{"id":22048,"date":"2001-11-18T13:49:45","date_gmt":"2001-11-18T12:49:45","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22048"},"modified":"2025-03-18T13:52:19","modified_gmt":"2025-03-18T12:52:19","slug":"lukas-181-8-5","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/lukas-181-8-5\/","title":{"rendered":"Lukas 18,1-8"},"content":{"rendered":"<h3>Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr | 11.11. 2001 | Lukas 18,1-8 |\u00a0Hanna Kreisel-Liebermann |<\/h3>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>vor drei Monaten rief mich eine Frau an: &#8222;Meine Tochter kann nicht mehr an der Jugendgruppe teilnehmen, mein &#8222;Ex&#8220; lauert mir und meiner Tochter auf.&#8220;<\/p>\n<p>Ihre Stimme klang rauh und mitttendrin stockte sie. Sie sagte, es sei schwer f\u00fcr sie, das zu erz\u00e4hlen. Sie sch\u00e4me sich. Ihre Tochter habe auch lange nicht gewollt, dass sie mich und die Lehrer anrufe. Aber es helfe ja nichts, wenn sie es nicht sage. Es werde ja doch nur immer schlimmer. Sie hoffe nur, dass der Richter m\u00f6glichst schnell eine einstweilige Verf\u00fcgung anordne, damit ihr ehemaliger Mann sie und ihre Tochter endlich in Ruhe lasse. Ich sp\u00fcrte w\u00e4hrend des Gespr\u00e4ches, dass ich eine G\u00e4nsehaut bekam. Helfen k\u00f6nne ich ihr nicht, antwortet sie auf meine Frage. Wie mag sich die Frau, wie mag sich das M\u00e4dchen f\u00fchlen: der Vater, der ehemalige Ehemann als Bedrohung? Sie trauen sich nicht einmal, auf die Strasse zu gehen, weil er &#8211; der ehemals Vertraute und wohl auch geliebte Ehemann und Vater &#8211; ihnen etwas antun k\u00f6nnte. Nach vier Wochen kam das M\u00e4dchen wieder in die Jugendgruppe. Sie murmelte auf meine Frage, wie es ihr gehe, es sei jetzt alles o.k. Aber in die Augen schauen kann sie mir (noch) nicht.<\/p>\n<p>Sie hat sich gewehrt, die Frau eines Mannes, der sie k\u00f6rperlich und psychisch verletzt hat. Meist unter Alkohol und immer dann, wenn er selbst nicht weiterwusste. Aber, ob aus Schw\u00e4che heraus: Schl\u00e4ge tun weh, psychisch und k\u00f6rperlich. Der Richter hat schnell entschieden &#8211; und zum Wohle der Bedrohten. Und er hat dem Mann eine hohe Geldstrafe angedroht, sollte er dagegen verstossen. Ein Kavaliersdelikt sei das nicht, wenn ein Mann Ex-Frau und Tochter bedrohe, habe der Richter erg\u00e4nzt, so war in der Zeitung zu lesen.<\/p>\n<p>Mir war dieses Erlebnis sofort gegenw\u00e4rtig, als ich den Predigttext f\u00fcr den heutigen Sonntag las. Die biblische Geschichte erz\u00e4hlt von einer Frau, deren Mann gestorben ist: einer Witwe und einem Richter. Ein Gleichnis ist es, d.h. der Erz\u00e4hler: Jesus nach dem Lukasevangelium will uns eine Ahnung davon geben,\u00a0<strong>wie<\/strong>\u00a0Gott ist und eine Anregung,\u00a0<strong>wie<\/strong>\u00a0wir leben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Jesus sagte ihnen aber ein Gleichnis um ihnen zu zeigen, dass sie allezeit beten und nicht m\u00fcde werden sollten und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der Gott nicht f\u00fcrchtete und sich vor keinem Menschen scheute. Und eine Witwe war in jener