{"id":21971,"date":"2001-01-17T15:44:10","date_gmt":"2001-01-17T14:44:10","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21971"},"modified":"2025-03-17T15:46:15","modified_gmt":"2025-03-17T14:46:15","slug":"mt-2323-28","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/mt-2323-28\/","title":{"rendered":"Mt 23,23-28"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Den Blick \u00f6ffnen&#8220; | Mt 23,23-28 | Wolfgang Steck |<\/h3>\n<p>Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220;<\/p>\n<p><strong>Begr\u00fc\u00dfung zur Predigtreihe<\/strong><\/p>\n<p>\u201aWenn du fromm bist, dann kannst du den Blick frei erheben.\u2018 Mit diesem Wort aus der uralten Geschichte von Kain und Abel begr\u00fc\u00dfe ich Sie alle zu unserem 1. Universit\u00e4tsgottesdienst in diesem Semester.<\/p>\n<p>\u201aFacetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit\u2018 \u2013 so lautet diesmal das Thema unserer Gottesdienstreihe. In 7 Gottesdiensten werden wir das Album der Fr\u00f6mmigkeit durchbl\u00e4ttern, Seite f\u00fcr Seite. Jedesmal wird uns die im Alltag gelebte Fr\u00f6mmigkeit in einer anderen Gestalt begegnen. Zuerst nehmen wir die Relflexionsfr\u00f6mmigkeit in den Blick, den religi\u00f6sen Wissensdurst, der uns dazu dr\u00e4ngt, den R\u00e4tseln des Lebens auf die Spur zu kommen und \u201adie Welt zu ergr\u00fcnden\u2018. Dann wenden wir uns der pers\u00f6nlichsten aller Fr\u00f6mmigkeitspraktiken zu, dem intimen Zwiegespr\u00e4ch, in dem miteinander vertraute Menschen einander \u201adas Herz aussch\u00fctten\u2018. In der Adventszeit konzentrieren wir den Blick zuerst auf die meditative und dann auf die festlich gestimmte Fr\u00f6mmigkeit: \u201aIn sich gehen\u2018 und \u201aSich verzaubern lassen\u2018. Im neuen Jahr werden wir dann die Tatfr\u00f6mmigkeit betrachten, die den Lauf der Welt nicht sich selbst \u00fcberl\u00e4\u00dft, und die rituelle Fr\u00f6mmigkeit, die den Ablauf des Alltags regelt: \u201aIn Angriff nehmen\u2018 und \u201aIn Ordnung bringen\u2018. Jede und jeder von uns wird sich im Panorama der Fr\u00f6mmigkeitsstile wiederfinden, die eine hier, der andere dort. Vielleicht entdecken wir bei der Betrachtung der Fr\u00f6mmigkeitsgalerie aber auch, wie sich die Formen alltagspraktischer Spiritualit\u00e4t miteinander vermischen. Am Ende entsteht dann ein neues, ein pers\u00f6nlich get\u00f6ntes Bild individueller Fr\u00f6mmigkeit, selbst entworfen und selbst koloriert.<\/p>\n<p>Heute schlagen wir das Titelblatt unseres Fr\u00f6mmigkeitsalbums auf, die Fr\u00f6mmigkeit des freien Blicks oder: Fr\u00f6mmigkeit als Lebensoptik. Fromm zu sein ist nicht jedermanns Sache, jedenfalls dann nicht, wenn wir an eine bestimmte Sorte von Frommen denken, an die Fr\u00f6mmler, die sonntags mit gesenktem Blick zur Kirche gehen und werktags mit Scheuklappen durch die Welt stolpern &#8211; so als w\u00fcrde einem die Fr\u00f6mmigkeit die Aussicht auf die Wirklichkeit verstellen und einen vom wirklichen Leben fernhalten. Je mehr einer sich der Fr\u00f6mmigkeit verschreibt, umso eingeschr\u00e4nkter w\u00e4re dann sein Gesichtsfeld. Wer die Fr\u00f6mmigkeit f\u00fcr sich entdecken, wer ihr in ihren vielf\u00e4ltigen lebendigen Gestalten begegnen will, der mu\u00df sich eine andere Sichtweise angew\u00f6hnen; er mu\u00df den Kopf heben, hinauf zum Himmel, und den Blick \u00f6ffnen, hinaus in die Weite.