{"id":22063,"date":"2001-06-18T16:32:20","date_gmt":"2001-06-18T14:32:20","guid":{"rendered":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/?p=22063"},"modified":"2025-03-18T16:32:47","modified_gmt":"2025-03-18T15:32:47","slug":"jesaja-551-3b-3","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/jesaja-551-3b-3\/","title":{"rendered":"Jesaja 55,1-3b"},"content":{"rendered":"<h3>2. Sonntag nach Trinitatis | 24. Juni 2001 | Jesaja 55,1-3b | Andreas Kern |<\/h3>\n<p>Na los, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und ihr, die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und e\u00dft! Kommt her und kauft &#8211; ohne Geld und umsonst &#8211; Wein und Milch! Warum bezahlt ihr Geld f\u00fcr das, was kein Brot ist, und euer Sauer-Verdientes f\u00fcr das, was nicht satt macht? H\u00f6rt doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am K\u00f6stlichen laben. Spitzt eure Ohren und kommt her zu mir! H\u00f6rt zu, so werdet ihr leben!<\/p>\n<p>Liebe Gemeinde,<\/p>\n<p>einen Marktschreier h\u00f6re ich da, in diesem St\u00fcck Bibeltext aus dem Jesajabuch. Einen Marktschreier, der seine Waren anpreist, der sie vergleicht mit den Angeboten der anderen &#8211; und nat\u00fcrlich sind seine Produkte denen der Konkurrenz deutlich \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>Aber doch ein besonderer Marktschreier: einer n\u00e4mlich, der offensichtlich etwas verschenken will, oder jedenfalls ohne Geldleistung verkaufen: &#8222;Die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und e\u00dft! Kommt her und kauft &#8211; ohne Geld und umsonst &#8211; Wein und Milch!&#8220;<\/p>\n<p>Der Prophet Jesaja als Marktschreier? Oder gar Gott als Marktschreier? Das ist vielleicht eine merkw\u00fcrdige Vorstellung, aber das kommt der geschilderten Szene doch recht nahe.<\/p>\n<p>Das ganze spielt in Babylon. Die Menschen des Gottes Israels leben &#8211; unfreiwillig &#8211; im Ausland. Sie haben sich eingerichtet, haben sich daran gew\u00f6hnt, in einer Hochkultur zu leben mit einem gewissen Luxus, an dem auch sie, die Fremden, teilhaben konnten. Viele Angebote gibt es: G\u00f6tter, Geld und Ideologien im \u00dcberflu\u00df. Der Euphrat, breit und tr\u00e4ge, \u00fcberflutet regelm\u00e4\u00dfig die Felder, bringt eine Fruchtbarkeit, aus der Nahrung w\u00e4chst. Handwerk und reger Handel verteilen den Wohlstand auf die breite Masse, Dienstleistungen werden nachgefragt.<\/p>\n<p>Warum also klagen? Ist nicht f\u00fcr alle und alles gesorgt?<\/p>\n<p>Vielleicht spielt das ganze auch hier bei uns: bei den Christenmenschen mitten in Europa. Wir haben uns eingerichtet, haben uns daran gew\u00f6hnt, in einer Hochkultur zu leben mit einem gewissen Luxus &#8211; an dem sogar die Fremden teilhaben k\u00f6nnen. Viele Angebote gibt es: G\u00f6tter, Geld und Ideologien im \u00dcberflu\u00df. Kaum einer mu\u00df noch f\u00fcr den eigenen Bedarf Nahrungsmittel anbauen, die Wirtschaft in ihrer Vielf\u00e4ltigkeit bringt Wohlstand f\u00fcr die allermeisten. Handwerk und reger Handel verteilen ihn auf die breite Masse, Dienstleistungen werden nachgefragt.<\/p>\n<p>Warum also klagen? Ist nicht f\u00fcr alle und alles gesorgt?<\/p>\n<p>Da kommt doch ein Prophet und sagt: &#8222;Na los, ihr, die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und e\u00dft! Kommt her und kauft &#8211; ohne Geld und umsonst &#8211; Wein und Milch! Warum bezahlt ihr Geld f\u00fcr das, was kein Brot ist, und euer Sauer-Verdientes f\u00fcr das, was nicht satt macht? H\u00f6rt doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am K\u00f6stlichen laben. Spitzt eure Ohren und kommt her zu mir! H\u00f6rt zu, so werdet ihr leben!&#8220;<\/p>\n<p>Sind unser B\u00e4uche satt und tr\u00e4ge? Was kann da gemeint sein? Von Essen und Trinken ist die Rede, aber wir ahnen, da\u00df es um was anderes geht, n\u00e4mlich um das, was eigentlich wichtig ist im Leben: um Nahrung f\u00fcr die Seele, f\u00fcr das Gem\u00fct, f\u00fcr das Herz.