{"id":21988,"date":"2001-01-18T11:13:14","date_gmt":"2001-01-18T10:13:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21988"},"modified":"2025-03-18T11:16:39","modified_gmt":"2025-03-18T10:16:39","slug":"lukas-1038-40","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-1038-40\/","title":{"rendered":"Lukas 10,38-40"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;In Angriff nehmen&#8220; | Lukas 10,38-40 | Hans-J\u00fcrgen Fraas |<\/h3>\n<p>Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220;<\/p>\n<p>Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hie\u00df Maria; die setzte sich dem Herrn zu F\u00fc\u00dfen und h\u00f6rte seiner Rede zu. Marta aber machte sich viel zu schaffen, ihm zu dienen. Und sie trat hinzu und sprach: Herr, fragst du nicht danach, da\u00df mich meine Schwester l\u00e4\u00dft allein dienen? Sage ihr doch, da\u00df sie mir helfen soll. (Lukas 10, 38-40)<\/p>\n<p><em>\u201eH e r z und M u n d und T a t und L e b e n mu\u00df von Christus Zeugnis geben, ohne Furcht und Heuchelei, da\u00df er Gott und Heiland sei\u201c,<\/em>\u00a0hei\u00dft es in der Bach-Kantate, deren Eingangschor wir vorhin geh\u00f6rt haben. Der Glaube hat viele Gesichter, vertraute und fremde, auch befremdliche und herausfordernde, er zeigt sich spirituell und ethisch, meditativ und politisch.<\/p>\n<p>Der Streit um die z e n t r a l e n Lebens\u00e4u\u00dferungen des Glaubens erinnert an die Rivalit\u00e4t zwischen Maria und Martha: Lk 10, 38-40: \u201e&#8230;sie soll es auch angreifen\u201c<\/p>\n<p>\u201eIn Angriff nehmen\u201c: Sollen wir aller Auslegungstradition entgegen \u201eMartha\u201c gegen \u201eMaria\u201c ausspielen, die Tatkr\u00e4ftige gegen die Besinnliche, die doch angeblich das bessere Teil erw\u00e4hlt hat? Sollen wir mit Martha den Aktivismus zum Prinzip erheben:\u00a0<em>\u201eSag\u2018doch, dass sie es auch angreife\u201c?<\/em><\/p>\n<p>Wie dem auch sein mag: Der Glaube besitzt j e d e n f a l l s ein weltgestaltendes Potential, eine D y n a m i k , die zur T a t dr\u00e4ngt.<\/p>\n<p><em>&lt;1.&gt;\u201eAch, da\u00df Du den Himmel zerrissest und f\u00fchrest hernieder!\u201c\u00a0Ungeduldig ist der Glaube<\/em>\u00a0und\u00a0<em>\u201eunruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in Gott\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Die Unruhe des Herzens sucht nicht das Aufgehen in frommer Besinnlichkeit: Nicht das Nirvana ist ihr Ziel, nicht die \u00dcberwindung aller Spannungen, nicht die Aufl\u00f6sung des Ich in die vorg\u00e4ngige All-Einheit des Universums.<\/p>\n<p>Ebenso wenig ist der modische Tanz um das goldene Selbst Sache des Glaubens. Lotossitz und Atem\u00fcbungen m\u00f6gen auch dem Protestanten nicht schaden, so lange sie nicht der heute so beliebten seelischen Selbstbefriedigung erliegen.<\/p>\n<p>Der Glaube bleibt nicht bei sich s e l b s t. Er l\u00e4\u00dft sich umtreiben von dem, was in der Welt geschieht. Gelassenheit in Gott schlie\u00dft die Leidenschaft nicht aus &#8211; Jesus war leidenschaftlich**,**\u00a0wenn er Menschen in ihrem Elend begegnete oder wenn er das Heilige entweiht sah.<\/p>\n<p>Aber ist es nicht menschliche Vermessenheit, die Dinge \u201eselbst in die Hand\u201c zu nehmen? Haben wir nicht gelernt, \u201eGott im Regimente\u201c sitzen zu lassen und die Zukunft ihm anheim zu stellen? Genie\u00dft Maria nicht eben doch die gr\u00f6\u00dferen Sympathien Jesu?