{"id":21990,"date":"2001-01-18T11:16:43","date_gmt":"2001-01-18T10:16:43","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21990"},"modified":"2025-03-18T11:20:14","modified_gmt":"2025-03-18T10:20:14","slug":"exodus-202-17","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/exodus-202-17\/","title":{"rendered":"Exodus 20,2\u201317"},"content":{"rendered":"<h3>&#8222;In Ordnung bringen&#8220; | Ex 20,2\u201317 | Gunther Wenz |<\/h3>\n<p>Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220;<\/p>\n<p>Das erste Gebot<\/p>\n<p>Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere G\u00f6tter haben neben mir.<\/p>\n<p>Das zweite Gebot<\/p>\n<p>Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unn\u00fctz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen Namen mi\u00dfbraucht.<\/p>\n<p>Das dritte Gebot<\/p>\n<p>Du sollst den Feiertag heiligen.<\/p>\n<p>Das vierte Gebot<\/p>\n<p>Du sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf da\u00df dir\u00b4s wohlgehe und du lange lebest auf Erden.<\/p>\n<p>Das f\u00fcnfte Gebot<\/p>\n<p>Du sollst nicht t\u00f6ten.<\/p>\n<p>Das sechste Gebot<\/p>\n<p>Du sollst nicht ehebrechen.<\/p>\n<p>Das siebente Gebot<\/p>\n<p>Du sollst nicht stehlen.<\/p>\n<p>Das achte Gebot<\/p>\n<p>Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen N\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Das neunte Gebot<\/p>\n<p>Du sollst nicht begehren deines N\u00e4chsten Haus.<\/p>\n<p>Das zehnte Gebot<\/p>\n<p>Du sollst nicht begehren deines N\u00e4chsten Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>um Ordnung in die Best\u00e4nde der christlichen \u00dcberlieferung zu bringen, ver\u00f6ffentlichte Martin Luther 1529 zwei Katechismen, den Gro\u00dfen und den Kleinen. Vorangegangen waren Katechismuspredigten, die der Reformator in Vertretung des Stadtpfarrers Johannes Bugenhagen in Wittenberg gehalten hat. Die beiden Katechismen wurden die mit Abstand erfolgreichsten Schriften der Reformation. Auch Luther selbst sch\u00e4tzte sie sehr hoch ein: unter allen seinen Werken wollte er neben \u201eDe servo abitrio\u201c, der Streitschrift gegen Erasmus von Rotterdam, nur die Katechismen erhalten wissen. Den Status einer offiziellen Bekenntnisschrift der evangelisch-lutherischen Kirche erhielten sie durch Aufnahme in das Konkordienbuch von 1580 als dem wichtigsten Lehrcorpus der Wittenberger Reformation.<\/p>\n<p>Katechese &#8211; das l\u00e4\u00dft an Schule und Kinderlehre denken. Doch f\u00fcr die Hand von Kindern waren Luthers Katechismen anfangs nicht gedacht. Der Gro\u00dfe Katechismus ist an Geistliche adressiert, der Kleine richtet sich an die Hausv\u00e4ter namentlich auf den Bauernh\u00f6fen in den kurs\u00e4chsischen D\u00f6rfern, um sie zur Unterrichtung ihres Hausstandes zu bef\u00e4higen. Das katechetische Grundmotiv ist Konzentration und Elementarisierung. Die V\u00e4ter des Konkordienbuchs haben die Katechismen daher zurecht eine komprimierte Bibel genannt, \u201edorin alles begriffen, was in Heiliger Schrift weitl\u00e4uftig gehandelt und einem Christenmenschen zu seiner Seligkeit zu wissen vonn\u00f6ten ist\u201c (BSLK 769, 7-10).<\/p>\n<p>Was ist einem Christenmenschen zu seiner Seligkeit zu wissen n\u00f6tig? Nach Luther vor allem dreierlei: Was er tun und lassen soll, was er glauben kann und was er bitten darf (vgl. WA 7,204,13-205,3) Den ersten Gesichtspunkt thematisiert in beispielhafter Weise der Dekalog, den zweiten das Credo, den dritten das Vaterunser. Zehn Gebote, Glaubensbekenntnis und Herrengebet: Damit sind die drei zentralen Hauptst\u00fccke des Katechismus benannt, denen mit Taufe und Abendmahl zwei weitere erg\u00e4nzend hinzugef\u00fcgt werden. Das erste Hauptst\u00fcck, welches die Zehn Gebote und ihre Auslegung beinhaltet, geht nicht nur der Reihenfolge nach den anderen voran, sondern ist auch in der Sache schlechterdings grundlegend, da es nicht weniger enth\u00e4lt als das g\u00f6ttliche Grundgesetz f\u00fcr Mensch und Welt, die Verfassungsordnung der Sch\u00f6pfung.