{"id":21977,"date":"2001-01-17T15:52:20","date_gmt":"2001-01-17T14:52:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21977"},"modified":"2025-03-18T11:13:09","modified_gmt":"2025-03-18T10:13:09","slug":"jesaja-91-5-6","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-91-5-6\/","title":{"rendered":"Jesaja 9,1.5-6"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;Sich verzaubern lassen&#8220; | Jesaja 9,1.5-6 | Jan Rohls |<\/h3>\n<p>Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220;<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>Am 13. April des Jahres 1742 wurde Georg Friedrich H\u00e4ndels \u201eMessias\u201c in einem Dubliner Theater uraufgef\u00fchrt. H\u00e4ndel war von dem Lord Lieutenant Irlands, das seit Cromwells Tagen der englischen Krone unterworfen war, nach Dublin eingeladen worden. Er blieb dort ein knappes Jahr. Eine Zeitlang wohnte er bei dem Dekan der anglikanischen St.Patricks-Church, dem ber\u00fchmten Schriftsteller Jonathan Swift, dem Autor von \u201eGullivers Reisen\u201c. Kurz vor seiner Abreise sah er den gefeiertsten Schauspieler seiner Zeit, David Garrick, in der Rolle des Hamlet in Shakespeares Drama. Und eine Kollegin von Garrick war es auch, die als Altistin in der Urauff\u00fchrung des \u201eMessias\u201c das Dubliner Publikum verzauberte: Mrs. Cibber, die, wie es hei\u00dft, ihre schwache Stimme durch die Intensit\u00e4t ihres Spiels mehr als wett machte. Die Premiere des \u201eMessias\u201c fand statt zum Besten der Insassen einiger Gef\u00e4ngnisse sowie zur Unterst\u00fctzung von Mercer\u2019s Hospital in Stephen\u2019s Street und des Wohlfahrtskrankenhauses am Inn\u2019s Quay. Im Jahr nach der Dubliner Urauff\u00fchrung brachte H\u00e4ndel den \u201eMessias\u201c in London heraus. Auch hier wieder f\u00fcr einen wohlt\u00e4tigen Zweck. Und es kam zu regul\u00e4ren Wohlt\u00e4tigkeitsauff\u00fchrungen zugunsten des Londoner Findlingshospitals. Als Lord Kinnoul die edle Unterhaltung durch das Werk pries, antwortete ihm H\u00e4ndel: \u201eIch w\u00fcrde bedauern, wenn ich meine Zuh\u00f6rer nur unterhalten h\u00e4tte, ich w\u00fcnschte sie zu besseren Menschen zu machen\u201c. Der Zauber der Musik sollte sie moralisch verwandeln. Bei einer der Auff\u00fchrungen &#8211; man wei\u00df nicht, ob er dachte, das Oratorium sei bereits ans Ende gelangt &#8211; erhob sich der anwesende englische K\u00f6nig beim \u201eHalleluja\u201c, eine Sitte, die sich bis heute im englischen Sprachraum erhalten hat. Ja, vielleicht ist das \u201eHalleluja\u201c das musikalische Zauberband, das die englische Kultur bis heute zusammenh\u00e4lt, die inoffizielle Hymne der englischsprachigen Welt. In der Passionszeit des Jahres 1759 wohnte H\u00e4ndel zum letzten Mal einer \u201eMessias\u201c-Auff\u00fchrung in Covent Garden bei. Kurz darauf erkrankte er schwer. H\u00e4ndel, der Lutheraner aus der pietistischen Hochburg Halle, den die englischen K\u00f6nige aus Hannover nach London geholt hatten, hatte keinen sehnlicheren Wunsch, als am Karfreitag zu sterben. Er wollte sterben in der Hoffnung, mit seinem guten Gott und seinem gn\u00e4digen Herrn und Heiland am Tage seiner Auferstehung vereint