<\/p>\n<p>Nun ist Martha keine vorweggenommene Verk\u00f6rperung des \u201ehomo faber\u201c, ihr ist kaum moderner Machbarkeitswahn zu unterstellen. \u201eSelbst ist die Frau oder der Mann\u201c \u2013 das war nicht ihre Parole. Es ging ihr auch nicht darum, \u201ejeden Tag eine gute Tat\u201c einzufordern. Blinder Aktionismus schadet nur.<\/p>\n<p>Christliche Aktivit\u00e4ten k\u00f6nnen Fluchtbewegungen eines Glaubens sein, der sich seiner Fundamente nicht mehr gewi\u00df ist, und das politische Engagement des Christen kann dort zum Alibi werden, wo man der Feier der Liturgie nichts mehr abzugewinnen vermag.<\/p>\n<p>Aber auch die Ergebenheit in den Willen Gottes kann Tarnung sein, Tarnung der eigenen Bequemlichkeit und Tr\u00e4gheit. Ergebenheit in den Willen Gottes bedeutet nicht, die Entwicklungen auszusitzen und Zuschauer des Weltgeschehens zu bleiben. Entscheidend ist die Recht -Zeitigkeit des Tuns. Zur r e c h t e n Zeit mu\u00df der Glaube dr\u00e4ngen und fordern<\/p>\n<p><em>\u201eEs mu\u00df im Leben mehr als alles geben\u201c,<\/em>\u00a0lautet der Titel eines Kinderbuchs. Eine hybride Forderung, wenn sie der uners\u00e4ttlichen Selbstsucht dient. Aber in seinem Gestaltungswillen kann der Glaube sich nur mit dem \u00c4u\u00dfersten zufrieden geben. Denn was w\u00e4re das f\u00fcr eine Liebe, die sagte \u201ees reicht schon\u201c, was f\u00fcr ein Erkenntnisdrang, der dem Verstand Grenzen setzen wollte, was f\u00fcr ein Leben, das sich nicht verschwenden wollte, sondern sich aufsparen?<\/p>\n<p>Ortega y Gasset sagt\u00a0<em>: \u201eDas Wertvollste am Menschen ist seine F\u00e4higkeit, sich n i c h t zu bescheiden. Wenn er etwas G\u00f6ttliches besitzt, so ist dies seine g\u00f6ttliche Ungen\u00fcgsamkeit\u201c,<\/em>\u00a0und\u00a0<em>\u201edas Uners\u00e4ttliche kann sich (nach Paul Claudel) nur an\u2019s Unersch\u00f6pfliche wenden\u201c.<\/em>\u00a0Darum sind diejenigen\u00a0<em>\u201eselig, die nach Gerechtigkeit h u n g e r t und d \u00fc r s t e t \u201c,<\/em>\u00a0denn s i e werden Gott schauen.<\/p>\n<p>Hunger und Durst nach Gerechtigkeit verbinden uns mit Gottes Sch\u00f6pferwillen. Wenn wir den Hunger in uns erstickten, wenn wir satt w\u00e4ren und stumpf, dann h\u00e4tten wir uns nicht nur den Zugang zu Gott versperrt, dann verk\u00fcmmerten wir in unserer Menschlichkeit. Bewahrung der Ruhe auf Kosten anderer w\u00e4re f a l s c h e Bescheidenheit. U n r u h e ist erste protestantische B\u00fcrgerpflicht.<\/p>\n<p>Darum k\u00f6nnen wir auch d o r t nicht Ruhe geben, wo es um die Besch\u00e4ftigung mit der Vergangenheit geht, die niemals einfach b e w \u00e4 l t i g t ist.<\/p>\n<p>Hilde Domin spricht beschw\u00f6rend:\u00a0<em>\u201eAbel, steh auf, es mu\u00df n e u gespielt werden, t\u00e4glich mu\u00df es neu gespielt werden, t\u00e4glich mu\u00df die Antwort noch vor uns sein&#8230; Abel, steh auf, damit es anders anf\u00e4ngt zwischen uns\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Tote sind nicht lebendig zu machen, aber damit d\u00fcrfen wir uns nicht abfinden. Die W\u00fcrde des Menschen und die Unantastbarkeit jedes einzelnen Lebens sind Themen, die in j e d e r Epoche unter n e u e m Vorzeichen, im Lernen aus der Vergangenheit, n e u unseres Einsatzes bed\u00fcrfen, damit es a n d e r s anf\u00e4ngt und a n d e r s endet.