{"id":22029,"date":"2000-12-18T13:24:11","date_gmt":"2000-12-18T12:24:11","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22029"},"modified":"2025-03-18T13:27:51","modified_gmt":"2025-03-18T12:27:51","slug":"jesaja-35-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-35-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 35"},"content":{"rendered":"<h3>2. Advent | 10. Dezember 2000 | Jesaja 35 | J\u00fcrgen Ebach und Ulrike Bail |<\/h3>\n<p>Predigttext f\u00fcr den heutigen 2. Advent ist das 35. Kapitel aus dem alttestamentlichen Jesajabuch. Der Prophet Jesaja lebte im 8. vorchristlichen Jahrhundert. Das Jesaja<em>buch<\/em>\u00a0aber enth\u00e4lt nicht nur Worte dieses historischen Jesaja. Seine Prophetie wurde aufgezeichnet, aber auch und vor allem weiter geschrieben, indem sie mit Drohworten und Verhei\u00dfungen und mit Erz\u00e4hlungen verbunden wurde, die sich Erfahrungen und Hoffnungen folgender Zeiten verdanken. So sind im Jesaja<em>buch<\/em>\u00a0Worte mehrerer Jahrhunderte in\u00a0<em>einer<\/em>\u00a0Schrift aufgehoben: Kritische Worte aus der K\u00f6nigszeit, Trostworte aus der Zeit des Babylonischen Exils, Verhei\u00dfungen aus der Zeit nach der R\u00fcckkehr aus dem Exil, als sich manche Hoffnungen erf\u00fcllt hatten und andere nicht. Das Kapitel 35, unser heutiger Predigttext, verkn\u00fcpft die verschiedenen Teile des\u00a0<em>einen<\/em>\u00a0Jesajabuches. Es blickt auf eine Situation von Not und Exil, von Unterdr\u00fcckung und Gefangenschaft, und es blickt \u00fcber diese Lage weit hinaus auf einen neuen Exodus aus einem Sklavenhaus, einen Auszug aus dem Babylonischen Exil. In den Blick kommt eine neue Befreiung und die Heimkehr der Exilanten ins Israelland, nach Jerusalem, zum Zionsberg. Der\u00a0<em>Advent<\/em>\u00a0in diesem Text ist der Traum, am Zion anzukommen. Die gro\u00dfe Hoffnung auf den Weg zur\u00fcck in die Heimat bleibt zun\u00e4chst ein Traum. Die Gefangenen tr\u00e4umen sich weg, sie tr\u00e4umen einen Weg, einen wunderbaren Weg durch eine bl\u00fchende W\u00fcste. Im Wegtraum und auf dem Traumweg aber wird schon wahr, was einmal kein Traum bleiben soll und kein Traum bleiben wird.<\/p>\n<p>Wir h\u00f6ren die Worte des Jesajabuches in einer \u00dcbersetzung, die sich um eine gerechte Sprache bem\u00fcht, eine Sprache, die dem hebr\u00e4ischen Text selbst gerecht zu werden versucht, eine Sprache, die Frauen in den Texten selbst und als damalige und als gegenw\u00e4rtige Adressatinnen der Texte nicht unsichtbar macht, und eine Sprache, die J\u00fcdinnen und Juden Respekt erweist, die die hebr\u00e4ische Bibel als ihre &#8222;Schrift&#8220; h\u00f6ren und lesen. Sie finden diese Verdeutschung des Predigttetxes auf der R\u00fcckseite des Blattes, das Sie am Eingang bekommen haben.<\/p>\n<p>H\u00f6ren wir nun den Predigttext, Jesaja 35:<\/p>\n<p>1 Es jauchzen W\u00fcste und Wildnis, es jubelt die Steppe, bl\u00fcht auf wie eine Lilie.<\/p>\n<p>2 In voller Bl\u00fcte steht sie und jubelt nur Jubel und Freude.<\/p>\n<p>Die Pracht des Libanonwaldes wird ihr gegeben,<\/p>\n<p>der Schmuck des Karmelberges und der Scharonebene.<\/p>\n<p>Sie werden schauen die W\u00fcrde Adonajs, den Glanz unseres Gottes.