Stadt, die kam (immer wieder) zu ihm und sagte: Schaffe mir Recht gegen\u00fcber meinem Gegner! Und er wollte eine zeitlang nicht; doch nachher sagte er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht f\u00fcrchte und mich vor keinem Menschen scheue, so will ich doch, weil diese Witwe mir M\u00fche macht, ihr Recht schaffen, damit sie nicht schlie\u00dflich kommt und mich ins Gesicht schl\u00e4gt. Weiter sprach der Herr: H\u00f6ret, was der ungerechte Richter sagt! Gott aber sollte seinen Auserw\u00e4hlten, die Tag und Nacht zu ihm rufen, ihr Recht nicht schaffen und sollte bei ihnen Langmut \u00fcben? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in B\u00e4lde. Wird jedoch der Sohn des Menschen, wenn er kommt, auf Erden Glauben finden? (Lukas 18,1-8)<\/em><\/p>\n<p>Stellt euch\/Stellen Sie sich vor, einer Witwe ist Unrecht getan worden. Eine Witwe: heute in Deutschland und damals in Pal\u00e4stina: das ist ein gro\u00dfer Unterschied. Eine Witwe: in Deutschland und in der armen Bev\u00f6lkerungsgruppe Indiens: das ist ein ebenso gro\u00dfer Unterschied. Erstens: die meisten Witwen in Deutschland sind erheblich \u00e4lter. In Indien sind sie oft erst Mitte zwanzig. \u00c4hnlich jung m\u00fcssen wir uns auch diese Witwe vorstellen. Witwen damals in Pal\u00e4stina (Dtn. 10,17-18) und in Indien haben wenige Sicherheiten. Und um die wenigen mussten und m\u00fcssen sie k\u00e4mpfen. Witwen in unserem Land sind dagegen recht gut abgesichert &#8211; auch wenn sie nur einen Teil der Rente oder Pension bekommen (60%),wenn ihr Mann stirbt und Witwer dagegen alles (100%) behalten. Das ist nach wie vor eine ungleiche Regelung. Der Grund soll sein, dass eine Frau sich allein helfen kann und ein Mann, der seine Frau verliert, externe Hilfe braucht.<\/p>\n<p>Hier in unserem Gleichnis geht es um eine Witwe, der pers\u00f6nlich Unrecht angetan wurde. Die Rede ist von einem &#8222;Gegner&#8220;. Und das war f\u00fcr sie existenzbedrohend. Denn Witwen stand z.B. ein St\u00fcck Land zu, auf dem sie sich das N\u00f6tigste anbauen konnten. Oft genug aber wurde ihnen dieses Teilchen sozialer Absicherung von der Familie des Verstorbenen oder nicht gew\u00e4hrt. Der Gegner hat sie m\u00f6glicherweise auch in anderer Weise betrogen. Wir bleiben im Unklaren \u00fcber die Einzelheiten. Denn darum geht es wohl nicht. Es geht darum, wie sie handelt und was sie damit bewirkt. Und wie der Richter reagiert. Der Richter, der als einer charakterisiert wird, der weder Gott f\u00fcrchtet noch die Menschen scheue.<\/p>\n<p>Er legt die Assoziation nahe an einen Richter, der nun zu parlamentarischen Ehren gekommen ist. Merkw\u00fcrdig, dass er auch immer mit seinem Beruf bezeichnet wurde und wird: &#8222;Richter Schill&#8220; &#8211; das verleiht ihm etwas W\u00fcrdiges, auch eine gewisse Anerkennung f\u00fcr einen, ja ich wei\u00df gar nicht: f\u00fcrchtet er Gott und achtet die Menschen? Gerne w\u00fcrde ich ihn befragen, den doch auch sympathisch und offen wirkenden nahezu Solo-Parteistreiter Ronald Barnabas Schill. Wer ist dieser Mann? Im &#8222;Spiegel&#8220; lese ich: &#8220; Der Aufstieg Schills begann vor etwa f\u00fcnf