{"id":22007,"date":"2001-09-18T11:41:39","date_gmt":"2001-09-18T09:41:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22007"},"modified":"2025-03-18T11:43:49","modified_gmt":"2025-03-18T10:43:49","slug":"philipper-25-11-9","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/philipper-25-11-9\/","title":{"rendered":"Philipper 2,5-11"},"content":{"rendered":"<h3>16. Sonntag nach Trinitatis | 30. September 2001 | Philipper 2,5-11 | Martin Schewe |<\/h3>\n<p>Die Texte der Bibel stehen in den Tagen nach den Terroranschl\u00e4gen in den USA auf der Probe. Die Welt ist in ein Chaos gest\u00fcrzt, auch in ein Chaos von Gef\u00fchlen: Entsetzen, da\u00df das m\u00f6glich war, Trauer um die Get\u00f6teten, Mitleiden mit den Angeh\u00f6rigen und die Angst, wie es weitergeht. Wenn uns die Bibel etwas zu sagen hat, dann mu\u00df sie es jetzt sagen k\u00f6nnen. Sonst steht es schlecht um die Glaubw\u00fcrdigkeit eines Textes wie des folgenden aus dem Philipperbrief. Paulus schreibt dort:<\/p>\n<p>&#8222;Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht: Er, der in g\u00f6ttlicher Gestalt war, hielt es nicht f\u00fcr einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern ent\u00e4u\u00dferte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz. Darum hat ihn auch Gott erh\u00f6ht und hat ihm den Namen gegeben, der \u00fcber alle Namen ist, da\u00df in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, da\u00df Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.&#8220;<\/p>\n<p>Paulus zitiert ein Lied; ein Lied, das den Sieg Jesu Christi \u00fcber die M\u00e4chte des Himmels, der Erde und in der Unterwelt besingt. Sie alle sollen sich Christus unterwerfen und Gott die Ehre geben. Das w\u00e4re jetzt sch\u00f6n. Nur sieht es nicht danach aus. Das triumphale Christuslied und unsere Verst\u00f6rung scheinen wenig miteinander zu tun zu haben. Was war denn mit dem Sieg \u00fcber die M\u00e4chte, als die Flugzeuge ins World Trade Center rasten und ins Pentagon? Wie konnte Gott zusehen? Und sieht er danach auch blo\u00df zu, wenn es wom\u00f6glich zum Krieg kommt?<\/p>\n<p>Ich glaube nicht, da\u00df das Lied, das Paulus zitiert, diese Fragen beantwortet. Aber es hat vielleicht trotzdem etwas zu bedeuten und hilft uns vielleicht trotzdem weiter. Denn das Lied handelt nicht nur vom Sieg Jesu Christi. Es handelt auch von der Vorgeschichte &#8211; nicht nur vom Triumph, sondern auch von dem Preis, den Christus daf\u00fcr bezahlt. Diese Strophe des Lieds verstehen wir im Moment wahrscheinlich besser als den gl\u00fccklichen Schlu\u00df.<\/p>\n<p>&#8222;Er, der in g\u00f6ttlicher Gestalt war, hielt es nicht f\u00fcr einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern ent\u00e4u\u00dferte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am Kreuz.&#8220;<\/p>\n<p>Gott verbirgt sich, hei\u00dft das. Er ist nicht da, wo wir ihn gesucht haben, und er ist nicht so, wie wir dachten. Der Weltenlenker, der im Himmel thront, die T\u00e4ter bestraft und die Opfer besch\u00fctzt, ist hinabgestiegen und selber zum Opfer geworden. Der Sch\u00f6pfer der Menschheit, unser Vater, unsere Mutter, hat sich in einen von uns verwandelt und \u00fcber sich ergehen lassen, was wir einander antun. Gott sa\u00df mit den Ermordeten in den entf\u00fchrten Flugzeugen, so wie er mit den Ermordeten, Gefolterten und Gesch\u00e4ndeteten aller Zeiten und aller Greueltaten gelitten hat &#8211; nicht abstrakt: wohlwollend, aber in sicherer Entfernung; sondern so konkret und schrecklich wie sie: Gott selber ermordet, gefoltert, gesch\u00e4ndet. Er verbirgt sich &#8211; ganz in unserer N\u00e4he.