{"id":22005,"date":"2001-09-18T11:40:01","date_gmt":"2001-09-18T09:40:01","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22005"},"modified":"2025-03-18T11:41:34","modified_gmt":"2025-03-18T10:41:34","slug":"philipper-25-11-8","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-25-11-8\/","title":{"rendered":"Philipper 2,5-11"},"content":{"rendered":"<h3>16. Sonntag nach Trinitatis | 30. September 2001 | Philipper 2,5-11 (&#8222;Philipperhymnus&#8220;) | Klaus Schwarzw\u00e4ller |<\/h3>\n<p><strong>Vorbemerkung<\/strong><\/p>\n<p>Dieser Hymnus ist unaussch\u00f6pflich und sprengt zumal die Ma\u00dfe, wenn man ihn im Paulinischen Zusammenhang, d.h. so auslegt, wie Paulus es gemeint haben d\u00fcrfte, als er ihn an dieser Stelle zitierte. Eine weitere Schwierigkeit bietet die \u00dcbersetzung: Die Luthers &#8211; ich selber habe sie wie selbstverst\u00e4ndlich im Ohr &#8211; ist irref\u00fchrend, beginnend mit &#8222;ein jeder&#8220; und &#8222;gesinnt&#8220; \u00fcber &#8222;an Geb\u00e4rden&#8220; bis hin zu &#8222;unter der Erde&#8220;: Viele W\u00f6rter oder Ausdr\u00fccke rufen etwas auf, was hier nicht gemeint oder heute mi\u00dfverst\u00e4ndlich ist. Um ein Beispiel zu nennen: Gesinnungsethik ist eine Gegebenheit der Moderne, die bei &#8222;gesinnt&#8220; unausweichlich mit einflie\u00dft. Ein weiteres: &#8222;An Geb\u00e4rden&#8220; l\u00e4\u00dft in unseren Zusammenh\u00e4ngen Schauspieler und show assoziieren. Und so fort! Ich gebe daher schweren Herzens den Luther-Text diesmal preis &#8211; nicht ohne ungutes Gef\u00fchl: Denn dadurch wirke ich dem entgegen, da\u00df Texte und Passagen sich durch das H\u00f6ren und Wiederh\u00f6ren im unver\u00e4nderten Wortlaut einpr\u00e4gen.<\/p>\n<p>Mehr noch als bei allen meinen bisherigen Predigten im Internet, d.h. ohne lebendiges Gegen\u00fcber in der Vorbereitung, ist mir bei der Ausarbeitung dieser bewu\u00dft, nur mehr ein Modell, eine Anregung, einen Vorschlag pr\u00e4sentieren zu k\u00f6nnen &#8211; und wer sie w\u00f6rtlich \u00fcbern\u00e4hme, w\u00fcrde sie bereits durch den eigenen Vortrag, die eigene Stimme und Gestik, die Ober- und Untert\u00f6ne der eigenen Person von Grund auf ver\u00e4ndern. Wie auch immer, jedenfalls kann in einer Predigt nur ein kleiner Ausschnitt aus der F\u00fclle des Philipper-Hymnus bedacht werden. Ich habe darum, um anderem Ansetzen Haftpunkte zu bieten, aber auch, um die hier er\u00f6ffneten Dimensionen in Erinnerung zu bringen, meine eigenen Erw\u00e4gungen zum Inhalt aufgeschrieben und f\u00fcge sie der Predigt im Anhang bei.<\/p>\n<p>Inzwischen war der 11. September. Ich kann hier nicht so tun, als h\u00e4tten er und der Hymnus nichts miteinander zu tun. Und zumal angesichts manchen hilflosen, harmlosen, verniedlichenden christlichen Redens \u00fcber den lieben Gott, der uns durch Bruder Jesus hat wissen lassen, da\u00df Ha\u00df keine Zukunft hat und da\u00df uns Liebe aufgegeben ist, ist es mir wichtig, da\u00df wir uns an diesem Bekenntnis der Christenheit orientieren und einmal mehr neu ausrichten. Auch das ist ein Grund f\u00fcr meinen Anhang.<\/p>\n<p><strong>Predigt<\/strong><\/p>\n<p>Liebe Gemeinde:<\/p>\n<p>Eine Vorbemerkung ist leider unvermeidlich: Die sch\u00f6nste und gediegenste \u00dcbersetzung der Bibel, n\u00e4mlich die Martin Luthers, stammt aus einer anderen Zeit. Sie l\u00e4\u00dft in unseren Zusammenh\u00e4ngen ganz Anderes in uns wach werden als vor fast f\u00fcnf Jahrhunderten. Gerade beim heutigen Text macht sich das geltend. Ich habe mich daher nach einigem \u00dcberlegen und nicht ohne Trauer entschlossen, Luthers \u00dcbersetzung beiseite zu legen, und lese den Text statt dessen in einer recht w\u00f6rtlichen Wiedergabe:<\/p>\n<p><em>Unter euch gehe es um das, worum es auch in Christus Jesus [geht]:Er war in g\u00f6ttlicher Gestalt, hielt es nicht f\u00fcr einen Raub, gottgleich zu sein.<\/em><\/p>\n<p><em>D[enn]och ent\u00e4u\u00dferte er sich und nahm Knechtsgestalt an, wurde Menschen gleich und im Aussehen als Mensch erfunden.<\/em><\/p>\n<p><em>Er dem\u00fctigte sich selbst, wurde gehorsam bis zum Tod, n\u00e4mlich dem Kreuzestod.<\/em><\/p>\n<p><em>Darum gerade hat Gott ihn erh\u00f6ht und hat ihm den Namen verliehen, der \u00fcber alle Namen ist,<\/em><\/p>\n<p><em>da\u00df im Namen Jesu jedes Knie sich beuge im Himmel und auf Erden und unter der Erde, und jede Zunge bekenne: Herr ist Jesus Christus &#8211; zur Ehre Gottes des Vaters.<\/em><\/p>\n<p>Was am 11. September 2001 am Vormittag in New York geschah, will unser Gem\u00fct nicht verlassen. Es ist zu unvorstellbar, zu grausam, zu entsetzlich. Tief haben sich die wohl Dutzende von Malen gesehenen Bilder in mir eingegraben, vom ersten Aufprall des einen Flugzeugs in den Nordturm des World Trade Centers bis hin zu der aufopferungsvollen Arbeit der Rettungsmannschaften. Wer einmal ganz oben in der Aussichtsetage eines dieser T\u00fcrme gestanden und den Blick \u00fcber Manhattan, \u00fcber New York insgesamt und \u00fcber die Umgebung genossen und mit einer leichten G\u00e4nsehaut nach unten in die Stra\u00dfenschluchten geschaut hat, wom\u00f6glich bei strahlendem Sonnenschein; wer die merkliche, doch unaufdringliche, reiche, doch nicht protzende Eleganz und Gro\u00dfz\u00fcgigkeit des Eingangsbereichs auf sich hat wirken lassen, der bekam einen Eindruck von Macht und Stolz, von Reichtum und Stil dieser Stadt, dieses Landes. Wohl kaum jemand wird sich der Wirkung haben entziehen k\u00f6nnen: Dieser Bau und das, was er &#8211; und wie! &#8211; er&#8217;s ausdr\u00fcckt, das ist schlechthin imposant.<\/p>\n<p>Die T\u00fcrme und dann das unvorstellbare, so schauerlich schnelle und alles Begreifen \u00fcberfordernde Zusammensinken, vielmehr: Zusammenkrachen erst des einen, dann des anderen: Diese Bilder wurden auf einmal bedr\u00fcckend wach, indem ich dem Text nachfragte. Er ist vermutlich einer der aller\u00e4ltesten Hymnen der fr\u00fchen Christenheit; Paulus zitiert ihn hier. Der Hymnus beschreibt einen Weg von der h\u00f6chsten H\u00f6he in die tiefste Tiefe, von der Entr\u00fccktheit aus allem Irdischen, wie es einen in den Aussichtsetagen anmutete, bis in Preisgegebenheit an Verachtung, Ha\u00df und Mord, wie sie einem, jedenfalls vor zehn Jahren, bei einem kurzen Wechsel hin\u00fcber in manche Stra\u00dfen der Lower East Side so ausgeschlossen nicht erschienen. Am 11. September freilich geschah alles rasend schnell und war Folge von nacktem, von ma\u00dflosem, von apokalyptisch anmutendem Terror. Unser Text beschreibt einen Weg, den ein einzelner ging und der sich \u00fcber Jahre hinzog. O ja, des Unterschieds bin ich mir nur zu gut bewu\u00dft. Und man h\u00e4tte wirklich weder hier noch dort etwas auch nur mitbekommen, wollte man diesen Unterschied klein reden.