<\/p>\n<p>3 Macht erschlaffte H\u00e4nde wieder stark, und wankende Knie macht wieder fest!<\/p>\n<p>4 Sagt denen, deren Herz best\u00fcrzt ist:<\/p>\n<p>Seid stark, habt keine Angst! Schaut doch, euer Gott!<\/p>\n<p>Rache kommt als Gottes Tat. Gott selbst wird kommen und euch befreien.<\/p>\n<p>5 Dann \u00f6ffnen sich die Augen der Blinden, und die Ohren der Tauben tun sich auf.<\/p>\n<p>6 Dann werden die Lahmen wie Hirsche springen, die Zunge der Stummen wird jubeln,<\/p>\n<p>denn in der W\u00fcste sind Wasser hervorgebrochen und B\u00e4che in der Steppe.<\/p>\n<p>7 Der gl\u00fchende Sand wird zum Teich und d\u00fcrstendes Land zu Wasserquellen.<\/p>\n<p>An der St\u00e4tte, wo Schakale lagern, wird ein Ort f\u00fcr Rohr und Schilf sein.<\/p>\n<p>8 Dort wird es eine Bahn, einen Weg geben,<\/p>\n<p>&#8222;Weg der Heiligung&#8220; wird er genannt werden;<\/p>\n<p>keine Unreinen werden ihn betreten.<\/p>\n<p>Er geh\u00f6rt denen, die auf ihm gehen.<\/p>\n<p>Auch die Unkundigen werden sich nicht verlaufen.<\/p>\n<p>9 Kein L\u00f6we wird dort sein, kein rei\u00dfendes Tier wird ihn betreten;<\/p>\n<p>es wird dort nicht zu finden sein.<\/p>\n<p>Die Erl\u00f6sten werden ihn gehen.<\/p>\n<p>10 Die von Adonaj Freigekauften kehren zur\u00fcck, sie kommen zum Zion unter Jubel,<\/p>\n<p>Freude f\u00fcr immer auf ihren Gesichtern. Jauchzen und Freude werden sie einholen,<\/p>\n<p>und entfliehen werden Kummer und Seufzen.<\/p>\n<p>W\u00fcste und Wildnis jubeln, die Steppe steht in voller Bl\u00fcte, Wasserb\u00e4che und Teiche erf\u00fcllen die W\u00fcste anstelle des gl\u00fchenden Sandes. Einen geraden Weg gibt es durch die W\u00fcste, auf dem die Befreiten gehen k\u00f6nnen, ohne da\u00df sie von wilden Tieren bedroht, vom Verirren in der Ein\u00f6de gef\u00e4hrdet sind. Wenn man die Worte unseres Textes h\u00f6rt, so klingen sie zun\u00e4chst weniger wie der Traum der Befreiung aus Unterdr\u00fcckung und Exil, sondern eher wie der Traum der Verwandlung der W\u00fcste in fruchtbares Land. Eher ein \u00f6kologischer Traum als ein politischer? Warum gilt die Aufmerksamkeit in diesen Prophetenworten so sehr der Natur, dem Weg durch die W\u00fcste? Warum dieses Augenmerk auf den Weg? Ist nicht das Ziel viel wichtiger, und m\u00fc\u00dfte nicht zu allererst von der Knechtschaft und dem Exil die Rede sein, von dem sich die so Tr\u00e4umenden weg tr\u00e4umen?<\/p>\n<p>Der Traum in Jes 35 f\u00fchrt durch eine bl\u00fchende W\u00fcste &#8211; eine W\u00fcste, die die jetzt Tr\u00e4umdenden auf dem erzwungenen Weg in die Fremde durchquert haben. Doch da war es keine bl\u00fchende, keine wasserreiche Landschaft. Der Weg der Deportation war lang und m\u00fchsam, zu Fu\u00df, durch Staub und Sand, unter st\u00e4ndiger Bewachung. Jeder Schritt hat sie von dem Ort, der einmal Sinn geborgen hat, entfernt. Jeder Schritt verst\u00e4rkte die Zerst\u00f6rung: Es gibt diesen Ort nicht mehr, mit den Mauern sind nicht nur die Geb\u00e4ude zerst\u00f6rt, sondern auch das, was religi\u00f6se, politische und pers\u00f6nliche Identit\u00e4t vermittelt hat.