{"id":21973,"date":"2001-01-17T15:46:21","date_gmt":"2001-01-17T14:46:21","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21973"},"modified":"2025-03-17T15:49:02","modified_gmt":"2025-03-17T14:49:02","slug":"exodus-346-10","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-346-10\/","title":{"rendered":"Exodus 34,6-10"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Die Welt ergr\u00fcnden&#8220; | Exodus 34,6-10 | Eckart Otto |<\/h3>\n<p>Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>wer das Leben ergr\u00fcnden will, steige auf den Berg Sinai, denn das Alte Testament verbindet mit diesem Berg alle gro\u00dfen Themen unseres Lebens: die Schuld und die Gnade, die Offenbarung, wie wir unser Leben f\u00fchren sollen, den Eigenwillen der Menschen, ihren Tanz um das Goldene Kalb, Zorn und Liebe Gottes. Die Menschen am Sinai sind hin- und hergezerrt zwischen Hoffnung, Freude, Schrecken, Entsetzen und Furcht, Gott selbst zwischen grenzenloser Liebe und flammendem Zorn.<\/p>\n<p>Ein ganz anderes Bild vom menschlichen Leben zeichnet Lukrez im Pro\u00f6mium zum 2. Band seiner Lebensgeschichte: Nicht einen Berg, sondern das Ufer des Meeres f\u00fchrt er vor Augen und den Menschen, der den Zufall im Leben betrachtet, der Mensch, der auf der Klippe sitzt und dem Schiffbruch auf dem Meer, dem Leben zusieht \u2013 der verstorbene M\u00fcnsteraner Philosoph Hans Blumenberg hat in seiner kleinen Schrift \u201eSchiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher\u201c kurz hinzugef\u00fcgt: \u201eEr, der Mensch, sitzt dort und betrachtet den Zufall des Lebens wie einen Schiffbruch, bewu\u00dft der Distanz als einziger Gl\u00fccksm\u00f6glichkeit des Menschen, darin wie die G\u00f6tter. Sie bed\u00fcrfen der Disziplinierung von Furcht und Hoffnung nicht, weil sie von all dem, was metaphorisch im Schiffbruch ansichtig wird, niemals erfahren\u201c. Sind wir die Beobachter auf der Klippe, wenn wir auf den Sinai schauen, auf das Volk, das im Donner der Gottesstimme zu sterben meint, das sich losringt von dieser Stimme und Aaron folgt zum Goldenen Kalb, wenn wir auf Mose schauen, der vom Berg herabkommt und in seinem Zorn die Tafeln zerbricht? Nichts ist unserem Text fremder als der Gedanke, die einzige M\u00f6glichkeit zum Gl\u00fcck w\u00e4re die Distanz, die distanzierte Beobachtung des Lebens in seiner Br\u00fcchigkeit. In diesem Text des heutigen Sonntags haben Theologen, Prediger und Gelehrte des antiken Israel durch die Jahrhunderte hindurch ihre Gegenwart interpretiert, sie im Spiegel der Sinaiereignisse gedeutet \u2013 fest in dem Bewu\u00dftsein, da\u00df sich jede Zeit in Gottes Erscheinen am Sinai bricht, ja jedes einzelne Leben von dort ein Licht erh\u00e4lt \u2013 ein Geschehen, zu dem es keine Distanz des Beobachters gibt, der sich fernh\u00e4lt \u2013 hier bricht Gott in diese Welt ein \u2013 nicht Gott darin, da\u00df er sich von all dem, was Leben in der Metapher des Schiffbruchs ist, fernh\u00e4lt, sondern Gott, der zutiefst in unser Leben involviert ist, in Zorn und Liebe, Distanz und N\u00e4he.<\/p>\n<p>Am Sinai, so sagt es unser Text, ist Gott in diese Welt eingebrochen. Jede Generation, also auch wir an diesem Morgen, stehen wieder am Sinai, und dort haben wir dieses Wissen nur aus einem Zeugnis, das zeitlich und geographisch weit von uns entfernt in diese Welt kam. Der Text ist uns ein fremder, schon in fremder Sprache geschrieben \u2013 es gibt keinen Weg des Gotteswort in dieser Welt an der Anstrengung vorbei, nachzudenken, was die Zeugen der Bibel gedacht haben. Im Mittelpunkt unseres Textes stehen zwei Bekenntniss\u00e4tze aus Israels Gottesdienst:<\/p>\n<p>\u201eJHWH, JHWH, gn\u00e4diger und barmherziger Gott, langm\u00fctig und reich an Treue und Zuverl\u00e4ssigkeit\u201c.