<\/p>\n<ol start=\"2\">\n<li>\u201eIn Angriff nehmen\u201c &#8211; das klingt militant und aggressiv*. \u201eF r i e d e auf Erden\u201c*\u00a0ist die Parole des christlichen Glaubens.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Aber der Friede kommt nicht von allein, er mu\u00df errungen werden. Die Chance f\u00fcr Pal\u00e4stina liegt wohl weniger bei den Politikern als bei denjenigen Israelis u n d Pal\u00e4stinensern, die sich der gegenseitigen Gewalt widersetzen und Gemeinschaft vor Ort praktizieren &#8211; ein gutes Beispiel f\u00fcr die Christen in Nordirland und in aller Welt. Zum Frieden &#8211; Stiften sind wir berufen, ein Grund, mit Franz v.Assisi zu beten:\u00a0<em>\u201eHerr, mache mich zum W e r k z e u g deines Friedens!\u201c<\/em><\/p>\n<p>Aber\u00a0<em>\u201eich bin nicht gekommen, Frieden zu bringen, sondern das Schwert\u201c,<\/em>\u00a0sagt Jesus. Der Glaube hat etwas K\u00e4mpferisches. So, wie Gottes Sch\u00f6pferwille dem Chaos den Kampf ansagt, so sind w i r beauftragt, die W\u00fcste und Leere i n uns und u m uns zu bek\u00e4mpfen.<\/p>\n<p>Glaube ist Protest gegen das B\u00f6se, Aufstand gegen die Chaos-M\u00e4chte, Widerstand gegen die Verg\u00e4nglichkeit. Glaube ist kein \u201eheiliger Krieg\u201c, wohl aber ein \u201eheiliges Ringen\u201c gegen Lethargie, gegen Bequemlichkeit und Passivit\u00e4t:\u00a0<em>\u201eWach auf, der du schl\u00e4fst\u201c<\/em>\u00a0!<\/p>\n<p>Passivit\u00e4t war die Schuld der Alten, die ihre Gesinnung gegen Hitler im Herzen verbargen, aber aus dem politischen Leben sich heraushielten und Zuschauer blieben oder wegschauten.<\/p>\n<p>Passivit\u00e4t ist die Schuld derjenigen heute, die sich zwar emp\u00f6ren \u00fcber die Brutalisierung der Gesellschaft und die Gewaltbereitschaft, aber im konkreten Fall abwarten, was die anderen tun.<\/p>\n<p>Das naive Vertrauen einer patriarchalischen Ordnung nach dem Motto\u00a0<em>\u201ePapa wird\u2019s schon richten\u201c<\/em>, ist durch die demokratische Geschwistergesellschaft abgel\u00f6st, aber keineswegs \u00fcberwunden, sondern nur verschoben: \u201eDie anderen werden schon etwas tun!\u201c<\/p>\n<p>Es ist angesichts der Verletzungen der Menschenw\u00fcrde in den Medien n i c h t getan mit der privaten Emp\u00f6rung, wenn wir nicht aktiv die Einschaltquoten gewisser Fernsehsendungen senken und unserer Meinung \u00f6ffentlich Raum geben.<\/p>\n<p>Es ist angesichts des Fremdenhasses n i c h t damit getan, beim inneren Protest und der wohlfeilen verbalen Aufforderung zur Civilcourage zu verbleiben, wenn wir nicht einschreiten, sobald wir auf Gespr\u00e4che sto\u00dfen, die einen ausl\u00e4nderfeindlichen Inhalt haben, wenn wir uns nicht einmischen, nicht t\u00e4tig werden, von Lichterketten und Protestm\u00e4rschen bis zum materiellen Opfer und zum Einsatz unserer Person mit Leib und Leben.<\/p>\n<p><em>\u201eDa\u00df du kalt oder warm w\u00e4rest!\u201c<\/em>\u00a0Wir stehen st\u00e4ndig im Kampf gegen den \u201ealten Adam**\u201c**\u00a0in uns, gegen unsere Gleichg\u00fcltigkeit und Tr\u00e4gheit auch in r e l i g i \u00f6 s e n Fragen. Evangelische Freiheit besteht eben n i c h t darin, da\u00df jeder nach seiner Facon selig werden m\u00f6ge, weil in der D\u00e4mmerung des religi\u00f6sen Sonnenuntergangs ja doch alle Katzen grau seien.