<\/p>\n<p>Die Bilder der gr\u00fcnen W\u00fcste sind die Umkehr dessen, was diese Menschen erlebt haben: eine Landschaft ohne Wasser, ohne Weg, gl\u00fchender Sand, der die F\u00fc\u00dfe verbrennt, wilde Tiere, eine endlose Landschaft, die die Menschen, die sie betreten, aufs \u00e4u\u00dferste gef\u00e4hrdet.<\/p>\n<p>Diese W\u00fcstenlandschaft spiegelt nicht nur die realen Wegerfahrungen der Deportation wider, sie sind auch so was wie eine emotionale Geographie. Die Landschaft der W\u00fcste bringt die Zerst\u00f6rung der Mauern und der Seele ins Wort. Und inmitten dieser Zerst\u00f6rung tr\u00e4umen sich die Deportierten auf den Weg nachhause.<\/p>\n<p>In der Imagination dieses Weges gehen die Tr\u00e4umenden ihren eigenen Weg, durchqueren sie eine freundliche W\u00fcste, Schritt f\u00fcr Schritt, Wort f\u00fcr Wort, von Quelle zu Quelle, von Bild zu Bild.<\/p>\n<p>Mancher mag das Sichwegtr\u00e4umen als Verdr\u00e4ngung, als Vertr\u00f6stung verstehen. Aber es ist mehr. Tr\u00e4ume transportieren Hoffnung und stiften eine imaginative Kraft, die am Leben bleiben l\u00e4\u00dft. &#8222;Wer hofft, sieht hin!&#8220; So hat es Elie Wiesel einmal formuliert, und er f\u00fcgt hinzu: &#8222;Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, sondern Gleichg\u00fcltigkeit.&#8220; Sprachbilder und Metaphern k\u00f6nnen gegen Gleichg\u00fcltigkeit und Resignation ansprechen. Sie er\u00f6ffnen einen Raum, in dem freies Gehen m\u00f6glich ist. Manchmal gehen Worte und Tr\u00e4ume der Hoffnung voraus, manchmal f\u00fchren Worte nachhause.<\/p>\n<p>In der Lekt\u00fcre eines Buchs mit dem Titel \u201aDie Kunst des Handelns\u2018 &#8211; und auch Tr\u00e4ume k\u00f6nnen Handlungen sein &#8211; stie\u00df ich auf S\u00e4tze, die von dieser Verbindung von Wegtraum und Hoffnung, Imagination und Sprachbildern erz\u00e4hlen. Der Philosoph Michel de Certeau bringt es so ins Wort:<\/p>\n<p>\u201eIm heutigen Athen hei\u00dfen die kommunalen Verkehrsmittel\u00a0<em>metaphoroi<\/em>. um zur Arbeit zu fahren oder nach Hause zur\u00fcckzukehren, nimmt man eine \u201eMetapher\u201c &#8211; einen Bus oder einen Zug. Auch die Geschichten k\u00f6nnten diesen sch\u00f6nen Namen tragen: jeden Tag durchqueren und organisieren sie die Orte; sie w\u00e4hlen bestimmte Orte aus und verbinden sie miteinander; sie machen aus ihnen S\u00e4tze und Wegstrecken. Sie sind Durchquerungen des Raumes.\u201c<\/p>\n<p>Der Traumweg, der in unserem Predigttext entworfen wird, verbindet die zerst\u00f6rte Vergangenheit mit einer befreiten Zukunft, und l\u00e4\u00dft so Aufbr\u00fcche wagen. Die Zukunft wird ertr\u00e4umt, damit die Tr\u00fcmmer der Vergangenheit die Hoffnung nicht endg\u00fcltig zum Schweigen bringen.<\/p>\n<p>Ein Gegentraum also, ein Traum gegen die erfahrene Realit\u00e4t. Nicht nur, wovon Menschen tr\u00e4umen, l\u00e4\u00dft sich fragen, sondern auch, wogegen sie tr\u00e4umen. Der Wegtraum, der Traumweg der Exilierten in Jesaja 35 ist allemale ein politischer Traum. Aber dennoch und deshalb finden Schmerz und Sehnsucht ihren Ausdruck in Bildern der Sch\u00f6nheit und des Luxus.