<\/p>\n<p>Trotzdem mu\u00dfte ich auf einmal vom einen her ans andere denken &#8211; und zur\u00fcck. Jesus Christus war &#8211; und das stand ihm zu &#8211; gottgleich, in himmlischer Herrlichkeit, und gibt das auf. Ein Grund wird nicht angegeben. Er legt alles ab, was ihm zukommt und umgibt, verzichtet darauf. Er wurde Mensch, und zwar ein Mensch, der da dient, der sich dem\u00fctigt, der in die Tiefen unseres menschlichen Daseins taucht. Das ist eine weitere Strecke, ein weitaus tieferer Abstieg als der vom obersten Gescho\u00df des World Trade Center zu den Slums der Bronx oder Harlems &#8211; aus \u00fcberirdischem Glanz und Herrlichkeit in die H\u00f6llen menschlichen Elends. War das auch ganz gewi\u00df nicht der unfreiwillige rasende Fall in den unverdienten Tod in einem zusammenfallenden Wolkenkratzer, so war doch auch sein Weg ein Weg in den Tod.<\/p>\n<p>Diesen Weg aber nahm er ohne Zwang, vielmehr aus freiem Entschlu\u00df, wissend und sehenden Auges auf sich. Warum nur, warum um alles in der Welt tat er&#8217;s? Warum wollte er Mensch werden und ein Menschenschicksal erleiden; warum? Es gibt eine indirekte Antwort: Adam und Eva, frei \u00fcbersetzt also: Mann und Frau, will sagen: wir Menschen; wir Menschen also haben, solange es uns gibt, uns nicht damit zufrieden geben m\u00f6gen, Menschen zu sein. Stets wollten wir sein &#8222;wie Gott&#8220; und griffen und greifen nach verbotenen Fr\u00fcchten. Man mu\u00df die Bibel nicht kennen und nicht einmal ernstnehmen, um best\u00e4tigen zu k\u00f6nnen: In der Tat, insoweit wir nicht Menschen sein wollen, sondern sein wie Gott, ja selber G\u00f6tter und deswegen f\u00fcr unseren Zugriff keine Grenzen und keine Verbote und keine Bedenken kennen oder gelten lassen wollen, produzieren wir die H\u00f6lle, machen wir uns und andere kaputt, zerst\u00f6ren wir die Menschlichkeit und uns selbst.<\/p>\n<p>Der Hymnus gibt zu begreifen: Jesus Christus kehrt das um, macht es r\u00fcckg\u00e4ngig. Der gottgleich war, wurde freiwillig Mensch und gab seine Gottgleichheit auf. Mehr noch: Er war Gott gehorsam &#8211; also das Gegenteil von Adam und Eva, von Herrn Jedermann und Frau Jedefrau &#8211; und ging in diesem Gehorsam in den Tod. Nein, das war nicht der Tod, wie ihn die Todespiloten in ihrem Fanatismus und vermeintlich zur Ehre Gottes auf sich nahmen, indem sie Tausende brutal mit hineinzogen. Das war der Tod am Kreuz &#8211; der einsame, unverdiente, qualvolle Verbrechertod eines Unschuldigen. Und der Hymnus gibt zu verstehen: Hierum, hierum ging es, als er die Herrlichkeit des Himmels verlie\u00df, hierum: da\u00df er den Kreuzestod erleidet. Das ist Sinn, Ziel und Ende seines Weges.<\/p>\n<p>Ich habe die Bilder des World Trade Center und die schrecklichen Geschehnisse vor Augen und wei\u00df sie sehr wohl von unserem Hymnus zu unterscheiden. Mir selber aber wurde erst angesichts der schrecklichen Ereignisse in New York deutlich, in der Dimension irgendwie erfa\u00dfbar, nein, aber jedenfalls konnte ich&#8217;s nun irgendwie ahnen, sp\u00fcren, was das hei\u00dft: Er gibt den Himmel preis nur dazu, um am Schandgalgen aufgrund eines Justizmordes liquidiert zu werden. Was darin an Sinnlosigkeit, an Herausforderung jedes gesunden Empfindens, an Aberwitz steckt: Mir d\u00e4mmert es allm\u00e4hlich auf, und je deutlicher, umso mehr verschl\u00e4gt es mir die Sprache. Wir sagen traditionell &#8211; und mit Recht &#8211; , da\u00df Gott Mensch geworden sei, sprechen von seiner Menschwerdung. Wir verbinden weithin kaum noch etwas damit. Aber mit den entsetzlichen Bildern der gerammten, brennenden und einst\u00fcrzenden T\u00fcrme in New York vor Augen mag es uns aufgehen &#8211; und sprachlos und fassungslos werden lassen: Christus gab den Himmel preis und dem\u00fctigte sich in die Tiefen unseres menschlichen Elends hinein und ging gehorsam in Sinnlosigkeit, Nichts und Tod.<\/p>\n<p>Das, das ist es, was im Mittelpunkt unseres Glaubens steht.<\/p>\n<p>Hei\u00dft auch: Die Sinnlosigkeit, die Brutalit\u00e4t, das Grauen des tiefen Absturzes und der Verlorenheit im unverdienten Tod, das ist unserem Herrn nicht fremd. Sondern er hat es ertragen und erlitten, ja er hat es aus freien St\u00fccken auf sich genommen und war darin gehorsam gegen Gott. &#8211; Ich werde die in Qualm und Tr\u00fcmmern zusammenst\u00fcrzenden T\u00fcrme, ich werde diese Bilder einfach nicht los und begreife nun: Auch dieses Verbrechen und Leid, auch Mord und Vernichtung, \u00fcberhaupt das ganze Unrecht, deren wir Menschen f\u00e4hig sind; auch das, alles das &#8211; unser Herr ist voll hier hineingetaucht und hat es bis zum letzten ausgehalten, ausgekostet. Wie der Hebr\u00e4erbrief es so wundervoll ausdr\u00fcckt: &#8222;Wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht k\u00f6nnte mitleiden mit unserer Schwachheit&#8230;&#8220; und der &#8222;an dem, was er litt, Gehorsam gelernt&#8220; hat (Hebr. 4,15.5,8). Darf ich&#8217;s drastisch sagen: Wir haben einen Gott und Herrn, der unseren Schlamassel und sein Grauen aus eigener bitterer Erfahrung kennt:\u00a0<em>denn er hat sich dem nicht entzogen, sondern ist gerade hier aus freiem Willen eingetaucht und uns zur Seite getreten.<\/em><\/p>\n<p>Darin steckt Trost, unendlicher, wohltuender Trost, der Trost, nach dem wir uns sehnen und nach dem wir suchen. Darin steckt Trost:\u00a0<em>Denn es blieb nicht dabei.<\/em>\u00a0Sondern weil Jesus Christus seine himmlische Herrlichkeit preisgab, sich ent\u00e4u\u00dferte, sich dem\u00fctigte und im Gehorsam gegen Gott Sinnlosigkeit, Grauen und Tod auf sich nahm, freiwillig und ohne schielenden Seitenblick, was er damit wohl erreichen, wohl einheimsen w\u00fcrde; gerade darum hat Gott ihn nicht in der Tiefe von Tod, Sinnlosigkeit und Grauen belassen. Sondern er hat ihn, den Liquidierten, den Ausgemerzten, den Beseitigten &#8211; Zyniker heute w\u00fcrden sagen: den Entsorgten; Gott also hat ihn erh\u00f6ht, hat ihn aus Tod und Nichts und Vergehen heraus erh\u00f6ht und \u00fcber alles gesetzt. Der Hymnus dr\u00fcckt das aus, indem er von dem Namen \u00fcber allen Namen spricht &#8211; wer je erlebt hat, da\u00df irgendwo zuf\u00e4llig der eigene Name genannt wurde, kennt das: Da geht es n\u00e4mlich nicht um meinen Namen als solchen; da geht es um mich, unmittelbar um mich selbst. Mein Name fa\u00dft zusammen, wer und was ich bin, und hat entsprechend viel oder wenig, guten oder keinen guten Klang. Jesus Christus also wurde von Gott erh\u00f6ht, und das so, da\u00df seither sein Name guten, da\u00df er einzigartigen Klang hat.