{"id":21969,"date":"2001-09-17T15:32:07","date_gmt":"2001-09-17T13:32:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21969"},"modified":"2025-03-17T15:42:43","modified_gmt":"2025-03-17T14:42:43","slug":"vorsicht-zerbrechlich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/vorsicht-zerbrechlich\/","title":{"rendered":"Vorsicht, zerbrechlich!"},"content":{"rendered":"<h3>Vorsicht, zerbrechlich! | Schulgottedienst zum Bu\u00df- und Bettag 2001 | Heiko Lamprecht\/Hans-Georg Babke |<\/h3>\n<p><strong>Eingangsmusik<\/strong><\/p>\n<p><strong>Begr\u00fc\u00dfung<\/strong><\/p>\n<p><strong>Lied<\/strong><\/p>\n<p><strong>Anspiel:<\/strong><\/p>\n<p>Eine Gruppe von vier Personen steht zusammen und begutachtet die selbst hergestellten Tonarbeiten.<\/p>\n<p>Person 1: Leute, da ist mir wirklich `was gelungen in der Therapie, ich bin echt stolz auf mich. Trotz allem Mist, den ich in der letzten Zeit erlebt habe. Schau mal, hast du schon jemals solch ein Windlichthaus gesehen? Hab ich eigenh\u00e4ndig geschaffen. Endlich zeigt es sich: Ich kann doch was. Ich bin was.<\/p>\n<p>(betrachtet das Kunstwerk von allen Seiten. Dann, ganz nachdenklich:)<\/p>\n<p>Wenn ich mir das angucke, sehe ich, was in mir steckt.<\/p>\n<p>Person 2: Und mein Kunstwerk! Na&#8230;! Damit kann man sich doch wohl sehen lassen. K\u00f6nnte ich glatt verkaufen. Tolle Idee, `was Praktisches zu machen. Schaut mal, ich kann mich doch sehen lassen. Oder?<\/p>\n<p>(W\u00e4hrend der Gegenstand gezeigt wird, st\u00f6\u00dft eine\/r der Vier den Gegenstand aus der Hand und l\u00e4uft weg und versteckt sich hinter dem Altar. Erschreckt ringen die Verbleibenden um Worte.)<\/p>\n<p>Person 1: Haltet ihn. Der muss bestraft werden. Ganz klar, das war Absicht.<\/p>\n<p>Person 3: Der will dich fertig machen.<\/p>\n<p>(Alle drei beugen sich auf den Boden und heben die Scherben auf. W\u00e4hrenddessen geht das Gespr\u00e4ch weiter.)<\/p>\n<p>Person 2: Person 3: Uns will er fertig machen. Weil er neidisch ist und sein Kunstwerk j\u00e4mmerlich. Stimmt. Das soll er b\u00fc\u00dfen. Das bleibt nicht ungestraft. Wir m\u00fcssen uns r\u00e4chen. Sonst denkt er, wir sind Weicheier.<\/p>\n<p>Moderator: Moderator geht ins Bild (das eingefroren wird, dh. Sch\u00fcler verbleiben in der Haltung, in der sie sich zum Eintritt des M. befinden.)<\/p>\n<p>Ein Scherbenhaufen. Und drei erschreckte, w\u00fctende, aufgew\u00fchlte Leute. Eine Momentaufnahme. Was passiert in den K\u00f6pfen, in den Herzen der drei? Wie geht es wohl weiter?<\/p>\n<p>Sicher habt ihr eure Gedanken und Vorschl\u00e4ge, was nun zu tun sei. Lasst uns einmal h\u00f6ren, was die Personen aus der Szene denken.<\/p>\n<p>Moderator winkt Sch\u00fcler 1 zu sich.<\/p>\n<p>Moderator: Dein Kunstwerk ist zerst\u00f6rt.<\/p>\n<p>Person 1: Ja, und das hat Folgen. Das gibt Zoff. Den erwisch ich und dann wird er schon sehen, was er davon hat. Das vergisst der nie.<\/p>\n<p>Moderator: Das l\u00e4sst dein Kunstwerk nicht wieder heil werden.<\/p>\n<p>Person 1: Aber ich lass das nicht auf sich beruhen. Noch einmal passiert das nicht. Das wird ihm eine Lehre sein. Ich hatte das definitive Kunstwerk gemacht. So etwas schafft nicht jeder.<\/p>\n<p>Moderator: Rache l\u00f6st das Problem auch nicht.<\/p>\n<p>Person 1: Soll ich mich von dem fertig machen lassen? \u2013 Der wollte uns gezielt treffen. Wir haben uns gefreut, hatten Grund stolz auf uns zu sein \u2013 im Gegensatz zu ihm.<\/p>\n<p>Moderator: Und das ist ihm gelungen, oder?