{"id":22025,"date":"2000-12-18T13:20:32","date_gmt":"2000-12-18T12:20:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22025"},"modified":"2025-03-18T13:20:57","modified_gmt":"2025-03-18T12:20:57","slug":"lukas-167-79-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-167-79-3\/","title":{"rendered":"Lukas 1,67-79"},"content":{"rendered":"<h3>1. Advent | 3. Dezember 2000 | Lukas 1,67-79 | Klaus Schwarzw\u00e4ller |<\/h3>\n<p>[Ich gebe zu bedenken, ob man Vers 67 nicht lesen sollte: \u201cUnd Zacharias, der Vater Johannes\u2018 des T\u00e4ufers, ward des Heiligen Geistes voll, weissagte und sprach nach der Geburt seines Sohnes:\u201d o.\u00e4., damit von vornherein die Zusammenh\u00e4nge deutlich seien.]<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde<\/p>\n<p>Heute ist der erste Advent \u2013 f\u00fcr mich, solange ich denken kann, ein besonderer Tag: Der Adventskranz wird hingestellt und die erste seiner Kerzen angesteckt, die Wohnung wird adventlich geschm\u00fcckt, Gedanken und Sinne beginnen, sich auf Weihnachten einzustellen.<\/p>\n<p>Erst heute? Ja, f\u00fcr mich erst heute. Gerade darum stolpere ich dar\u00fcber, da\u00df ich mich damit wie versp\u00e4tet ausnehme. Den ringsum hat l\u00e4ngst, bunt und lautstark, der Advent begonnen, als w\u00e4re das selbstverst\u00e4ndlich und in Ordnung. Das macht, der Gott unserer Zeit ist der Markt. Er diktiert Regeln und Gesetze, Verhalten und Handlungen, Ma\u00dfst\u00e4be und Ziele. Wenn etwas nicht \u201cmarktkonform\u201d ist \u2013 es mag ja gut sein; aber damit ist es erledigt. Wer sich nicht nach dem Markt richtet, wird abgesch\u00fcttelt, ausgesto\u00dfen. Nicht zuletzt diktiert der Markt auch die Zeit: Wann etwas \u201cdran\u201d sei und wielange, der Markt gibt es vor. Er gibt vor, da\u00df bereits im September Weihnachtsgeb\u00e4ck in den Superm\u00e4rkten erscheint und im Oktober die ersten Adventskalender zu sehen waren, im November Adventsdekorationen auftauchten und lange vor dem ersten Advent man so tut, als w\u00e4re der Advent ausgebrochen. Der Markt verlangt es so, und vor ihm beugt schier jedermann \u201canbetend die Knie\u201d.<\/p>\n<p>Das ist so; klagen und jammern \u00e4ndert nichts daran. Doch es ist gut, sich diesen Sachverhalt ungesch\u00f6nt vor Augen zu f\u00fchren, auch deswegen, weil erst damit die wohl nicht mehr zu \u00fcberbr\u00fcckende Kluft deutlich ist zwischen Advent und Weihnachten unter der Herrschaft des Gottes Markt und jenen Advent und Weihnachten, mit denen wir Gottes Wunder feiern. Beide haben nur dies noch miteinander zu tun, da\u00df sie teilweise auf dieselben Tage fallen und da\u00df der Gott Markt Advent und Weihnachten zum Anla\u00df nimmt, seine Macht zu entfalten. Bei ihr m\u00fcssen wir nicht verweilen; wir kennen sie.<\/p>\n<p>Aber kennen wir auch die Macht Gottes? Seine Macht, der Advent und Weihnachten nicht nur sich verdanken, sondern aus der sie nach wie vor Leben und Kraft haben? Nun nicht allein haben, sondern auch beweisen? Kennen wir sie?<\/p>\n<p>Es klingt so beil\u00e4ufig und so \u201cnormal\u201d, wenn es hier gleich zu Beginn hei\u00dft:<\/p>\n<p>Und sein Vater Zacharias ward des Heiligen Geistes voll, weissagte und sprach&#8230;<\/p>\n<p>Das ereignet sich aus Anla\u00df der Geburt Johannes\u2018 des T\u00e4ufers, also des Vorl\u00e4ufers von Jesus Christus. Da entsteht von einer Minute auf die andere Prophetie, die hervorquillt aus einer \u2013 im buchst\u00e4blichen Sinne \u2013 Be-geisterung dieses Mannes. Da wird also ein Mensch von Gott selbst \u00fcber die eigenen Grenzen und \u00fcber die Horizonte seiner Welt und seines Alltags hinausgehoben und erh\u00e4lt die Macht, Gottes Wahrheit zu erfassen und auszusprechen.