<\/p>\n<p>Ich habe das Kreuz vor Augen und die Bilder aus New York, die ich nicht loswerden kann: Gott ist nicht der liebe Gott. Er gew\u00e4hrt Verbrechen, Bosheit und Verblendung immer wieder Raum, sich auszutoben, erlaubt es immer wieder, da\u00df Gute, da\u00df Unschuldige, da\u00df Harmlose ihre Opfer werden. Warum &#8211; wir wissen es nicht, und es l\u00e4\u00dft Fragen, Zweifel und auch Wut gegen Gott in uns aufkommen, der einfach alles so geschehen l\u00e4\u00dft. Wir haben keine Antwort. Wir wissen nur: Er lebt nicht &#8222;herrlich und in Freuden&#8220;, entr\u00fcckt in seinem fernen Himmel. Sondern er hat sich hineinbegeben, es ausgekostet. Und es blieb nicht dabei. &#8222;Darum genau hat Gott ihn erh\u00f6ht und ihm dem Namen verliehen, der \u00fcber alle Namen ist&#8230;&#8220; Begreife es, wer da kann &#8211; ich nicht; jedenfalls lie\u00df sich Jesus Christus grundlos und ohne Seitenblick in alles Grauenhafte hinein und wurde exakt deswegen von Gott erh\u00f6ht. Weil er sich gehorsam hineinbegab und auch der letzten Konsequenz sehenden Auges nicht auswich, darum genau hat ihn Gott nicht nur nicht losgelassen, sondern ihn erh\u00f6ht &#8211; ich habe die Bilder aus New York vor Augen und das Kreuz und kann es nicht fassen; doch in mir steigt ein Ahnen auf, was das hei\u00dft: Nach dem Verbrechen und Tod handelt Gott neu. Mir dr\u00e4ngt sich auf die Zunge, auch wenn&#8217;s flapsig ist: Da legt Gott erst so richtig los.<\/p>\n<p>Indem Gott Jesus Christus so erh\u00f6ht, gibt er seine Macht und Herrlichkeit preis und \u00fcbertr\u00e4gt sie an Jesus Christus: Alle und alles in Himmel und Erde und Welt und All soll und wird bekennen: Er, Jesus Christus, er ist der Herr &#8211; auch \u00fcber alle, die sich als Herren bezeichnen oder so vorkommen oder als die Beinaheg\u00f6tter aufspielen. Alle werden anerkennen, und wer&#8217;s nicht tut, wird es einst\u00a0<em>m\u00fcssen<\/em>: Er allein, Jesus Christus, er ist der Herr. Er setzt die Ziele. Er legt die Ma\u00dfst\u00e4be fest. Er entscheidet \u00fcber gut und b\u00f6se. Er zwingt niemand, ihn und sein Wort ernst zu nehmen, ihm zu folgen, ihn zu bekennen. Man kann weitermachen wie bisher. Man kann&#8230; Man kann vieles! Wer erwachsen ist, wer ernsthaft ist, wer denkt, einem solchen Menschen ist gel\u00e4ufig, da\u00df man in der Tat vieles\u00a0<em>kann<\/em>&#8230; &#8211; ich mu\u00df, denke ich, den Satz nicht zuende bringen. Uns aber wird dar\u00fcber deutlich: Da\u00df viele weitermachen und einfach tun, was man halt\u00a0<em>kann<\/em>, das hebt Jesus Christus nicht vom Thron und tut seiner Macht und Herrlichkeit so wenig Abbruch wie ein K\u00f6ter, der sich eine pr\u00e4chtige Eiche aussucht.<\/p>\n<p>Zum Schlu\u00df seien noch zwei Punkte kurz bedacht.<\/p>\n<p>Einmal: Alles in unserem Text und, was er schildert, zielt auf die Ehre Gottes des Vaters. Darin, da\u00df es so ist, hat und findet Gott seine Ehre. Und darin, da\u00df wir erkennen und bekennen und anbeten: Herr ist Jesus Christus &#8211; mit allem, was das in sich schlie\u00dft; gerade darin geben wir Gott die Ehre, die ihm geb\u00fchrt<\/p>\n<p>Zum anderen: Paulus gibt, indem er diesen Hymnus zitiert, die zweite H\u00e4lfte seiner Antwort auf die Frage: Was hei\u00dft christlich bzw. als Christ leben? Die erste H\u00e4lfte der Antwort hat er mit den ersten Versen dieses 2. Kapitels erteilt, n\u00e4mlich Einm\u00fctigkeit im Glauben. Diese H\u00e4lfte nun lautet: Wir f\u00fchren ein christliches Leben, indem die Christenheit und wir in ihr uns und unser Tun und Lassen und Leben gleichsam einzeichnen in diesen Weg und Gehorsam unseres Herrn &#8211; und es ihm \u00fcberlassen, der das Grauen kennt und den Gott zum Herrn \u00fcber alles eingesetzt hat; indem also wir es ihm \u00fcberlassen, was daraus und was dar\u00fcber aus uns selber wird.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p><strong>Erw\u00e4gungen zum Inhalt<\/strong><\/p>\n<p>Kernwort ist\u00a0<em>phroneo<\/em>. Nach Durchsicht von Lexika und ThW ist deutlich: das Verb bezeichnet\u00a0<em>den Sinn, das Trachten, die Intention richten \/ lenken auf&#8230;<\/em><\/p>\n<p>also etwa:\u00a0<em>trachten nach&#8230;, zum Ziel haben&#8230;, aussein auf&#8230;<\/em><\/p>\n<p>frei(er):\u00a0<em>im Mittelpunkt stehen, die Sinne bestimmen<\/em><\/p>\n<p>Gesagt ist somit etwa:\u00a0<em>Das strebt an unter euch, was auch in Christus Jesus im Mittelpunt steht&#8230;<\/em><\/p>\n<p>Das ist hier die Grundfrage, die Paulus beantwortet:<\/p>\n<p>Was ist christliches Leben? Was hei\u00dft es, als Christ seinen Weg zu gehen und sein Leben zu gestalten?<\/p>\n<p>Den ersten Teil seiner Antwort hat er in den Versen davor gegeben und setzt sie hier voraus: In der Gemeinde Jesu Christi, also in der Gemeinschaft der Christenmenschen zu leben in gemeinsamer Ausrichtung auf den Herrn.<\/p>\n<p>Den zweiten Teil bildet unser Predigttext:<\/p>\n<p><em>Unter euch gehe es um das, worum es auch in Christus Jesus [geht]:Er war in g\u00f6ttlicher Gestalt,hielt es nicht f\u00fcr einen Raub,gottgleich zu sein.<\/em><\/p>\n<p><em>D[enn]och ent\u00e4u\u00dferte er sichund nahm Knechtsgestalt an,wurde Menschen gleichund im Aussehen als Mensch erfunden.<\/em><\/p>\n<p><em>Er dem\u00fctigte sich selbst,wurde gehorsam bis zum Tod,n\u00e4mlich dem Kreuzestod.<\/em><\/p>\n<p><em>Darum gerade hat Gott ihn erh\u00f6htund hat ihm den Namen verliehen,der \u00fcber alle Namen ist,<\/em><\/p>\n<p><em>da\u00df im Namen Jesu jedes Knie sich beugeim Himmel und auf Erden und unter der Erde,und jede Zunge bekenne:Herr ist Jesus Christus -zur Ehre Gottes des Vaters.<\/em><\/p>\n<p>Philipper 2, 5-11<\/p>\n<p>Dieser Teil der Antwort ist lang und bedeutungsschwer. Sie wird erteilt mithilfe eines der \u00e4ltesten Hymnen der fr\u00fchen Christenheit; der ist hier kunstvoll in die Antwort eingearbeitet. Dabei wird die Antwort in ihrem Kern in der ersten und der letzten Zeile erteilt:<\/p>\n<p><em>Unter euch m\u00f6ge es um das gehen, worum es \u00fcberhaupt geht, wenn man in Christus lebt:Herr ist Jesus Christus, das hei\u00dft: um die Ehre Gottes des Vaters.<\/em><\/p>\n<p>Was das meint und in sich fa\u00dft, f\u00fchrt der Hymnus selbst aus.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst zum Kern der Antwort. Er ist deutlich unterschieden von dem, was nicht nur landl\u00e4ufig, sondern auch in den Kirchen f\u00fcr christlich bzw. christliches Leben gilt: fromm sein, sich sozial engagieren, dem allgemeinen Materialismus widerstehen, die Zehn Gebote halten, ehrlich, zuverl\u00e4ssig und hilfsbereit sein, auf Rache verzichten und gegen den Terror Liebe setzen. Die Antwort, die Paulus hier gibt, schlie\u00dft das alles nicht aus. Aber die Tonart, die er anschl\u00e4gt, ist v\u00f6llig anders, und die Ebene, die er damit betritt, desgleichen. Es ist, als ob er mit ihr in eine andere Welt f\u00fchrte. Das wird an drei Punkten besonders deutlich:<\/p>\n<ol>\n<li>Unsere Antwort zielt auf uns selbst, auf unser Tun und Lassen und auf unsere Verantwortlichkeit; die des Paulus auf Gottes Ehre.