zu werden. Fast w\u00e4re ihm sein Wunsch erf\u00fcllt worden. Er starb am Karsamstag um acht Uhr in der Fr\u00fche. Sein Barbier James Smith, der bis zum Schlu\u00df bei ihm war, berichtet: \u201eEr starb wie er lebte, als ein guter Christ, mit klarem Bewu\u00dftsein seiner Pflicht gegen Gott und die Menschen und in wahrer N\u00e4chstenliebe\u201c. Beigesetzt wurde er in Westminster Abbey. \u00dcber seinem Grab errichtete man ein Denkmal. Es zeigt H\u00e4ndel mit dem linken Arm auf eine Orgel gest\u00fctzt, w\u00e4hrend er in der rechten Hand ein Notenblatt h\u00e4lt. Auf ihm steht der Anfang des Larghetto aus dem dritten Teil des \u201eMessias\u201c: \u201eIch wei\u00df, da\u00df mein Erl\u00f6ser lebt\u201c.<\/p>\n<p>Wer lie\u00dfe sich nicht verzaubern von dem hohen Pathos der H\u00e4ndelschen Musik! Der \u201eMessias\u201c ist weit mehr als ein Musikst\u00fcck aus dem Klassikrepertoire. Er ist ein Monument der abendl\u00e4ndischen Kultur, ein Mythos. Wo man von einem Beitrag des Protestantismus zur Kultur spricht, da darf der \u201eMessias\u201c nicht fehlen. Er wurde zum Symbol f\u00fcr die blo\u00dfe T\u00e4tigkeit des Chorsingens \u00fcberhaupt und des Gemeinschaftsgeistes, der dadurch gef\u00f6rdert wurde. 1869 fand in Boston eine Auff\u00fchrung des \u201eHalleluja\u201c mit 10 000 S\u00e4ngern und 500 Instrumenten statt. Und im viktorianischen England diente der \u201eMessias\u201c dazu, die breiten Massen \u00fcber die Mitgliedschaft im Chor f\u00fcr die christliche Kultur zu gewinnen und sie religi\u00f6s-moralisch zu erbauen. Die Zauberkraft der Musik sollte noch einmal das leisten, was die trockene Predigt nicht l\u00e4nger vermochte. Wenn wir uns heute hier von H\u00e4ndels Musik verzaubern lassen, dann allerdings nicht mehr von einer Mammutbesetzung, wie sie f\u00fcr das b\u00fcrgerliche Zeitalter typisch war, sondern von einem Ensemble jenes Umfangs und mit jenen Instrumenten, die der barocken Entstehungszeit des \u201eMessias\u201c entsprechen. H\u00e4ndel begann mit der Niederschrift des \u201eMessias\u201c am 22. August 1741 und vollendete das Werk am 12. September desselben Jahres. Das Libretto stammte von Charles Jennens. Das Werk wurde, wohlgemerkt, im Theater aufgef\u00fchrt, nicht in der Kirche. Ja, die Kirche hatte wenig im Sinn damit, Menschen durch ein Oratorium \u00fcber den Messias zu verzaubern. Das Libretto bestand aus Texten des Alten und Neuen Testaments. War das nicht eine Entweihung der Heiligen Schrift, eine schreckliche Profanisierung der Bibel, da\u00df man diese Texte dubiosen Musikern, Kastraten und Kom\u00f6dianten anvertraute? Hie\u00df das nicht Perlen vor die S\u00e4ue werfen, wenn man sie vor einem Kreis von Personen zum besten gab, die zwar st\u00e4ndig ins Theater rannten, um die neuesten Opern im italienischen Stil zu sehen, deren Kirchenbesuch aber eher lax zu nennen war? Verwechselte man da nicht die B\u00fchne mit der Kanzel, den S\u00e4nger mit dem Geistlichen, den Opern- mit dem Kirchenchor? Stellte man den Messias nicht auf eine Stufe mit den fiktiven Gestalten der Mythologie und Dichtung, wenn man ihn zum Helden eines Oratoriums machte? Zwar versuchte H\u00e4ndel