{"id":21994,"date":"2000-11-18T11:22:58","date_gmt":"2000-11-18T10:22:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=21994"},"modified":"2025-03-18T11:25:19","modified_gmt":"2025-03-18T10:25:19","slug":"offenbarung-314-22-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/offenbarung-314-22-9\/","title":{"rendered":"Offenbarung 3,14-22"},"content":{"rendered":"<h3>Predigt f\u00fcr einen Schulgottesdienst | Bu\u00df- und Bettag | 22. November 2000 | Offenbarung 3,14-22 | Peter Kusenberg |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde!<\/p>\n<p>Das letzte Buch der Bibel, die Offenbarung des Johannes, hat eine besondere Anziehungskraft. Es schildert in einer Vision das Ende dieser Welt, die letzte, dramatische Schlacht zwischen Gut und B\u00f6se und den Anbruch einer neuen, von Gott geschenkten Welt. In geheimnisvollen Bildern und Symbolen werden Katastrophen globalen Ausma\u00dfes heraufbeschworen &#8211; die \u00d6ffnung der sieben Siegel, das Ausgie\u00dfen der \u201eSchalen des Zorns\u201c. Man meint, das Drehbuch f\u00fcr einen Fantasy-Film zu lesen, wenn Drachen und andere Fabelwesen sich aus dem Innersten der Erde erheben, um Verderben und Tod zu bringen.<\/p>\n<p>Eingeleitet wird diese den ganzen Kosmos ersch\u00fctternde Umw\u00e4lzung mit einer Reihe von Briefen, die an sieben christliche Gemeinden in Kleinasien adressiert sind. Fast wie in einem Zeugnis werden die Gemeinden beurteilt, es gibt Lob f\u00fcr treues Festhalten am Auftrag Jesu und Tadel f\u00fcr tr\u00e4ges, laues Christentum.<\/p>\n<p>Die Gemeinde in Laodicea erwischt es am schlimmsten. \u201eIch werde dich ausspeien aus meinem Mund\u201c, spricht eine Gestalt, die niemand anders ist als der auferstandene Christus selbst. Ich werde dich ausspeien aus meinem Mund &#8211; mit anderen Worten: mir wird \u00fcbel von dir.<\/p>\n<p>Was war los in Laodicea? Was haben die Leute in der Gemeinde dort angestellt, dass ein so hartes Urteil \u00fcber sie ergeht?<\/p>\n<p>Laodicea war eine bedeutende Handelsstadt, an einem Verkehrsknotenpunkt g\u00fcnstig gelegen. Industrie &#8211; vor allem Kleidung und Mode &#8211; und das Bankwesen bl\u00fchten. Aus eigener finanzieller Kraft hatten die B\u00fcrger nach einem schrecklichen Erdbeben im Jahr 60\/61 nach Christus die Stadt wieder aufgebaut. Ber\u00fchmt war Laodicea auch f\u00fcr die medizinische Akademie und ihre Pharmaprodukte &#8211; an erster Stelle Augensalbe.<\/p>\n<p>Auf all diese Kennzeichen der Stadt spielt der Text des Briefes deutlich an. In solcher reichen, satten Umwelt befand sich die Christengemeinde, zur Zeit des Paulus gegr\u00fcndet und inzwischen in der zweiten Generation. Auch die Christen werden an dem allgemeinen Wohlstand Anteil gehabt haben, wenn es hei\u00dft: \u201eDu sprichst: Ich bin reich und satt und brauche nichts\u201c.<\/p>\n<p>Aber das ist es eben. Es macht einen Unterschied, ob eine politische Gemeinde sich auf ihre gut funktionierende Marktwirtschaft und ihre Kultur beruft oder ob eine Gemeinde von Christen von sich selbst behauptet: Ich bin reich und satt und brauche nichts! Da geht es um mehr als Grundbesitz und gut gef\u00fcllte Bankkonten, n\u00e4mlich um das, was das Leben einer Gemeinde ausmacht.<\/p>\n<p>Offenbar hat der in Laodicea vorhandene Reichtum die Gemeinde satt und tr\u00e4ge gemacht. Es l\u00e4uft alles perfekt und glatt, durchorganisiert bis ins Detail. Gott ist in das System integriert und beunruhigt die Gem\u00fcter nicht weiter.