{"id":22017,"date":"2001-09-18T11:56:14","date_gmt":"2001-09-18T09:56:14","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22017"},"modified":"2025-03-18T13:05:39","modified_gmt":"2025-03-18T12:05:39","slug":"einfuehrung-in-den-philipperbrief-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/einfuehrung-in-den-philipperbrief-2\/","title":{"rendered":"Einf\u00fchrung in den Philipperbrief"},"content":{"rendered":"<h3>Einf\u00fchrung in den Philipperbrief | September 2001 | Udo Schnelle |<\/h3>\n<p>In Philippi entstand die erste paulinische Gemeinde in Europa (vgl. Apg 16,11ff; Phil 4,15), der Apostel gr\u00fcndete sie 49\/50 n.Chr. Mehrheitlich bestand die Gemeinde aus Heidenchristen (vgl. Apg 16,33b; ferner die Namen in Phil 2,25ff; 4,18: Epaphroditus, Phil 4,2f: Euodia, Syntyche und Klemens), aber auch Sebomenoi (vgl. Apg 16,14) und Judenchristen (vgl. Apg 16,13) d\u00fcrften ihr angeh\u00f6rt haben. Philippi ist ein Beispiel f\u00fcr den religi\u00f6sen Synkretismus des 1. Jhs. n.Chr. (vgl. Apg 16,16-22), denn neben dem Kaiserkult sowie griechischen, r\u00f6mischen und \u00e4gyptischen G\u00f6ttern erfreuten sich die einheimischen Kulte der thrakischen Urbev\u00f6lkerung gro\u00dfer Beliebtheit, in denen vor allem Land- und Fruchtbarkeitsg\u00f6tter verehrt wurden. Die Gemeinde von Philippi bildete sich in einem multireligi\u00f6sen und auch sehr politischen Umfeld aus, denn Philippi war eine r\u00f6misch gepr\u00e4gte Stadt, in der bewu\u00dft der Kaiserkult gepflegt wurde.<\/p>\n<p>Der Philipperbrief ist in zweifacher Hinsicht ein sp\u00e4tes Zeugnis paulinischer Theologie: 1) Er wurde aus der Gefangenschaft am Ende des missionarischen Wirkens des Apostels in Rom abgefa\u00dft. ( Vgl. zu den Einzelheiten Udo Schnelle, Einleitung in das Neue Testament, 3. Auflage, G\u00f6ttingen 1999, 145-158.2) Auch inhaltlich repr\u00e4sentiert er ein fortgeschrittenes Stadium des paulinischen Denkens, das nicht unwesentlich durch die pers\u00f6nliche Situation des Apostels bedingt ist. Insbesondere die eschatologischen Aussagen des Briefes und die Bereitschaft des Apostels zum M\u00e4rtyrertod lassen erkennen, da\u00df Paulus der Meinung ist, nicht nur an den Endpunkt seines Wirkens, sondern auch an das Ende seines Lebens gekommen zu sein (vgl. Phil 1,21; 2,17). Er sehnt sich danach, unmittelbar nach seinem Tod beim Herrn zu sein.<\/p>\n<p>In dieser schwierigen Situation l\u00e4\u00dft der Philipperbrief erkennen, da\u00df Paulus seine eigene Situation immer als vehiculum f\u00fcr die Verk\u00fcndigung des Evangeliums und die F\u00f6rderung seiner Gemeinden sieht. Er entfaltet im Philipperbrief die Paradoxie christlicher Existenz an seiner eigenen Person. Ausgangspunkt ist der Dank an Gott, der in seiner Treue sowohl die Philipper in ihrem Glaubensstand erh\u00e4lt und f\u00f6rdert als auch die gegenw\u00e4rtige Situation des Apostels zum Guten wendet. Mit keiner Gemeinde f\u00fchlte sich Paulus so verbunden wie mit den Philippern.<\/p>\n<p>Der Philipperbrief-Hymnus (Phil 2,6-11) als theologisches Zentrum des Briefes zeigt, da\u00df die paulinische Christologie durch einen Grundgedanken, ein Grundmodell gepr\u00e4gt ist: Gott hat den gekreuzigten und gestorbenen Jesus von Nazareth in ein neues Sein \u00fcberf\u00fchrt. Es ereignete sich ein Statuswechsel, denn Jesus von Nazareth verblieb nicht im Status des Todes und der Gottesferne, sondern Gott verlieh ihm den Status der Gottgleichheit. Gott und Jesus Christus werden entschieden zusammengedacht, der Sohn hat umfassend teil an der Gottheit des Vaters. Deshalb weitet die christologische Reflexion schon vor Paulus den Statuswechsel von der Post- auf die Pr\u00e4existenz aus. Jesus Christus verl\u00e4\u00dft seine gottgleiche Stellung und begibt sich in das denkbar krasseste Gegenteil. Dieser fundamentale Vorgang wird in seinen einzelnen Etappen im Hymnus geschildert und