<\/p>\n<p>Kosmos hei\u00dft Ordnung. Ohne Ordnung gibt es keine best\u00e4ndige Welt, die dem Chaos zu widerstehen vermag. Was aber die Naturgesetze f\u00fcr die Welt der Natur, das sind die Zehn Gebote f\u00fcr die Welt der Kultur, ohne die der Mensch nicht Mensch sein und sein Wesen nicht realisieren kann. Die Menschenwelt im allgemeinen und die Welt jedes einzelnen Menschen in Ordnung zu bringen und zu erhalten, das ist der Sinn und Zweck der Zehn Gebote, an welchen die menschliche Kreatur ihren g\u00f6ttlichen Ma\u00dfstab findet.<\/p>\n<p>Wohl an denn: Wie lautet das Erste Gebot? Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere G\u00f6tter haben neben mir. Was ist das? \u201eWir sollen Gott \u00fcber alle Ding f\u00fcrchten, lieben und vertrauen.\u201c (BSLK 507,43f) In diesem Gebot, sagt Luther, sind alle anderen inbegriffen, es ist deren Haupt und Quellborn, ohne dessen Erf\u00fcllung nichts in Erf\u00fcllung geht und mit dessen Erf\u00fcllung alles erf\u00fcllt ist. Ich zitiere den Reformator: \u201e(W)o das Herz wohl mit Gott dran ist und dies Gepot gehalten wird, so gehen die andern alle hernach\u201c (BSLK 572,12-14). Am Verh\u00e4ltnis zum Ersten Gebot entscheidet sich das Ganze. Luther hat das formal dadurch unterstrichen, da\u00df er die Auslegungen des zweiten bis zehnten Gebots stets mit einer Erinnerung an diejenige des ersten einleitet: \u201ewir sollen Gott f\u00fcrchten und lieben\u201c (vgl. BSLK 508,5ff). Das rechte Verh\u00e4ltnis zu Gott ist die Grundlage und M\u00f6glichkeitsbedingung rechten Verh\u00e4ltnisses zu Selbst und Welt.<\/p>\n<p>Was aber ist Gott, und was hei\u00dft es, einen Gott zu haben? \u201eAntwort: Ein Gott hei\u00dfet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen N\u00f6ten. Also da\u00df ein Gott haben nichts anders ist, denn ihm von Herzen trauen und gl\u00e4uben, wie ich oft gesagt habe, da\u00df allein das Trauen und Gl\u00e4uben des Herzens machet beide Gott und Abegott. Ist der Glaube und Vertrauen recht, so ist auch Dein Gott recht, und wieder\u00fcmb, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei geh\u00f6ren zuhaufe, Glaube und Gott. Worauf Du nu (sage ich) Dein Herz h\u00e4ngest und verl\u00e4ssest, das ist eigentlich Dein Gott.\u201c (BSLK 560,10-24) Woran Du Dein Herz h\u00e4ngst, das ist Dein Gott. Der Gottesbegriff markiert die Unbedingtheitsdimension unseres Daseins. Nicht so, sagt Luther, da\u00df die Alternative Gott oder Nichtgott in unserer Wahl st\u00fcnde: einen Gott hat jedermann. Atheismus im strengen Sinn ist keine menschliche M\u00f6glichkeit, Religion vielmehr ein anthropologisches Universale; sie geh\u00f6rt zum Menschsein des Menschen konstitutiv hinzu. Nicht ob der Mensch sein Herz an etwas h\u00e4ngt, ist deshalb die entscheidende Frage, sondern an wen oder was er es h\u00e4ngt: an Gott oder an einen Abgott. Zwischen Gott und G\u00f6tze kategorisch zu unterscheiden: das ist es, was das erste Gebot gebietet.