<\/p>\n<p>Das bezeichnet der Prophet als Brot, als Wasser, Wein und Milch, als K\u00f6stlichkeit. Nahrung f\u00fcr die Seele: &#8222;H\u00f6rt doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am K\u00f6stlichen laben. Spitzt eure Ohren und kommt her zu mir! H\u00f6rt zu, so werdet ihr leben!&#8220;<\/p>\n<p>Da geht es um etwas, das wir h\u00f6ren k\u00f6nnen! Worte, die heil machen, heil machen von innen! Gottes Weisung und Verhei\u00dfung f\u00fcr uns, seine Zuwendung, seine Sehnsucht nach uns. Und es geht um unsere Sehnsucht nach ihm.<\/p>\n<p>Wenn wir uns \u00fcberlegen, was wir brauchen zu Leben, dann ist da vieles wichtig: Arbeit, Einkommen, Wohnung, nat\u00fcrlich auch Essen und Trinken. Aber das alles macht doch kein Leben aus, wenn nicht noch etwas dazukommt: die Gemeinschaft der Menschen ist wichtig. Feiern ist wichtig, Perspektiven haben, und Glaube, Hoffnung und Liebe.<\/p>\n<p>Merken Sie, da\u00df das alles in den Bereich geh\u00f6rt, den man f\u00fcr Geld, nicht kaufen kann? Da\u00df das alles Sachen sind, die man nicht essen kann, die aber als Nahrung f\u00fcr die Seele wichtig sind? Dann verstehen Sie, was der Prophet meint mit diesen Worten: &#8222;Warum bezahlt ihr Geld f\u00fcr das, was kein Brot ist, und euer Sauer-Verdientes f\u00fcr das, was nicht satt macht? H\u00f6rt doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am K\u00f6stlichen laben.&#8220;<\/p>\n<p>Und da\u00df er auch die Armen, die kein Geld haben, auffordert: &#8222;Na los, ihr, die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und e\u00dft! Kommt her und kauft &#8211; ohne Geld und umsonst &#8211; Wein und Milch!&#8220;<\/p>\n<p>Und alle zusammen einl\u00e4dt: &#8222;Spitzt eure Ohren und kommt her zu mir! H\u00f6rt zu, so werdet ihr leben!&#8220;<\/p>\n<p>K\u00f6stliche Speise, Nahrung f\u00fcr die Seele: das ist f\u00fcr uns &#8211; wie f\u00fcr die Menschen damals &#8211; das Wort Gottes. Was wir kaufen k\u00f6nnen, das macht nicht satt in diesem \u00fcbertragenen Sinn. Was wir erarbeiten, befriedigt da nicht. Der Mehrwert wir im Vergleich deutlich: das wahre Lebensmittel ist nichts f\u00fcr die Kehle, sondern f\u00fcr die Seele. Gottes Wort ist ein echter &#8222;Ohrenschmaus&#8220;. Und das Geheimnis seiner Qualit\u00e4t liegt nat\u00fcrlich in seiner Herkunft; da hat der Marktschreier recht. &#8222;H\u00f6rt auf mich und esst Gutes!&#8220;<\/p>\n<p>Wer teilt es aus? Gott selbst ist es, der ruft und einl\u00e4dt! Wer dem Wort Gottes seine Ohren schenkt, den f\u00fchrt es zur lebendigen Begegnung mit dem Sprecher: In Wasser, in Wein und in Milch, den Zeichen des Lebens und der Liebe, und zuletzt im \u00dcberflu\u00df des K\u00f6stlichen, des fetten Mahles, bietet der Sch\u00f6pfer sich selbst an. Er will nicht nur tun, was er sagt, sondern er will auch sein, was er sagt. Zum Schlu\u00df gibt er sein bestes Versprechen: er gibt sich selbst als Labsal f\u00fcr die Seele. Sein Bund ist ein Liebesversprechen f\u00fcr uns. Ohne Verfallsdatum. Ewig.<\/p>\n<p>Diese Verbindung ist nicht k\u00fcndbar. Deswegen bem\u00fcht er sich immer wieder um uns. Auch in solchen S\u00e4tzen wie denen, die wir jetzt wieder h\u00f6ren vom Propheten Jesaja, die Gott durch ihn zu uns spricht, \u00fcber die Jahrtausende und die r\u00e4umliche Distanz hinweg. Denn beides ist f\u00fcr Gottes Liebe kein Hindernis: &#8222;H\u00f6rt doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am K\u00f6stlichen laben.&#8220;<\/p>\n<p>F\u00fcr uns Christenmenschen ist als Erf\u00fcllung des Jesaja-Wortes Christus gekommen. Er war das Wort Gottes in einem Menschen. Er hat vorgelebt, wie Gott es meint mit uns: da\u00df er uns annimmt, so wie wir sind, und uns &#8211; ohne unser Zutun und ohne da\u00df wir das verdient h\u00e4tten &#8211; noch etwas dazuschenkt: eine Begleitung f\u00fcrs Leben, die sozusagen die endg\u00fcltige Kameradschaft ist, und die Hoffnung auf Zukunft. Das ist mehr als leibliches Wohlergehen und Spa\u00df; das ist Leben in seiner ganzen F\u00fclle &#8211; erf\u00fclltes Leben. Und Jesus hat uns gezeigt, wie Gott uns aus Liebe immer wieder anziehen will, zu sich hinziehen, und uns eben solche Verhei\u00dfungen macht: &#8222;H\u00f6rt doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am K\u00f6stlichen laben.