bedacht. Jesus Christus ent\u00e4u\u00dfert sich selbst und nimmt einen machtlosen Status ein, nicht Herrschaft, sondern Ohnmacht und Erniedrigung kennzeichnen nun seinen Stand. Menschwerdung hei\u00dft Verzicht auf eigentlich zustehende Macht, sie bedeutet Demut und Gehorsam bis zum Tod. Die Statuserh\u00f6hung Jesu Christi vollzieht sich in der Namensverleihung (V. 9b-10), der die Einsetzung und Anerkennung als Kosmokrator folgen (V. 10-11b). Kyrios-Akklamation und kosmosweite Proskynese des Kyrios entsprechen dem Willen Gottes, zu dessen Ehre sie erfolgen (V. 11c). Der neue Status Jesu Christi ist mehr als eine blo\u00dfe R\u00fcckkehr in die pr\u00e4existente Gott-Gleichheit. Nur die Selbsterniedrigung im Weg zum Kreuz gew\u00e4hrte die Erh\u00f6hung zum Weltherrscher, d.h. sogar der Pr\u00e4existente durchlief eine Transformation, um zu werden, was er sein sollte.<\/p>\n<p>Auf dem Hintergrund einer kolonial-r\u00f6misch gepr\u00e4gten Gemeinde gewinnt Phil 2,6-11 auch eine politische Dimension. Ein von den R\u00f6mern Gekreuzigter erh\u00e4lt durch Gottes direktes Eingreifen einen un\u00fcberbietbaren Status, allein ihm geb\u00fchren Proskynese und Exhomologese. Sowohl der Kyrios-Titel in Phil 2,11 als auch der Retter-Titel in Phil 3,20 enthalten imperiale Konnotationen. In einer griechischen Inschrift aus der Zeit Neros findet sich die Formulierung: &#8222;Der Kyrios der ganzen Welt Nero&#8220; und die r\u00f6mischen Kaiser lie\u00dfen sich besonders im Osten des Reiches als Retter preisen. Diesem politisch-religi\u00f6sen Anspruch setzt der Hymnus eine neue Wirklichkeit entgegen, die jegliche irdische Macht \u00fcbersteigt. Ihr B\u00fcrgerrecht empfangen die Philipper nicht von r\u00f6mischen Beh\u00f6rden, sondern aus dem Himmel (Phil 3,20f), so da\u00df Paulus konsequenterweise ihren Wandel allein in Phil 1,27 mit dem Verbum politeuestai (&#8222;als B\u00fcrger seinen Lebenswandel f\u00fchren&#8220;) bezeichnet. Der in einem r\u00f6mischen Gef\u00e4ngnis inhaftierte Paulus bietet seiner Gemeinde ein Gegenmodell: Ohnmacht und Herrschaft sind in Wahrheit v\u00f6llig anders verteilt als es der erste Blick nahezulegen scheint.<\/p>\n<p>Einen einzigartigen Einblick in das Selbstverst\u00e4ndnis des Apostels bietet Phil 3,2-11, wo Paulus sich vehement gegen in die Gemeinde eingedrungene feindliche Missionare wendet. Paulus verbindet mit dieser Attacke eine grundlegende Deutung seiner Geschichte und Existenz, die die Leser auf sich beziehen sollen. An Paulus vollzog sich, was jede christliche Existenz auszeichnet: Die Neuheit der durch Christus bestimmten Lebens, in dessen Schein das alte Sein trotz seiner Vorz\u00fcge nur noch negativ erscheint. Paulus demonstriert den Philippern, da\u00df ihr Ausscheiden aus den herk\u00f6mmlichen sozialen und religi\u00f6sen Bindungen und sein Existenzwechsel denselben Zielpunkt haben: Beide verlie\u00dfen soziale, politische, rechtliche und religi\u00f6se Privilegien, um die Eintragung in die himmlische B\u00fcrgerliste zu erlangen (Phil 3,21f).<\/p>\n<p>Der Gef\u00e4hrdung dieses neuen Seins durch Leidenserfahrungen und die judaistischen Gegenmissionare begegnet Paulus mit einer an den Kategorien der Zugeh\u00f6rigkeit und Teilhabe orientierten Argumentation. Die Zugeh\u00f6rigkeit zum erw\u00e4hlten Volk Israel gew\u00e4hrte ihm die Teilhabe an dessen Vorz\u00fcgen: Beschneidung, Gesetz, Gerechtigkeit. Keineswegs karikiert Paulus die j\u00fcdische Existenz, sondern er benennt pr\u00e4zis sein Selbstbewu\u00dftsein und Selbstverst\u00e4ndnis als eifernder Pharis\u00e4er. Umso dramatischer erscheint auf diesem positiven Hintergrund die Wende seines Lebens. Die Zugeh\u00f6rigkeit zu Christus und die Teilhabe an seiner Lebensmacht \u00fcberragen das bis dahin Geltende radikal, so da\u00df Paulus sich selbst und die Welt neu interpretiert. Er hat erkannt, wer dieser Jesus Christus ist und