diesem letzten Einwand dadurch zu entgehen, da\u00df er den Titel \u201eMessias\u201c auf den Plakaten strich und sich mit der Bezeichnung \u201eEin geistliches Oratorium\u201c begn\u00fcgte. Aber es war tats\u00e4chlich seine Absicht, den H\u00f6rern au\u00dferhalb des kirchlichen Gottesdienstes den Messias nahe zu bringen. Jeder Einzelne sollte sich in seiner Sehnsucht nach Erl\u00f6sung angesprochen f\u00fchlen, wenn der Tenor das Oratorium mit den Worten er\u00f6ffnete \u201eTr\u00f6ste dich, tr\u00f6ste dich o Zion\u201c. Jeder Einzelne sollte verwandelt werden durch den in Noten gesetzten biblischen Text. Hier sollte nicht der Kirchenbesucher, sondern die gesamte Menschheit von der Kunde des Messias erreicht und verzaubert werden.<\/p>\n<p>Sich verzaubern lassen. Derzeit lassen sich Kinder und Erwachsene in Scharen von Harry Potter verzaubern. Auch da blieb eine kirchliche Reaktion nicht aus. Eine evangelische Kirchengemeinde auf der Schw\u00e4bischen Alb verbannte \u201eHarry Potter\u201c aus ihrer B\u00fccherei, um die fromme Schar der Gl\u00e4ubigen vor dem sch\u00e4dlichen Einflu\u00df heidnischer Zauberei zu bewahren. Mit Zauberei im h\u00f6heren Sinn hat es aber auch H\u00e4ndels \u201eMessias\u201c zu tun. Denn nat\u00fcrlich ist es ein Wunder, von dem er handelt, ein dreifaches Wunder: das Wunder von Weihnachten, von Karfreitag und von Ostern. Geburt, Tod und Auferstehung des Messias. Uns geht es heute um das Wunder von Weihnachten, von dem wir uns Jahr f\u00fcr Jahr aufs neue verzaubern lassen. Von diesem Wunder handelt der erste Teil des Messias. Der Librettist Jennens hat hier Texte aus dem Alten und Neuen Testament gegen\u00fcbergestellt, Texte aus den Propheten Jesaja, Deuterojesaja, Haggai, Maleachi, Sacharja auf der einen und aus den Evangelien Matth\u00e4us und Lukas auf der anderen Seite. Eine Jahrhunderte alte Tradition christlicher Auslegung des Alten Testaments hatte die prophetischen Texte als messianische Weissagungen gedeutet, als Voraussagen des kommenden Messias, der die Welt erl\u00f6sen wird. An diese Tradition kn\u00fcpfte H\u00e4ndels Librettist an, und das ganz bewu\u00dft. Denn die Zeit, zu der der \u201eMessias\u201c entstand, war eine Zeit, in der gerade in England Weissagungen und Wunder keinen leichten Stand mehr hatten. Es war die Zeit des Deismus, der ganz im Sinne der Aufkl\u00e4rung das Christentum von allen wunderhaften Elementen befreien wollte. \u201eChristianity not mysterious\u201c, so lautete ein Werk des ber\u00fchmten Deisten John Toland, das er 1696 auf den Markt brachte, zu deutsch: \u201eDas Christentum ohne Geheimnis\u201c. Das Christentum wurde entzaubert. Es b\u00fc\u00dfte seinen wunderhaften, mysteri\u00f6sen Charakter ein. F\u00fcr Toland enthielt es nichts, was an sich unbegreiflich und der Vernunft unzug\u00e4nglich w\u00e4re. Das Christentum ist durch und durch vern\u00fcnftig. Tolands Buch war nur der Anfang einer wahren Flut deistischer Traktate, die an den Pfeilern der \u00fcberlieferten Rechtgl\u00e4ubigkeit r\u00fcttelten und sie schlie\u00dflich zum Einsturz brachten. Das galt auch f\u00fcr die messianischen Weissagungen des Alten Testaments. Es war Anthony