<\/li>\n<li>Unsere Antwort zielt auf uns als einzelne; die des Paulus auf die Gemeinde.<\/li>\n<li>Unsere Antwort zielt auf einzelne Punkte; die des Paulus auf die Linie unseres Lebens.<\/li>\n<\/ol>\n<p>Es lohnt, den Punkten nachzudenken.<\/p>\n<p><em>Gottes Ehre<\/em>\u00a0&#8211; wir haben Probleme mit ihr. Denn gar zu oft und bis in die Gegenwart war und ist Gottes Ehre Grund oder vielmehr Vorwand f\u00fcr Tyrannei, Unterdr\u00fcckung und menschenverachtenden Fanatismus; aus Geschichte und j\u00fcngster Vergangenheit verbindet sich das f\u00fcr uns etwa mit den Namen von Thomas M\u00fcntzer oder des Ayatolla Chomeini. Doch so wenig die L\u00fcge die Wahrheit widerlegt oder das Bordell die Liebe, entsprechend in keiner Weise die Ehre Gottes ihre Inanspruchnahme durch Menschen. Mi\u00dfbrauch, so wu\u00dfte das Mittelalter (vielmehr: hatte es von den R\u00f6mern \u00fcberkommen), hebt den richtigen Brauch nicht auf, sondern bekr\u00e4ftigt ihn (<em>abusus non tollit usum sed confirmat<\/em>) &#8211; nat\u00fcrlich, denn er macht bedr\u00fcckend deutlich, was dabei herauskommt, wenn man den guten Brauch verl\u00e4\u00dft. So auch bei Gottes Ehre. Jedenfalls ist so viel klar: Geht es um sie, dann nicht um uns selbst, dann sind wir selber nicht l\u00e4nger Ziel oder Ma\u00df unseres Verhaltens; dann sind \u00fcberhaupt weder Menschen noch unsere Ziel oder Absichten das Ma\u00df unseres Verhaltens. Dann geht es um v\u00f6llig Anderes, genauer: um den, der anders ist.<\/p>\n<p><em>Die Gemeinde<\/em>\u00a0&#8211; es ist uns fremd, bei ihr anzusetzen, von ihr auszugehen. Sp\u00e4testens seit Augustin, der &#8222;Vater des Abendlands&#8220; &#8211; denn nahezu\u00a0<em>alle<\/em>\u00a0f\u00fcr den Westen charakteristischen Themen und Charakterz\u00fcge wurden durch ihn aufgebracht; sp\u00e4testens also seit seinem Wirken ist es uns selbstverst\u00e4ndlich geworden, beim einzelnen Menschen anzusetzen, also, scharf gesagt: vom Menschenatom auszugehen &#8211; z.B. in der Industrie, wenn sie Flexibilit\u00e4t der Arbeitenden einfordert und dabei bewu\u00dft von Familie und Bekanntenkreis, also von dem absieht, was wir als &#8222;soziale Bindungen&#8220; kennzeichnen, als ob das additiv zum eigentlichen Menschsein hinzuk\u00e4me, ohne die es jedoch in Wahrheit kein volles Menschsein gibt. Das allerdings ist allgemeine Erfahrung: Einzelne kommen auch bei gro\u00dfer Anstrengung normalerweise nicht weit. Es bedarf &#8211; wie wir heute sagen &#8211; der Strukturen, um etwas zu bewirken. Paulus hingegen sieht das Leben des Christen in der christlichen Gemeinde wurzeln und von hier aus seinen Weg verfolgen. &#8222;Welche Gemeinde?&#8220;, m\u00f6gen wir fragen, und erhalten unverz\u00fcglich Antwort: die Gemeinde derer, denen es um Gottes Ehre geht.<\/p>\n<p><em>Die Linie unseres Lebens<\/em>\u00a0ist, wenn ich es einmal so umschreiben darf, die Spur, die wir durch unser Leben ziehen &#8211; und die l\u00e4\u00dft sich kaum beeinflussen durch das, was wir beabsichtigen, wollen oder auch in den Augen anderer darzustellen uns bem\u00fchen. Sie ergibt sich vielmehr aus dem, wer und was wir sind; pointiert geredet: Sie entsteht nicht oder jedenfalls nicht in erster Linie durch das, wonach wir streben, sondern durch das, worum es uns dabei im Herzen geht, also was uns zuinnerst bewegt und antreibt oder hemmt und entsprechend unserem Tun oder Lassen Farbe und Charakter verleiht. Kurzum, christliches Leben ergibt sich nicht durch bestimmtes Tun und Verhalten, sondern ein bestimmtes Tun und Verhalten ist die Folge, das Ergebnis von christlichem Leben, also eines Lebens heraus aus der Gemeinde Jesu Christi, dem es um Gottes Ehre geht; so herum. Mit der Bergrede (und Luther!): Nicht die Fr\u00fcchte ergeben den Baum &#8211; so der Vulg\u00e4rprotestantismus und p\u00e4dagogisierende Kanzelrede; vielmehr macht es umgekehrt einen guter Baum aus: Er bringt gute Fr\u00fcchte &#8211; und das liegt jenseits des guten Willens und ist weder anzumahnen noch anzuerziehen.<\/p>\n<p>Was das alles hei\u00dft, bringt Paulus vor Augen, indem er den wahrscheinlich fr\u00fchchristlichen Hymnus zitiert. In diesem Hymnus aber geht es einzig um Jesus Christus. Darin steckt eine Aussage: Christliches Leben ist Leben in der Nachfolge von Jesus Christus. Nachfolge meint nicht Wiederholung, Nachahmung oder Neuinszenierung von Leben und Weg Jesu. Es meint vielmehr &#8211; aber damit sind wir bereits beim Hymnus. Seine Beschreibung Jesu und seines Wegs ist f\u00fcr Paulus gleichsam die Matrix christlichen Lebens.<\/p>\n<p>Diese Beschreibung beginnt damit: Christus war in g\u00f6ttlicher Gestalt, und er hielt es durchaus nicht f\u00fcr einen Raub, d.h. ihm erschien es als angemessen, Gott gleich zu sein, also mit ihm auf einer Stufe zu stehen &#8211; &#8222;eines Wesens mit dem Vater&#8220;, wie es drei Jahrhunderte sp\u00e4ter im Niz\u00e4nischen Bekenntnis zum Ausdruck gebracht wird. Doch das soll jetzt nicht weiter besch\u00e4ftigen. Jedenfalls war es in Jesu Meinung richtig und in Ordnung, da\u00df er gottgleich war, hei\u00dft: in himmlischer Entr\u00fccktheit und Herrlichkeit lebte und leben konnte. Mit der Formel aus unseren M\u00e4rchen geredet: Er &#8222;lebte herrlich und in Freuden&#8220;; das stand ihm zu, er wollte und mu\u00dfte es sich nicht errauben &#8211; wie einst Adam und Eva es sich errauben wollten, &#8222;wie Gott&#8220; zu sein und damit Elend \u00fcber sich heraufbeschworen. Er hatte es und hatte es mit Fug und Recht.<\/p>\n<p>Dennoch &#8211; und was nun auszusagen ist, ist v\u00f6llig grundlos, ist aus nichts zu erkl\u00e4ren, abzuleiten oder zu folgern. Wir dr\u00fccken es in der theologischen Schulsprache so aus, da\u00df wir sagen: Es geschah aus der Freiheit seines Willens, es war des ewigen Gottes Ratschlu\u00df &#8211; unser Weihnachtslied sagt dazu: &#8222;&#8230;aus Gottes ew&#8217;gem Rat&#8230;&#8220; Verstehen wir: Sowenig es f\u00fcr Adam und Eva einen &#8211; plausiblen &#8211; Grund gab, nach der verbotenen Frucht zu greifen (der &#8222;Apfel&#8220; stammt aus der Vulgata:\u00a0<em>pomum<\/em>\u00a0= sowohl &#8222;Baumfrucht&#8220; als auch &#8222;Apfel&#8220;), so wenig gab es einen (uns) einleuchtenden Grund f\u00fcr Christus, statt &#8222;herrlich und in Freuden&#8220; zu leben, sich selbst zu ent\u00e4u\u00dfern, au\u00dfer dem, da\u00df er es so wollte. Der vorangehende Vers aber sagt dabei indirekt: Es geschah dies in \u00dcbereinstimmung mit Gott dem Vater.