<\/p>\n<p>Der freie Blick des Glaubens meint aber nicht nur die F\u00e4higkeit, sein Auge \u00fcber das weite Feld der Fr\u00f6mmigkeit schweifen zu lassen. Wenn du fromm bist, dann kannst du deinen Blick frei erheben &#8211; das meint zugleich auch eine religi\u00f6se Grundeinstellung, die alle Fr\u00f6mmigkeitsformen untereinander verbindet, eine religi\u00f6se Leitperspektive, in der sich die vielf\u00e4ltigen Strahlen der Wirklichkeitssicht b\u00fcndeln.<\/p>\n<p>Von der Fr\u00f6mmigkeit und ihrem Gegenst\u00fcck, von der freien Sicht und vom verblendeten Blick, handelt die kleine Szene aus der biblischen Urgeschichte. Sie spielt drau\u00dfen in der Weite der Pr\u00e4rie, zwischen Himmel und Erde, dort wo sich der Blick frei entfalten kann; wenn er sich nicht selbst begrenzt. Kain und Abel stehen an ihren Alt\u00e4ren. Beide tun dasselbe; sie feiern Gottesdienst. Aber ihre Augen sehen nicht das gleiche. Abels Augen gleiten an der dichten Rauchs\u00e4ule entlang, die geradlinig in die H\u00f6he steigt, bis sich der Blick in der Weite des Himmels verliert. Kain ist kurzsichtig. Er sieht nur, wie die d\u00fcnnen Schwaden seines Brandopfers zur Seite wegziehen &#8211; so malen die Kinder die Szene noch heute. \u201aDa ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick.\u2018 \u201aWarum ergrimmst du?\u2018 fragt Gott, fast so, als w\u00e4ren wir bei Don Camillo in der Kirche. \u201aWarum senkst du deinen Blick? Wenn du fromm w\u00e4rst, dann k\u00f6nntest du deinen Blick frei erheben. Dann k\u00f6nntest du die Linie sehen, die Erde und Himmel miteinander verbindet; aber der Weitblick ist wohl nicht so deine Sache. Du siehst nur die Dunkelheit in deinem Herzen.\u2018 Die Geschichte vom unfreien Blick &#8211; wir wissen es &#8211; nimmt ein schlimmes Ende. \u201aGehen wir aufs Feld\u2018, sagt Kain zu seinem Burder. Und als sie auf dem Feld waren, erhob er seine Hand und schlug seinen Bruder tot.<\/p>\n<p>Vielleicht hatte Jesus die Geschichte vom b\u00f6sen Blick im Kopf, als er seinen Zuh\u00f6rern eine Lektion \u00fcber die Anatomie der Fr\u00f6mmigkeit erteilte: \u201aDas Auge ist das Licht des K\u00f6rpers. Wenn dein Auge lauter ist, dann wird dein ganzer K\u00f6rper licht sein. Wenn dein Auge aber b\u00f6se ist, dann wird dein ganzer K\u00f6rper finster sein. Denn wenn das Licht, das in dir ist, Finsternis ist, wie gro\u00df wird dann die Finsternis sein.\u2018<\/p>\n<p>Wir feiern unseren Gottesdienst im Namen des Vaters, der am ersten Tag das Licht erschuf, im Namen des Sohnes, der den Blinden das Augenlicht zur\u00fcckgab, und im Namen des Geistes, der die Wirklichkeit licht und klar werden l\u00e4\u00dft.<\/p>\n<p>Bei dir, Gott, ist die Quelle des Lebens. In deinem Licht sehen wir das Licht.