<\/p>\n<p>Wenn ein Endliches f\u00fcr Unendliches, ein Bedingtes f\u00fcr unbedingt erkl\u00e4rt wird, haben wir es stets mit G\u00f6tzendienst zu tun. Luther nennt als ein Beispiel den Mammonsdienst und die Vergottung materieller G\u00fcter. Aber auch soziale Werte wie Klugheit, Ehre oder b\u00fcrgerliche Anerkennung, ja nicht zuletzt religi\u00f6se Gehalte stehen in Gefahr, verg\u00f6tzt zu werden. Auch Mitmenschen k\u00f6nnen auf unstatthafte Weise verhimmelt und zu Idolen verkl\u00e4rt werden, womit man sowohl ihnen als auch sich selbst unrecht tut. Denn gerecht zu werden verm\u00f6gen sich Menschen untereinander nur, wenn sie sich als endliche Wesen begegnen. Jede Menschenvergottung ist inhuman, sei es da\u00df sie Kindern, Eltern, Ehepartnern oder wem auch immer gegen\u00fcber geschieht. Wir k\u00f6nnen menschlich leben nur, wenn wir weder die anderen noch uns selbst vergotten.<\/p>\n<p>Letzteres ist nach Luther nicht nur die gr\u00f6\u00dfte Gef\u00e4hrdung des Menschen, die Selbstvergottung ist zugleich die Gefahr, der wir alle je auf unsere Weise erliegen: Sein zu wollen wie Gott, nicht endlich, sondern unendlich, nicht einer unter anderen, sondern ein und alles. Mehr oder minder bewu\u00dft wollen wir alle die innerste Mitte sein, um die sich alles dreht, der letzte Grund und das letzte Ziel allen Seins. Das ist die S\u00fcnde Adams, das peccatum originale, die Urs\u00fcnde. Dem steht das Erste Gebot mahnend und warnend entgegen: Selbst- und Weltvergottung ist eine grundverkehrte Haltung, die B\u00f6ses und \u00dcbles bewirkt und zuletzt sich selbst zugrunderichtet. Das h\u00f6chste Gut ist allein Gott, und Gutes zu wirken vermag nur, wer sein ganzes Herz an den einen Gott und nur an ihn h\u00e4ngt.<\/p>\n<p>Vorausgesetzt ist dabei: Es gibt einen absolut verl\u00e4\u00dflichen Grund jenseits von Selbst und Welt, der Grund und Bestand verleiht, wenn Ich und Du und alle Dinge zunichte werden. Dieser absolut verl\u00e4\u00dfliche Grund ist der Sch\u00f6pfer Himmels und der Erden, der aus dem Nichts ins Sein zu rufen vermag. Auf ihn allein und ganz zu vertrauen ist gut und die Ursache aller G\u00fcte. Glaube, will hei\u00dfen: vertrauensvolle Ganzhingabe und Gottes einige Gottheit geh\u00f6ren zusammen. Wo Gott nicht das ganze Herz und alle Zuversicht geh\u00f6rt, da hat man den einigen Gott verloren; wo die Einzigkeit Gottes angetastet wird, da ist der Glaube falsch. \u201eFrage und forsche dein eigen Herz wohl\u201c, mahnt Luther, \u201eso wirst Du wohl finden, ob es allein an Gott hange oder nicht. Hast Du ein solch Herz, das sich eitel Guts zu ihm versehen kann, sonderlich in N\u00f6ten und Mangel, dazu alles gehen und fahren lassen, was nicht Gott ist, so hast du den einigen rechten Gott. Wieder\u00fcmb hanget es auf etwas anders, dazu sich\u2019s mehr Guts und H\u00fclfe vertr\u00f6stet denn zu Gott, und nicht zu ihm l\u00e4uft, sondern fur ihm fleugt, wenn es ihm ubel gehet, so hast du ein andern Abegott.\u201c (BSLK 566,47-567,8).<\/p>\n<p>\u201eIch bin der Herr, Dein Gott\u201c: Mit dieser Selbstvorstellung Gottes als meines Herrn beginnt das Erste Gebot. Gott selbst ist es, der gebietet und den Grund notwendiger Befolgung der Gebote darstellt. Die Gebote zu befolgen bedeutet entsprechend zun\u00e4chst und im wesentlichen nichts anderes, als Gott meinen Herrn sein zu lassen. Nichts in der Welt ist mein Herr, aber auch ich bin nicht absoluter Herr meiner selbst, sondern mein Herr ist einzig und allein Gott. Aus diesem vertrauensvollen Glauben folgt nicht Unfreiheit, sondern Freiheit. \u201eDomini sumus\u201c, sagt Luther: Wir sind Herren, weil wir des Herren sind. Gott, der Herr, will, da\u00df wir seine freien Kinder seien und uns als Menschen unserer Gotteskindschaft erfreuen. Freuet Euch und feiert, da\u00df Euere Namen im Himmel geschrieben sind: Der Inhalt des Zweiten und Dritten Gebotes ist damit b\u00fcndig umschrieben. Wir sollen Gottes Namen und den Feiertag heiligen: Was ist das und wo geschieht das? Der Name Gottes wird geheiligt, wo Gottes Gottheit anerkannt wird, wo wir Gott unseren Herrn sein lassen und ihn als seine Kinder beim Namen nennen: \u201eVater unser im Himmel. Geheiligt werde Dein Name.