<\/p>\n<p>Ja, ich wei\u00df: Das klingt gut und mag so sein, aber wir kennen\u2019s, es ist abgegriffen und zerredet. Darum \u2013 Halt! Alles einmal zugegeben: Haben wir es denn \u00fcberhaupt geh\u00f6rt, wirklich einmal in unserem Leben zur Kenntnis genommen? in seiner ganzen Tragweite bedacht? in seinem Gehalt gewogen? Oder haben wir\u2019s nur an uns vorbeirauschen lassen, gefunden, dergleichen h\u00e4tten wir immer schon zu h\u00f6ren bekommen, und uns anderem zugewendet? Ich frage ohne Unterstellung. Aber ich frage aus der Erfahrung von unser aller Ungeduld, die uns der Gott Markt andressiert hat: Es mu\u00df gehen nach dem Motto \u201cZack \u2013 das war\u2019s!\u201d<\/p>\n<p>Wenn wir uns einmal in Ruhe umschauen, dann mag uns dreierlei aufgehen: Die Menschwerdung Gottes kommt nicht auf uns zu wie ein Video-Clip; sie bekommt einen Vorl\u00e4ufer, der sie ansagen und auf sie vorbereiten soll. Weiter: Bereits die Geburt dieses Vorl\u00e4ufers ver\u00e4ndert die beteiligten Menschen. Schlie\u00dflich: Diese Ver\u00e4nderung geschieht dadurch, da\u00df Gott sie neu, da\u00df er sie zu Neuem begabt. Hier wird Zacharias zu prophetischem Verm\u00f6gen begabt. Was er kraft dieser Begabung einst sprach, das \u00fcberliefern wir heute noch und das hat heute noch Klang. Denn es kam von Gott, und Gott hat es in der heiligen Nacht best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>Und so feiern wir Advent und rufen uns mit seinem Kranz und seinem Schmuck und seinen Liedern in Erinnerung: Es gibt ganz andere Regeln als die des Marktes und seiner Moden. Es gibt eine andere Zeit als die, die so turbulent an uns vorbeirauscht. Diese andere Zeit und diese anderen Regeln sind aufgerichtet von Gott selbst, indem er sein gro\u00dfes Wunder tat: Er kam zu uns als Mensch. Es ist die Zeit, es sind die Regeln, wo wir Menschen sein k\u00f6nnen, indem wir \u2013 einfach sind, singen, spielen, feiern, es uns wohl sein lassen, weil Gott selbst uns gut ist.<\/p>\n<p>Diese andere Zeit mit ihren Regeln hat einst mit dem Vorl\u00e4ufer begonnen und bei ihm damit, da\u00df sein Vater nach einem Sprachsturz wieder redet und zum Propheten wird. Nat\u00fcrlich k\u00f6nnen wir uns das nicht sozusagen \u201canziehen\u201d. Aber lassen Sie uns einmal darauf achten, was sein Prophezeien ausmacht:<\/p>\n<p>Gelobt sei der Herr, der Gott Israels!Denn er hat besucht und erl\u00f6st sein VolkUnd hat uns aufgerichtet ein Horn des HeilsIn dem Hause seines Dieners David,Wie er vorzeiten geredet hatDurch den Mund seiner heiligen Propheten:Da\u00df er uns errettete von unseren FeindenUnd von der Hand aller, die uns hassenUnd Barmherzigkeit erzeigte an unseren V\u00e4tern&#8230;<\/p>\n<p>Der Mann jubelt! Endlich, endlich hat Gott seine Verhei\u00dfungen und Versprechen erf\u00fcllt! Endlich, endlich wird die Erl\u00f6sung Realit\u00e4t! Denn Gott \u201cbesucht\u201d uns. Seine Gabe ist, da\u00df er unseresgleichen wird und bei uns bleibt. Seither geh\u00f6rt er zu uns und will zu uns geh\u00f6ren. Seither haben wir Grund, uns Jahr um Jahr daran zu erinnern und dar\u00fcber froh zu sein: Gott geh\u00f6rt zu uns und wir zu ihm.