<\/p>\n<p>Diese Strophe des Christuslieds, so ungeheuerlich sie ist, erreicht uns im Moment wahrscheinlich eher als sein Schlu\u00df, und es tr\u00f6stet uns vielleicht, da\u00df Gott dabei war, als die Unschuldigen starben, und da\u00df er jetzt bei ihren Familien, Freundinnen und Freunden ist und klagt wie sie. Aber die Fragen, die wir an Gott haben, bleiben. Da\u00df er mit in den Flugzeugen sa\u00df, hat die Katastrophe eben nicht verhindert. Da\u00df Gott selber zum Opfer wird, macht es f\u00fcr die anderen Opfer noch nicht besser und beschwichtigt unsere Angst nicht, wie es weitergeht. Wenn uns das Lied, das Paulus zitiert, etwas zu sagen hat, dann mu\u00df es auch dazu etwas sagen k\u00f6nnen, und wir m\u00fcssen auch auf die zweite Strophe einen Blick werfen, obwohl uns nach Triumphges\u00e4ngen nicht der Sinn steht.<\/p>\n<p>&#8222;Darum hat ihn auch Gott erh\u00f6ht und hat ihm den Namen gegeben, der \u00fcber alle Namen ist, da\u00df in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen sollen, da\u00df Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.&#8220;<\/p>\n<p>Gott verbirgt sich, sagt die erste Strophe &#8211; ganz in unserer N\u00e4he. Er wird einer von uns und l\u00e4\u00dft \u00fcber sich ergehen, was wir einander antun. Vor diesem Hintergrund m\u00fcssen wir h\u00f6ren, was die zweite Strophe vom Sieg Jesu Christi singt. Sie nimmt das Entsetzen und die Angst nicht zur\u00fcck und wird unsere Fragen auch nicht beantworten. Aber sie setzt dem allen etwas entgegen: ein Dennoch. In dem Lied mag dieses Dennoch vollmundiger klingen, als uns heute zu Mute ist. Doch auch wenn wir es ged\u00e4mpfter h\u00f6ren, gibt uns das Dennoch m\u00f6glicherweise eine Perspektive. Dann h\u00f6ren wir auch jetzt: Von dem ermordeten, gefolterten, gesch\u00e4ndeten Gott haben wir noch etwas zu erwarten. Es gibt noch mehr von ihm zu sagen, als da\u00df er in den Flugzeugen ins World Trade Center gerast ist. Denn das unterscheidet dieses Opfer von allen anderen Opfern: da\u00df es Gott war, der dort get\u00f6tet wurde und auf Golgatha. Der Sch\u00f6pfer, unser Vater, unsere Mutter, war so verzweifelt und hilflos wie nur irgendeiner. Gott meint sein Leiden und seinen Tod ganz ernst. Aber der Gekreuzigte ist auch der Auferstandene. Darum ist wohl dennoch Hoffnung. Wie und warum, das m\u00fcssen wir nicht genau verstehen, jedenfalls im Moment nicht. Da gen\u00fcgt es, wenn wir uns sagen lassen, da\u00df Jesus Christus der Herr ist &#8211; trotz allem er, der verborgene, nahe Gott; er und nicht der Terror und die Angst.<\/p>\n<p>Von der Erniedrigung Gottes handelt das Lied und von seiner Erh\u00f6hung; von der j\u00fcngsten Vergangenheit, den Anschl\u00e4gen in den USA, und von der Zukunft, dem Dennoch, einer Hoffnung. Das Lied handelt aber auch von dem, was zwischen Gottes Erniedrigung und Erh\u00f6hung liegt: von der Gegenwart und davon, wie es weitergeht; was geschehen soll &#8211; nach den Anschl\u00e4gen und bevor sich alle M\u00e4chte des Himmels, der Erde und in der Unterwelt Christus unterwerfen. So versteht jedenfalls Paulus das Lied, wenn er es im Philipperbrief zitiert. Dort stellt er ihm einen Satz voran, eine Art Gebrauchsanweisung f\u00fcr das Lied.