\u201c Ist Gottes Name nicht an sich selbst heilig? Ja, sagt Luther, \u201eaber wir bitten in diesem Gebet, da\u00df er bei uns auch heilig werde.\u201c (BSLK 512,29f) Geheiligt wird Gottes Name, wo wahrgenommen und geglaubt wird, da\u00df er unser himmlischer Vater sei. Solcher Glaube ist uns im Dekalog geboten und um solchen Glauben bitten wir im Vaterunser in dem Bewu\u00dftsein, da\u00df nur Gott selbst ihn zu geben vermag, aber auch tats\u00e4chlich zu geben gewillt ist: Vater unser im Himmel. Was ist das? \u201eGott will damit uns locken, da\u00df wir glauben sollen, er sei unser rechter Vater und wir seine rechte Kinder, damit wir getrost und mit aller Zuversicht ihn bitten sollen wie die lieben Kinder ihren lieben Vater.\u201c Jesus Christus, der uns das Vaterunser gelehrt hat, ist als der ewige Sohn des Vaters die Gew\u00e4hr der Wahrheit des Herrngebets. Das Vaterunser tr\u00e4gt in diesem Sinne die Gewi\u00dfheit seiner Erf\u00fcllung in sich. Wem aufgeht, da\u00df Gott unser Vater ist, dessen Gebete sind erf\u00fcllt und die Gebote haben f\u00fcr ihn nicht l\u00e4nger den Charakter fremder Gesetzgebung, sondern den der eigenen Lebensbestimmung.<\/p>\n<p>Doch will eben diese segensreiche Einsicht best\u00e4ndig und gemeinsam erbeten sein, und eben deshalb sind wir heute hier, um dem Dritten Gebot entsprechend den Feiertag zu heiligen. Indem wir Gottes Namen anrufen, um ihn unsern Herrn sein zu lassen, geben wir unsere eigenen Allmachtsanspr\u00fcche auf und relativieren zugleich die Anspr\u00fcche der Welt und anderer Menschen uns gegen\u00fcber. Das ist gut und heilsam so. Am Sonntag unterbrechen wir unser Wirken und die Wirklichkeit des Werktags. Wir falten die H\u00e4nde, um unserem Tun Einhalt zu gebieten, um alle Sinne auf Grund und Ziel menschlichen Handelns zu richten. Gottesdienst ist Sammlung: Indem wir uns auf Gott konzentrieren, kommen wir recht eigentlich erst zu uns selbst, um der ganzen ungeteilten F\u00fclle unseres Daseins und der Einheit der Welt inne zu werden, die sich im Alltagsgesch\u00e4ft ins Diffuse zu verfl\u00fcchtigen droht. Indem wir Gottes eingedenk sind, werden wir den engen Schranken des Allt\u00e4glichen entnommen und vom Endlichen zum Unendlichen erhoben. All dies tut uns not. Wir bed\u00fcrfen der religi\u00f6sen Mu\u00dfe als eines Selbstzwecks, um des Sinnes und Zieles unseres Tuns und Handelns gewahr zu werden. Der Sonntag ist der Sinngrund des Werktags. Nota bene: Die Gebote gebieten uns, was wir tun sollen, das ist richtig. Doch geben uns die drei ersten, die man die Gebote der ersten Tafel genannt hat, bemerkenswerterweise keine Handlungsanweisungen im eigentlichen Sinn. Sie gemahnen uns vielmehr zur Besinnung. Denn um recht handeln zu k\u00f6nnen, bedarf es zuallererst der Gelassenheit des Glaubens, der Gott Gott sein l\u00e4\u00dft, meinen Herrn, unseren Herrn, den Herrn aller Welt, Sch\u00f6pfer Himmels und der Erden, den Vater seines einigen Sohnes Jesu Christi, in dessen Geist wir alle Kinder Gottes hei\u00dfen und es tats\u00e4chlich sind.