<\/p>\n<p>In diesem Bekenntnis hat sich eine lange Erfahrung Israels mit seinem Gott zu einer Wesensaussage verdichtet. JHWH ist\u00a0<em>el hanun<\/em>, h\u00e4ufig \u00fcbersetzt mit \u201egn\u00e4diger Gott\u201c \u2013 aber im deutschen Begriff herrscht der Aspekt des Machtgef\u00e4lles, der dem hebr\u00e4ischen Begriff fremd ist \u2013 wird einem Menschen\u00a0<em>hen<\/em>\u00a0\u201eGunst\u201c erwiesen, so tritt er aus dem Anonymit\u00e4t heraus \u2013 ist Gott\u00a0<em>el hanun<\/em>, macht er den Menschen zu seinem Gegen\u00fcber, ist solidarischer Gott. Gott ist auch\u00a0<em>el rahum<\/em>, oft \u00fcbersetzt mit \u201ebarmherziger Gott\u201c \u2013 auch hier geht es nicht um eine herrscherlich-hoheitliche Haltung, sondern um die Begr\u00fcndung eines Gemeinschaftsverh\u00e4ltnisses. So auch die Fortsetzung \u201erein an\u00a0<em>haesaed<\/em>\u00a0und\u00a0<em>aemaet<\/em>\u201c. haesaed bezeichnet die uneingeschr\u00e4nkte Solidarit\u00e4t, Zugewandtheit Gottes,\u00a0<em>aemaet<\/em>\u00a0seine Verl\u00e4\u00dflichkeit. Mit \u201e<em>aeraek<\/em>\u00a0<em>\u2019appajim<\/em>\u201c \u201elangm\u00fctig\u201c wird ein aus der Weisheit stammender Akzent hinzugef\u00fcgt. Gott ist zuverl\u00e4ssig treu auch dann, wenn der Mensch ihn durch Vergehen herausfordert. JHWH ist also, so sagt es unser Text, ein in jeder Lage verl\u00e4\u00dflicher, dem Menschen zugewandter solidarischer Gott.<\/p>\n<p>Ist die Solidarit\u00e4t also grenzenlos? Und wenn ja, ist es also bedeutungslos, wie sich der Mensch verh\u00e4lt, zum Menschen wie zu Gott? Nein \u2013 der folgende Vers nennt Grenzen: \u201eder Solidarit\u00e4t bewahrt den Tausenden, indem er Schuld, Fehlverhalten und S\u00fcnde vergibt, aber der nicht ungestraft l\u00e4\u00dft, indem er Schuld der V\u00e4ter erst heimsucht an den S\u00f6hnen und Enkeln bis in die dritte und vierte Generation\u201c. Schuld wird heimgesucht, drei oder vier Generationen sp\u00e4ter, so da\u00df noch Zeit zur Umkehr gew\u00e4hrt wird. Ein harter Satz, den uns der Text zumutet, denn er besagt, da\u00df wir mit unserem Tun und Handeln nicht nur \u00fcber unser Leben entscheiden, sondern auch \u00fcber das kommender Generationen. Gnade, Barmherzigkeit und Solidarit\u00e4t Gottes finden eine Grenze in der Verantwortung des Menschen f\u00fcr sein Leben und das seiner Nachkommen \u2013 die Gnade Gottes ist keine billige. Aber diesem harten Wort setzt unser Text einen anderen Satz entgegen: \u201eder Zuwendung zukommen l\u00e4\u00dft tausenden Generationen, indem er Schuld, Fehlverhalten und S\u00fcnde vergibt\u201c. Die Liebe und Zuwendung Gottes \u00fcbersteigt unerme\u00dflich seinen Zorn. Der Text formuliert paradox. Es gibt eine Heimsuchung der Schuld bis zur dritten und vierten Generation, aber Zuwendung zu Tausenden von Generationen, d. h. bis in fernste Zeit. Die Zuwendung Gottes ist dem Menschen nicht ausrechenbar und verf\u00fcgbar. Vielmehr sind wir auf das Ziel des Textes gewiesen: Die Liebe Gottes \u00fcberschreitet bei weitem seinen Zorn.<\/p>\n<p>Das in diesem Bekenntnis formulierte Wissen um die Zugewandtheit Gottes zum Menschen wird in unserem Text zur Mitte einer Begegnung zwischen Gott und Mose:<\/p>\n<p>\u201eJHWH aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn hin. Mose rief den Namen JHWHs aus und JHWH ging an ihm vor\u00fcber und rief: JHWH, JHWH, barmherziger und gn\u00e4diger Gott, langm\u00fctig und reich an Huld und Treue. Der Huld bewahrt den Tausenden, indem er Schuld und S\u00fcnde vergibt, der aber nicht ungestraft l\u00e4\u00dft, indem er Schuld der V\u00e4ter heimsucht an den S\u00f6hnen und Enkeln bis in die dritte und vierte Generation. Da verneigte sich Mose bis zur Erde und warf sich zu Boden. Er sagte: Wenn ich denn Gnade gefunden habe, mein Herr, dann ziehe mit uns. Da sprach JHWH: Ich schlie\u00dfe einen Bund\u201c.