<\/p>\n<p><strong>Lied<\/strong><\/p>\n<p><strong>Ansprache:<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Sch\u00fclerinnen und Sch\u00fcler,<\/p>\n<p>liebe Kolleginnen und Kollegen!<\/p>\n<p>Eine T\u00f6pferarbeit ist zu Bruch gegangen. Aber ganz offensichtlich nicht nur eine T\u00f6pferarbeit. Mit ihr ist anderes zu Bruch gegangen. Das neue Selbstwertgef\u00fchl des Jugendlichen. Der Stolz auf sich selbst. Der Gegenstand, von ihm selbst gemacht, dr\u00fcckte aus, was er konnte. Und was er konnte, das war er. Und mit einem Male brach alles zusammen. Seine Selbstsicherheit war in Frage gestellt. Das, was er sich m\u00fchsam aufgebaut hatte, erwies sich mit einem Schlage als zerbrechlich und fragil. So zerbrechlich wie die Tonarbeit. Durch einen einzigen Anschlag war mit einem Male alles zerbrochen.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich habt ihr die Anspielung sofort verstanden. \u00c4hnlich ist es ja auch den meisten von uns ergangen. Durch den Terroranschlag in Amerika. Mit den vielen Tausend Toten . Das hat in uns ja auch Entsetzen und Erschrecken ausgel\u00f6st. Und vermutlich nicht nur die vielen Toten die Ursache. Die vielen anderen Toten in den B\u00fcrgerkriegsgebieten dieser Welt ber\u00fchren uns in der Regel auch nicht sonderlich. Auch wenn nat\u00fcrlich jedes einzelne Leben einen unvergleichlichen Wert hat. Und absolut nichts die Vernichtung solch wertvollen, von Gott geschenkten Lebens rechtfertigen kann. Und wahrscheinlich sind wir auch nicht so sehr entsetzt dar\u00fcber, dass zwei Hochh\u00e4user zu einem Schutt- und Scherbenhaufen zusammen gesackt sind und ein weiteres besch\u00e4digt wurde.<\/p>\n<p>Wir sind wohl vielmehr deshalb so entsetzt, weil diese H\u00e4user f\u00fcr etwas anderes stehen, Symbole sind, die auf etwas dahinter Liegendes verweisen. Ausdruck unseres Lebensstils, unserer wirtschaftlichen und politischen Ordnung. Symbole f\u00fcr unsere Sicherheit, die diese Ordnungen uns garantierten, f\u00fcr die Sicherheit, in der wir uns wiegten. Und jetzt ist alles anders. Das, was so stabil und unumst\u00f6\u00dflich zu sein schien, der Lebensstil, in dem wir uns eingerichtet hatten, das alles erscheint nun h\u00f6chst anf\u00e4llig. Wie waren wir froh, dass ein Flugzeugabsturz mit \u00fcber zweihundert Toten nur ein Ungl\u00fcck war.<\/p>\n<p>Der Anschlag l\u00e4sst uns ahnen: Das, was Menschen aufgebaut haben und das wir geneigt sind, auch mit Waffengewalt zu verteidigen, ist zerbrechlich, ist durch ein einziges Ereignis aus dem Gleichgewicht geraten. Wir sind aus dem Gleichgewicht geraten.<\/p>\n<p>Woran liegt das wohl? \u2013 Vielleicht auch daran, dass wir uns zu sehr auf Verg\u00e4ngliches verlassen. Auf das Werk von Menschen. Auf uns selbst und unsere Leistungskraft. Kannst du was, dann hast du was, dann bist du was. So lautet in der Regel unsere Lebensdevise. Martin Luther hat einmal gesagt: \u201eWoran du nun dein Herz h\u00e4ngst, das ist dein Gott.\u201c Und vielleicht h\u00e4ngt unser Entsetzen ja genau damit zusammen, dass wir unser Selbstwertgef\u00fchl und unsere Selbstsicherheit von dem her beziehen, woran wir unser Herz h\u00e4ngen. An Dinge und Gegenst\u00e4nde, die uns wichtig sind. An zerbrechliche, fragile G\u00f6tter. Und mit der sichtbar gewordenen Zerbrechlichkeit unserer G\u00f6tter steigt die Ahnung von der eigenen Zerbrechlichkeit in uns auf. Wirtschaftliche Wohlstandsverh\u00e4ltnisse, unser Lebensstil \u2013 die tragen nicht. \u201eDu Narr!