<\/p>\n<p>Evangelische Freiheit darf nicht in der Beliebigkeit des Individualismus untergehen; sie ist eine Position, die \u00f6 f f e n t l i c h vertreten und bekannt werden muss als eine Freiheit z u m Engagement. Der alte k\u00e4mpferische Atheismus steht dem Glauben n\u00e4her als die heutige t\u00f6dliche Gleichg\u00fcltigkeit in den Fragen letzter Orientierung. Denn Auseinandersetzung h\u00e4lt die Geister wach, aber Indifferenz stumpft sie ab.<\/p>\n<p>Der Glaube k\u00e4mpft mit der Gewalt der positiven Utopien. Die Macht der Tr\u00e4ume von Jesaja bis zu Martin Luther King und zur friedlichen Revolution von 1989 hat ihre Wirkung auf die gesellschaftlichen Verh\u00e4ltnisse gezeigt, hat gezeigt, dass Schwerter tats\u00e4chlich in Pflugscharen umgeschmiedet werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Glaube ist Aufruf zum produktiven Tr\u00e4umen. Ein brasilianisches Sprichwort sagt: Wenn einer allein tr\u00e4umt, ist es nur ein Traum; wenn viele gemeinsam tr\u00e4umen, ist das der Anfang einer n e u e n Wirklichkeit.<\/p>\n<p>3.\u00a0<em>\u201eDu e r n e u e r s t die Gestalt der Erde\u201c,<\/em>\u00a0sagt der Psalmist. Wenn Gott nicht schl\u00e4ft noch schlummert, wenn\u00a0<em>\u201esein\u2018 Arbeit nicht ruh\u2019n\u201c<\/em>\u00a0darf, wenn die Sch\u00f6pfung nicht in\u2018s Nichts zur\u00fccksinken soll, so sind wir als das Ebenbild dieses Gottes beauftragt, wach und aktiv unser Leben und unsere Welt in Ordnung zu h a l t e n , unsere Verh\u00e4ltnisse in Ordnung zu b r i n g e n und zu kultivieren.<\/p>\n<p>Kultur, das hei\u00dft den Acker pflegen und bebauen. Aber nicht nur die Natur gilt es zu kultivieren, sondern auch die s e e l i s c h e Landschaft vor der Verwilderung ebenso zu bewahren wie vor der Verkarstung.<\/p>\n<p><em>\u201eProtestanten sind Fachleute f\u00fcr Kultur\u201c,<\/em>\u00a0hie\u00df es k\u00fcrzlich im Bayrischen Sonntagsblatt, und zur gleichen Zeit schrieb in einem anderen Blatt ein Journalist (Johannes Gro\u00df), der Protestantismus spiele in absehbarer Zeit in Europa keine Rolle mehr.<\/p>\n<p>Manche sind darum besorgt, dass der Kulturprotestantismus zusammen mit dem B\u00fcrgertum, das protestantische Berufsethos zusammen mit der ver\u00e4nderten Arbeitswelt, die protestantische Pflicht-Ethik zusammen mit der modernen Fun-Moral dem Untergang geweiht sein k\u00f6nnte.<\/p>\n<p>Aber der protestantische Kulturwille ist nicht am Ende, sondern unter ver\u00e4nderten Bedingungen n e u gefragt. Das historische Erbe verpflichtet uns, Europa nach christlichen Werten zu gestalten, und auch und gerade die s\u00e4kulare Gesellschaft braucht Gruppen, die einen klaren ethischen Standpunkt haben. Sie braucht das Licht, das zu sein die Christen aufgerufen sind,<\/p>\n<p>Christen k\u00f6nnen auch in der Minderheit stilbildend wirken f\u00fcr die Strukturen des menschlichen Zusammenlebens.<\/p>\n<p>Die \u00d6ffentlichkeit redet von Streitkultur, Kultur des Miteinander, Kultur des Dialogs, Kultur der Affekte, Kultur des Trauerns. Die inflation\u00e4re Beschw\u00f6rung der Bindestrich- Kult u r e n ist ein Indiz f\u00fcr den faktischen Verlust an K u l t u r , und die Angst mancher Zeitgenossen vor der fremden Kultur ist nichts anderes als ein Ausdruck der eigenen inneren Leere und Kulturlosigkeit.