u2013 &#8222;Och&#8220;, meint Scheel, &#8222;da ist auch nicht viel los!&#8220;<\/p>\n<p>Zu solchen Leuten sagt Jesus: Ihr seid das Salz der Erde! Verst\u00e4ndlich wird das erst, wenn wir auf das Bibelwort achten, das \u00fcber dem Ende des Kirchentages steht: Dein Reich komme!<\/p>\n<p>Was uns zum Salz der Erde macht, ist nicht, da\u00df wir etwas Besonderes vorzuweisen h\u00e4tten und auch nicht, da\u00df wir \u00fcber eindrucksvolle innere Qualit\u00e4ten verf\u00fcgten. Was uns zum Salz der Erde macht, ist dies, da\u00df wir Gott um das Kommen seines Reiches bitten. Uns \u00f6ffnen daf\u00fcr, da\u00df Gottes Reich auf uns zukommt. Eine Bitte, die quersteht zu dem, was nach menschlichem Ermessen \u00fcber die Zukunft gesagt werden kann. Nicht weil da alles rabenschwarz aussieht und der Untergang programmiert ist. Die Tage in Stuttgart haben gezeigt, da\u00df wir bei allen Gefahren immer noch gute Chancen haben f\u00fcr die Bewahrung der Sch\u00f6pfung und der Menschen. Alles wird davon abh\u00e4ngen, ob wir lern- und anpassungsf\u00e4hig genug sind, die technischen M\u00f6glichkeiten natur- und menschendienlich zu nutzen und im Streit der Interessen kompromi\u00dff\u00e4hige L\u00f6sungen zu finden. Theoretisch ist das m\u00f6glich. Aber ob wir das praktisch hinkriegen, ein &#8222;Wir&#8220; zu werden \u2013 die Menschheit ein Subjekt, das seine Verantwortung f\u00fcr die ihm anvertraute Sch\u00f6pfung zielgerichtet wahrnimmt \u2013 das ist v\u00f6llig ungewi\u00df.<\/p>\n<p>Gewi\u00df ist freilich, da\u00df der Mensch in der Sch\u00f6pfungsgeschichte dazu von Gott beauftragt ist. Auch wenn wir \u00fcber St\u00fcckwerk nie hinauskommen und nicht zurechtkommen mit den Widerspr\u00fcchen zwischen dem, was wir an sich wollen, und dem, wozu wir uns faktisch gezwungen sehen. Wer zum Beispiel will nicht, da\u00df alle Menschen zu ihrem Recht kommen? Und wer unterst\u00fctzt durch sein Einkaufsverhalten nicht gleichzeitig ein Wirtschaftssystem, das faktisch auf der gewissenlosen Ausbeutung der dritten Welt basiert?<\/p>\n<p>&#8222;Dein Reich komme&#8220; \u2013 diese Bitte blickt hinaus \u00fcber das, was Menschen tun m\u00fcssen und \u2013 bestenfalls \u2013 nur st\u00fcckweise hinbekommen. Sie bringt zur Geltung: Die gute Ordnung f\u00fcr Natur und Gesellschaft h\u00e4ngt nicht daran, da\u00df der Mensch sie seinem Auftrag gem\u00e4\u00df tats\u00e4chlich auch zustandebringt. Das w\u00fcrde sie auf den St. Nimmerleinstag schieben. Die gute heilsame Ordnung, auf die wir angelegt sind, sie kommt von Gott. Gerade in einer Zeit, die dazu neigt, Gott auf die Seele zu beschr\u00e4nken, ihn als die Kraft zu verehren, die nur in Versenkung und Meditation zu erfahren ist, kommt mit der Bitte &#8222;Dein Reich komme&#8220; Salz in die Suppe des Lebens: Gott liegt die Welt, mit der wir mit Leib und Seele, Haut und Haaren verbunden sind, am Herzen.<\/p>\n<p>Eine gute und heile Welt, sie kommt auf uns zu. Und auf sie mu\u00df man nicht tatenlos warten und dabei auf dumme Gedanken kommen wie den, ob das nicht nur eine sch\u00f6ne Illusion ist. Sie kommt schon darin, da\u00df wir f\u00fcr sie bitten k\u00f6nnen genauso wie f\u00fcr das t\u00e4gliche Brot. Gottes Reich kommt schon damit, da\u00df ganz gew\u00f6hnliche Menschen wie wir nach einer Welt fragen, um eine Welt bitten, in der es nicht nach unserem Kopf und unserem Belieben geht, sondern um den Namen und den Willen dessen, den wir als Sch\u00f6pfer, als Vater und Mutter des Lebens mit allen Menschen gemeinsam haben. Die Bitte um Gottes Reich vertieft unsere Liebe zum Leben und widersteht der Resignation.<\/p>\n<p>Ihr seid das Salz der Erde, weil ihr hinausblickt \u00fcber das, was Zukunftsforscher f\u00fcr diese Erde voraussagen und Wahrsager prophezeien, weil ihr bleibt bei dem, was Gott euch anvertraut hat, mit der Bitte: Dein Reich komme!<\/p>\n<hr \/>\n<p>Superintendent Rudolf Rengstorf<\/p>\n<p>Ritterstra\u00dfe 15<\/p>\n<p>21682 Stade<\/p>\n<p>Tel. 04141 \/ 3311<\/p>\n<p>Fax: 04141 \/ 45510<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>3. Sonntag nach Trinitatis | 20. 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