<\/p>\n<p><strong>PREDIGT<\/strong>\u00a0Mt 23,23-28<\/p>\n<p>Wehe euch, ihr Verblendeten; ihr siebt M\u00fccken aus und verschluckt Kamele! Wehe euch, ihr Heuchler, ihr reinigt Becher und Sch\u00fcsseln von au\u00dfen; aber im Innern seid ihr voller Raub und Gier! Du blinder Pharis\u00e4er, reinige zuerst das Innere des Bechers, damit auch das \u00c4u\u00dfere rein wird! Wehe euch, ihr seid wie \u00fcbert\u00fcnchte Gr\u00e4ber; von au\u00dfen sehen sie h\u00fcbsch aus, aber drinnen sind sie voller Totengebeine und lauter Unrat! Wehe euch, ihr Heuchler, ihr gebt den Zehnten und la\u00dft das Wichtigste beiseite: das Recht, die Barmherzigkeit und den Glauben!<\/p>\n<p>(Mt 23, 23-28)<\/p>\n<ol>\n<li>Es gibt Situationen, da fehlen einem einfach die passenden Worte. Wenn einen der Zorn packt, wenn einem der Kragen platzt, dann reicht der feine Duden nicht mehr aus. Dann mu\u00df eine andere Sprache her. Zuerst ist man sprachlos; man ringt nach Worten und f\u00e4ngt zu stottern an. \u201aIhr seid doch alle &#8230;, ach was, wenn ich euch sehe, dann bleibt mir einfach die Luft weg, da verschl\u00e4gt es einem ja die Sprache\u2018. Dann folgt die zweite Runde. Die Gegner werden auf ein Feindbild festgenagelt: \u201aJa, jetzt wei\u00df ich`s: Heuchler seid ihr, verlogenes Pack, blinde Pharis\u00e4er\u2018. Schlie\u00dflich greift man in die Kiste mit den Stilbl\u00fcten, pickt sich die deftigsten Metaphern heraus und wirft sie den anderen an den Kopf: \u201aIhr M\u00fcckensieber und Kamelschlucker, ihr seid wie schmutzige Sch\u00fcsseln; einmal dar\u00fcber gewischt und schon ist alles palletti, au\u00dfen hui und innen pfui. Nein: \u00fcbert\u00fcnchte Gr\u00e4ber seid ihr, oben fein durchgerecht, das Unkraut ausgezupft, die Primeln gegossen; aber unter der Grabplatte nichts als Totengebeine, Moder, Unrat\u2018.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es sind starke Worte, die der Wanderprediger den Frommen im Lande entgegenschleudert. Aber irgendwie m\u00fcssen wir Jesus Recht geben; jedenfalls wenn es um eine bestimmte Sorte von Leuten geht, um die Fr\u00f6mmler mit dem aufgesetzten Heiligenschein. Die k\u00f6nnen einen schon in Rage bringen. Sie werfen sich zu Vorbildern f\u00fcr die anderen auf; sie stehen Modell f\u00fcr das rechtschaffene Leben und f\u00fchren einem vor, wie man zu sein hat, wenn man sich zu den Frommen z\u00e4hlen will. Sie legen ihre Me\u00dflatten an das Leben der anderen an und reden einem st\u00e4ndig ein schlechtes Gewissen ein. Aber in Wirklichkeit sind sie keinen Deut besser. Sie verbergen den Unrat ihres Lebens nur in Sch\u00fcsseln und Gr\u00e4bern, damit keiner die Innenseite ihres Lebens zu sehen bekommt.<\/p>\n<p>Kehrt mal zuerst in eurer eigenen K\u00fcche, putzt eure Sch\u00fcsseln mal von Innen. Steigt endlich aus den Gr\u00e4bern, in denen ihr euch verschanzt habt, und zeigt euch, wie ihr wirklich seid. Aber das wollt ihr ja nicht. Euch geht es doch nur um den frommen Schein. Das Sonntagsgesicht wahren und die br\u00f6ckelnde Alltagsfassade \u00fcbert\u00fcnchen, das ist alles, worauf es euch ankommt. Aber das hat mit Sicherheit nichts mit Fr\u00f6mmigkeit zu tun. Das bringt die Fr\u00f6mmigkeit nur in Verruf. Kein Wunder, da\u00df die Fr\u00f6mmigkeit diesen \u00fcblen Beigeschmack hat, den Geruch des Halbseidenen, des frommen Trugs, mehr Schein als Sein.