<\/p>\n<p>Jesus Christus also\u00a0<em>wollte<\/em>\u00a0sich ent\u00e4u\u00dfern; das, das allein ist hier der Grund. Warum er es wollte und tat, wird nicht gesagt &#8211; entsprechend geben unsere Glaubensbekenntnisse keine Begr\u00fcndung an. Man hat das kritisiert, hat deswegen etwa das Apostolische Glaubensbekenntnis der Lieblosigkeit geziehen (so ein theologischer P\u00e4dagoge vor etwa zwanzig Jahren). Ich erw\u00e4hne das nicht, um dem Mann etwas am Zeuge zu flicken, sondern weil sein Einwand mir als charakteristisch erscheint f\u00fcr unsere Ungeduld, Egozentrik und das Unverm\u00f6gen, es zu ertragen, da\u00df etwas noch nicht gesagt ist, sondern sich erst erschlie\u00dfen soll. Es soll eben alles auf der Stelle f\u00fcr uns klar und einleuchtend und fa\u00dflich und, vor allem, ohne Geheimnis sein; wo nicht, da gilt es als lieblos, wo nicht als &#8222;Herrschaftswissen&#8220;, o pfui! Wie anders die fr\u00fche Kirche und Paulus, der ihren Hymnus zitiert: Der Blick saugt sich geradezu an Jesus Christus fest und l\u00e4\u00dft uns von uns selber frei werden (der Grund der Gewi\u00dfheit &#8222;unserer Theologie&#8220; nach Luther: &#8230;<em>quia ponit nos extra nos)<\/em>. Wer je verliebt war und sich am geliebten Menschen nicht satt sehen konnte und \u00fcber seinem Anblick sich selbst und alles verga\u00df, der wei\u00df, da\u00df in einem solchen Blicken, das uns uns selbst entnimmt, wir gerade ganz und gar wir selber werden!<\/p>\n<p>Die Ent\u00e4u\u00dferung lag darin, da\u00df er Knechtsgestalt annahm. Damit ist nicht eine Verkleidung gemeint &#8211; wie etwa bei einem Schauspieler oder wie vor drei\u00dfig Jahren in &#8222;Einer wird gewinnen&#8220; am Ende der Sendung der Produzent als Diener auftrat und dem gro\u00dfen Meister Hut und Mantel brachte. Was hier ausgesagt und gemeint ist, \u00fcberbietet alle Vorstellung und Sprache. Wir k\u00f6nnen es daher nur in der Symbolsprache der M\u00e4rchen ausdr\u00fccken: Er wurde ein v\u00f6llig anderer und blieb doch identisch, so wie der Prinz Prinz war und blieb, obschon er zu einem &#8222;garstigen Frosch&#8220; geworden war. In der Tat, was hier geschah, ist nicht nur &#8211; wie wir im \u00dcberschwang sagen &#8211; &#8222;sagenhaft&#8220;, sondern wahrlich &#8222;m\u00e4rchenhaft&#8220;, also unglaublich und zutiefst wahr. Kurzum:\u00a0<em>Als er selber<\/em>\u00a0wurde er zum Knecht und war es dann auch.<\/p>\n<p>Er wurde n\u00e4mlich einem Menschen gleich &#8211; manchmal w\u00fcnschte ich mir die Ohren der Christen damals. Dann w\u00fc\u00dfte ich, ob die bei allem immer schon mith\u00f6rten, da\u00df Jesus Christus also exakt den umgekehrten Weg\u00a0<em>der<\/em>\u00a0Menschen ging, n\u00e4mlich Adams und Evas. Ich meinerseits kann nicht umhin, hier daran erinnert zu werden: Jene wollen sich erh\u00f6hen und werden dar\u00fcber zu besch\u00e4digten Menschen, zu &#8222;verblasenen und ungl\u00fccklichen G\u00f6ttern&#8220; (Luther); er jedoch erniedrigte sich zu einem Knecht und war als dieser ein Mensch, uneingeschr\u00e4nkt, unbesch\u00e4digt, ohne Tadel. Als dieser Mensch wurde er wahrgenommen &#8211; und als blo\u00dfer Mensch, und zwar ein Mensch, der nicht herrschte, sich entfaltete, die Dinge einmal so richtig in die Hand nahm, sondern der da diente. Er wurde zu einem unter vielen Milliarden Menschen vor und vor allem nach ihm; zu einem der Milliarden kosmischer Staubk\u00f6rner, als die wir uns in den Weiten des Alls f\u00fchlen und erkennen. Luther denkt ganz aus dem Zusammenhang dieses Hymnus, wenn er dichtet:<\/p>\n<p><em>Den aller Welt Kreis nie beschlo\u00df,der liegt in Marien <a href=\"http:\/\/xn--scho-yna.er\/\">Scho\u00df.Er<\/a> ist ein Kindlein worden klein,der alle Welt erh\u00e4lt allein.<\/em><\/p>\n<p>Was das hei\u00dft, wird erst deutlich, wenn wir uns klar machen: Damit wird er einer von denen, die namenlos unter der Transsib, im Archipel Gulag, in den \u00d6fen von Auschwitz, im Feuerblitz von Hiroshima, in den Todeslagern in Argentinien, im Busch von Afrika&#8230; ihr Leben verloren. Wurde er einer von denen, die in unseren Innenst\u00e4dten abgewrackt und zuinnerst besch\u00e4digt dahinvegetieren. Wurde er einer von denen, die wir als &#8222;b\u00fcrgerlich&#8220;, als &#8222;Mittelstand&#8220;, als &#8222;etabliert&#8220; bezeichnen. Wurde er einer auch von denen, die arriviert sind, die re\u00fcssiert haben, deren zu Geld und Macht konvertierte Asozialit\u00e4t und Hybris im einschl\u00e4gigen Auto Ausdruck wie Symbol gefunden hat. Wurde einer von den Edlen, den Vornehmen, den Beeindruckenden, sie seien reich oder arm. Wer den Stammbaum Jesu nach dem Matth\u00e4us-Evangelium einmal in Ruhe bedenkt, wird hier vielf\u00e4ltige Spuren der so buntscheckigen Wirklichkeit menschlichen Lebens finden als Teil seines Gebl\u00fcts.<\/p>\n<p>Als Menschen werden wir nackt und hilflos geboren, einerlei, ob hinein in Armseligkeit oder Reichtum. Und ob wir dann reich oder arm, verm\u00f6gend, oder hilflos, m\u00e4chtig oder dazu verdammt sein werden, herumgeschubst und kujoniert zu werden, das soll sich erst mit unserem Leben und dessen Verlauf und dabei nicht zum letzten auch dadurch ergeben, wie wir selber ihm uns stellen &#8211; \u00fcbrigens eines der haupts\u00e4chlichen M\u00e4rchen-Motive. Will sagen, das Kind in der Krippe hatte gleichsam alles vor sich; ob es dermaleinst ganz oben oder ganz unten oder irgendwo in der Mitte sein w\u00fcrde, das lag mit der armseligen Geburt durchaus noch nicht fest.<\/p>\n<p>Sondern das legte er selber fest, indem er sich selber dem\u00fctigte. Um es noch einmal im Zusammenhang des M\u00e4rchens zu verdeutlichen: Aus dem Prinzen wurde hier nicht einfach ein &#8222;garstiger Frosch&#8220;, sondern als dieser Frosch begab er sich von sich aus in die Position eines Unterfroschs, eines, an dem alle anderen sich die Stiefel abputzten oder das zumindest konnten. Er dem\u00fctigte sich: Nein, er h\u00f6rte nicht einfach auf, er selbst zu sein, zerflo\u00df nicht in Fr\u00f6mmigkeit oder Menschenfreundlichkeit oder Sentimentalit\u00e4t; er warf sich nicht einfach weg wie einer, der aufgibt, noch gab er sich aus der Hand, gleichsam in freiwillige Selbstversklavung. All dergleichen gibt es, hat es gegeben und wird es geben, oft genug auch unter Berufung auf Jesus Christus. Er ist und bleibt er selbst, und das ganz und gar. Gerade als dieser nun aber wiederholt er als Mensch, was er in seiner Gottgleichheit tat: Er gibt preis, was ihm geh\u00f6rt und auch zusteht, und nimmt als er selber Geschick und Los sozusagen des hinterletzten Menschen auf sich.