<\/p>\n<p>Die J\u00fcnger des Gottes Markt freilich werden hier\u00fcber bestenfalls mitleidig l\u00e4cheln \u2013 wenn \u00fcberhaupt. Vermutlich werden sie darauf nicht weiter achten. Denn es ist so wenig marktkonform, da\u00df man darauf keinen Gedanken verschwenden mu\u00df. Sie werden zudem darauf verweisen, da\u00df \u00fcber Essen und Trinken und Kleidung und Wohnung und Arbeit und Einkommen in ihren Tempeln entschieden wird. Dort ist Realit\u00e4t! Dort also \u2013 so sehen sie\u2019s \u2013 fallen die W\u00fcrfel \u00fcber unser Leben.<\/p>\n<p>Ja?<\/p>\n<p>Dieser Lobgesang, diese Prophezeiung, sie werden seit fast zweitausend Jahren \u00fcberliefert und immer wieder neu gesprochen \u2013 und haben noch nichts von ihrer G\u00fcltigkeit und Frische verloren, sondern ihren Klang bewahrt, w\u00e4hrend die Hymnen der J\u00fcnger des Marktes so weit reichen und so viel Dauer haben wie ihre verg\u00e4nglichen Produkte, d.h. weniger als sie selber, und verwehen \u00fcber Nacht. Und davon hinge unser Leben ab? Sie selbst sp\u00fcren und merken, wenn sie aus Anla\u00df von Advent und Weihnachten sentimental werden, was Propheten und Glaube stets wu\u00dften: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das durch den Mund Gottes geht. Und der Jubel dieses Mannes, des Vaters von Johannes dem T\u00e4ufer, macht es augenf\u00e4llig: Fallweise und immer wieder g\u00e4nzlich unvermutet geschieht es, da\u00df aufleuchtet: Gott steht zu seinem Wort. Sein Wort ist nicht leer und schwach. Es hat Gehalt und bewirkt etwas \u2013 allerdings ohne Glamour, ohne Reklame und nicht zum Konsumieren. Wie?<\/p>\n<p>Der Gott Markt gibt uns Prospekte und Brosch\u00fcren, er \u00fcbernimmt Garantie und ist zu Kulanzleistungen bereit, er hilft bei Teilzahlungen und regelt den Transport. Gottes Wort jedoch: Es verwandelt die Zeit. Es pflanzt in die laute, konsumbestimmte Vorweihnachtszeit mit ihrem Glanz und ihrer Musik und ihren D\u00fcften; es pflanzt hier hinein die Adventszeit. Also die Zeit der Vorbereitung auf Gottes Wunder.<\/p>\n<p>Gottes Wunder sind leise. Gottes gro\u00dfes Wunder, da\u00df er als Mensch zu uns kommt, ist ganz leise \u2013 so leise wie das zu Hause mit unge\u00fcbter Stimme gesungene Adventslied; so leise wie ein einziges brennendes Adventslicht; so leise wie wir selbst als blo\u00dfe Menschen, die von allen Seiten reguliert und in diesen Wochen vom Weihnachtstrubel an die Wand gedr\u00fcckt werden, vielleicht auch in dem Sinne, da\u00df wir besch\u00e4mt und bitter feststellen m\u00fcssen: Ich kann nicht mithalten. Gottes gro\u00dfes Wunder, das Wunder seiner Menschwerdung, sagt und macht es zur Tatsache: Wir z\u00e4hlen f\u00fcr ihn. Und wenn unsere Stimmen rostig sind und man uns wie eine Kerze auspusten kann und wir keine Konsumenten sein k\u00f6nnen und deswegen nicht z\u00e4hlen: F\u00fcr den, der uns geschaffen hat, z\u00e4hlen wir und haben wir Gewicht. So viel Gewicht, da\u00df er zu uns kommt \u2013 als armer Mensch zu armen Menschen.<\/p>\n<p>Ich selbst begreife das, je \u00e4lter ich werde, immer weniger und verstehe darum immer besser die Adventszeit: Ja, wir brauchen diese vier Wochen Vorbereitung auf Gottes Wunder: Um es \u00fcberhaupt vor Augen zu bekommen; um uns aus dem Sog des Vorweihnachtstrubels zu befreien; um uns einzustimmen, um empf\u00e4nglich zu werden f\u00fcr leise T\u00f6ne; um daf\u00fcr wach zu werden: Sch\u00f6nheit und Freude und Leben gibt nicht der Markt. Sie schenkt Gott, indem er zu uns kommt. Gott \u2013 zu \u2013 uns.