<\/p>\n<p>Aber Kultur l\u00e4\u00dft sich nicht durch politische Forderungen oder juristische Ma\u00dfnahmen sch\u00fctzen. Kultur besteht auch nicht in der Mindest &#8211; Kenntnis von Sprache und Grundgesetz. Kultur ist Umgang mit dem Lebensraum, ist Gestaltung der Zeit und des Jahresablaufs, ist Sitte und Brauchtum, Lebensstil und Gemeinschaftssinn.<\/p>\n<p>Alles das wird nicht durch Verordnungen erf\u00fcllt, sondern allein durch unsere allt\u00e4gliche Lebens -praxis, die \u201ep r a x i s pietatis\u201c. Denn die Fr\u00f6mmigkeit pr\u00e4gt das Alltagshandeln.<\/p>\n<p>Verlust an Kultur zeigt sich im Stilverlust*. \u201eEigentlich ist mein Leben immer vollkommen formlos gewesen\u201c<em>, schreibt Karin Struck in einem ihrer Romane<\/em>:\u201eOhne Halt, ohne Form, ohne Riten&#8230; So ist vielleicht die Tatsache, da\u00df ich meine Kinder nicht taufen lie\u00df, nicht unbedingt atheistischer Mut, sondern entspricht meiner Unf\u00e4higkeit zum Ritus, zur Form. Jahrelang ohne Weingl\u00e4ser, ohne Gl\u00e4ser. Unf\u00e4higkeit, G\u00e4ste zu empfangen. Unf\u00e4higkeit, Hochzeit zu machen\u201c.*<\/p>\n<p>Es ist ein Verlust, wenn man nicht mehr feiert, sondern nur noch gegen Geld feiern l \u00e4 \u00df t, den Christbaum in der Hotelhalle und den Gesang von der CD.\u00a0<em>\u201eDer Mensch hat sich einmal vom V i e h unter anderem dadurch unterschieden, dass er sich f\u00fcr bestimmte Augenblicke in seinem Leben besondere Formen gesucht hat\u201c,<\/em>\u00a0schreibt der bayrischer Heimatpfleger P. E . Rattelm\u00fcller. \u201e<em>Aber nun ist er&#8230;eifrig dabei, diese Formen wegzuwerfen\u201c.<\/em><\/p>\n<p>Im Feste &#8211; Feiern, der Begehung des Sonntags, dem gepflegten Kulturgenuss manifestiert sich die Menschenw\u00fcrde wie in der Sprache.<\/p>\n<p>Wenn\u00a0<em>\u201eunsere wahre Heimat eigentlich die Sprache\u201c<\/em>\u00a0ist, wie W. v. Humboldt sagt, und wenn das \u201eWort\u201c g\u00f6ttlichen Ursprungs ist, dann kann uns der Verfall der Sprache &#8211; von der Reduktion auf ein paar Dutzend Amerikanismen \u00fcber das Sprechblasen-Niveau bis hin zu der uns\u00e4glichen F\u00e4kaliensprache &#8211; nicht gleichg\u00fcltig sein.<\/p>\n<p>Und wenn das Wort in Jesus Christus unser Mitmensch geworden ist, dann kann uns die Not des Mitmenschen nicht kalt lassen. Viele christliche Aktivit\u00e4ten sind im Lauf der Geschichte vom Sozialstaat \u00fcbernommen worden, aber der Sozialstaat ist weiterhin auf Menschen angewiesen, die sich dem Evangelium verpflichtet wissen.<\/p>\n<p>\u201eIn Angriff nehmen\u201c \u2013 das hat mit Greifen zu tun und zielt auf unserer H\u00e4nde Werk*. \u201eGott ich gebe dir heute meine H\u00e4nde\u201c*\u00a0, hat Mutter Teresa gebetet,\u00a0<em>\u201eden ganzen Tag \u00fcber denen zu helfen, die es n\u00f6tig haben, den Kranken und Armen&#8230;\u201c.<\/em><\/p>\n<p>H\u00e4nde greifen zu, wo sie gebraucht werden, tatk\u00e4ftig oder auch Z\u00e4rtlichkeit spendend. Im t\u00e4glichen Leben kann ein H\u00e4ndedruck f\u00fcr einen Menschen im Abseits heilsamer sein als die Hilfsaktion, die wir in Szene setzen.<\/p>\n<p>T\u00e4tige H\u00e4nde k\u00f6nnen auch schmerzen, wenn sie den Finger in eine Wunde legen. Beides\u00a0**hat seine Zeit, zudecken und aufdecken, produktiv handeln und soziales oder kulturelles Gewissen sein. Das Hand-Anlegen und das Hand-Auflegen, das zupackende und das segnende und heilende Handeln gehen ineinander \u00fcber.