<\/p>\n<p>&#8222;Seid so unter euch gesinnt, wie es auch der Gemeinschaft in Christus Jesus entspricht.&#8220;<\/p>\n<p>Paulus spricht \u00fcber das Verhalten innerhalb der christlichen Gemeinde in Philippi, aber ich finde, sein Rat pa\u00dft \u00fcberall, wo es um die christliche Gemeinde geht, und er pa\u00dft auch jetzt: sich so zu verhalten, wie es der Gemeinschaft in Christus entspricht. Damit ist nicht gemeint, wir sollen Jesus Christus nachahmen; jedenfalls dann nicht, wenn &#8222;nachahmen&#8220; bedeutet: Wir sollen das gleiche tun wie er. Das geht gar nicht, denn er war Gott, und es ist genug, da\u00df Gott der Welt wohl dennoch Hoffnung gibt. Aber auch wenn wir ihn nicht nachahmen sollen &#8211; nachfolgen sollen wir Christus: so leben, wie es sich f\u00fcr die geh\u00f6rt, die trotz allem auf ihn hoffen. Mir scheint, das hei\u00dft im Moment vor allem eins: Wir sollen uns von dem verborgenen, nahen Gott in Frage stellen lassen. Ich will das zu erkl\u00e4ren versuchen.<\/p>\n<p>Von allen Seiten, auch aus uns selbst, kommen die Stimmen, vern\u00fcnftige und unvern\u00fcnftige, die nach einer angemessenen Reaktion auf die Terroranschl\u00e4ge rufen. Von Gerechtigkeit ist die Rede, von Strafe, aber auch von Rache und dem &#8222;ersten Krieg des einundzwanzigsten Jahrhunderts&#8220;. In der Tat: Ungestraft d\u00fcrfen die Verbrechen nicht bleiben, der Opfer wegen nicht, und weil alles andere einer Einladung zu neuen Gewalttaten gleichk\u00e4me. Trotzdem sollen wir Christinnen und Christen nicht einstimmen, wenn Gegengewalt gefordert und Milit\u00e4rschl\u00e4ge oder gar ein &#8222;Kreuzzug&#8220; angek\u00fcndigt werden. Denn soviel ist klar: Ein Krieg trifft immer auch Unschuldige. Sich so zu verhalten, wie es der Gemeinschaft in Christus entspricht; wie es sich f\u00fcr die geh\u00f6rt, die trotz allem auf ihn hoffen &#8211; das l\u00e4\u00dft sich nicht mit R\u00fccksichtslosigkeit und blinder Wut vereinbaren. Alle M\u00e4chte sollen sich unterwerfen, hei\u00dft es in dem Lied. Alle sollen bekennen, da\u00df Jesus Christus der Herr ist; er und nicht der Terror und die Angst. Aber auch nicht wir. Der Gott, der mit den Ermordeten in den entf\u00fchrten Flugzeugen sa\u00df, so wie er mit den Ermordeten, Gefolterten und Gesch\u00e4ndeten aller Zeiten und aller Greueltaten gelitten hat, ein solcher Gott verbietet es, da\u00df wir unsererseits Greueltaten begehen oder sie guthei\u00dfen. Er verbietet es, da\u00df wir uns an seine Stelle setzen und auf unsere ma\u00dflose und hilflose Weise versuchen, die Welt vom B\u00f6sen zu befreien.<\/p>\n<p>Sie werden mich fragen, was denn geschehen soll; wie die Verbrechen bestraft werden k\u00f6nnen, wenn nicht wieder mit Gewalt. Ich frage mich das auch. Ich wei\u00df es nicht. Es h\u00e4ngt wohl vor allem davon ab, wer die Verbrecher \u00fcberhaupt sind. Aber das wei\u00df ich: da\u00df wir Christinnen und Christen nicht nur uns selber fragen sollen, sondern zuerst und zuletzt den verborgenen, nahen Gott. Wir sollen nicht besser wissen wollen als er, wo wohl dennoch Hoffnung ist.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pfarrer Dr. Martin Schewe<\/strong><\/p>\n<p><strong>Hohenzollernstra\u00dfe 3233330 G\u00fctersloh<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:marschewe@yahoo.de\"><strong>marschewe@yahoo.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>16. Sonntag nach Trinitatis | 30. 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