<\/p>\n<p>Betreffen die Gebote der ersten Tafel insbesondere das Gottesverh\u00e4ltnis des Menschen, so beziehen sich die folgenden vor allem auf sein Verh\u00e4ltnis zu sich selbst sowie auf sein Verh\u00e4ltnis zu Mitmensch und Welt in dem gegebenen irdischen Dasein. Das Vierte Gebot der Elternehrung er\u00f6ffnet die Gebote der zweiten Tafel und hat nach Luthers Urteil zugleich als \u201edas erste und hohiste\u201c (BSLK 586,48f) zu gelten: \u201eDu sollst deinen Vater und deine Mutter ehren, auf da\u00df es Dir wohlergehe und Du lange lebest auf Erden.\u201c Warum, so fragt man sich, wird diesem Gebot ein so hoher Stellenwert noch vor dem T\u00f6tungsverbot einger\u00e4umt? Ich habe mir die Antwort auf diese Frage so zurecht gelegt: Unser leibhaftes Dasein ist in keiner Weise von uns selbst gewirkt und doch die elementare Voraussetzung all unseres Handelns. Wir sind auf die Welt gekommen, ohne da\u00df wir dies verursacht oder auch nur mitverursacht h\u00e4tten; wir sind da, ohne diese eigens gewollt zu haben und ohne um unsere Einwilligung gebeten worden zu sein. Das schiere Faktum unseres Daseins ist in diesem Sinne f\u00fcr uns kontingent. Nichtsdestoweniger ist es die Grundbedingung sinnvoller Existenz, sich bejahend zu diesem kontingenten Faktum zu verhalten. Dazu fordert uns das Vierte Gebot auf.<\/p>\n<p>In unseren Eltern wird uns die Kontingenz unseres Daseins, welche allen leibhaften Selbstvollz\u00fcgen innewohnt, exemplarisch vorstellig. Das Gebot der Elternehrung gebietet uns sonach vor allem, uns anerkennend und wohlwollend zu dem unserer Erkenntnis und unserem Willen zugrundeliegenden Tatbestand unseres In-der-Welt-Seins zu verhalten. So gesehen sind wir die Elternehrung uns selbst schuldig. Elternehrung und elementare Selbstanerkennung geh\u00f6ren zusammen und lassen sich nicht trennen. Damit ist nicht gesagt, da\u00df wir uns von unseren Herkunftszusammenh\u00e4ngen nicht emanzipieren sollten und d\u00fcrften. Nein, Elternehrung schlie\u00dft m\u00f6gliche Elternkritik und den Willen zur Selbst\u00e4ndigkeit, den gute Eltern nicht hemmen, sondern f\u00f6rdern werden, durchaus ein. Aber Emanzipation wird zur Unfreiheit, wo sie die elementare Grundabh\u00e4ngigkeit, die mit unserem leibhaften Dasein als solchem gesetzt ist, abstrakt zu negieren sucht. Wo dies geschieht, schl\u00e4gt Elternha\u00df allzuschnell in Selbstha\u00df um und gibt sich als dessen Reflex zu erkennen. Davor will uns das Vierte Gebot bewahren, indem es uns gebietet, in unsern Eltern das Faktum unseres Auf-die-Welt-Gekommen-Seins und leibhaften In-der-Welt-Seins zu ehren und uns, jawohl, in elementarer Leibhaftigkeit selbst zu lieben. Nur wer in solch elementarer Weise sich selbst in seinem leibhaften Dasein zu lieben und als gottgewollt anzuerkennen bereit ist, wird auch seinen leibhaften N\u00e4chsten und die gemeinsam gegebene kreat\u00fcrliche Welt als gottgewollt anerkennen und lieben k\u00f6nnen. Selbstliebe und N\u00e4chstenliebe sind keine Gegens\u00e4tze; im Gegenteil, sie sind konstitutiv aufeinander bezogen: \u201eDu sollst Deinen N\u00e4chsten lieben wie dich selbst.\u201c<\/p>\n<p>Auf die elementarste Form der Anerkennung, die dem Mitmenschen bedingungslos geb\u00fchrt, ist das F\u00fcnfte Gebot bezogen, das dessen T\u00f6tung verbietet. Es ist evident: Die unbedingte Achtung vor der Unversehrtheit der leibhaften Personalit\u00e4t des Mitmenschen ist die Grundvoraussetzung jedweden menschenw\u00fcrdigen Umgangs. Wer sich an Leib und Leben seines N\u00e4chsten vergreift, zerst\u00f6rt ein unendliches Gut. Doch gen\u00fcgt es nicht, im Verh\u00e4ltnis zum Mitmenschen von Gewaltanwendung Abstand zu nehmen. Wie Luther sagt: \u201eWir sollen Gott f\u00fcrchten und lieben, da\u00df wir unserm N\u00e4histen an seinem Leibe keinen Schaden noch Leid tun, sondern ihm helfen und fodern in allen Leibesn\u00f6ten.