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>Was Fr\u00f6mmigkeit ist, versteht sich offenbar nicht von selbst. Wer der Fr\u00f6mmigkeit auf die Spur kommen will, der mu\u00df zuerst einmal unterscheiden lernen. Und dazu braucht er den scharfen, den kritischen Blick. Es gibt falsche Fromme und echte, verblendete Fr\u00f6mmigkeit und klarsichtige. Aber die B\u00f6cke sind leicht von den Schafen zu trennen. Daf\u00fcr hat Jesus mit seiner bildhaften Scheltrede \u00fcber K\u00fcchenhygiene und Grabpflege das Textbuch geschrieben, eine aus dem Zorn geborene Karikatur der Fassadenfr\u00f6mmigkeit. Aber man kann die Sache auch in Ruhe betrachten; dann geht die Rechnung genauso auf.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Die halbseidenen Frommen entlarven sich selbst. Sie tragen ihre falsche Fr\u00f6mmigkeit ja regelrecht zur Schau. Man erkennt sie an ihrem auff\u00e4lligen Verhalten. In der Kantine schauen sie sich erst einmal um; dann falten sie die frommen H\u00e4nde. An jeder Ecke suchen sie nach einem Kind, das sie \u00fcber die Stra\u00dfe geleiten k\u00f6nnen; und mitten auf der Fahrbahn vergewissern sie sich noch einmal, ob es auch bestimmt jemand gesehen hat. F\u00fcr jeden guten Zweck haben sie einen Zehner \u00fcbrig, Hauptsache, die anderen erfahren davon. Das hat nichts mit Fr\u00f6mmigkeit zu tun. Das ist Gutmenschentum in seiner abschreckendsten Gestalt.<\/p>\n<p>Man erkennt die selbst ernannten Heiligen auch an ihrem typischen Gesichtsausdruck, an der suggestiven Einf\u00fchlsamkeit oder an dem mahnenden Ernst ihrer Mienen. Man erkennt sie an ihrer fr\u00f6mmelnden Sprache; warum k\u00f6nnen sie nicht wie andere reden, sondern m\u00fcssen immer diesen salbungsvollen Ton anschlagen, immer einen frommen Wunsch auf den Lippen. Und warum m\u00fcssen sie \u00fcber die allt\u00e4glichsten Gedankeng\u00e4nge die Milch der frommen Denkungsart gie\u00dfen. Vor allem: warum m\u00fcssen sie ihre Rechtschaffenheit so demonstrativ herauskehren. Und dabei f\u00e4llt ihnen gar nicht auf, da\u00df keiner so sein will wie sie, so makellos, so fehlerfrei, so vollkommen wie ein frisch poliertes Gef\u00e4\u00df oder wie ein fein geharktes Grab.<\/p>\n<p>Man erkennt die falsche Fr\u00f6mmigkeit an der polierten Au\u00dfenseite. Offensichtlich kommt es bei der Fr\u00f6mmigkeit also auf die Blickrichtung an. Betrachten wir die Fr\u00f6mmigkeit ohne die notwendige Tiefensch\u00e4rfe, dann bleibt von ihr nur die glatte Fassade \u00fcbrig, die gestanzte Maske, die \u00e4u\u00dfere Form. Dann wirkt die Fr\u00f6mmigkeit wie ein hohles Geh\u00e4use, wie eine leere Sch\u00fcssel oder ein fest verschlossenes Grab. Da mag dann Sigmund Freud Recht gehabt haben, als er die Fr\u00f6mmigkeit mit einer Zwangsneurose verglich, mit einer unheilbaren Krankheit, von der der Fromme zeitlebens nicht loskommt.