<\/p>\n<p>In der Hoffnung, die in den Wegtr\u00e4umen und Traumwegen in Jes 35 findet, meldet sich das reale Leid derer, die dem Elend (das ist das alte deutsche Wort f\u00fcr das Exil) einstweilen nur im Traum zu entrinnen verm\u00f6gen; in der Sehnsucht wird der Schmerz erkennbar. Schmerz und Sehnsucht sind die Eltern der Utopie. Die Sehnsucht nach dem ganz anderen l\u00e4\u00dft den Schmerz nicht geringer werden, sondern wom\u00f6glich noch gr\u00f6\u00dfer. Warum ist es denn nicht so, wie es sein soll, sein kann? Warum das Elend, warum die Gewalt? Die Gewi\u00dfheit, da\u00df das, was ist, nicht alles ist, nimmt dem, was ist, nichts von seiner Realit\u00e4t. Aber die Gewi\u00dfheit, da\u00df das, was ist, nicht alles ist, nimmt dem, was ist, den Charakter des unausweichlichen Schicksals. Es kann anders werden, alles kann anders werden. Im Lichte dieser Verhei\u00dfung verliert die Gegenwart des Elends nichts von ihrem Schrecken, nichts von ihrer Realit\u00e4t. Aber dem, was ist, kann im Lichte solcher Verhei\u00dfung, solcher Traumwege und Wegtr\u00e4ume bestritten werden, da\u00df es &#8222;nun einmal so&#8220; ist. Solche Hoffnung ist weder falsche Vertr\u00f6stung, noch ist sie der Ausweis eines pausb\u00e4ckigen Optimismus. Denn zun\u00e4chst bleibt es bei der Aufgabe, zu sehen, was ist. Noch einmal Elie Wiesel: &#8222;Wer hofft, sieht hin! Das Gegenteil von Hoffnung ist nicht Verzweiflung, es ist Gleichg\u00fcltigkeit.&#8220; \u2013 Dazu geh\u00f6rt ein anderer Satz: &#8222;Nur um der Hoffnungslosen willen ist uns die Hoffnung gegeben&#8220; Solche Hoffnung bleibt nicht bei sich, wird nicht zum blo\u00dfen Gem\u00fctszustand. Solche Hoffnung ist keine leistungssteigernde Form des &#8222;positiven Denkens&#8220; und keine Durchhalteparole. Eine Hoffnung, die unaufmerksam werden l\u00e4\u00dft f\u00fcr die reale Lage der Hoffnungslosen, ist weder eine biblische noch eine christliche Tugend, sondern ein b\u00fcrgerlicher Luxus. Welche Aufmerksamkeit fordert unser Predigttext von uns?<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst die Aufmerksamkeit f\u00fcr die, die hier zuerst und bleibend zuerst angeredet sind. Von Exil und Hoffnung\u00a0<em>Israels<\/em>\u00a0ist hier die Rede, vom Weg zur\u00fcck ins Israelland, zum Zion. In Auslegungen unseres Textes aus dem Jesajabuch finde ich das Bedauern dar\u00fcber, da\u00df diese Verhei\u00dfung bei Israel bleibt, beim Zion bleibt, da\u00df nicht sogleich die Erl\u00f6sung der ganzen Welt zum Thema wird.<\/p>\n<p>Doch gleichzeitig finde ich in anderen Auslegungen des Textes ein Hinweggehen \u00fcber Israel, ein Hinwegsehen \u00fcber diejenigen, an die sich die Worte richten &#8211; zuerst und bleibend.<\/p>\n<p>Es ist eine problematische Selbstverst\u00e4ndlichkeit in christlicher Lekt\u00fcre des Alten Testaments, sich mit Israel zu identifizieren. Die Gojim, die V\u00f6lker, die Martin Luther mit \u201aHeiden\u2018 \u00fcbersetzte, sind dann alle anderen, nur nicht die Christen und Christinnen. Diese Selbstverst\u00e4ndlichkeit ist zu verlernen, um anderes, Neues zu lernen. In der Perspektive der hebr\u00e4ischen Bibel sind die V\u00f6lker alle nicht j\u00fcdischen V\u00f6lker. Und auf diese Weise kommen wir als Christen und Christinnen vor, aber vielleicht nicht so, wie wir uns das oft vorstellen.<\/p>\n<p>In Ps 126, dem Psalm, den wir gemeinsam gelesen haben, werden die V\u00f6lker zitiert: \u201eGro\u00dfes hat Adonaj an ihnen getan.