&#8220;<\/p>\n<p>Und schlie\u00dflich hat Jesus sich stark gemacht f\u00fcr das Leben in seiner Unvollkommenheit: er hat Gottes Gemeinschaft, Gottes Kameradschaft mit den Menschen am Rand oder au\u00dferhalb der etablierten Gesellschaft vorgelebt. Er hat gezeigt, da\u00df Gottes Liebe auch den Menschen gilt, die nach unseren menschlichen Ma\u00dfst\u00e4ben Makel haben, mit schlimmen Fehlern behaftet sind: Jesus Christus hat sich &#8211; f\u00fcr Gott &#8211; eingelassen mit Kranken und Behinderten, mit L\u00fcgnern und Verr\u00fcckten, mit Betr\u00fcgern und Kollaborateuren &#8211; eben mit den Menschen drau\u00dfen, auf den Stra\u00dfen und an den Z\u00e4unen, die kein Zuhause haben in der Gemeinschaft.<\/p>\n<p>Klar, das war starker Tobak f\u00fcr die Leute damals &#8211; und, ehrlich, f\u00fcr die meisten heute ist es das immer noch.<\/p>\n<p>Aber so ist Gott: unvoreingenommen, geduldig, mit viel Trost. Er wartet, und ab und zu schickt er einen wie Jesaja, um uns daran zu erinnern, da\u00df er mehr f\u00fcr uns will als einen vollen Bauch und ein bi\u00dfchen Spa\u00df dazu; da\u00df er uns auf seinen Weg locken will &#8211; mit dem, was er uns bietet; da\u00df er uns rundum zufriedenstellen will &#8211; und da\u00df dazu das gewisse &#8222;Bi\u00dfchen mehr&#8220; geh\u00f6rt: sein Wort, das uns unzudrehen imstande ist, wenn wir die Ohren spitzen und es h\u00f6ren; das uns, wenn wir uns darauf einlassen, hochhebt in die Gemeinschaft mit den Menschen und mit ihm selbst; und das uns dermaleinst rechtfertigt, zurechtr\u00fcttelt, gerecht spricht: eben freispricht von Leiden, Schmerz und Tod.<\/p>\n<p>Das ist es schon wert, finde ich, da mal hinzuh\u00f6ren! Denn dann finden auch wir heraus: Gottes Liebesversprechen gilt. Ohne Verfallsdatum. Ewig. Amen.<\/p>\n<hr \/>\n<p><strong>Pastor Andreas Kern<\/strong><\/p>\n<p><strong>Buchholz in der Nordheide<\/strong><\/p>\n<p><strong>Tel. 04181-7714<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"mailto:a-kern@t-online.de\"><strong>a-kern@t-online.de<\/strong><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2. Sonntag nach Trinitatis | 24. Juni 2001 | Jesaja 55,1-3b | Andreas Kern | Na los, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und ihr, die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und e\u00dft! Kommt her und kauft &#8211; ohne Geld und umsonst &#8211; Wein und Milch! Warum bezahlt ihr Geld [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":14912,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[409,22,2,184,727,157,853,114,431,349,109],"tags":[],"beitragende":[],"predigtform":[],"predigtreihe":[],"bibelstelle":[],"class_list":["post-22063","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-2-so-n-trinitatis","category-jesaja","category-at","category-andreas-kern","category-archiv","category-beitragende","category-bibel","category-deut","category-kapitel-55-chapter-55","category-kasus","category-predigten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22063","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=22063"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22063\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":22064,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/22063\/revisions\/22064"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media\/14912"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=22063"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=22063"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=22063"},{"taxonomy":"beitragende","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/beitragende?post=22063"},{"taxonomy":"predigtform","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtform?post=22063"},{"taxonomy":"predigtreihe","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/predigtreihe?post=22063"},{"taxonomy":"bibelstelle","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.theologie.uzh.ch\/apps\/gpi\/wp-json\/wp\/v2\/bibelstelle?post=22063"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}