<\/p>\n<p>Und das ist der Vorwurf, der die Gemeinde trifft. Ihr seid reich, spendet gro\u00dfz\u00fcgig in harter W\u00e4hrung &#8211; aber wisst ihr noch, warum ihr spendet? Ihr tragt die neueste Mode &#8211; und beruhigt damit euer Nervenkost\u00fcm. Ihr seid stolz auf die Augenheilkunde &#8211; und seid dabei auf einem Auge blind geworden.<\/p>\n<p>Ich kenne eine Geschichte aus unseren Tagen, in der es \u00e4hnlich zugeht wie seinerzeit in Laodicea.<\/p>\n<p>An einer gef\u00e4hrlichen K\u00fcste, die schon vielen Schiffen zum Verh\u00e4ngnis geworden war, befand sich vor Zeiten eine kleine, armselige Rettungsstation. Das Geb\u00e4ude war nicht mehr als eine H\u00fctte, und dazu geh\u00f6rte nur ein einziges Boot; aber die Handvoll Freiwilliger versah unentwegt ihren Wachtdienst und wagte sich tags wie nachts unerm\u00fcdlich und ohne R\u00fccksicht auf ihr eigenes Leben hinaus, um Schiffbr\u00fcchige zu bergen. Dank diesem bewundernswerten kleinen St\u00fctzpunkt wurden so viele Menschen gerettet, dass er bald \u00fcberall bekannt wurde. Viele der Erretteten und andere Leute aus der Umgebung waren nun auch gern bereit, Zeit, Geld und Energie zu opfern, um die Station zu unterst\u00fctzen. Man kaufte neue Boote und schulte neue Mannschaften. Die kleine Station wuchs und gedieh.<\/p>\n<p>Vielen G\u00f6nnern dieser Rettungsstation gefiel das \u00e4rmliche und schlecht ausger\u00fcstete Geb\u00e4ude nicht mehr. Die Geretteten ben\u00f6tigten doch einen etwas komfortableren Ort als erste Zuflucht. Deshalb wurden die provisorischen Lagerst\u00e4tten durch richtige Betten ersetzt und das erweiterte Geb\u00e4ude mit besserem Mobiliar ausgestattet. Doch damit erfreute sich die Seerettungsstation bei den M\u00e4nnern zunehmender Beliebtheit als Aufenthaltsort; sie richteten sie sich noch gem\u00fctlicher ein, da sie ihnen als eine Art Clubhaus diente. Immer weniger Freiwillige waren bereit, mit auf Bergungsfahrt zu gehen. Also heuerte man f\u00fcr die Rettungsboote eine eigene Besatzung an. Immerhin schm\u00fcckte das Wappen des Seenotdienstes noch \u00fcberall die R\u00e4ume, und von der Decke des Zimmers, in dem gew\u00f6hnlich der Einstand eines neuen Clubmitglieds gefeiert wurde, hing das Modell eines gro\u00dfen Rettungsbootes.<\/p>\n<p>Etwa zu dieser Zeit scheiterte vor der K\u00fcste ein gro\u00dfes Schiff, und die angeheuerten Seeleute kehrten mit ganzen Bootsladungen frierender, durchn\u00e4sster und halbertrunkener Menschen zur\u00fcck. Unter den schmutzigen und ersch\u00f6pften Schiffbr\u00fcchigen befanden sich Schwarze und Orientalen. In dem sch\u00f6nen Clubhaus herrschte das Chaos. Das Verwaltungskomitee lie\u00df deshalb gleich danach Duschkabinen im Freien errichten, damit man die Schiffbr\u00fcchigen vor Betreten des Clubhauses gr\u00fcndlich s\u00e4ubern k\u00f6nne.<\/p>\n<p>Bei der n\u00e4chsten Versammlung gab es eine Auseinandersetzung unter den Mitgliedern. Die meisten wollten den Rettungsdienst einstellen, da er unangenehm und dem normalen Clubbetrieb hinderlich sei. Einige jedoch vertraten den Standpunkt, dass Lebensrettung die vorrangige Aufgabe sei und dass man sich ja schlie\u00dflich auch noch als \u201eLebensrettungsstation\u201c bezeichnete. Sie wurden schnell \u00fcberstimmt. Man lie\u00df sie wissen, dass sie, wenn ihnen das Leben all dieser angetriebenen schiffbr\u00fcchigen Typen so wichtig sei, ja woanders ihre eigene Rettungsstation aufmachen k\u00f6nnten. Das taten sie dann auch.<\/p>\n<p>Die Jahre gingen dahin, und die neue Station wandelte sich genauso wie die erste. Sie wurde zu einem Clubhaus, und so kam es zur Gr\u00fcndung gar einer dritten Rettungsstation. Doch auch hier wiederholte sich die alte Geschichte. Wenn man heute diese K\u00fcste besucht, findet man l\u00e4ngs der Uferstra\u00dfe eine betr\u00e4chtliche Reihe exklusiver Clubs. Immer noch wird sie vielen Schiffen zum Verh\u00e4ngnis; nur &#8211; die meisten der Schiffbr\u00fcchigen ertrinken.