\u201c Dieser Satz schlie\u00dft jedes ver\u00e4chtliche Reden \u00fcber Juden und J\u00fcdinnen aus, jedes \u00dcber-sie-Hinwegsehen und Ignorieren. Dieser Satz stimmt ein in das Lob Israels: \u201eGro\u00dfes getan hat Adonaj an uns, wir sind\u2019s, die sich freuen.\u201c Im H\u00f6ren auf das, was die hebr\u00e4ische Bibel in einzigartiger Weise Israel sagt, k\u00f6nnen wir Anteil nehmen und Anteil bekommen an den Verhei\u00dfung der hebr\u00e4ischen Bibel. Israel aber bleibt der Adressat der Worte. Ein behutsamer und nachdenklicher Weg ist zu gehen, um einerseits die Beziehung der Christen und Christinnen zur gesamten Bibel nicht aufzugeben und gleichzeitig den Ort wahrzunehmen, den die hebr\u00e4ische Bibel, das Alte Testament uns, Menschen aus den V\u00f6lker zuweist und erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Die Erz\u00e4hlung vom Aufbruch Abrahams mag da eine Verstehenshilfe sein. Dort sagt Gott zu Abraham:\u00a0<em>Ich werde dich zu einem gro\u00dfen Volk machen und dich segnen und deinen Namen gro\u00df machen. Werde du ein Segen! Ich will segnen, die dich segnen; die dich erniedrigen, verfluche ich. In dir sollen sich segnen lassen alle V\u00f6lker der Erde.<\/em>\u00a0Die V\u00f6lker k\u00f6nnen Anteil am Segen Abrahams bekommen, wenn sie das Gesegnetsein Abrahams\/Israels anerkennen. Gott bindet sein Verhalten gegen\u00fcber den V\u00f6lkern daran, wie die V\u00f6lker sich gegen\u00fcber Abrahams Erben verhalten.<\/p>\n<p>Wir haben zu Beginn des Gottesdienstes Ps 126 gemeinsam gesprochen, wir haben im Chor der V\u00f6lker eingestimmt in den Jubel \u00fcber die Rettung Israels aus gro\u00dfer Not, die Herausf\u00fchrung Israels aus dem Sklavenhaus \u00c4gyptens, die Heimkehr der nach Babylon Exilierten nach Jerusalem.<\/p>\n<p>Mitgesegnet in Abraham freuen wir uns mit an dem Wegtraum, der in Jes 35 getr\u00e4umt wird, nehmen wir Anteil an seinen Traumwegen: Befreiung aus Gefangenschaft und Exil, die Jubel in der Kehle aufsteigen l\u00e4\u00dft, Freude angesichts der Befreiung aus Situationen, die die Kehle zuschn\u00fcren und in denen Tr\u00e4nen an jeden Schritt gebunden sind.<\/p>\n<p>Doch Befreiung wird hier als Rache buchstabiert:\u00a0<em>Rache kommt als Gottes Tat. Gott selbst wird kommen und euch befreien<\/em>. Rache ist im alttestamentlichen Sprachgebrauch keine emotionale und unverh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfige Reaktion. Rache bedeutet eine Unterbrechung des Unrechts und die Herstellung von Recht und Freiheit. Wird Rache mit Befreiung zusammengedacht, dann hei\u00dft das nichts anderes als da\u00df die Verh\u00e4ltnisse nicht als gottgegeben akzeptiert werden und Gott angerufen wird in der Hoffnung, er m\u00f6ge das Unrecht nicht best\u00e4tigen, sondern destruieren. Auch Paulus wei\u00df um diesen Zusammenhang, wenn er im R\u00f6merbrief einen Vers aus der hebr\u00e4ischen Bibel zitiert:\u00a0<em>Die Rache ist mein, spricht Gott.