\u201c (BSLK 508,31-34) Wie stets so zielt Luthers Gebotsauslegung auch hier auf eine nicht nur \u00e4u\u00dferliche, sondern herzliche Anerkennung der Gebote, deren Gehalt er ausdr\u00fccklich ins Positive wendet, so da\u00df es nicht l\u00e4nger nur um Schadensabwehr f\u00fcr den N\u00e4chsten, sondern um Mehrung und F\u00f6rderung seines Nutzens zu tun ist. N\u00e4chstenliebe ist produktiv, weil sie Lust am Anderssein des andren hat. Sie will den andern nicht nur als Dublette meiner selbst, sondern als den, welcher ich nicht bin, nie war und auch nie sein werde. Die Liebe liebt das Individuelle, das Einmalige, das Unwiederholbare; sie ist das Medium der Wahrnehmung prinzipieller Individualit\u00e4t meiner selbst sowohl als auch meines N\u00e4chsten.<\/p>\n<p>Es liegt in der Konsequenz dieser Einsicht, da\u00df als mein N\u00e4chster nicht nur und nicht in erster Linie der Mensch im allgemeinen in Betracht kommt, sondern insonderheit ein bestimmter Mensch bzw. eine bestimmte Gruppe konkreter Menschen. Als der n\u00e4chste N\u00e4chste hat dabei, mit Luther zu reden, mein ehelich Gemahl zu gelten, \u201ewelchs mit (mir) ein Fleisch und Blut ist\u201c (BSLK 611,6f). Es ist hier nicht die Zeit und nicht der Ort, eine reformatorische Ehelehre zu entwickeln, so sehr dazu aktueller Anla\u00df und aktuelle Notwendigkeit best\u00fcnde. Nur ein Aspekt sei eigens erw\u00e4hnt: Zwar ersch\u00f6pft sich der Sinn der Ehe keineswegs in der Fortpflanzung des Menschengeschlechts, welche zum prim\u00e4ren Ehezweck zu erkl\u00e4ren mehr als \u00e4u\u00dferlich w\u00e4re. Doch darf der Gesichtspunkt geordneter Generationenfolge andererseits nicht unber\u00fccksichtigt bleiben, wenn man zu einem angemessenen Verst\u00e4ndnis der Ehe gelangen will. Denn das Verst\u00e4ndnis der Ehe droht gr\u00fcndlich verfehlt zu werden, wo man sich unbedacht dem Kult romantischer Zweisamkeit \u00fcberl\u00e4\u00dft. Ehe und Familie geh\u00f6ren zusammen. Jeder Mensch ist Kind von Eltern. Auf diesen f\u00fcr unser leibhaftes Dasein in der Welt schlechterdings grundlegenden Sachverhalt ist nicht nur das Vierte, sondern auch das Sechste Gebot bezogen, indem es uns gemahnt, mit der Unverbr\u00fcchlichkeit der Ehe auf die alternativlose Notwendigkeit einer geordneten Generationenfolge zu achten. Ich behaupte nicht, da\u00df sich die Ordnung der Generationenfolge nur im Zusammenhang der Ehe gew\u00e4hrleisten l\u00e4\u00dft. Behauptet ist allerdings, da\u00df der grunds\u00e4tzliche Wille zur Generationenfolge und die Bereitschaft zur Sorge um die Nachkommenschaft gottgegebene Pflicht jedes Menschen ist. Gute Eheleute nenne ich daher solche, die Elternschaft gemeinsam und best\u00e4ndig zu verantworten bereit sind, was ohne verl\u00e4\u00dfliche und dauerhafte Bindungen nicht m\u00f6glich ist.<\/p>\n<p>Geht es im Vierten, F\u00fcnften und Sechsten Gebot um Herkunft, Schutz und Weitergabe leibhaften Menschenlebens in dieser Welt, so thematisieren die verbleibenden Gebote sieben bis zehn den weiteren sozialen Kontext menschlichen Daseins und zwar im Hinblick auf die Frage des Eigentums, der Wahrheit und zu vermeidender Selbstsucht und Begehrlichkeit: \u201eDu sollst nicht stehlen.\u201c \u201eDu sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen N\u00e4chsten.\u201c \u201eDu sollst nicht begehren deines N\u00e4chsten Haus, Weib, Knecht, Magd, Vieh noch alles, was sein ist.