<\/p>\n<p>Lapidar wird das darin zusammengefa\u00dft, da\u00df er gehorsam bis zum Tod wurde. Wem er gehorsam wurde, wird nicht gesagt; weil&#8217;s nicht gesagt wird, versteht sich, da\u00df nur gemeint sein kann: Er wurde Gott gehorsam. Das pa\u00dft nicht in den Zusammenhang. Nachdem er gleichsam von Gott Abschied genommen und sich seiner Gottgleichheit ent\u00e4u\u00dfert hatte, scheint er allein in die Sph\u00e4re des Vorfindlichen, der Menschheit zu geh\u00f6ren &#8211; so will uns scheinen. Der Hymnus denkt anders: Mit seiner Ent\u00e4u\u00dferung, mit seinem Eingehen in die menschliche Sph\u00e4re ist Jesus Christus von Gott nicht getrennt und seinem Willen und Wirken nicht entzogen. Denn nat\u00fcrlich gilt: &#8222;Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist&#8220; (Ps. 24,1) &#8211; also Ent\u00e4u\u00dferung und Dem\u00fctigung unvermindert und in gleicher Selbstverst\u00e4ndlichkeit bleibend in und unter Gottes Wort und Absicht.<\/p>\n<p>Damit aber wird das Bisherige unversehens doppelb\u00f6dig: Was Jesus Christus tat, ist nicht einfach sein Entschlu\u00df und Vorgehen, aber auch nicht unmittelbar Gottes Werk und Tat. Sondern es geschieht in Willens\u00fcbereinstimmung zwischen Gott und ihm. Dennoch ist es nicht einfach Identit\u00e4t; Ent\u00e4u\u00dferung wie Gehorsam kennzeichnen Differenzen. Hei\u00dft also, platt geredet: Er h\u00e4tte anders k\u00f6nnen; er war zu nichts gezwungen; es war &#8211; wie es im Gefolge Barths gern gesagt wurde &#8211; seine freie Tat. Er selber\u00a0<em>wollte<\/em>\u00a0es so, exakt so. Er\u00a0<em>wollte<\/em>\u00a0Gottes Willen tun. Darin war seine Ent\u00e4u\u00dferung authentisch und sein Gehorsam weder knechtisch noch beil\u00e4ufig: Er ent\u00e4u\u00dferte sich nicht und wurde nicht gehorsam, um dadurch &#8211;\u00a0<em>per aspera ad astra<\/em>\u00a0&#8211; g\u00f6ttliche Dignit\u00e4t zu erlangen. Sondern in und aus dieser ihm eigent\u00fcmlichen &#8211; und nur ihm eigent\u00fcmlichen &#8211; g\u00f6ttlichen Dignit\u00e4t heraus ent\u00e4u\u00dferte er sich, wurde er gehorsam und vermochte das.<\/p>\n<p>In ihm und durch ihn geschah Gottes Wille &#8222;wie im Himmel, also auch auf Erden&#8220;. Und dieser Wille f\u00fchrte ihn &#8211; in den Tod. Das ist das nach wie vor Befremdliche, Anst\u00f6\u00dfige, Uneinsehbare, Unertr\u00e4gliche an dieser Stelle wie beim Tode Jesu Christi \u00fcberhaupt. Hier versagt entsprechend die Symbolsprache des M\u00e4rchens; das ist au\u00dferhalb dessen, was Sprache ausdr\u00fccken kann &#8211; jedenfalls ausdr\u00fccken kann, ohne dar\u00fcber entweder sinnlos zu werden oder zu zerbrechen. Und in aller N\u00fcchternheit ist festzustellen, da\u00df hier wie insgesamt im Neuen Testament die Sprache insoweit sinnlos geworden ist und demgem\u00e4\u00df auch die Sprache der Kirche und die ihrer Bekenntnisses zumal. Hier wurzelt Tertullians &#8222;credo quia absurdum&#8220;; denn der Glaube geht von einem Widersinn aus: da\u00df Gott Ent\u00e4u\u00dferung, Gehorsam und Tod Jesu Christi\u00a0<em>wollte<\/em>; da\u00df er das Schicksal dessen wollte, der in g\u00f6ttlicher Gestalt und Rechtens gottgleich war.<\/p>\n<p>Ein Hymnus der fr\u00fchen, m\u00f6glicherweise der fr\u00fchesten Christenheit: Das ist ihre Erfahrung, das ihre Erkenntnis im Blick auf Jesus Christus. In ihm ist von Gottes wegen die bisherige unverbr\u00fcchliche Ordnung unserer Welt und Zeit zerbrochen; denn in ihm und durch ihn geschah das Unausdenkbare, was dann mehr als eineinhalb Jahrtausende sp\u00e4ter Johann Rist so pointierte: &#8222;O gro\u00dfe Not, Gott selbst liegt tot.&#8220; &#8211; in unseren Gesangb\u00fcchern vorsichtshalber getilgt. Das Unausdenkbare ist hier Ereignis geworden und hat diesen Hymnus hervorgetrieben. Unausdenkbarkeit impliziert die Unm\u00f6glichkeit einer rationalen, einer plausiblen, einer glatten, \u00fcberhaupt einer Aufl\u00f6sung. Hier l\u00f6st sich nichts.<\/p>\n<p>Gehorsam bis zum Tod &#8211; es lie\u00dfe sich au\u00dferhalb des Zusammenhangs deuten als eine verdoppelnde Aussage der Menschwerdung, geh\u00f6rt doch zum Menschsein Sterben und Tod. Es w\u00e4re dann die Aussage eines wahrhaften Menschenlebens und -geschicks, gleichsam die Nagelprobe darauf. Und das w\u00fcrde durchaus in einen hymnischen Stil passen &#8211; nicht allein einen semitischen bzw. semitisch gepr\u00e4gten mit seinem parallelismus membrorum, sondern \u00fcberhaupt in ihn, tendiert er doch an ihm selber zu \u00dcberschwang und Redundanz. Darum der vorgebliche Zusatz, von dem behauptet &#8211; und aus Rekonstruktionen bewiesen &#8211; wird, er w\u00e4re von Paulus eingef\u00fcgt: &#8222;&#8230;n\u00e4mlich dem Kreuzestod&#8220;. Diese Vermutung mag zutreffen oder nicht (Was tr\u00e4gt das eigentlich aus?), jedenfalls erfolgt hier eine Pr\u00e4zisierung, ja Pointierung: Nicht Teilhabe an der uns eigenen Sterblichkeit, nicht also Teilhabe am Menschenlos mit Einschlu\u00df des schlie\u00dflichen Sterbens. Sondern gemeint ist dieser sein spezifischer Tod, sein Kreuzestod: Dieser spezifische Tod, ist Ziel und Ergebnis seiner Dem\u00fctigung und seines Gehorsams &#8211; sprich: ist Ziel seines Weges. Oder, deutlicher: Ihn erkennt die Gemeinde im nachhinein als dieses Ziel.<\/p>\n<p>Fa\u00dft man Anfangs- und Endpunkt des bisherigen Hymnus zusammen, so ergibt sich als Aussage: Der gottgleiche Jesus Christus ent\u00e4u\u00dferte sich, dem\u00fctigte sich und wurde gehorsam gegen Gott, um am Kreuz den Tod zu erleiden. Aus der Distanz des Betrachters heraus w\u00fcrden wir heute sagen: Sein Kreuzestod war somit eine, wenn auch blutig ernste, so doch: Inszenierung, eine Inszenierung Gottes und Jesu Christi. Strukturell mag man Christi Kreuzestod so auffassen k\u00f6nnen, und faktisch ist er zumal in Dogmatiken oft genug entsprechend dargestellt worden, mit Abaelard angefangen. Dabei besteht freilich die &#8211; regelm\u00e4\u00dfig realisierte! &#8211; Gefahr, da\u00df zum einen das Unausdenkbare \u00fcberspielt und da\u00df zum anderen dar\u00fcber faktisch verdr\u00e4ngt wurde, da\u00df hier ein Mensch elendiglich eines grausamen Todes starb. Das in Strukturen zu verdampfen, hei\u00dft es um seinen Ernst und damit um seinen Inhalt bringen.