<\/em>\u00a0(Dtn 32,35) Der Ernst und die Dringlichkeit dieses Satzes darf nicht von denen verwischt werden, die kein Interesse an der \u00c4nderung der Gewaltverh\u00e4ltnisse haben und die diesen Satz als Drohung empfinden. Es geht um die Aufrichtung von Gerechtigkeit und nicht um das Vergessen der Gewalttaten um des lieben Friedens willen. &#8222;Die kategorische Forderung der Friedlichkeit wird immer gern von denen bejaht und unterstrichen, denen es gut geht; und unversehens wird die Norm der Friedlichkeit zu einer Waffe gegen diejenigen, die ihre Stimmen erheben m\u00fcssen, wenn sie zu ihrem Recht kommen wollen. Beg\u00fcnstigt werden alle die, die nicht nur vom Leiden verschont, sondern auch zum Mit-Leiden nicht f\u00e4hig oder nicht willens sind; [&#8230;] die wirklichen Leiden und \u00c4ngste kommen nicht mehr zur Sprache.&#8220; (Ingo Baldermann) Vergebung kann leicht zu einem &#8218;vergeben und vergessen&#8216; werden, zu einem Zur\u00fccksinken in Unsichtbarkeit und Sprachlosigkeit. Vergebung ist ein langsames Geschehen, das vielleicht nie zu einem Ende kommt. Die erlittene Gewalt kann nicht und niemals ungeschehen gemacht werden. Vielleicht kann Vergebung buchstabiert werden. Vielleicht.<\/p>\n<p>\u2013 kleine Pause \u2013<\/p>\n<p>&#8222;Das Leben ein Traum&#8220; \u2013 so hei\u00dft ein Theaterst\u00fcck des spanischen Dichters Calderon aus dem 17. Jahrhundert. Franz Grillparzer hat zwei Jahrhunderte sp\u00e4ter f\u00fcr eines seiner St\u00fccke die Worte vertauscht: &#8222;Der Traum ein Leben&#8220; hei\u00dft es bei ihm. Leben und Traum k\u00f6nnen in beiderlei Richtung zusammen kommen. In der Bibel haben Tr\u00e4ume ein eigent\u00fcmliches Doppelgesicht. Der Prophet Jeremia hat h\u00e4rteste Worte f\u00fcr die seiner &#8222;Kollegen&#8220;, die ihre Tr\u00e4ume mit dem Wort Gottes verwechseln und ihre Wunschtr\u00e4ume als Wahrheit ausgeben. Doch an anderen Stellen, ich denke an Josef oder an Daniel, k\u00f6nnen Tr\u00e4ume die Wirklichkeit erkennbar machen. Freilich, ich denke abermals an die Josefsgeschichte: die Tr\u00e4ume bed\u00fcrfen der Deutung. Und keineswegs bilden die Tr\u00e4ume exakt das ab, was sein kann und sein wird. Es bedarf der Verwandlung des Traums in ein Handeln, und beim Handeln kann sich zeigen, da\u00df die Wirklichkeit mehr an Spielraum l\u00e4\u00dft als der Traum ahnen lie\u00df. Die Tr\u00e4ume mit der Wirklichkeit zu verwechseln kann schlimm sein, noch viel schlimmer w\u00e4re es aber, anderen und sich selbst das Tr\u00e4umen abzugew\u00f6hnen.<\/p>\n<p>Der Traum der Exilierten Israels in unserem Text ist mehr als ein Entlastungs-, ein Vertr\u00f6stungstraum. Die hier tr\u00e4umen, tr\u00e4umen sich nicht nur aus Elend und Verbannung weg, sie tr\u00e4umen einen Weg. Der Weg durch die W\u00fcste, die traumhaft verwandelte W\u00fcste, f\u00fchrt zum Zion.<\/p>\n<p>Es ist kein herrschaftlicher, triumphaler Weg durch die W\u00fcste. In einem anderen prophetischen Wegtraum findet dies Raum. Im Michabuch ist die Rede davon, da\u00df Gott die Lahmgeschlagene und Verirrte sammeln, da\u00df er die Hinkende zum Neubeginn machen wird. Den Weg zum Zion werden die R\u00fcckkehrenden hinkend gehen, angeschlagen. Die Narben werden bleiben. Am K\u00f6rper sichtbar und in der Erinnerung sp\u00fcrbar. Heilung bedeutet nicht, da\u00df alles wie neu wird und das Vergangene vergessen. Hinken ist eine asymmetrische Gangart. Wer hinkt, kann nicht zu triumphaler milit\u00e4rischer Marschmusik im Gleichschritt marschieren.