Collins, ein Freund des ber\u00fchmten Philosophen John Locke, der ihnen den Garaus machte. Keineswegs n\u00e4mlich beziehen sich die alttestamentlichen Propheten mit ihren Erwartungen auf den Messias Jesus von Nazareth. Vielmehr ist es umgekehrt so, da\u00df die neutestamentlichen Autoren die prophetischen Texte so gedeutet haben, als bez\u00f6gen sie sich allesamt auf Christus. Damit fiel eine altehrw\u00fcrdige St\u00fctze des Wahrheitsbeweises f\u00fcr das Christentums dahin. Man konnte jetzt nicht l\u00e4nger sagen: das Christentum ist wahr, weil die prophetischen Weissagungen des Alten Testaments s\u00e4mtlich in der Person des Messias Jesus in Erf\u00fcllung gegangen sind. Das Christentum war entzaubert. Die Aufkl\u00e4rung hatte mit Wundern und Weissagungen aufger\u00e4umt.<\/p>\n<p>Die Entzauberung der messianischen Weissagungen war endg\u00fcltig. Heute ist es Gemeinplatz, da\u00df jene prophetischen Texte, die H\u00e4ndels Librettist als Weissagungen auf den Messias Jesus deutete, keine derartigen Weissagungen sind. Was immer die Propheten erwarteten, an Jesus von Nazareth dachten sie nicht. Doch wovon, wenn nicht von der Geburt in Bethlehem, spricht der prophetische Text, den der Chor soeben gesungen hat? Es handelt sich um eine Stelle aus Jesaja, Jes.9,5: \u201eDenn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er hei\u00dft Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-F\u00fcrst\u201c. Dem Chor voraus geht eine Arie, der als Text Jes.9,1 zugrundeliegt: \u201eDas Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein gro\u00dfes Licht, und \u00fcber denen, die da wohnen im finsteren Lande, scheint es hell\u201c. Mit dem Volk, das im Finstern wandelt, meint Jesaja keineswegs die Menschheit \u00fcberhaupt, und mit dem gro\u00dfen Licht meint er nicht den Erl\u00f6ser der Menschheit. Nein, er hat eine ganz konkrete geschichtliche Situation vor Augen, die unter der assyrischen Fremdherrschaft leidenden Bewohner des Nordreichs, denen er Rettung verhei\u00dft. Diese Rettung verbindet er aber mit der Geburt eines Kindes. Gedacht ist an einen Thronfolger aus dem Hause Davids in der Hauptstadt des S\u00fcdreichs, in Jerusalem. Von diesem neugeborenen Kind wird &#8211; so Jesajas Verhei\u00dfung &#8211; Rettung f\u00fcr den unterdr\u00fcckten Norden ausgehen. Wie bei den Pharaonen in \u00c4gypten wird dem Thronfolger bereits bei seiner Geburt die K\u00f6nigsw\u00fcrde verliehen. Als Zeichen daf\u00fcr wird ihm der K\u00f6nigsmantel umgelegt. Denn die Herrschaft ruht auf seiner Schulter. Und ebenso werden ihm Thronnamen zugesprochen. So wie etwa der Pharao beim Fest der Thronbesteigung \u201eKr\u00e4ftiger Stier, geschickt an Pl\u00e4nen\u201c oder \u201eGro\u00df an Wundern in Karnak\u201c genannt wird, so wird der Spro\u00df aus dem Hause Davids als \u201eWunder-Rat\u201c, also als voll an gutem Rat und gro\u00dfen Taten bezeichnet. Ja, nicht nur das. Als Statthalter Gottes hat er teil an der St\u00e4rke Gottes und wird dementsprechend als \u201eGott-Held\u201c tituliert. Als Landesvater denkt man sich ihn mit ewigem Leben ausgestattet, so da\u00df er \u201eEwig-Vater\u201c genannt wird. Und schlie\u00dflich