\u201c, sagt Gott in dem Gleichnis Jesu vom reichen Kornbauern, der sich von seiner rastlosen Sorge um die Sicherung seines Lebens durch seine Arbeit, seine Ernte und seinen Reichtum befreit w\u00e4hnt. \u201eDu Narr!. Diese Nacht wird man deine Seele von dir fordern, und wem wird dann geh\u00f6ren, was du angeh\u00e4uft hast?\u201c<\/p>\n<p>Zeigt sich nicht auch in unserem \u00fcbergro\u00dfen Erschrecken durch gerade diesen Anschlag, dass auch wir solche Narren sind? Narren, weil wir uns auf das verlassen, wof\u00fcr die zerst\u00f6rten Handelsgeb\u00e4ude in New York stehen?<\/p>\n<p>Ich habe dagegen andere Menschen vor Augen. Menschen, die nicht daran zerbrochen sind, dass ihr eigenes Leben bedroht und in Gefahr war.<\/p>\n<p>Da ist zum Beispiel Paulus, ein Mann aus der Bibel, der trotz mehrerer Anschl\u00e4ge auf sein Leben sagen konnte: \u201eIch bin gewiss, dass weder Tod noch Leben, weder Engel, M\u00e4chte noch Gewalten, weder Gegenw\u00e4rtiges noch Zuk\u00fcnftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur uns scheiden kann von der Liebe Gottes.\u201c<\/p>\n<p>Ganz offensichtlich hat der einen ganz anderen, einen festen Grund unter seinen F\u00fc\u00dfen gefunden, der nicht zerbrechlich ist. Einen Grund, der uns Menschen durch alle Erfahrungen hindurch tr\u00e4gt und uns in allen \u00c4ngsten helfen kann.<\/p>\n<p>Und da ist Dietrich Bonhoeffer, ein Widerstandsk\u00e4mpfer gegen den nationalsozialistischen Unrechtsstaat, der gesagt hat:<\/p>\n<p><em>Von guten M\u00e4chten wunderbar geborgen,<\/em><\/p>\n<p><em>erwarten wir getrost, was kommen mag.<\/em><\/p>\n<p><em>Gott ist mit uns am Abend und am Morgen<\/em><\/p>\n<p><em>und ganz gewi\u00df an jedem neuen Tag.<\/em><\/p>\n<p>Der Mann, der diese Worte aufgeschrieben hat, hat sie an keinem besonders fr\u00f6hlichen Ort verfasst. Er sitzt in einer Zelle im Gef\u00e4ngnis an jenem Silvesterabend 1944. Und seine Lage ist nicht besonders aussichtsreich. Und trotzdem sagt er auf seine Weise: Auf diese Grundlage baue ich, was immer auch kommt. Nichts kann mich fertig machen, weil mein Gottvertrauen unzerbrechlich ist. Auf Gott verlasse ich mich, auch in diesen schweren Tagen, in denen vieles zerbricht, ja, sogar mein Leben bedroht ist.<\/p>\n<p>Seine Worte haben vielen Menschen Mut gemacht. Gerade auch Menschen, die vor Scherbenhaufen standen und traurig, w\u00fctend, entt\u00e4uscht waren. Und er hat sie daran erinnert, dass es eine gute Grundlage gibt, auf der wir stehen. Die Liebe Gottes ist unzerbrechlich.<\/p>\n<p>M\u00f6ge das Entsetzen, das die Schutt- und Scherbenhaufen in uns ausgel\u00f6st haben, ein heilsames Entsetzen sein. Heilsam insofern, dass wir keine Narren bleiben, sondern uns auf den Gott besinnen und auf ihn unser Vertrauen setzen, der nicht von Menschenhand gemacht ist und der unser fester Grund sein kann. Der Gott der Liebe, der uns gerade dann stark macht, wenn wir von uns aus schwach sind.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<p><strong>Lied<\/strong><\/p>\n<p><strong>Gebet<\/strong><\/p>\n<p><strong>Segen<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Vorsicht, zerbrechlich! | Schulgottedienst zum Bu\u00df- und Bettag 2001 | Heiko Lamprecht\/Hans-Georg Babke | Eingangsmusik Begr\u00fc\u00dfung Lied Anspiel: Eine Gruppe von vier Personen steht zusammen und begutachtet die selbst hergestellten Tonarbeiten. Person 1: Leute, da ist mir wirklich `was gelungen in der Therapie, ich bin echt stolz auf mich. 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