<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich: Der weltgestaltende Glaube bedarf selbst der Gestaltung &#8211; zur Kultur geh\u00f6rt der Kult als das \u201edarstellende Handeln\u201c des Glaubens.<\/p>\n<p>Wir haben es als Protestanten nicht gelernt, Fr\u00f6mmigkeit \u00f6ffentlich zu zeigen. Glaube geh\u00f6rt in den privaten Bereich. Vielfach wei\u00df der Sohn nicht, welche Gesinnung der Vater hegt. Und zur Liturgie als einer Inszenierung der\u00a0<em>\u201esch\u00f6nen Gottesdienste des Herrn\u201c<\/em>\u00a0fehlt vielen die Beziehung.<\/p>\n<p>Aber wo die Fr\u00f6mmigkeit sich nicht \u00e4u\u00dfert, versandet sie, so wie die Beziehung zwischen Ehepartnern versandet, wenn die Gesten der Z\u00e4rtlichkeit ausgestorben sind. Und die Verkarstung unserer psychischen Landschaft ist auf die Dauer unwiderbringlich t\u00f6dlich.<\/p>\n<p>Es geh\u00f6rt zu unserem Auftrag, H\u00fcter des Heiligen zu sein. Nach Hans Jonas ist es die Frage,\u00a0<em>\u201eob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen &#8230;eine Ethik haben k\u00f6nnen, die die extremen Kr\u00e4fte z\u00fcgeln kann, die wir heute besitzen&#8230;\u201c.<\/em>\u00a0Die s\u00e4kulare Gesellschaft ist auf Menschen angewiesen, die den Sinn f\u00fcr das Heilige pflegen \u2013 auch d a s ist Kultur.<\/p>\n<p>Ehrfurcht vor dem Heiligen wird nicht durch eine Erneuerung des Gottesl\u00e4sterungsparagraphen gew\u00e4hrleistet und es ist nicht unsere Aufgabe, nach gesetzlichem Schutz zu rufen. Es geht darum, Verletzlichkeit und Trauer zu z e i g e n und \u00f6ffentlich auszusprechen, was wir verlieren, wenn wir unsere letzen Bindungen der Schm\u00e4hung und dem Schmutz preisgeben.<\/p>\n<p><em>\u201eWer schl\u00e4ft, s\u00fcndigt nicht\u201c.<\/em>\u00a0Wer die Dinge in Angriff nimmt, macht sich leicht die H\u00e4nde schmutzig. Aber sich auf den Weg machen, auch wenn es ein Holzweg sein k\u00f6nnte, ist besser als sitzen bleiben. Wir haben als Christen die Freiheit zu experimentieren. Wir m\u00fcssen nicht st\u00e4ndig fragen, wohin das f\u00fchren k\u00f6nnte.\u00a0<em>\u201eWo k\u00e4men wir hin\u201c,<\/em>\u00a0sagt der Dichter-Pfarrer Kurt Marti,\u00a0<em>\u201ewenn alle sagten wo k\u00e4men wir hin und niemand ginge um einmal zu schauen, wohin man k\u00e4me, wenn man ginge\u201c.<\/em><\/p>\n<p><em>\u201eMit Gott wollen wir Taten tun\u201c,<\/em>\u00a0Ps.60, 14. Mit dem Mutigen ist Gott:\u00a0<em>pecca fortiter<\/em>, s\u00fcndige entschieden, aber glaube noch entschiedener \u2013 das ist praktizierter Rechtfertigungsglaube. Denn dem Tun des Glaubens geh\u00f6rt die Vergebung und die Verhei\u00dfung..<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Hans-J\u00fcrgen Fraas<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;In Angriff nehmen&#8220; | Lukas 10,38-40 | Hans-J\u00fcrgen Fraas | Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220; Als sie aber weiterzogen, kam er in ein Dorf. Da war eine Frau mit Namen Marta, die nahm ihn auf. Und sie hatte eine Schwester, die hie\u00df Maria; die setzte sich dem Herrn zu F\u00fc\u00dfen und h\u00f6rte seiner Rede zu. 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