sammelt sich alle Hoffnung auf einen Frieden im Sinne der Befreiung von fremder Besatzung in dem Titel \u201eFriede-F\u00fcrst\u201c. Jesajas Verhei\u00dfung bezieht sich also ganz konkret auf die Geburt eines Kronprinzen aus der Dynastie Davids. Dieser neugeborene Kronprinz wird als Befreier des Nordens aus der assyrischen Annexion gefeiert und wie ein \u00e4gyptischen Pharao bei der Thronbesteigung besungen. Jesaja war offenbar von diesem neugeborenen Kind so verzaubert, da\u00df er in ihm den Retter Israels sah.<\/p>\n<p>Versteht man den Jesajatext in diesem Sinne, so handelt es sich bei ihm nicht l\u00e4nger um eine messianische Weissagung, sondern um die Verhei\u00dfung, da\u00df der Norden von dem neugeborenen Thronfolger aus dem Hause Davids von der assyrischen Besatzung befreit werde. Die ber\u00fchmte messianische Weissagung steht entzaubert da. Doch das hat, selbst als jene Verhei\u00dfung sich nicht erf\u00fcllte und der Norden nicht befreit wurde, sp\u00e4tere Generationen nicht daran gehindert, die Verhei\u00dfung aus ihrem konkreten geschichtlichen Kontext zu l\u00f6sen und neu zu deuten. So kam es schlie\u00dflich dazu, da\u00df man auch die Gestalt Jesu im Lichte jener gro\u00dfartigen prophetischen Verhei\u00dfungen sah. Das Volk, das im Finstern wandelt, wurde zur verlorenen Menschheit, das Licht zu Jesus Christus, dem Messias, der sie erl\u00f6st. Der Zauber, der sich f\u00fcr Jesaja mit dem neugeborenen Thronfolger in Jerusalem verband, ging f\u00fcr die Christen von Jesus aus. War es nicht sein Leben und Sterben, das seine Anh\u00e4nger so verzauberte, da\u00df sie in Jesus den Messias sahen? Liegt es nicht daran, da\u00df auch wir noch unwillk\u00fcrlich die Jesajastelle auf die Geburt Jesu im Stall von Bethlehem beziehen? In H\u00e4ndels Oratorium wird diese Stelle aus dem Propheten Jesaja denn auch verbunden mit der Verk\u00fcndigung des Engels an die Hirten in der Weihnachtsgeschichte des Lukasevangeliums. Beide Stellen werden auf dasselbe Ereignis bezogen, die Geburt des Messias in der Krippe. Was der Prophet verhei\u00dft, geht Weihnachten in Erf\u00fcllung. Im England H\u00e4ndels bedeutete das Festhalten an dieser alten Deutung auch eine Kritik an den Deisten und ihrer Destruktion der messianischen Weissagungen. Doch wir k\u00f6nnen das jetzt auf sich beruhen lassen und uns dem Zauber hingeben, den diese Stelle aus dem Propheten Jesaja in ihrer alten christlichen Deutung erlangt hat. Alle Hoffnung, Sehnsucht und Erwartung, die mit der guten Regierung verbunden waren, die Idee des Friedens, der Weisheit, der G\u00fcte und der St\u00e4rke, sah die christliche Gemeinde in der Gestalt des menschgewordenen Gottes, des Messias im Stall von Bethlehem verwirklicht. Ist das nicht Ausdruck der Verzauberung, die die fr\u00fchen Christen durch die Person Jesu erfuhren? Und lassen nicht auch wir uns, so distanziert wir bestimmten Dogmen des christlichen Glaubens auch sonst gegen\u00fcber stehen m\u00f6gen, zumindest an Weihnachten immer wieder verzaubern von dem Messias. Ein Zauber, der ja noch gesteigert wird durch die musikalische Form, in die H\u00e4ndel diese Stelle kleidet.