Jahren: Als Richter beim Amtsgericht wollte er einen Inder, der mit einem gef\u00e4lschten EU-Pass in eine Kontrolle geraten war, f\u00fcr zwei ein halb Jahre ins Gef\u00e4ngnis schicken. Und eine psychisch kranke Frau, die Autos zerkratzt hatte, wurde gleichfalls f\u00fcr zwei ein halb Jahre in den Knast geschickt. Ohne Bew\u00e4hrung, versteht sich. Damals taufte die &#8222;Hamburger Morgenpost&#8220; Schill in &#8222;Richter Gnadenlos&#8220; um. An die ganz gro\u00dfen Themen seiner Klientel geht Schill heute nicht mehr ran. Das war aber nicht immer so. Als er 1997 f\u00fcr ganz schwere F\u00e4lle wie &#8222;bestialische T\u00f6tungsdelikte&#8220; und Auftragsmorde durch &#8222;ausl\u00e4ndische Killer&#8220; die Todesstrafe ins Gespr\u00e4ch brachte, war auch f\u00fcr den damaligen Hamburger Justizsenator und heutigen Bundesverfassungsrichter Wolfgang Hoffmann-Riem das Ma\u00df voll: Er sei \u201aratlos, wenn ein Richter die Todesstrafe herbeireden will, dessen Dienstzimmer nur einen Steinwurf entfernt von dem Ort steht, an dem die Guillotine zur Nazizeit ihre t\u00f6dliche Tagesarbeit verrichtete&#8216;.&#8220; Ronald Barnabas Schill ist nun mit fast 20% mit seiner Partei in den Hamburger Senat gew\u00e4hlt worden. Er wird Innensenator in Hamburg &#8211; in einer weltoffenen Stadt, in der sich aber viele B\u00fcrger &#8222;unsicher&#8220; f\u00fchlen und deswegen Schill gew\u00e4hlt haben. Von ihm versprechen sie sich &#8222;h\u00e4rteres Durchgreifen&#8220; gegen die allt\u00e4gliche Bedrohung durch Kriminalit\u00e4t, die sie vor allem bei Ausl\u00e4ndern w\u00e4hnen. Verstehen kann ich, dass die Menschen in Gro\u00dfst\u00e4dten sich nach mehr allt\u00e4glicher Harmonie sehnen und sich weniger Unsicherheit auf den Strassen w\u00fcnschen. Aber auf wessen Kosten dieses verwirklicht werden soll, bleibt genau zu beobachten.<\/p>\n<p>Der Richter in unserer Geschichte bef\u00fcrchtet vor allem die \u00f6ffentliche Blo\u00dfstellung: Angst vor Gewalt und Besch\u00e4digung wohl eher nicht. Aber dieser Frau traut er zu, dass sie sich nicht scheut, ihrer Entt\u00e4uschung und ihrem Zorn \u00fcber eine parteiliche Rechtsprechung Ausdruck zu verleihen, die der Richter f\u00fcr gew\u00f6hnlich praktiziert.<\/p>\n<p>Beharrlich k\u00e4mpft die namenlose Witwe um ihr Recht. Sein Handeln, das &#8222;auf-die lange-Bank-schieben&#8220; entmutigt sie nicht, das sp\u00fcrt er. Und er wundert sich. Denn wie oft ist es ihm doch gelungen, mit dieser Strategie das Recht zu beugen. Wie oft hat er Erfolge verbuchen k\u00f6nnen und die Recht-Suchenden mussten unverrichteter Dinge abziehen. Aber in diesem Fall kommt die Gerechtigkeit zum Zuge. Der Richter, vielleicht auch &#8222;Richter Gnadenlos&#8220; genannt, gibt nach. Iustitia siegt! Iustitia, die Dame mit den verbundenen Augen und der Waagschale als Symbolfigur &#8211; so &#8211; prangt sie als Skulptur vor allem an jenen Gem\u00e4uern, in denen Recht gesprochen wurde. Der Ausgleich soll so geschaffen werden, dass die Waage (wieder) im Lot ist.