\u201c Wir Menschen neigen dazu, alles in die eigene Verf\u00fcgung zu nehmen. Dieser uneingeschr\u00e4nkte Verf\u00fcgungswille kann zu einer Sucht werden und ist es tats\u00e4chlich geworden. Konkupiszenz nennt die christliche Tradition den Trieb selbsts\u00fcchtigen Begehrens, der alles, was ist, ins Eigene zu \u00fcberf\u00fchren und seiner Andersheit zu berauben bestrebt ist. Man mu\u00df nicht dem Hausstand seines Nachbarn hinterherstellen, um diesen unseligen Trieb bei sich selbst zu entdecken. Man mu\u00df kein notorischer L\u00fcgner sein, um an sich einen fatalen Hang wenn nicht zu Verlogenheit und Verrat, so doch zu Gerede und Geschw\u00e4tz, zu Verstellung und falschem Schein und dazu zu bemerken, sich der Wahrheit im eigenen Interesse zu bem\u00e4chtigen. Man mu\u00df schlie\u00dflich auch kein Dieb und kein Einbrecher sein, um wahrzunehmen, da\u00df ein selbsts\u00fcchtiger Wille zur Macht in uns auf r\u00fccksichtslose Steigerung des eigenen Verm\u00f6gens und der eigenen Potenzen aus ist, statt das Eigentum des N\u00e4chsten zu achten und seine M\u00f6glichkeiten zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<p>Die Gebote sagen uns, was solch selbsts\u00fcchtige Begierde in Wahrheit ist: S\u00fcnde, n\u00e4mlich das, was in sich verkehrt und ganz und gar nicht in Ordnung ist. In Ordnung gebracht werden kann das Verkehrte nur durch Bu\u00dfe, durch Erkenntnis der S\u00fcnde und Reue des Herzens, durch S\u00fcndenbekenntis und Beichte sowie durch leidende und t\u00e4tige Besserung. Rechte Bu\u00dfe hinwiederum ist m\u00f6glich nur im Vertrauen auf das Evangelium von der Rechtfertigung des S\u00fcnders aus Gnade, wie es im auferstandenen Gekreuzigten in der Kraft des g\u00f6ttlichen Geistes offenbar ist.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Gunther Wenz<\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;In Ordnung bringen&#8220; | Ex 20,2\u201317 | Gunther Wenz | Predigtreihe &#8222;Facetten gelebter Fr\u00f6mmigkeit&#8220; Das erste Gebot Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst nicht andere G\u00f6tter haben neben mir. Das zweite Gebot Du sollst den Namen des Herrn, deines Gottes, nicht unn\u00fctz gebrauchen; denn der Herr wird den nicht ungestraft lassen, der seinen [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":7900,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[5,2,727,157,853,114,981,1660,686,349,109,126],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-21990","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-exodus","category-at","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-facetten-gelebter-froemmigkeit","category-gunther-wenz","category-kapitel-20-chapter-20-exodus","category-kasus","category-predigten","category-predigtreihen"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21990","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=21990"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21990\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":21991,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/21990\/revisions\/21991"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/7900"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=21990"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=21990"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=21990"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=21990"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=21990"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=21990"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=21990"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}