<\/p>\n<p>In der englischsprachigen Welt b\u00fcrgerte sich die Sitte ein, H\u00e4ndels \u201eMessias\u201c in der Vorweihnachtszeit aufzuf\u00fchren. \u201eTr\u00f6ste dich, tr\u00f6ste dich o Zion\u201c beginnt der Tenor im ersten Teil, der vom Wunder der Weihnacht handelt. Und nach der Verk\u00fcndigung des Engels an die Hirten auf dem Felde singt der Sopran: \u201eWohlauf, frohlocke, o Tochter von Zion\u201c. Das erinnert nat\u00fcrlich an eine andere ber\u00fchmte Komposition H\u00e4ndels, an das als Adventslied bekannte \u201eTochter Zion, freue dich\u201c, das dem geistlichen Oratorium \u201eJudas Maccab\u00e4us\u201c entstammt. Und das wiederum f\u00fchrt mich abschlie\u00dfend zu einem literarischen Werk, das jenen Zauber, der von Weihnachten ausstrahlt, mit diesem Lied verbindet. Weihnachten im Hause Buddenbrook in der lutherischen Freien und Hansestadt L\u00fcbeck, das klingt so: \u201e\u2018Tochter Zion, freue dich!\u2019 sangen die Chorknaben. Diese hellen Stimmen, die sich, getragen von den tieferen Organen, rein, jubelnd und lobpreisend aufschwangen, zogen aller Herzen mit sich empor, lie\u00dfen das L\u00e4cheln der alten Jungfern milder werden und machten, da\u00df die alten Leute in sich hineinsahen und ihr Leben \u00fcberdachten, w\u00e4hrend die, welche mitten im Leben standen, ein Weilchen ihrer Sorgen verga\u00dfen. \u2018Jauchze laut, Jerusalem!\u2019 schlossen die Chorknaben, und die Stimmen, die fugenartig nebeneinander hergegangen waren, fanden sich in der letzten Silbe friedlich und freudig zusammen. Der klare Akkord verhallte, und tiefe Stille legte sich \u00fcber S\u00e4ulenhalle und Landschaftszimmer. Die Konsulin aber schritt langsam zum Tische. Sie zog die gro\u00dfe Bibel heran. Dann schob sie die Brille auf die Nase, \u00f6ffnete die beiden ledernen Spangen, mit denen das kolossale Buch geschlossen war, und begann das Weihnachtskapitel zu lesen. Sie las die altvertrauten Worte langsam und mit einfacher, zu Herzen gehender Betonung, mit einer Stimme, die sich klar, bewegt und heiter von der and\u00e4chtigen Stille abhob. \u2018Und den Menschen ein Wohlgefallen!\u2019 sagte sie. Kaum aber schwieg sie, so erklang in der S\u00e4ulenhalle dreistimmig das \u2018Stille Nacht, heilige Nacht\u2019\u201c. Da ist er, der Zauber von Weihnachten, der Zauber, der vom Messias ausgeht. Nicht nur zu H\u00e4ndels Zeiten, nicht nur um 1900, sondern auch heute noch, hundert Jahre sp\u00e4ter. Lassen wir uns also verzaubern. \u201eDenn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er hei\u00dft Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-F\u00fcrst\u201c. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Jan Rohls<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Sich verzaubern lassen&#8220; | Jesaja 9,1.5-6 | Jan Rohls | Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220; Liebe Gemeinde, Am 13. April des Jahres 1742 wurde Georg Friedrich H\u00e4ndels \u201eMessias\u201c in einem Dubliner Theater uraufgef\u00fchrt. H\u00e4ndel war von dem Lord Lieutenant Irlands, das seit Cromwells Tagen der englischen Krone unterworfen war, nach Dublin eingeladen worden. 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