<\/p>\n<p>Mose ergreift das Wort vom gn\u00e4digen Gott und bittet um Gottes Gegenwart inmitten des wandernden Gottesvolkes. Noch einmal erf\u00fcllt Gott die Bitte um N\u00e4he und gleichzeitig entzieht er sich. Nur in der Verhei\u00dfung des Bundes ist er bei seinem Volk.<\/p>\n<p>Mit Blick auf das Exil, die Zeit der gro\u00dfen Not Israels, die Konsequenz dessen ist, da\u00df Israel am Willen Gottes gescheitert sei, wird die Erz\u00e4hlung vom Tanz um das Goldene Kalb vorangestellt, das Zerbrechen der Tafeln des Bundes. Doch noch diesen Bruch des Bundes vergibt Gott, die Tafeln werden erneuert, ein erneuerter Bund verhei\u00dfen und die Bitte des Mose um Gottes Begleitung hinzugef\u00fcgt: \u201eEs ist ein st\u00f6rrisches Volk, doch vergib uns unsere Schuld und S\u00fcnde\u201c.<\/p>\n<p>Hans Blumenberg hat in seiner Lebensdeutung das Gl\u00fcck der G\u00f6tter gepriesen, die niemals dessen ansichtig werden, was Schiffbruch hei\u00dft in unserem Leben, und er hat das Gl\u00fcck der Philosophie als einziges dem Menschen m\u00f6gliches gepriesen, des Philosophen, der wie auf sicherer Klippe sitzend nur aus der Distanz den Schiffbruch des Lebens beobachtet und bedenkt. Einem solchen Versuch, Welt zu ergr\u00fcnden, tritt unser Text entgegen. Gott selbst gibt dem Menschen seine N\u00e4he, wendet sich ihm zu, schenkt ihm Treue und Liebe und wird zur\u00fcckgesto\u00dfen, erlebt Zorn, leidet und \u00fcberwindet sich selbst, wenn er am Menschen dennoch zuverl\u00e4ssig festh\u00e4lt. Die Welt ist recht ergr\u00fcndet, wenn verstanden wird, da\u00df das Gl\u00fcck im Leben nicht die Distanz zum Leben und seinem Schmerz sein kann, nicht die Distanz zu Gut und B\u00f6se, Liebe und Zorn, sondern nur das mutige Hineingehen, Annehmen, Durcharbeiten und die Selbst\u00fcberwindung, so wie Gott, der letzte Grund der Wirklichkeit, es tut. Wer so lebt, dem gilt die Verhei\u00dfung Gottes in unserem Text:<\/p>\n<p>\u201eIch schlie\u00dfe einen Bund. Vor deinem ganzen Volk werde ich Wunder tun, wie sie auf der ganzen Erde und unter allen V\u00f6lkern nie geschehen sind\u201c.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Eckart Otto<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Die Welt ergr\u00fcnden&#8220; | Exodus 34,6-10 | Eckart Otto | Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220; Liebe Gemeinde, wer das Leben ergr\u00fcnden will, steige auf den Berg Sinai, denn das Alte Testament verbindet mit diesem Berg alle gro\u00dfen Themen unseres Lebens: die Schuld und die Gnade, die Offenbarung, wie wir unser Leben f\u00fchren sollen, den Eigenwillen der [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7900,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,2,727,157,853,114,1657,981,666,109,126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21973","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-exodus","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-eckart-otto","category-facetten-gelebter-froemmigkeit","category-kapitel-34-chapter-34","category-predigten","category-predigtreihen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21973","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21973"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21973\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21974,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21973\/revisions\/21974"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7900"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21973"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21973"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21973"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21973"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21973"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21973"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21973"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}