<\/p>\n<p>Als h\u00e4tte er die Diagnose vorausgesehen, so beschreibt Jesus die Symptome der zwanghaften Fr\u00f6mmigkeit. Sie ist eine Art Putzfimmel, der einen st\u00e4ndig in Atem h\u00e4lt und einen nicht zu sich selbst kommen l\u00e4\u00dft. Penibel werden die letzten Kr\u00fcmel von der Oberfl\u00e4che des Lebens gewischt. Immer feinere Siebe werden geflochten, um auch die kleinsten M\u00fccken aus dem klaren Wasser auszusieben. Aber man verliert beim religi\u00f6sen Hausputz leicht den \u00dcberblick. W\u00e4hrend man sich lebenslang mit Kleinigkeiten besch\u00e4ftigt, schluckt man die gro\u00dfen Brocken, ohne es zu merken. Das Gesp\u00fcr f\u00fcr das wirkliche Leben geht verloren. Man pflegt das Leben wie ein akribisch ausgezirkeltes Grabbeet und merkt gar nicht, wie es dabei an Farbe verliert. Die von au\u00dfen aufpolierte Fr\u00f6mmigkeit ist zwanghafte Fr\u00f6mmigkeit, unnat\u00fcrlich und gezwungen. Wenn es nur darum geht, die \u00e4u\u00dfere Form zu wahren, dann verliert die Fr\u00f6mmigkeit ihre Leichtigkeit, ihre Lebendigkeit. Je routinierter einer das Handwerk der Fr\u00f6mmigkeit beherrscht, umso trister wird sein Leben. Wer sich an den \u00c4u\u00dferlichkeiten festh\u00e4lt, der ist ein M\u00fcckensieber und Grabrecher.<\/p>\n<p>Betrachten wir die Fr\u00f6mmigkeit aber aus der umgekehrten Blickrichtung, von Innen heraus, dann entdecken wir sie in ihrer wirklichen, ihrer vitalen Gestalt. Fr\u00f6mmigkeit &#8211; das sind nicht die \u00c4u\u00dferlichkeiten eines rechtschaffenen Lebenswandels, die einem sofort in den Blick stechen. Fr\u00f6mmigkeit &#8211; das meint eine verborgene, eine innere Bewegung des Menschen: die Sammlung der Sinne, die Entspannung des K\u00f6rpers, innere Gelassenheit und Ruhe, Andacht und Meditation. Fr\u00f6mmigkeit &#8211; das meint eine Umkehr der Blickrichtung: die Augen schlie\u00dfen, sich von der \u00e4u\u00dferen Welt abwenden, sich in sich selbst versenken, zu sich selbst kommen oder &#8211; wie wir die Bewegung nach Innen im Programm der Gottesdienstreihe benannt<\/p>\n<p>haben &#8211; :\u2018in sich gehen\u2018. Wirkliche, echte Fr\u00f6mmigkeit taugt nicht f\u00fcr die \u00d6ffentlichkeit; sie macht keinen Eindruck, denn sie bleibt unsichtbar, eingeschlossen in die Herzkammer, das Allerheiligste eines frommen Lebens. Dort, tief im Innern, kann die Fr\u00f6mmigkeit gedeihen, dort erwacht sie zum Leben. Dort, in der letzten Einsamkeit, kommt es zu der intimen Zwiesprache des Herzens mit Gott, wie Martin Luther das Gebet genannt hat. Und von dort geht auch die Fr\u00f6mmigkeitsbewegung aus, die zwei Herzen miteinander verbindet. \u201aDas Herz aussch\u00fctten\u2018 haben wir das intime Gespr\u00e4ch untereinander Vertrauten in unserem Gottesdienstprogramm genannt. Und wenn wir uns heute in unserer Kirche umschauen, dann f\u00e4llt unser Blick auf das Organ der Fr\u00f6mmigkeit, das pulsierende Herz.