<\/p>\n<p>Freilich, die Unausdenkbarkeit dr\u00e4ngt schier dazu. Denn hat man es strukturell erfa\u00dft, so kann man es hantieren, ggf. sogar verrechnen und in Plausibilit\u00e4t und Stimmigkeit \u00fcberf\u00fchren. Dann, dann k\u00f6nnen wir dem auch standhalten. So jedoch &#8211; Ich verharre hier noch: Das also die Matrix des Christenlebens: Selbst-Ent\u00e4u\u00dferung, Selbst-Dem\u00fctigung, Gehorsam bis zum Tod, dem vorzeitigen, ungerechten, grausamen. Das alles aber ohne Abpufferungen, Gl\u00e4ttungen, hintergr\u00fcndige Plausibilit\u00e4t, sondern einfach so, faktisch, in der vollen H\u00e4rte des unableitbaren &#8211; &#8222;kontingenten&#8220; bzw. &#8222;emergenten&#8220; &#8211; Faktischen. Darin steckt die Absenz von Sinn, um von der Verweigerung von so etwas wie Erfolg nicht zu reden. Darin steckt das uneingeschr\u00e4nkte, ungeschminkte, unverstellte Wahrnehmen der Realit\u00e4t, die da brutal ist und &#8222;ohne Wahl&#8230;die Gaben&#8220; und zudem &#8222;ohne Billigkeit&#8220; verteilt, ohne da\u00df darob resigniert w\u00fcrde. Darin steckt die Einsicht, da\u00df Selbstent\u00e4u\u00dferung, Selbstdem\u00fctigung und Gehorsam gegen Gott in der Regel im besten Fall Fu\u00dftritte und Pr\u00fcgel ernten, wahrscheinlicher jedoch als Einladung verstanden werden, zuzuschlagen und zu beseitigen.<\/p>\n<p>Sp\u00e4testens hier wird die Matrix des Christenlebens, des christlichen Lebens, absto\u00dfend, provokativ, zur Zumutung. Sie wird es zumal dann, wenn es als Normalfall gilt, da\u00df das die Bestimmung bzw. Vorgabe f\u00fcr den einzelnen sei, der &#8211; wie einstmals Daniel Boone &#8211; seine einsamen Pfade sucht (Von ihm erz\u00e4hlt man sich in Kentucky, er habe, als er zweimal in einer Woche in den W\u00e4ldern einen Menschen traf, beschlossen, weiterzuziehen, da es hier zu voll werde). Und sie wird es insbesondere f\u00fcr jeden, der, eingelebt in die Zusammenh\u00e4nge, dahinein er geboren und gewachsen ist, innerhalb dieser Zusammenh\u00e4nge leben will und d.h. u.a.: seinen Platz und seine Rolle finden und behaupten, seinen Lebenszusammenhang &#8211; pers\u00f6nlich, wirtschaftlich und gesellschaftlich &#8211; gewinnen und bewahren, seine M\u00f6glichkeiten und seine Ziele erarbeiten und verteidigen. Sp\u00e4testens hier wird darum entsprechend Verst\u00e4ndnis erwachsen f\u00fcr die bis in unsere Zeit gewahrte Entscheidung in der Alten Kirche, eine Zwei-Stufen-Ethik einzuf\u00fchren: f\u00fcr die Vollkommenen, die dieser Matrix folgen, und die \u00dcbrigen, die innerhalb der vorhandenen Strukturen zumindest Gottes Gebote halten (und den Weisungen der Kirche folgen). Wird darum auch die Versuchung schier \u00fcberm\u00e4chtig, sich dieser Matrix gegen\u00fcber in die blo\u00dfe aisth\u00e4sis zur\u00fcckzuziehen: fromm, dogmatisch, k\u00fcnstlerisch, aszetisch, meditativ&#8230; oder aber pelagianisch-p\u00e4dagogisch an den guten Willen und daran zu appellieren, da\u00df wir Christen doch w\u00fc\u00dften, da\u00df wir wie Bruder Jesus lieb sein sollen&#8230;<\/p>\n<p>An dieser Stelle wird greifbar, was die Differenz des Herangehens erbringt. Paulus geht eben mitnichten vom einzelnen Menschen aus, den dieses Matrix nur bis zum Erschlagen \u00fcberlasten kann. Er geht von der Gemeinde aus: Was ist es, das die christliche Gemeinde ausmacht und daraufhin die zu ihr Geh\u00f6renden bestimmt? Welches ist ihre Lebensform, an der somit alle Zugeh\u00f6renden teilhaben? Was also kennzeichnet das Leben der zur Gemeinde Geh\u00f6renden als christlich? Die Antwort ist mit dem Bisherigen deutlich:\u00a0<em>das Eingef\u00fcgtsein in einen Lebenszusammenhang, der seine Matrix in Leben und Weg Jesu Christi hat, &#8222;der in g\u00f6ttlicher Gestalt war&#8230;&#8220;<\/em>\u00a0Mir pers\u00f6nlich wird an dieser Stelle als wie gemalt oder auf die B\u00fchne gebracht deutlich und unmittelbar einleuchtend, wieso der Christenmensch in der Gemeinde der Christenmenschen ist, lebt, auf sie angewiesen und mit ihr verbunden, nur im besonderen Fall im defizienten modus des einzelnen Glaubenden bzw. des Privatchristen existierend. Es m\u00f6chte sein, da\u00df ein Hauptschade in der gegenw\u00e4rtigen Christenheit unseres Landes darin besteht, da\u00df einerseits das Ausgehen vom einzelnen selbstverst\u00e4ndlich ist: Daraufhin n\u00e4mlich wird andererseits die Gemeinschaft naturgem\u00e4\u00df eine Angelegenheit von Organisation und Struktur, woraus folgerichtig resultiert, da\u00df die einzelnen distanziert bleiben, sich vorbehalten, \u00fcber ihre Privatsph\u00e4re wachen, womit dann unvermeidlich die Notwendigkeit und Macht der kirchlichen Apparate schier wie von selbst legitimiert, ja zur Notwendigkeit wird, woraus sich als unvermeidliche Konsequenz ergibt&#8230;. Und so immer fort, bis an einem Endpunkt die einzelnen Glaubenden &#8222;wie Spreu&#8220; &#8222;vom Winde verweht&#8220; werden und zugleich der kirchliche Apparat unter der \u00dcberlast der steigenden Besch\u00e4ftigung mit sich selbst an den Rand des Kollabierens ger\u00e4t.<\/p>\n<p>Ich breche ab und blicke auf den Hymnus zur\u00fcck, der bis hierher den schlechterdings singul\u00e4ren und unableitbaren Weg einer singul\u00e4ren Person skizziert hat. Sie ist mit dem &#8222;Tode am Kreuz&#8220; an den End- und Zielpunkt von Ent\u00e4u\u00dferung, Dem\u00fctigung und Gehorsam gelangt. Mit diesem Tod hat dieser Weg sein Ende, endet &#8222;das Leben Jesu&#8220; &#8211; im Dunkel, im Nichts, im Grauen des Kreuzestodes. Ent\u00e4u\u00dferung, Dem\u00fctigung und Gehorsam waren also umfassend und un\u00fcberbietbar. Sie endeten mit der Ausl\u00f6schung dessen, der sie geleistet hat. Da war kein Silberstreif am Horizont, kein Ausblick auf eine bessere Zukunft, keine verb\u00fcrgte Unbsterblichkeit &#8211; und mit dem Fehlen von alledem waren da entsprechend weder Sinn noch erkennbare Wirkung, weder jener Glanz, der uns ein &#8222;Immerhin&#8230;&#8220; entlockt, noch auch nur das Ahnen von etwas, &#8222;wozu es gut sein m\u00f6chte&#8220;; nein nichts. Mir kommt dar\u00fcber der Kalauer meiner Sch\u00fclerzeit in den Sinn, als wir frotzelten \u00fcber die &#8222;Autobiographie des Rennfahrers Ferdinand Sauer: &#8222;Bruch &#8211; das war mein Leben&#8220;&#8220;: Bruch, Scheitern, Tod, das sind Ende und Summe dieses Lebens. Das also ist der Peilpunkt, der perspektivische Fluchtpunkt der christlichen Gemeinde: verbraucht, verschlissen, verheizt zu werden, ohne da\u00df darin irgendein Sinn, Nutzen, Zweck oder zumindest erkennbarer Vorteil steckte, das aber aufgrund eines Weges und einer Haltung, die einem nicht von au\u00dfen aufgezwungen werden, sondern die man selber eingenommen hat.