<\/p>\n<p>Nun ist dieses ein Gleichnis: f\u00fcr Gottes Handeln. Weiter sprach Jesus:\u00a0<em>H\u00f6ret, was der ungerechte Richter sagt! Gott aber sollte seinen Auserw\u00e4hlten, die Tag und Nacht zu ihm rufen, ihr Recht nicht schaffen und sollte bei ihnen Langmut \u00fcben? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in B\u00e4lde.<\/em><\/p>\n<p>Wie k\u00f6nnen wir darauf vertrauen, dass Gott Recht schafft? Das ist es doch, was viele beklagen: Wie kann Gott tatenlos zusehen bei so viel Unrecht auf der Erde? Die anschliessende Frage ist f\u00fcr mich ein Teil der Antwort:\u00a0<em>Aber wird der Menschensohn Glauben finden auf Erden?<\/em>\u00a0Glauben und Handeln, Beten und K\u00e4mpfen, das lehrt mich die Geschichte von der beharrlichern Witwe: geh\u00f6ren zusammen. Die Witwe hat sich Kraft geholt im Gebet, f\u00fchlte sich best\u00e4tigt in ihrem Anliegen z.B. durch Psalmen, aber sie war dann auch selbst aktiv. Sie hat nicht gewartet, dass Gott f\u00fcr sie sorgt, sondern sie war sich ihrer eigenen Verantwortung bewusst. Sie war beharrlich und unnachgiebig.\u00a0<em>Jesus sagte ihnen aber ein Gleichnis um ihnen zu zeigen, dass sie allezeit beten und nicht m\u00fcde werden sollten.<\/em>\u00a0Ein Gleichnis gegen Resignation und das Gef\u00fchl, das ich kenne: &#8222;Ich kann ja doch nichts machen, ich bin doch nur ein kleines Rad im Getriebe!&#8220;<\/p>\n<p>Aber, liebe Schwestern und Br\u00fcder, auch wir kleinen Leute und wir kleinen R\u00e4der, wir k\u00f6nnen etwas bewirken. Dann, wenn wir uns darauf einlassen f\u00fcr Recht und Gerechtigkeit einzutreten und nicht aufgeben. Beispiele gibt es etliche in der Weltgeschichte, aber auch in der Lokalgeschichte. Frauen und M\u00e4nner, Kinder und Jugendliche, die beharrlich waren und sind. Menschen, die entdeckt haben, dass Beten allein zu wenig und Handeln allein auch zu wenig ist. Beten und Handeln, das ist ein Schl\u00fcssel nicht zum Paradies, aber f\u00fcr die T\u00fcr zur Hoffnung und zum Vertrauen auf jenen, der uns die Kraft gibt gegen M\u00fcdigkeit und Resignation. Und auch zum Widerstand gegen jene, die nun zu parlamentarischen Ehren gekommen sind.<\/p>\n<p>Amen<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Literaturhinweis<\/strong>:<\/p>\n<p>Sigrun Wetzlaugk: Schaffe mir Recht&#8230;Eine Witwe k\u00e4mpft um ihr Recht in: Junge Kirche 5\/01, Seite 55 ff und f\u00fcr aktuelle F\u00fcrbittengebete: <a href=\"http:\/\/www.xn--brot-fr-die-welt-ozb.de\/\">www.Brot-f\u00fcr-die-Welt.de<\/a><\/p>\n<p><strong>Hanna Kreisel-Liebermann<\/strong><\/p>\n<p><strong>Wilhelm-Weberstr. 19<\/strong><\/p>\n<p><strong>37073 G\u00f6ttingen<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel.0551- 44713<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:hannakl@gmx.de\"><strong>e-mail hannakl@gmx.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Drittletzter Sonntag im Kirchenjahr | 11.11. 2001 | Lukas 18,1-8 |\u00a0Hanna Kreisel-Liebermann | Liebe Gemeinde, vor drei Monaten rief mich eine Frau an: &#8222;Meine Tochter kann nicht mehr an der Jugendgruppe teilnehmen, mein &#8222;Ex&#8220; lauert mir und meiner Tochter auf.&#8220; Ihre Stimme klang rauh und mitttendrin stockte sie. 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