<\/p>\n<p>Jesus war ein vehementer Kritiker der ver\u00e4u\u00dferlichten Religion und zugleich ein Liebhaber der Herzensfr\u00f6mmigkeit. Er hat nicht nur die \u00e4u\u00dferliche Fr\u00f6mmigkeit mit scharfen Worten gegeiselt, sondern auch f\u00fcr das fromme Innenleben die passenden Regeln aufgestellt. Wenn du betest, dann mach es nicht wie die Heuchler, die sich gern in die Kirchen und an die Stra\u00dfenecken stellen, damit sie von den anderen Leuten gesehen werden. Mach es umgekehrt: Geh in dein K\u00e4mmerlein und schlie\u00df die T\u00fcr hinter dir zu. Wenn du fastest, dann schau nicht so sauer drein wie die Heuchler; die verstellen ihr Gesicht, um den Leuten zu beweisen, wieviel M\u00fche sie sich mit ihrem frommen Leben machen. Und wenn du Almosen gibst, dann la\u00df es nicht vor die her posaunen auf den Gassen, damit du von den Leuten gelobt wirst. Du bist ja nicht f\u00fcr andere fromm, sondern f\u00fcr die selbst.<\/p>\n<ol start=\"3\">\n<li>Wer die Fr\u00f6mmigkeit in ihrer lebendigen Gestalt entdecken will, der mu\u00df seine Blickrichtung umkehren. Nicht die Au\u00dfenperspektive, sondern der Blick von Innen zeigt die Fr\u00f6mmigkeit in ihrer wahren, unverstellten und reinen Gestalt. Aber so ganz ohne Rest geht die einfache Rechnung mit innen und au\u00dfen doch nicht auf. Gewi\u00df, Fr\u00f6mmigkeit ist alles andere als ein \u00e4u\u00dferlicher Verhaltenskodex. Aber sie ist auch nicht blo\u00dfe Innerlichkeit, eine Regung des Gef\u00fchls, eine Gestimmtheit des Gem\u00fcts oder der Sinn und Geschmack f\u00fcrs Unendliche. Wollen wir die Fr\u00f6mmigkeit nicht nur an ihrem Ursprung aufsuchen, tief im Innern des Menschen, sondern wollen wir das fromme Leben auch drau\u00dfen wahrnehmen, in seiner alltagspraktischen Gestalt, dann m\u00fcssen wir die B\u00fchne des frommen Lebens noch ein drittes Mal ausleuchten. Wir m\u00fcssen dem kritischen Scharfblick und der begrenzten Binnenoptik eine dritte Sichtweise hinzuf\u00fcgen: den alltagspraktischen Weitblick. Das Interieur ist nicht das Ganze der religi\u00f6sen Lebensform. Zur Fr\u00f6mmigkeit geh\u00f6rt auch ein Ambiente, in dem sich das fromme Leben entfalten kann und in dem die Herzensfr\u00f6mmigkeit sichtbare Gestalt gewinnt.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Betrachtet man die im Herzen verwurzelte Fr\u00f6mmigkeit in ihrer lebendigen Au\u00dfengestalt, dann stellt sie ein bergendes Geh\u00e4use dar, eine Gu\u00dfform, in die sich die vielf\u00e4ltigen \u00c4u\u00dferungen der Herzensfr\u00f6mmigkeit einpassen, ein Ger\u00fcst, das den Aufbau des Lebens st\u00fctzt. Manchen von uns wurde das Modell ihres frommen Lebens in die Wiege gelegt. Sie k\u00f6nnen sich den Ablauf des Tages nicht ohne Morgengebet vorstellen und ohne Abendsegen; dazwischen die Stille bei den Mahlzeiten und die Ruhepausen in der Tageseile, wo sich das Leben auf nat\u00fcrliche Weise nach innen kehrt, wo wir zu Besinnung kommen und Kraft sch\u00f6pfen. Das ist die Fr\u00f6mmigkeit in ihrer rituellen Form. \u201aIn Ordnung bringen\u2018 \u2013 so hei\u00dft diese Gestalt alltagspraktischer Fr\u00f6mmigkeit in unserem Gottesdienstprogramm. Nicht jeder arrangiert sein Leben auf dieselbe Weise. Die rituelle Alltagsfr\u00f6mmigkeit hat viele Gesichter. Aber ohne das Regelwerk einer festgef\u00fcgten Lebensordnung w\u00fcrde der innere Rhythmus, der Pulsschlag des frommen Herzens, seinen Takt verlieren.