<\/p>\n<p>In den Traum von der Befreiung aus Gefangenschaft und Exil ist das Wissen gegenw\u00e4rtig, da\u00df Gerechtigkeit immer vorausgehen mu\u00df und die Erinnerung an die Verletzungen und Narben die befreiten Schritte immer begleiten wird. Dennoch spiegelt sich die Freude \u00fcber die Befreiung auf den Gesichtern und in der bl\u00fchenden W\u00fcste. Kein Bild kann verr\u00fcckt genug sein, um diese Freude auszudr\u00fccken, kein Wegtraum zu phantastisch, um den Traumweg zu gehen.<\/p>\n<p>1 Es jauchzen W\u00fcste und Wildnis, es jubelt die Steppe, bl\u00fcht auf wie eine Lilie.<\/p>\n<p>2 In voller Bl\u00fcte steht sie und jubelt nur Jubel und Freude.<\/p>\n<p>Die Pracht des Libanonwaldes wird ihr gegeben,<\/p>\n<p>der Schmuck des Karmelberges und der Scharonebene.<\/p>\n<p>Sie werden schauen die W\u00fcrde Adonajs, den Glanz unseres Gottes.<\/p>\n<p>3 Macht erschlaffte H\u00e4nde wieder stark, und wankende Knie macht wieder fest!<\/p>\n<p>4 Sagt denen, deren Herz best\u00fcrzt ist:<\/p>\n<p>Seid stark, habt keine Angst! Schaut doch, euer Gott!<\/p>\n<p>Rache kommt als Gottes Tat. Gott selbst wird kommen und euch befreien.<\/p>\n<p>5 Dann \u00f6ffnen sich die Augen der Blinden, und die Ohren der Tauben tun sich auf.<\/p>\n<p>6 Dann werden die Lahmen wie Hirsche springen, die Zunge der Stummen wird jubeln,<\/p>\n<p>denn in der W\u00fcste sind Wasser hervorgebrochen und B\u00e4che in der Steppe.<\/p>\n<p>7 Der gl\u00fchende Sand wird zum Teich und d\u00fcrstendes Land zu Wasserquellen.<\/p>\n<p>An der St\u00e4tte, wo Schakale lagern, wird ein Ort f\u00fcr Rohr und Schilf sein.<\/p>\n<p>8 Dort wird es eine Bahn, einen Weg geben,<\/p>\n<p>&#8222;Weg der Heiligung&#8220; wird er genannt werden;<\/p>\n<p>keine Unreinen werden ihn betreten.<\/p>\n<p>Er geh\u00f6rt denen, die auf ihm gehen.<\/p>\n<p>Auch die Unkundigen werden sich nicht verlaufen.<\/p>\n<p>9 Kein L\u00f6we wird dort sein, kein rei\u00dfendes Tier wird ihn betreten;<\/p>\n<p>es wird dort nicht zu finden sein.<\/p>\n<p>Die Erl\u00f6sten werden ihn gehen.<\/p>\n<p>10 Die von Adonaj Freigekauften kehren zur\u00fcck, sie kommen zum Zion unter Jubel,<\/p>\n<p>Freude f\u00fcr immer auf ihren Gesichtern. Jauchzen und Freude werden sie einholen,<\/p>\n<p>und entfliehen werden Kummer und Seufzen.<\/p>\n<p>Amen.<\/p>\n<p>Es werde wahr.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Prof. Dr. J\u00fcrgen Ebach<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel: 0234\/3222510, Tel.<\/strong><\/p>\n<p><strong>privat: 0234\/495366<\/strong><\/p>\n<p><strong>Dr. Ulrike Bail<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:Ulrike.A.Bail@ruhr-uni-bochum.de\"><strong>E-Mail: Ulrike.A.Bail@ruhr-uni-bochum.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Advent | 10. Dezember 2000 | Jesaja 35 | J\u00fcrgen Ebach und Ulrike Bail | Predigttext f\u00fcr den heutigen 2. Advent ist das 35. Kapitel aus dem alttestamentlichen Jesajabuch. Der Prophet Jesaja lebte im 8. vorchristlichen Jahrhundert. Das Jesajabuch\u00a0aber enth\u00e4lt nicht nur Worte dieses historischen Jesaja. 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