<\/p>\n<p>Die Prophezeiung des Zacharias geht weiter und wendet sich nun unmittelbar an seinen vor einer Woche geborenen Sohn:<\/p>\n<p>Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des H\u00f6chsten hei\u00dfen.Du wirst vor dem Herrn hergehen, da\u00df du seinen Weg bereitestUnd Erkenntnis des Heils gebest seinem VolkIn Vergebung ihrer S\u00fcnden,Durch die herzliche Barmherzigkeit unsres Gottes&#8230;,&#8230;auf da\u00df er erscheine denen, die da sitzen in Finsternis undSchatten des Todes,Und richte unsre F\u00fc\u00dfe auf den Weg des Friedens.<\/p>\n<p>Man merkt: Das ist Prophetie. Sie packt gerade dort zu, wo man normalerweise ausweicht in Begriffe und Wortget\u00f6n. \u201cErkenntnis des Heils\u201d ist ein derartiger Punkt \u2013 wie oft ist es von Gebildeten und Halbgebildeten und Schlaumeiern an intellektuellen oder frommen Stammtischen zerredet worden! Der Prophet hingegen nennt die Dinge beim Namen. Das Heil Gottes wird insbesondere durch dreierlei erkannt \u2013 und das ist das Ende allen Geredes: durch S\u00fcndenvergebung, durch Gottes Licht in der Dunkelheit, durch das Ausrichten unseres Verhaltens hin auf Frieden.<\/p>\n<p>Das also ist es, was Gottes leises Wunder uns bringt, auf das wir uns eine Adventszeit lang vorbereiten und einstimmen, damit wir es neu erfassen und es uns neu erf\u00fcllte: da\u00df Gott in unserer Dunkelheit erscheint, damit unsere S\u00fcnden von uns genommen und unser Sinnen und Handeln zum Frieden umgepolt werde. Und das allein, weil Gott es in seinem Herzen nicht mehr ertr\u00e4gt, wie wir unter dem Schrott und Unrecht, die wir selber produzieren, untergehen und ersticken und durch Irrwege und falsche Ziele Streit und Feindschaft und Krieg verursachen, denen wir am Ende selbst zum Opfer fallen. Also kommt er zu uns in dem Krippenkind, dessen Erscheinen wir in vier Wochen feiern.<\/p>\n<p>Das also hat Advent zum Inhalt: Wir bereiten uns vor auf \u2013 jetzt stocke ich. Wir sind geneigt zu sagen: auf das, dem wir entgegengehen. Der Prophet aber l\u00e4\u00dft uns darauf aufmerken, da\u00df nicht wir entgegengehen, sondern Gott uns entgegenkommt: Er kommt zu uns, zu Friedlosen, zu Gottlosen, zu S\u00fcndern, zu J\u00fcngern und Dienern und Gl\u00e4ubigen des Gottes Markt \u2013 und was sonst wir Menschen noch alles sind. Er kommt zu uns. Wir m\u00fcssen nicht gehen. Es gen\u00fcgt, da\u00df wir uns \u00f6ffnen, unsere Herzen weit machen, uns in seine, die andere Zeit einlassen.<\/p>\n<p>Heute ist der erste Advent. Heute beginnen die vier Wochen der Vorbereitung darauf, da\u00df Gott Mensch und dadurch \u2013 wie es ein Weihnachtslied (EG 25,4) singt \u2013 unser \u201cGesell\u201d geworden ist, leise und in einem Stall verborgen. Da\u00df er damit eine neue Zeit und neue Regeln unter uns aufgerichtet hat. Da\u00df er von sich aus zu uns kommt, um mit ihm selbst und unter uns Frieden zu schaffen. \u201cGelobt sei der Herr&#8230;, denn er hat besucht und erl\u00f6st sein Volk!\u201d<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p>Prof. Dr. Klaus Schwarzw\u00e4ller<\/p>\n<p><a href=\"mailto:kschwarzwaeller@foni.net\">E-Mail: kschwarzwaeller@foni.net<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>1. Advent | 3. 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