<\/p>\n<p>Auch die Ordnung des Jahres geh\u00f6rt zu den Gu\u00dfformen der Alltagsfr\u00f6mmigkeit: der Viertakt der nat\u00fcrlichen Jahreszeiten mit dem best\u00e4ndigen Wechsel von Saat und Ernte, Sommer und Winter, Tag und Nacht; und das religi\u00f6se Festjahr mit der immer gleichen Abfolge der frommen Stimmungslagen: im ersten Viertel des Jahreskreises die melancholische Passionsfr\u00f6mmigkeit, mitten im Winter das sinnenfrohe Weihnachtschristentum, im Fr\u00fchling Ostern und im Herbst der Erntedanktag. \u201aSich verzaubern lassen\u2018 \u2013 so haben wir die Faszination der festlich gestimmten Fr\u00f6mmigkeit im Programm unserer Gottesdienstreihe genannt. Das Wechselbad der Stimmungslagen h\u00e4lt das fromme Herz jung und frisch.<\/p>\n<p>Die Fr\u00f6mmigkeit ordnet den Gang des Tages; und sie regelt den Ablauf des Jahres. Aber das Leben geht nicht in einer festgef\u00fcgten Ordnung auf, das fromme Leben schon gar nicht. Sondern st\u00fcnden auch die wirklichen Frommen immer mit einem Bein im \u00fcbert\u00fcnchten Grab; sonst w\u00e4ren sie bald Dauerg\u00e4ste in der Putzk\u00fcche der Fassadenfrommen; sonst w\u00e4ren sie nicht gegen den Infekt der zwanghaften Religion gefeiht. Damit die Alltagsfr\u00f6mmigkeit nicht ihre Vitalit\u00e4t verliert, braucht sie eine dynamische Komponente, das bewegliche und neugierige Auge, den weiten Blick f\u00fcr das Neue und \u00dcberraschende. Und sie braucht den Mut, sich von ausgetretenen Spuren zu verabschieden und die scheinbar so unumst\u00f6\u00dfliche Ordnung des Lebens aufzubrechen, noch bevor die Gu\u00dfformen der Fr\u00f6mmigkeit erstarrt sind. Die Fr\u00f6mmigkeitsgestalt, die zugleich Ordnung und Bewegung in das Leben bringt, ist die fromme Selbstreflexion, die religi\u00f6se Lebensbetrachtung und Weltanschauung.<\/p>\n<p>Da\u00df nichts im Leben so bleibt, wie es ist, das wei\u00df jeder aus eigener Erfahrung. Auch die Fr\u00f6mmigkeitsgestalt eines Menschen bleibt im Wechsel der Lebensperspektiven nicht ein und dieselbe. Jede Lebensepoche hat ihre eigene Religion, ihre eigene Lebenseinstellung und ihre eigene Weltanschauung. Wenn wir aber einen Schritt zur Seite treten und den eigenen Lebensweg aus der Distanz betrachten, wenn wir uns einen Reim auf die Wechself\u00e4lle des Lebens machen, dann entdecken wir das innere Gesetz, das unserem Lebensweg die Richtung weist. Und wenn wir die Fortschritte und die R\u00fcckschritte in der Lebensentwicklung bilanzieren, nie verwundene Entt\u00e4uschungen und unverge\u00dfliche Gl\u00fcckserlebnisse, dann bekommt jedes Leben seine eigene unverwechselbare Gestalt.<\/p>\n<p>Nicht anders geht es einem mit der undurchschaubaren Wirklichkeit, in der wir tagt\u00e4glich leben und die wir doch nie endg\u00fcltig begreifen k\u00f6nnen. Die Ordnung der Welt steckt voller R\u00e4tsel. Wenn wir aber den Dingen nicht einfach ihren Lauf lassen, sondern den Weltr\u00e4tseln auf die Spur zu kommen suchen, dann entdecken wir die geheimen Gesetze, die den Gang der von Gott geschaffenen Wirklichkeit bestimmen. Der freie Blick auf die innere und auf die \u00e4u\u00dfere Wirklichkeit bringt aber nicht nur Ordnung ins Leben, sondern zugleich auch Bewegung. Wer die \u00dcbersicht \u00fcber sein Leben gewinnt, der klammert sich nicht an die \u00e4u\u00dferen Formen der Fr\u00f6mmigkeit, nicht an Sch\u00fcsseln und Gr\u00e4ber, nicht an Sitten und Gebr\u00e4uche. Der l\u00e4\u00dft sich von der lebendigen Mitte der Alltagsfr\u00f6mmigkeit, vom frommen Herzen leiten.