<\/p>\n<p>[Theodore O. Wedel, Das Gleichnis von der unn\u00fctz gewordenen Rettungsstation, aus: Howard J. Clinebell, Modelle beratender Seelsorge, Chr. Kaiser Verlag M\u00fcnchen \/ Matthias Gr\u00fcnewald Verlag Mainz 1977\u00b3, 9 f]<\/p>\n<p>Aus Nachfolgern Christi werden Nachlassverwalter. Das ist es, was der Brief aus der Offenbarung so hart kritisiert. Was der Gemeinde vorgeworfen wird, ist das Weder-Noch: weder kalt noch warm, weder richtig Ja noch richtig Nein, ob gegen\u00fcber Gott oder gegen\u00fcber der Welt. So entzieht man sich elegant der misslichen Aufgabe, Farbe zu bekennen. Deswegen die drastischen Worte: \u201eWeil du lau bist, will ich dich ausspeien aus meinem Mund\u201c.<\/p>\n<p>Ist es auch das letzte Wort? Nein. Denn eines f\u00e4llt auf: der hier redet, spricht nicht als gewaltt\u00e4tiger Tyrann, auch nicht als unbarmherziger Richter &#8211; er kommt mir viel eher vor wie ein verschm\u00e4hter Liebhaber, der seiner Entt\u00e4uschung Luft macht, weil seine Liebe nicht angenommen wird.<\/p>\n<p>Wie reagiere ich, wenn ich einem Menschen meine Liebe schenken will, und zur Antwort bekomme: \u201eIch bin reich und satt und brauche nichts\u201c? &#8211; Ich bin gekr\u00e4nkt, verletzt, entt\u00e4uscht. Du kannst mir gestohlen bleiben, denke ich im stillen. Oder sage es auch laut.<\/p>\n<p>Christus sagt es laut: \u201eAusspeien\u201c wird er die, die ihm in lauer Halbherzigkeit kommen. Aber es ist nicht sein letztes Wort. Er zeigt seine Entt\u00e4uschung, doch er wendet sich noch nicht ab. Noch bleibt er vor der T\u00fcr und klopft an. \u201eWenn einer meine Stimme h\u00f6rt und die T\u00fcr \u00f6ffnet, zu dem werde ich hineingehen\u201c.<\/p>\n<p>Wenn ich der Meinung bin: Ich gen\u00fcge mir selbst. Ich brauche Gott im Grunde nicht. Ich habe alle H\u00e4nde voll zu tun &#8211; dann komme ich gar nicht dazu, Gott meine leeren H\u00e4nde hinzuhalten, damit er sie f\u00fcllt. Und so gehe ich an dem entscheidenden Grund, der entscheidenden Aufgabe des Christseins vorbei.<\/p>\n<p>Heute ist Bu\u00df- und Bettag. Bu\u00dfe ist ein aus der Mode gekommenes Wort und hat heute durch Begriffe wie \u201eBu\u00dfgeld\u201c auch den Beigeschmack von \u201eStrafe\u201c bekommen. Dabei meint Bu\u00dfe eigentlich Einkehr und Umkehr. Einkehr und R\u00fcckbesinnung auf das, was mir wirklich wichtig ist und nicht nur \u00e4u\u00dferer Schein. Und M\u00f6glichkeit zur Umkehr, zur Ver\u00e4nderung. Zur Entscheidung. &#8211; Hei\u00df oder Kalt.<\/p>\n<p>Noch steht dieser mir zugewandte, menschensuchende Gott vor der T\u00fcr und klopft an. Noch kann ich richtig Ja zu ihm sagen, statt des h\u00e4ufigen Ja und Nein, das eigentlich ein Nein ist. Keine andere der sieben Gemeinden wird im Text der Offenbarung so scharf getadelt wie Laodicea. Aber keine empf\u00e4ngt auch ein so freundliches Angebot der Zuwendung. Christus klopft an, als liebender Freund, nicht als Richter Gnadenlos. Die er anredet, k\u00f6nnen ihn aufnehmen oder ablehnen. Heute ist eine Gelegenheit, dar\u00fcber nachzudenken. &#8211; Hei\u00df oder kalt. Ja oder Nein.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Peter Kusenberg Pastor und freier Journalist<a href=\"mailto:peter.kusenberg@kirche-erbsen.de\">e-mail: peter.kusenberg@kirche-erbsen.de<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Predigt f\u00fcr einen Schulgottesdienst | Bu\u00df- und Bettag | 22. 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