<\/p>\n<p>Das klingt, das kl\u00e4nge heroisch, f\u00fchre der Hymnus nicht weiter und er\u00f6ffnete damit eine unerwartete und nicht minder unableitbare Prospektive: &#8222;Darum genau hat Gott ihn erh\u00f6ht&#8230;&#8220; Derb geredet: Jesus Christus hat bei seinem Weg nicht geschielt und nicht von Belohnung oder wom\u00f6glich Verdienst zumindest getr\u00e4umt; ein &#8222;besseres Jenseits&#8220; war nicht im Blick. Jedenfalls sagt der Hymnus dergleichen nicht noch gibt er irgendwo Anla\u00df, gar Anhalt, dergleichen zu vermuten. Darin steckt die un\u00fcberbr\u00fcckbare, bleibende Differenz zwischen ihm und uns, zwischen dem Meister und den Br\u00fcdern, zwischen dem Haupt und dem Leib. Wir n\u00e4mlich, wir haben Privileg und Begnadung, einen Hoffnungsgrund vor Augen gestellt zu bekommen: &#8222;Darum&#8230; &#8211; Darum genau hat ihn Gott erh\u00f6ht&#8230;&#8220; Dieses &#8222;Darum&#8220; w\u00e4re nicht allein mi\u00dfverstanden, sondern regelrecht verf\u00e4lscht, ja pervertiert, fa\u00dfte man es auf, legte man es aus im Sinne einer Belohnung, des Anerkenntnisses eines Verdienstes oder einer Akzeptanz &#8211; letzteres etwa im Sinne eines &#8222;Probe bestanden&#8220; oder &#8222;gut gemacht&#8220; oder auch (nominalistisch) eines freien Annehmens &#8222;als&#8230;&#8220;.<\/p>\n<p>Wir sto\u00dfen hier vielmehr nach der Ent\u00e4u\u00dferung Jesu Christi und seinem Kreuzestod auf die dritte &#8222;schlechthinnige&#8220; Unableitbarkeit &#8211; und entsprechend: Unausdenkbarkeit, Unbegr\u00fcndbarkeit, Nicht-Plausibilit\u00e4t: Gott hat ihn &#8222;darum genau&#8230;&#8220; erh\u00f6ht, und zwar nicht irgendwie oder allgemein, sondern indem er ihn zum Herrn gesetzt hat: \u00fcber den Himmel und seine Heerscharen und M\u00e4chte, \u00fcber die Erde mitsamt dem r\u00f6mischen Kaiser und allen Machthabern, \u00fcber die Teufel samt ihren Schergen sowie die Dahingegangenen samt allen Zombies und Geisterwesen. Will sagen, Gott selbst hat ihn auf seinen, auf Gottes, Thron erhoben und ihm &#8222;gegeben alle Gewalt im Himmel und auf Erden&#8220;. Er hat sie ihm gegeben &#8222;darum auch&#8230;&#8220;, wobei ich dieses &#8222;auch&#8220; mit Lohmeyer als Verst\u00e4rkung auffasse: &#8222;Exakt darum&#8230;&#8220;, also, wie ich&#8217;s gefa\u00dft habe: &#8222;Darum genau&#8230;&#8220; Will sagen, gerade wegen der Vollkommenheit seiner Hingabe (vgl. Mt. 5,48!), die als solche weder kalkuliert noch etwas anderes mit ihm Auge hat, erh\u00f6ht ihn Gott. Recht gesehen, ist damit &#8211; so ja auch grammatikalisch betrachtet &#8211; etwas von und \u00fcber Gott ausgesagt: Er l\u00e4\u00dft den, der ihm einf\u00e4ltig gehorsam ist und sich bedingungslos in diesem Gehorsam dahingibt, nicht in Dunkel, Tod und Nichts. Sondern gerade weil er absichtslos in der schieren Hingabe dort endete, &#8222;exakt darum&#8220; anerkennt Gott ihn als ganz und gar ihm und darum zu ihm geh\u00f6rig und dr\u00fcckt das dadurch aus, da\u00df er ihm seine Herrschaft \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n<p>Ich bin kein Platoniker und hab&#8217;s nicht mit den Analogien; doch hier wird eine Analogie un\u00fcbersehbar. Ich hole aus: Gott der Vater ehrt den Sohn um seiner Ent\u00e4u\u00dferung, Dem\u00fctigung und Gehorsam willen, also aufgrund der v\u00f6lligen Hingabe, und findet nunmehr seinerseits seine Ehre darin, ihm alle seine Macht und Pr\u00e4rogativen zu \u00fcbertragen, so da\u00df in Jesus Christus er selbst geehrt, angebetet, gelobt wird. Gott der Vater findet also darin seine Ehre, da\u00df er auf die Selbstent\u00e4u\u00dferung Jesu Christi hin seinerseits sich ent\u00e4u\u00dfert und seine Herrlichkeit ihm verleiht. Um es ebenso platt wie pointiert zu sagen: Der Ruhm und die Ehre werden von Christus nicht erworben als Lohn f\u00fcr geschehene Ent\u00e4u\u00dferung oder verliehen als Anerkennung f\u00fcr geleistete Selbstpreisgabe oder gleichsam als durch eine bestimmte Leistung erworbenes Verdienst &#8211; so (in zahllosen Varianten) unsere abendl\u00e4ndische Tradition seit\u00a0<em>Cur deus homo<\/em>: die Satisfaktion gegen die Strafe, auf die erbrachte Leistung hin der verdiente Lohn. Nein, hier liegt gerade kein Vertragsverh\u00e4ltnis vor. Sondern Gott verleiht seine Ehre; er selber findet und empf\u00e4ngt sie dort, wo man nicht nach sich selbst noch hiernach noch nach einem m\u00f6glichen Vorteil oder Gewinn fragt, sondern selbstvergessen im Gehorsam gegen ihn dem\u00fctig sich ent\u00e4u\u00dfert. Wer hier nichts &#8211; f\u00fcr sich &#8211; zu erlangen sucht, findet und empf\u00e4ngt weit \u00fcber Bitten und Verstehen hinaus.<\/p>\n<p>Das ist es, was insoweit die Matrix ebenfalls ergibt &#8211; und die christliche Gemeinde hat es in ihrem Herrn vor Augen, mu\u00df es nicht vage ertr\u00e4umen, b\u00e4nglich hoffen, sehnend w\u00fcnschen noch dreist verlangen oder beflissen sich er- und verdienen. Sie kann und darf ihren Weg gehen &#8211; anders als der Herr &#8211; in Gewi\u00dfheit und Zuversicht: Gott selbst sorgt f\u00fcr uns, wie unselig wir auch scheitern und wie uns\u00e4glich wir dabei auch draufgehen m\u00f6gen; Gott selbst, und zwar gerade dort, wo f\u00fcr uns nur noch Finsternis, Zerbrechen und Verl\u00f6schen herrschen. Insoweit hat Manfred Hausmanns Oxymoron Klang und Grund:<\/p>\n<p><em>Wo kein Sinn mehr mi\u00dft,Waltet erst der Sinn.Wo kein Weg mehr ist,Ist des Wegs Beginn.<\/em><\/p>\n<p>Der Haken ist nicht, die Sinnlosigkeit auszuhalten in der Gewi\u00dfheit, daraufhin werde Sinn sich schon einfinden &#8211; sprich: sich zu ent\u00e4u\u00dfern bis hin zum Verl\u00f6schen, um hieraufhin erh\u00f6ht und mit neuem Leben begabt zu werden. Das ist die \u00fcbliche Machart: um&#8230;zu. Sondern darum geht es: diese Hingabe, diese v\u00f6llige Hingabe an Gott und in und f\u00fcr seinen Willen zu vollziehen, die nicht mehr nach sich selbst, nach Lohn, Sinn, Vorteil etc.etc. fragt. Dabei und dazu mag die in der Matrix begr\u00fcndete Gewi\u00dfheit st\u00e4rken und Halt geben: Wer sich Gott ganz und gar hingibt, der wird von ihm nicht verlassen, gerade auch dann nicht, wenn er in Gottverlassenheit und entsprechender Verzweiflung endet.<\/p>\n<p>Was also ist christliches Leben? Nachfolge in der Zugeh\u00f6rigkeit zur Gemeinde Jesu Christi. Und was macht die aus? Ganz einfach: Die nicht schielende, die nicht berechnende, die keine Hintergedanken hegende, sondern einf\u00e4ltige und v\u00f6llige Hingabe an Gott und in und f\u00fcr seinen Willen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Klaus Schwarzw\u00e4ller<a href=\"mailto:kschwarzwaeller@foni.net\">kschwarzwaeller@foni.net<\/a><\/strong><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Sonntag nach Trinitatis | 30. September 2001 | Philipper 2,5-11 (&#8222;Philipperhymnus&#8220;) | Klaus Schwarzw\u00e4ller | Vorbemerkung Dieser Hymnus ist unaussch\u00f6pflich und sprengt zumal die Ma\u00dfe, wenn man ihn im Paulinischen Zusammenhang, d.h. so auslegt, wie Paulus es gemeint haben d\u00fcrfte, als er ihn an dieser Stelle zitierte. 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