was er als Herr und Retter zu geben vermag: Gerechtigkeit und Leben. Paulus beschreibt seine neue Existenz charakteristischerweise mit einem Ineinander von partizipativen und juridischen Kategorien. Er spricht von einem &#8218;Gefundenwerden in Christus&#8216; und der Teilhabe an der Kraft seiner Auferstehung. Darin gr\u00fcndet die Gerechtigkeit durch Glauben, die nicht im Gesetz, sondern in Gott ihren Ursprung hat. Die Antithetik &#8222;aus dem Gesetz &#8211; aus Gott&#8220; unterstreicht auch im Hinblick auf die Beschneidungsforderung der Gegner den neuen Ort des Heils: Er liegt bei Gott und kann vom Menschen nur empfangen werden.<\/p>\n<p>Der Phil gibt wie kein anderer Paulusbrief einen Einblick in die Pers\u00f6nlichkeit des Apostels. Seine Grund\u00fcberzeugungen, seine Zuversicht aber auch seine \u00c4ngste werden sichtbar. Paulus lebt in dem Bewu\u00dftsein, am Geschick Jesu Christi sowohl im Leiden als auch in der Herrlichkeit umfassend teilzuhaben. Deshalb k\u00f6nnen ihn \u00e4u\u00dfere Umst\u00e4nde nicht treffen, denn &#8222;ich vermag alles durch den, der mich stark macht&#8220; (Phil 4,13). Die Gefangenschaft hindert Paulus grade nicht, die Philipper immer wieder zum Gebet, zur Danksagung und zur Freude aufzurufen. Er ist sich sicher, da\u00df alles, was der Verk\u00fcndigung des Evangeliums dient, von Gott gewollt ist. Sogar seine m\u00f6gliche Opferung, sein M\u00e4rtyrertod verbindet Paulus mit dem Motiv der Freude (vgl. Phil 2,17f). Dennoch beschleicht ihn in Phil 3,11 eine leichte Unsicherheit , &#8222;ob er vielleicht&#8220; einer vorzeitigen Auferstehung von den Toten teilhaftig wird. Eine verst\u00e4ndliche Reaktion, denn der Blick in die Zukunft in der Gegenwart des Todes ruft nicht nur Zuversicht, sondern auch Angst hervor. Aber Paulus w\u00e4hlt um der Philipper willen das Leben; er wei\u00df, da\u00df sie und viele andere Menschen weiterhin der Verk\u00fcndigung des Evangeliums bed\u00fcrfen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. Udo Schnelle<\/strong><\/p>\n<p>[<strong>E-Mail: <a href=\"mailto:Profschnelle@aol.com\">Profschnelle@aol.com<\/a><\/strong>](<a href=\"mailto:Profschnelle@aol.com\">mailto:Profschnelle@aol.com<\/a>%20)<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einf\u00fchrung in den Philipperbrief | September 2001 | Udo Schnelle | In Philippi entstand die erste paulinische Gemeinde in Europa (vgl. Apg 16,11ff; Phil 4,15), der Apostel gr\u00fcndete sie 49\/50 n.Chr. Mehrheitlich bestand die Gemeinde aus Heidenchristen (vgl. Apg 16,33b; ferner die Namen in Phil 2,25ff; 4,18: Epaphroditus, Phil 4,2f: Euodia, Syntyche und Klemens), aber [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":6769,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[46,727,157,853,114,3,910,126,1616],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22017","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-philipper","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-nt","category-philipperbrief","category-predigtreihen","category-udo-schnelle"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22017","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22017"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22017\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22018,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22017\/revisions\/22018"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/6769"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22017"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22017"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22017"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22017"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22017"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22017"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22017"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}