<\/p>\n<ol start=\"4\">\n<li>Noch ein letztes Mal m\u00fcssen wir den Blick weiten. Die Fr\u00f6mmigkeit ist im Herzen zuhause; und sie gewinnt im Alltag ihre lebensstiftende und lebenssichernde Gestalt. Da\u00df beides miteinander \u00fcbereinstimmt, da\u00df das fromme Herz und die \u00e4u\u00dfere Fr\u00f6mmigkeitsgestalt harmonisch zusammenspielen, das ist das Grundgesetz der echten, der authentischen Fr\u00f6mmigkeit. Aber der Gleichtakt von innerer und \u00e4u\u00dferer Fr\u00f6mmigkeit entsteht nicht von alleine. Immer wieder entdecken wir Br\u00fcche und Verwerfungen in der eigenen Fr\u00f6mmigkeitshaltung; und wir leiden darunter. An den anderen fallen uns die Dissonanzen ihrer Fr\u00f6mmigkeitspraxis sofort auf. Im Blick auf einen selbst f\u00e4llt das viel schwerer. Die Verwerfungen in der eigenen Fr\u00f6mmigkeitshaltung aufzusp\u00fcren und die Innenseite und die Au\u00dfenseite der Fr\u00f6mmigkeit miteinander in Einklang zu bringen, stellt eine Aufgabe dar, an der wir immer wieder scheitern. Wenn die Fr\u00f6mmigkeit ihren Schwung verliert und zur leeren Form erstarrt oder wenn sich die Fr\u00f6mmigkeit in der Dunkelheit des Herzens verbirgt, dann tun wir gut daran, Jesu Wehe-Rufe nicht zu \u00fcberh\u00f6ren. Aber wir tun auch gut daran, uns die letzten Worte seiner Scheltrede zu Herzen zu nehmen.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Ihr Verblendeten, sagt Jesus, ihr \u00fcberseht das Wichtigste: die Barmherzigkeit, die Tugend der Herzensfr\u00f6mmigkeit. Die Barmherzigkeit ist der Pr\u00fcfstein, mit dem sich am leichtesten zwischen der verblendeten und der klarsichtigen Fr\u00f6mmigkeit unterscheiden l\u00e4\u00dft. Die zwanghaften Frommen gehen nicht nur mit den anderen, sondern auch mit sich selbst unbarmherzig um. Wenn sich Fr\u00f6mmigkeit und Barmherzigkeit aber nicht voneinander trennen lassen, dann m\u00fc\u00dften die wirklichen Frommen nicht nur mit sich selbst, sondern auch mit den vermeintlich so Scheinheiligen barmherziger umgehen. Sie m\u00fc\u00dften von ihren Feindbildern, von den leeren Worth\u00fclsen, den Karikaturen und Klischees, Abschied nehmen und die anderen mit dem barmherzigen Blick betrachten. Sie m\u00fc\u00dften ihre feindselige Haltung aufgeben und ihnen mit dem Weitblick des frommen Herzens begegnen. Selig sind die Sanftm\u00fctigen; denn sie werden das Erdreich besitzen. Selig sind die Barmherzigen; denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Wolfgang Steck<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Den Blick \u00f6ffnen&#8220; | Mt 23,23-28 | Wolfgang Steck | Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220; Begr\u00fc\u00dfung zur Predigtreihe \u201aWenn du fromm bist, dann kannst du den Blick frei erheben.\u2018 Mit diesem Wort aus der uralten Geschichte von Kain und Abel begr\u00fc\u00dfe ich Sie alle zu unserem 1. 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